Der Sonntag Quadragesimä

Der 40. Tag ab Gründonnerstag

Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr

Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä

 

Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr

MODUL 5/9

Evangelisch gedacht
wortgebundene Klärungen zwischen Brauch, Bibel und Gegenwart

Der Sonntag Quadragesimä
(Invokavit)

Der 40. Tag ab Gründonnerstag

 

Über die Bedeutung des Namens und gegenwärtige Fehlinterpretationen

 

Reiner Makohl | Februar 2026

 

Wor­um es hier geht

 

Der Name Qua­d­ra­ge­si­mä ist heute kaum noch ge­bräuch­lich. Doch er ge­hört seit Jahr­hun­der­ten zur Rei­he der vier la­tei­ni­schen Na­men im Ka­len­der, die Zahl­be­zeich­nun­gen sind: Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­d­ra­ge­si­mä. Heu­te wird der Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä je­doch fast nur noch un­ter an­de­ren Na­men ge­führt: In­vo­ka­vit oder auch Ers­ter Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit.

Die evan­ge­li­sche Pas­si­ons­zeit wur­de bis weit in das 20. Jahr­hun­dert hin­ein auch Fas­ten­zeit ge­nannt.

Die gro­ße, vor­ös­ter­li­che Fas­ten­zeit um­fasst vier­zig Ta­ge. Der la­tei­ni­sche Na­me für die­se Ta­ge lau­tet: Qua­d­ra­ge­si­ma, „vier­zig [Ta­ge]“. Oft wird das la­tei­ni­sche Wort „ma­jor“, „groß“ an­ge­fügt, al­so „Qua­d­ra­ge­si­ma ma­jor“, um im Kon­text ei­ner Aus­sa­ge ein­deu­tig zu ma­chen, dass die vier­zig Ta­ge des Fas­tens ge­meint sind, nicht der Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä. Aber im Sprach­ge­brauch, im Kon­text von Er­klä­run­gen, Er­läu­te­run­gen und Ver­kün­di­gung, wird die Un­ter­schei­dung kei­nes­wegs ge­pflegt: Der Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä wird als La­bel für die vier­zig­tä­gi­ge Fas­ten­zeit ge­nutzt.

Die­ses Mo­dul fragt da­her, wie die Zahl vier­zig im Ka­len­der zu ver­ste­hen ist, wes­halb in der li­tur­gi­schen Pra­xis der la­tei­ni­sche Na­me In­vo­ka­vit an die Stel­le der Zahl­be­zeich­nung tritt, und was der Sonn­tag mit Fas­ten­zeit und Pas­si­ons­zeit zu tun hat.

 

📖Le­se­zeit oh­ne Fuß­no­ten: ca. 25 Mi­nu­ten, mit Stu­di­um der Fuß­no­ten ca. 45 bis 60 Mi­nu­ten.
Ge­rin­ge Kennt­nis­se über die Struk­tur des evan­ge­li­schen Kir­chen­jah­res er­leich­tern das Ver­ständ­nis.

 
Der Sonntagsname Quadragesimä

Grafik: Der Sonntagsname Quadragesimä  
Bildnachweis: → siehe unten.

 

Ein­lei­tung

 

Die evan­ge­li­sche Pas­si­ons­zeit wur­de bis weit in das 20. Jahr­hun­dert hin­ein auch Fas­ten­zeit ge­nannt, ob­wohl sich be­reits die Re­for­ma­to­ren von die­ser Be­griff­lich­keit ab­wand­ten. 1: Die Sonn­ta­ge der Fas­ten­zeit

Der Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä ist heu­te nicht mehr der „1. Sonn­tag in der Fas­ten“, son­dern der ers­te Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit und zu­gleich der sech­ste Sonn­tag vor Os­tern. 2: Die Sonn­ta­ge der Pas­si­ons­zeit

Der Na­me be­deu­tet: der vier­zig­ste [Tag]. Die Zeit­span­ne vom Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä bis ein­schließ­lich Os­ter­sonn­tag um­fasst aber 43 Ta­ge. Folg­lich zeigt Qua­d­ra­ge­si­mä nicht auf Os­ter­sonn­tag, son­dern auf Grün­don­ners­tag, drei Ta­ge vor Os­ter­sonn­tag.

Die­se Be­zeich­nung „der vier­zig­ste [Tag]“ er­gibt sich aus der an­ti­ken und mit­tel­al­ter­li­chen Zähl­wei­se, bei der An­fangs- und End­punkt mit­ge­zählt wer­den. Wird aus­ge­hend vom Grün­don­ners­tag als ers­tem Tag ge­zählt, dann ist der Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä der vier­zig­ste Tag die­ser Span­ne. 3: In­klu­siv­zäh­lung

Die ka­len­da­ri­sche Zäh­lung funk­tio­niert wie ein Ab­zäh­len im Sin­ne von „noch 40 Ta­ge!“. Mit je­dem Tag, der ab Qua­d­ra­ge­si­mä ver­geht, re­du­ziert sich die Zahl, bis nur noch der ei­ne Tag, Grün­don­ners­tag, üb­rig ist.

In der evan­ge­li­schen Tra­di­ti­on wird der Sonn­tag fast nur noch In­vo­ka­vit ge­nannt nach sei­nem In­troi­tus In­vo­ca­vit me, et ego ex­au­di­am eum... („Er wird mich an­ru­fen, und ich wer­de ihn er­hö­ren!“, → Ps 91,15). 4: In­troi­tus zum Sonn­tag In­vo­ka­vit

Da­mit un­ter­schei­det sich In­vo­ka­vit wie der → Sonn­tag Es­to­mi­hi von den vor­aus­ge­hen­den Sonn­ta­gen → Sep­tua­ge­si­mä und → Se­xa­ge­si­mä. Wäh­rend dort die Zahl­be­zeich­nung im Vor­der­grund steht („sieb­zig­ster [Tag]“, „sech­zig­ster [Tag]“), be­geg­net hier im got­tes­dienst­li­chen Ge­brauch na­he­zu aus­schließ­lich der Na­me, der aus dem Psalm­vers ab­ge­lei­tet ist.

Der Grund ist in der vor­re­for­ma­to­ri­schen, li­tur­gi­schen Funk­ti­on die­ses Sonn­tags ver­wur­zelt. In­vo­ka­vit bil­de­te die ers­te Sta­ti­on der Fas­ten­zeit. Er wur­de li­tur­gisch als „das Tor zur Qua­d­ra­ge­si­ma“, der 40-tä­gi­gen Fas­ten­zeit, ver­stan­den. 5: Das Tor zur Qua­d­ra­ge­si­ma

Die Iden­ti­fi­ka­ti­on des Sonn­tags Qua­d­ra­ge­si­mä als exak­ter 40. Tag vor dem Grün­don­ners­tag ist kei­ne rein rech­ne­ri­sche Re­kon­struk­ti­on, son­dern fin­det ih­re Ent­spre­chung in der ur­sprüng­li­chen li­tur­gi­schen Schich­tung. Wäh­rend die spä­te­re Tra­di­ti­on den Be­ginn der Fas­ten­zeit auf den Ascher­mitt­woch vor­ver­leg­te, mar­kiert der Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä ar­chi­tek­to­nisch wei­ter­hin das ei­gent­li­che „Tor“ zu die­sem Zeit­raum.

 

 

A) Deutungen und ihre Tragfähigkeit

 

Quadragesimä, der erste Sonntag in der sechswöchigen Passionszeit, ist der vierzigste Tag einer kalendarisch durchgehenden Zeitspanne von vierzig Tagen, die bis Gründonnerstag reicht.

 

1. Die mit­tel­al­ter­li­chen Be­zeich­nun­gen

Die Her­kunft des Na­mens
 

Die mit­tel­al­ter­li­chen Be­zeich­nun­gen zei­gen, dass die­ser Sonn­tag so­wohl mit der vier­zig­tä­gi­gen Fas­ten­zeit als auch mit der li­tur­gi­schen Rei­he der Zahl­sonn­ta­ge ver­bun­den wur­de. Die un­ter­schied­li­chen Be­zeich­nun­gen spie­geln die ver­schie­de­nen Deu­tun­gen der Funk­ti­on die­ses Sonn­tags im Kir­chen­jahr.

 

1.1. Do­mi­ni­ca in­vo­ca­vit

 

Der Sonn­tag In­vo­ka­vit trug die­sen Na­men be­reits im Mit­tel­al­ter: Do­mi­ni­ca in­vo­ca­vit, wo­bei das la­tei­ni­sche Wort »Do­mi­ni­ca« Sonn­tag, ei­gent­lich: [Tag] des Herrn, be­deu­tet. Wört­lich be­deu­tet Do­mi­ni­ca in­vo­ca­vit al­so: Der Tag des Herrn [na­mens] ‚Er wird ru­fen'. 6: Die mit­tel­al­ter­li­chen Be­zeich­nun­gen

 

1.2. Do­mi­ni­ca pri­ma qua­d­ra­ge­si­me

 

Ei­ne wei­te­re Be­zeich­nung ist: „der ers­te Tag des Herrn in der vier­zig­tä­gi­gen [Fas­ten­zeit]“.

Der Sonn­tag In­vo­ka­vit nahm von je­her ei­ne be­son­de­re Stel­lung ein: Er war der ers­te Sonn­tag in der vier­zig­tä­gi­gen Fas­ten­zeit vor Os­tern. Die­ses Da­tum er­hielt ent­spre­chend vie­le, z. T. sehr un­ter­schied­li­che Be­zeich­nun­gen. Exem­pla­risch sei­en her­vor­ge­ho­ben:

  • Do­mi­ni­ca pri­ma je­ju­ni­o­rum, ers­ter Sonn­tag der Fas­ten­zeit
  • Do­mi­ni­ca pri­ma qua­d­ra­ge­si­me, ers­ter Sonn­tag der vier­zig (Ta­ge), ers­ter Sonn­tag der Fas­ten­zeit.

 

1.3. Do­mi­ni­ca qua­d­ra­ge­si­me

 

Mit der Be­zeich­nung Do­mi­ni­ca qua­d­ra­ge­si­me (oh­ne Be­zug zur Fas­ten­zeit) fügt sich die­ser Sonn­tag naht­los an die Rei­he der Sonn­ta­ge in der Vor­fas­ten­zeit an (heu­te: Vor­pas­si­ons­zeit): → Sep­tua­ge­si­mä (sieb­zig­ster [Tag]), → Se­xa­ge­si­mä (sech­zig­ster [Tag]), → Quin­qua­ge­si­mä (fünf­zig­ster [Tag]; d. i. Es­to­mi­hi), (Pas­si­ons­zeit:) Qua­d­ra­ge­si­mä (vier­zig­ster [Tag]).

Die­ser Na­me zeigt auf das En­de der Zeit­span­ne, auf Grün­don­ners­tag, und ver­weist auf das → Tri­du­um Sac­rum, die Zeit der drei hei­li­gen Ta­ge, die am Kar­frei­tag be­gin­nen, nach vier­zig Ta­gen ab die­sem Sonn­tag.

 

1.4. Das Span­nungs­feld zwi­schen Na­me und Dau­er

 

Die mit­tel­al­ter­li­chen Zeug­nis­se be­le­gen, dass die Iden­ti­tät die­ses Sonn­tags schon früh durch ei­ne schlei­chen­de Ver­wechs­lung be­droht war. Wäh­rend die Be­zeich­nung Do­mi­ni­ca Qua­d­ra­ge­si­me ur­sprüng­lich schlicht den 40. Tag in der Rück­zäh­lung von Grün­don­ners­tag mar­kier­te, be­gann die auf­kom­men­de Fas­ten­fröm­mig­keit, den Na­men als In­halts­an­ga­be für ei­ne 40-tä­gi­ge Dau­er zu be­an­spru­chen.

Au­to­ren des Mit­tel­al­ters sa­hen sich da­her ge­zwun­gen, das ma­the­ma­ti­sche Pa­ra­doxon zu er­klä­ren: Wenn der Sonn­tag „der Vier­zig­ste“ heißt, aber bis Os­tern 42 Ta­ge ver­ge­hen und oh­ne Sonn­ta­ge bis Kar­sams­tag ein­schließ­lich nur 36 Ta­ge für das Fas­ten ver­blei­ben, bricht die Lo­gik der Zahl 40 schein­bar zu­sam­men.

Die­se Not der of­fi­zi­el­len Er­klä­run­gen be­weist je­doch im Um­kehr­schluss, dass der Na­me Qua­d­ra­ge­si­me be­reits als fes­tes ka­len­da­ri­sches La­bel exis­tier­te, be­vor ver­sucht wur­de, ihn mit der Fas­ten­dau­er in De­ckung zu brin­gen. 7: Die Zeu­gen der Ver­wechs­lung

 

2. Die Fas­ten­zeit

Die Vier­zig-Ta­ge als Ka­len­der­pro­blem
 

 

2.1. Die Qua­d­ra­ge­si­ma: Wenn das Zeit­maß die Struk­tur über­la­gert

 

Die Ge­schich­te der Fas­ten­zeit lässt sich als ein Pro­zess der funk­tio­na­len Ver­dich­tung be­schrei­ben. Ur­sprüng­lich war das Fas­ten kein ka­len­da­ri­scher Block, son­dern ein rhyth­mi­scher Voll­zug des Mit­lei­dens. Erst mit der Zeit ent­wi­ckel­te sich dar­aus ei­ne or­ga­ni­sier­te Zeit­span­ne, wel­che die ur­sprüng­li­che Lo­gik der Sonn­tags­na­men über­deck­te.

 

2.2. Vom si­tua­ti­ven Ge­den­ken zur in­sti­tu­tio­nel­len Funk­ti­on

 

In der frü­hen Kir­che war das Fas­ten ein Aus­druck der Iden­ti­tät und des Mit­lei­dens. Die Di­da­che (Die Zwölf-Apos­tel-Leh­re, ei­ne Schrift aus der Zeit um 100 n. Chr.) be­legt ein wö­chent­li­ches Fas­ten am Mitt­woch und Frei­tag, je­nen Ta­gen, an de­nen des Rats­be­schlus­ses ge­gen Je­sus und sei­ner Kreu­zi­gung er­in­nert wur­de. Hier stand nicht die Vor­be­rei­tung auf die Auf­er­ste­hung im Vor­der­grund, son­dern die Ge­gen­wart des Lei­dens. 8: Das früh­christ­li­che Fas­ten

Erst im 4. Jahr­hun­dert (Kon­zil von Ni­cäa 325) fes­tig­te sich die Idee ei­ner li­nea­ren, 40-tä­gi­gen Vor­be­rei­tungs­zeit, die Qua­d­ra­ge­si­ma. Die­se Aus­deh­nung hat­te ei­ne kla­re Funk­ti­on: Sie dien­te als in­ten­si­ve Vor­be­rei­tungs­pha­se der Tauf­be­wer­ber (Ka­te­chu­me­nat) für ih­re Tau­fe in der Os­ter­nacht so­wie als Zeit­raum für die öf­fent­li­che Kir­chen­bu­ße. Das Fas­ten war hier ein kir­chen­recht­lich funk­tio­na­les In­stru­ment zur ri­tu­el­len Rei­ni­gung vor der Wie­der­auf­nah­me in die Ge­mein­schaft bzw. der Ein­glie­de­rung durch die Tau­fe. 9: Die funk­tio­na­le Dop­pel­na­tur der Qua­d­ra­ge­si­ma

 

2.3. Das ka­len­da­ri­sche Pa­ra­doxon: Die Not­wen­dig­keit des Ascher­mitt­wochs

Mit die­ser In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung trat die Dis­kre­panz zwi­schen Li­tur­gie und Arith­me­tik zu­ta­ge. Ur­sprüng­lich kann­te die rö­mi­sche Li­tur­gie wohl kei­ne un­un­ter­bro­che­ne Fas­ten­pe­ri­o­de, son­dern ein­zel­ne Fas­ten­wo­chen, die den Weg nach Os­tern glie­der­ten. Erst im 7. Jahr­hun­dert wur­de die Zahl von 40 zu­sam­men­hän­gen­den Ta­gen zum nor­ma­ti­ven Maß­stab. 10: Die Har­mo­ni­sie­rung der 40 Ta­ge

Da die Sonn­ta­ge als wö­chent­li­che Os­ter­fes­te fas­ten­frei blie­ben, ent­stand ein ma­the­ma­ti­sches De­fi­zit: Wur­de am Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä (In­vo­ka­vit) mit dem Fas­ten be­gon­nen, er­ga­ben sich bis zum Os­ter­fest le­dig­lich 36 Fas­ten­ta­ge.

Die­ser Be­fund ist be­reits im spä­ten 6. Jahr­hun­dert aus­drück­lich be­legt. Papst Gre­gor der Gro­ße be­schreibt in ei­ner Pre­digt zum ers­ten Sonn­tag der Qua­d­ra­ge­si­ma (4. März 591), dass vom Sonn­tag In­vo­ka­vit bis zum Os­ter­fest sechs Wo­chen ver­ge­hen, al­so zwei­und­vier­zig Ta­ge. Zieht man die sechs Sonn­ta­ge ab, blei­ben sechs­und­drei­ßig Ta­ge der Ent­halt­sam­keit. 11: Be­ginn und Dau­er der Qua­d­ra­ge­si­ma

Um die ge­for­der­te Zahl 40 zu er­rei­chen, wur­de spä­ter der Ascher­mitt­woch als ka­len­da­ri­sche Kor­rek­tur vor­an­ge­stellt. Da­durch lös­te sich der Be­griff der Qua­d­ra­ge­si­ma (als 40-tä­gi­ge Dau­er) von der Qua­d­ra­ge­si­mä (als dem Sonn­tag, der den 40. Tag mar­kiert). Der Sonn­tag wur­de vom ar­chi­tek­to­ni­schen Eck­pfei­ler zu ei­nem blo­ßen Zähl­punkt in­ner­halb ei­ner be­reits lau­fen­den Zeit­span­ne.

 

3. Die Deu­tung der vier­zig Ta­ge

Zwi­schen Sym­bo­lik, Ver­dienst und Pas­si­on
 

Die Do­mi­nanz der Zahl 40 er­klärt sich aus der theo­lo­gi­schen Auf­la­dung, die sie im Mit­tel­al­ter er­fuhr. Das Zeit­maß wur­de zur theo­lo­gi­schen Ka­te­go­rie, die das mit­lei­den­de Ge­den­ken durch ein Sys­tem der Süh­ne er­setz­te.

 

3.1. Die sym­bo­li­sche Deu­tung der Fas­ten­ta­ge

 

Die Dif­fe­renz zwi­schen der sym­bo­li­schen Zahl vier­zig und den tat­säch­lich ge­zähl­ten Fas­ten­ta­gen wur­de in der äl­te­ren Tra­di­ti­on nicht rech­ne­risch kor­ri­giert, son­dern theo­lo­gisch ge­deu­tet.

Papst Gre­gor der Gro­ße er­klärt in ei­ner Pre­digt zum ers­ten Sonn­tag der Qua­d­ra­ge­si­ma (4. März 591), dass vom Sonn­tag In­vo­ka­vit bis zum Os­ter­fest nur sechs­und­drei­ßig Ta­ge des Fas­tens ver­blei­ben. Die­se Zahl in­ter­pre­tiert Gre­gor als geist­li­che Ord­nung: Die sechs­und­drei­ßig Ta­ge er­schei­nen ihm als ei­ne Art „Zehnt des Jah­res“, der Gott dar­ge­bracht wird. 12: Fas­ten als „Zehnt des Jah­res“

Die Dis­kre­panz zwi­schen Ka­len­der und Sym­bol­zahl wur­de so­mit zu­nächst nicht ka­len­da­risch kor­ri­giert, son­dern sym­bo­lisch ge­deu­tet. Erst in spä­te­rer Zeit setz­te sich die Vor­stel­lung durch, dass die Fas­ten­zeit rech­ne­risch exakt vier­zig Fas­ten­ta­ge um­fas­sen müs­se.

Die Ori­en­tie­rung an der Zahl vier­zig wur­de da­bei häu­fig zu­sätz­lich durch den Hin­weis auf das vier­zig­tä­gi­ge Fas­ten Je­su (→ Mt 4,1–11) ge­stützt. Die­se Be­grün­dung ist je­doch exe­ge­tisch un­zu­läs­sig. Das Fas­ten Je­su wird im Mat­thä­us­evan­ge­li­um aus­drück­lich als ein­zig­ar­ti­ges, den Got­tes­sohn aus­zeich­nen­des Ge­sche­hen dar­ge­stellt und darf da­her nicht zur Be­grün­dung ei­ner kirch­li­chen Fas­ten­pra­xis her­an­ge­zo­gen wer­den. 13: Die un­zu­läs­si­ge Be­grün­dung des Qua­dra­ge­si­ma­fas­tens

 

3.2. Das Fas­ten als sak­ra­men­ta­le Ge­nug­tu­ung

 

In der Scho­las­tik, exem­pla­risch bei Tho­mas von Aquin, wur­de das Fas­ten als In­stru­ment der Hei­li­gung prä­zi­siert. Es dien­te nicht mehr al­lein dem Ge­den­ken, son­dern ex­pli­zit als Ge­nug­tu­ung (Sa­tis­fac­tio) für be­gan­ge­ne Sün­den.

In der mit­tel­al­ter­li­chen Buß­pra­xis wur­de Fas­ten zu ei­ner mess­ba­ren Süh­ne­leis­tung, de­ren Dau­er häu­fig an Schwe­re und Art der Ver­feh­lun­gen be­mes­sen wur­de. Die­se Öko­no­mie des Heils mach­te die Zahl 40 zur Quan­ti­tät ei­ner heils­not­wen­di­gen Leis­tung.

Der Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä fun­gier­te in die­sem Sys­tem pri­mär als Er­öff­nung ei­nes as­ke­ti­schen Pro­gramms zur Ab­ar­bei­tung der Sün­den­schuld. 14: Der Zweck des Fas­tens in der Scho­las­tik

 

3.3. Die evan­ge­li­sche Trans­for­ma­ti­on: Der Vor­rang der Pas­si­ons­be­trach­tung

Mar­tin Lu­ther brach mit die­ser Vor­stel­lung des Fas­tens als ver­dienst­li­chem Werk und da­mit auch mit der da­mit ver­bun­de­nen öko­no­mi­schen Be­las­tung der Gläu­bi­gen. Er de­fi­nier­te das „rech­te christ­li­che Fas­ten“ als die „Be­trach­tung des Lei­dens Chris­ti“. 15: Das rech­te christ­li­che Fas­ten

Die­se theo­lo­gi­sche Schär­fung führ­te zur Eta­blie­rung der Pas­si­ons­zeit. Die li­tur­gi­sche Kon­se­quenz war je­doch ein schlei­chen­der Ge­dächt­nis­ver­lust: Die in­halt­li­che Zen­trie­rung auf die Pas­si­on über­la­ger­te die ma­the­ma­ti­sche Po­si­ti­on der Sonn­ta­ge im Kir­chen­jahr. Die evan­ge­li­sche Tra­di­ti­on be­hielt die Na­men zwar bei, ver­lor aber das Be­wusst­sein für ih­re Funk­ti­on als Rück­wärts­zäh­lung vom Ziel­punkt her.

Da­mit er­weist sich die ver­brei­te­te Deu­tung der vier­zig Ta­ge als his­to­risch ge­wach­sen, aber theo­lo­gisch nicht ein­deu­tig be­grün­det. We­der aus der ka­len­da­ri­schen Struk­tur noch aus dem Fas­ten Je­su noch aus der scho­las­ti­schen Buß­pra­xis er­gibt sich zwin­gend ein as­ke­ti­sches Pro­gramm.

Die Fra­ge nach dem Sinn die­ser Zeit im Kir­chen­jahr bleibt da­mit of­fen: Wo­zu die­nen die vier­zig Ta­ge tat­säch­lich?

 

 

4. Die ge­gen­wär­ti­ge Pra­xis

Das Pa­ra­dox der Re-Ri­tua­li­sie­rung
 

In der ak­tu­el­len kirch­li­chen Pra­xis be­geg­nen wir ei­ner wi­der­sprüch­li­chen Si­tua­ti­on. Wäh­rend die of­fi­zi­el­le Li­tur­gie (seit 1978) den Fas­ten­be­griff zu­guns­ten der Pas­si­on zu­rück­ge­drängt hat, er­lebt das Fas­ten in den evan­ge­li­schen Kir­chen als in­di­vi­du­el­les Er­leb­nis ei­ne Re­nais­sance.

 

4.1. Ver­lust der theo­lo­gi­schen Aus­rich­tung

 

Mo­der­ne Ini­tia­ti­ven ver­su­chen heu­te, die Fas­ten­zeit als Zeit be­wuss­ter Le­bens­ge­stal­tung neu zu ent­de­cken. Aus li­tur­gie­wis­sen­schaft­li­cher Sicht wird hier­bei je­doch oft ein Res­tau­ra­ti­ons­ver­such kri­ti­siert, der ei­ne Pra­xis wie­der­be­lebt, oh­ne de­ren theo­lo­gi­sches Fun­da­ment, die Buß­dis­zi­plin und die ka­len­da­ri­sche Ar­chi­tek­tur, noch zu ken­nen. 16: Kri­tik an li­tur­gi­scher Res­tau­ra­ti­on

Wenn et­wa bei man­chen Gläu­bi­gen der zu­vor ge­üb­te Ver­zicht am Os­ter­sonn­tag in ei­ne Fei­er über­geht, die sich in üp­pi­gen Spei­sen als Ab­schluss der Fas­ten­zeit aus­drückt, ist die theo­lo­gi­sche Aus­rich­tung ver­lo­ren ge­gan­gen. Das Fas­ten dient dann nur noch als psy­cho­lo­gi­scher Ver­stär­ker für den nach­fol­gen­den Kon­sum, an­statt den Blick auf die be­frei­en­de Tat Got­tes zu rich­ten, die in Pas­si­on und Auf­er­ste­hung ihr Ziel hat.

 

4.2. Qua­d­ra­ge­si­mä als ver­lo­re­ner Schlüs­sel

 

Die Un­ter­su­chung zeigt: Qua­d­ra­ge­si­mä ist nicht de­ckungs­gleich mit der „40-tä­gi­gen Fas­ten­zeit“. Sie ist die ar­chi­tek­to­ni­sche Er­öff­nung ei­ner Zeit­span­ne, die voll­stän­dig in die über­ge­ord­ne­te Struk­tur der Quin­qua­ge­si­mä ein­ge­bet­tet ist.

Wäh­rend das mo­der­ne Ver­ständ­nis die Fas­ten­zeit oft als iso­lier­ten Block be­trach­tet, der am Ascher­mitt­woch be­ginnt und am Kar­sams­tag en­det, mar­kiert Qua­d­ra­ge­si­mä den ei­gent­li­chen Be­ginn der Ziel­ge­ra­den, die prä­zi­se am Grün­don­ners­tag ih­ren Ab­schluss fin­det.

Durch die Neu­ent­de­ckung der Fas­ten­zeit wird der Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä zum blo­ßen Da­tum de­gra­diert. Der Na­me ist un­ver­ständ­lich ge­wor­den und wird in mo­der­nen Le­se­ord­nun­gen nicht mehr ge­nannt.

 

4.3. Vi­su­el­le Zu­sam­men­fas­sung: Die Sche­ren­be­we­gung der Tra­di­tio­nen

 

Um die Kom­ple­xi­tät für die ver­schie­de­nen Ziel­grup­pen greif­bar zu ma­chen, lässt sich die Ent­wick­lung wie folgt dar­stel­len:

Epo­che
Tra­di­ti­on
Ver­ständ­nis der Zeit vor Os­tern Fo­kus & Funk­ti­on
Früh­kir­che (Di­da­che)  Si­tua­ti­ves Ge­den­ken Mit­lei­den am Mitt­woch (Ver­rat) und Frei­tag (Kreuz)
Mit­tel­al­ter (Scho­las­tik) Qua­d­ra­ge­si­ma
(Dau­er)
In­sti­tu­tio­nel­le Süh­ne, Ka­te­chu­me­nat und Buß-Öko­no­mie (Sa­tis­fac­tio)
Re­for­ma­ti­on (Lu­ther) Pas­si­ons­zeit
(In­halt)
In­ner­li­che Be­trach­tung des Kreu­zes; Bruch mit der Werk-Ge­rech­tig­keit
Ge­gen­wart Ak­ti­on / Well­ness In­di­vi­du­el­le Selbst­op­ti­mie­rung; Er­le­ben des Ver­zichts und ggf. des Fas­ten­bre­chens als Wert
 

Zwi­schen­fa­zit

Die neue Volks­fröm­mig­keit und das Span­nungs­feld des „So­la Gra­tia“
 

Die his­to­ri­sche Ent­wick­lung der Qua­d­ra­ge­si­mä zeigt ein wie­der­keh­ren­des Mus­ter: Im­mer wenn fest­ge­leg­te Ord­nun­gen des Kir­chen­jah­res als zu ab­strakt emp­fun­den wer­den, sucht sich die Fröm­mig­keit greif­ba­re Voll­zü­ge. Wie Ar­nold An­ge­nendt für das Mit­tel­al­ter be­schreibt, exis­tier­te be­reits da­mals ein Ver­lan­gen nach ei­ner viel­fäl­ti­gen Ri­tua­li­tät, bei der Heils­zei­chen und Heils­stof­fe oft be­deu­tungs­vol­ler wa­ren als die sak­ra­men­ta­le Mit­te. 17: Ri­tua­li­tät und Heils­stoff

Die Re­nais­sance des „Heils­stoffs“

In der ge­gen­wär­ti­gen kirch­li­chen Pra­xis lässt sich ei­ne Re­nais­sance die­ser Ten­denz be­ob­ach­ten. Das mo­der­ne Fas­ten ist zu ei­ner Form von Volks­fröm­mig­keit ge­wor­den, die je­doch in ein dop­pel­tes Span­nungs­feld ge­rät:

  • das Pro­blem der Selbst-Recht­fer­ti­gung:
    Wird Fas­ten als Me­tho­de ver­stan­den, um Rein­heit, Of­fen­heit oder ei­ne be­son­de­re Nä­he zu Gott zu er­wir­ken, ge­rät die Pra­xis in Kon­flikt mit dem evan­ge­li­schen Kern­satz des so­la gra­tia („al­lein aus Gna­de“). Die Recht­fer­ti­gung al­lein aus Gna­de be­sagt, dass die Nä­he Got­tes dem Men­schen im Wort be­reits be­din­gungs­los zu­ge­sagt ist; sie kann nicht durch as­ke­ti­sche Dis­zi­plin ge­stei­gert oder gar er­ar­bei­tet wer­den.
  • die In­di­vi­dua­li­sie­rung des Ver­zichts:
    Wo Fas­ten pri­mär der ei­ge­nen Psy­cho­lo­gie oder dem kör­per­li­chen und see­li­schen Wohl­be­fin­den dient, droht es den Be­zug zum Nächs­ten zu ver­lie­ren. Ei­ne Hin­wen­dung zu Gott ist in bib­li­scher Tra­di­ti­on je­doch un­auf­lös­lich mit der Hin­wen­dung zum Nächs­ten ver­knüpft. Oh­ne die­sen so­zia­len Ho­ri­zont ver­kommt die Pra­xis zum selbst­re­fe­ren­zi­el­len Pro­jekt.

Wort­bin­dung statt blo­ßer Ri­tua­li­tät

Die ak­tu­el­le Sehn­sucht nach spi­ri­tu­el­ler Er­dung in re­li­gi­ö­sen, ri­tu­el­len Hand­lun­gen führt oft zu ei­ner Ent­kopp­lung von der evan­ge­li­schen Wort­bin­dung. Wäh­rend das Ri­tu­al als stoff­li­ches Er­leb­nis („Heils­stoff“) kon­su­miert wird, tritt die be­frei­en­de Bot­schaft zu­rück, dass das Heil nicht von mensch­li­cher Leis­tung ab­hängt.

Ei­ne sinn­tra­gen­de Struk­tur des Kir­chen­jah­res will da­her nicht zu neu­en as­ke­ti­schen Leis­tun­gen an­trei­ben. Sie dient viel­mehr da­zu, ei­nen Raum of­fen­zu­hal­ten, in dem Gott be­reits ge­han­delt hat: am „Ho­hen Don­ners­tag“ und am Kreuz. 18: Die Be­deu­tung des Grün­don­ners­tags

 

Der Sonntagsname Quadragesimä

 

5. Der 40. Tag ab Grün­don­ners­tag

Die ei­gent­li­che Be­zeich­nungs­lo­gik
 

Der Na­me Qua­d­ra­ge­si­mä ist ei­ne Ord­nungs­zahl (Or­di­nal­zahl) und be­deu­tet „der Vier­zig­ste“. Die­se Zahl er­schließt sich nicht durch ei­ne vor­wärts­ge­wand­te Zeit­rech­nung, son­dern durch die spe­zi­fi­sche Kon­struk­ti­ons­lo­gik der ver­schach­tel­ten Zeit­span­nen, die durch die Sonn­ta­ge Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und nun auch Qua­d­ra­ge­si­mä dar­ge­stellt wer­den.

 

5.1. Die Kon­struk­ti­on der Rück­schau

 

Da der Os­ter­ter­min je­des Jahr neu be­rech­net wer­den muss, fun­giert er als ein gra­vi­ta­ti­ves Zen­trum des Kir­chen­jah­res. Von die­sem fest­ge­stell­ten Da­tum aus ent­fal­tet die Li­tur­gie ih­re Zeit­struk­tur in zwei Rich­tun­gen. In Vor­wärts­rich­tung er­ge­ben sich ab Os­tern zwei fes­te Zeit­ab­stän­de: vier­zig Ta­ge bis Chris­ti Him­mel­fahrt und fünf­zig Ta­ge bis Pfings­ten. Aus den Na­men der Vor­pas­si­ons­sonn­ta­ge bis zum ers­ten Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit er­ge­ben sich die Zeit­ab­stän­de in Rück­wärts­rich­tung. Für den Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä meint das:

  • die Rück­wärts­zäh­lung (Der Ur­sprung des Na­mens):
    Die Zäh­lung nimmt ih­ren Aus­gang am Grün­don­ners­tag, dem Ho­hen Don­ners­tag, und schrei­tet im Ka­len­der zu­rück. Der Grün­don­ners­tag ist der ers­te Tag, der Mitt­woch der Kar­wo­che der zwei­te Tag, der Diens­tag der Kar­wo­che der drit­te Tag. In die­ser lü­cken­lo­sen Fol­ge ist der Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä der vier­zig­ste Tag. Dem Sonn­tag ist sein fes­ter Platz in­ner­halb der von den Fest­lich­kei­ten der Kar­wo­che her er­schlos­se­nen Zeit­rei­he zu­ge­wie­sen.
  • die Vor­wärts-Zeit­span­ne (Das Er­le­ben im Ka­len­der):
    In der li­nea­ren Be­trach­tung vom Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä aus lie­gen 39 Ta­ge bis zum Grün­don­ners­tag. Da die mit­tel­al­ter­li­che Zähl­wei­se den Aus­gangs­tag be­reits als ers­ten Tag der Span­ne mit­zählt (In­klu­siv­zäh­lung), er­gibt sich die Sum­me von 40 Ta­gen.

 

5.2. Der Grün­don­ners­tag in der alt­kirch­li­chen Buß­pra­xis

 

Der Zeit­raum von Qua­d­ra­ge­si­mä bis zum Grün­don­ners­tag war in der al­ten Kir­chen­ord­nung ei­ne der klas­si­schen Buß­zei­ten im kir­chen­of­fi­zi­el­len Ver­fah­ren der Kir­chen­bu­ße.

Schwe­re Ver­ge­hen ver­lang­ten zu­nächst ein nicht­öf­fent­li­ches Sün­den­be­kennt­nis vor dem Bi­schof, der ei­nen Aus­schluss aus der Eu­cha­ris­tie­ge­mein­schaft ab Qua­d­ra­ge­si­mä ver­häng­te (ei­ne Ex­kom­mu­ni­ka­ti­on klei­nen Ran­ges, die nicht ei­nem Kir­chen­bann ent­sprach). Die Re­kon­zi­lia­ti­on, die Wie­der­auf­nah­me in die Ge­mein­schaft, er­folg­te vier­zig Ta­ge spä­ter, am Grün­don­ners­tag. An die­sem Tag wur­den feier­li­che ge­ne­ra­li­sier­te Los­spre­chun­gen durch Ab­so­lu­ti­ons­ge­be­te voll­zo­gen, in ei­ner Mes­se ge­spro­chen vom Bi­schof. 19: Die alt­kirch­li­che Buß­pra­xis

 

5.3. Die Über­for­mung durch die Fas­ten­pra­xis

Die­se Struk­tur fin­det sich be­reits bei Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne be­stä­tigt. Dass die­se Zeit­span­nen be­reits im Mit­tel­al­ter als de­fi­nier­te Ein­heit ver­stan­den wur­den, zeigt Ja­co­bus zu Be­ginn sei­ner Aus­le­gung der Sonn­ta­ge Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­ma und Quin­qua­ge­si­mä 20: Zeit­span­nen bei Ja­co­bus:

  • Sep­tua­ge­si­ma be­ginnt am Sonn­tag, an dem Cir­cum­de­de­runt me ge­sun­gen wird („Es um­fin­gen mich“; → Ps 18,5), und en­det am Sams­tag nach Os­tern.
  • Se­xa­ge­si­ma be­ginnt am Sonn­tag, an dem Ex­sur­ge, qua­re ob­dor­mis ge­sun­gen wird („Er­wa­che, wa­rum schläfst du“; Ps 44,24), und en­det am vier­ten Wo­chen­tag (Mitt­woch) nach Os­tern.
  • Quin­qua­ge­si­ma be­ginnt am Sonn­tag, an dem Es­to mi­hi in de­um pro­tec­to­rem ge­sun­gen wird („Sei mir ein schüt­zen­der Gott“, Ps 31,3), und en­det an Os­tern.

Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne be­schreibt hier kei­ne Sym­bo­li­ken, son­dern ei­ne ka­len­da­ri­sche Be­stim­mung. Die Zah­len wer­den als fest um­ris­se­ne Zeit­span­nen ver­stan­den. Die Struk­tur steht vor der Deu­tung.

In sei­nen Aus­füh­run­gen zu Qua­d­ra­ge­si­mä weicht er von die­sen na­he­zu for­mel­haf­ten For­mu­lie­run­gen ab. Be­reits zu sei­ner Zeit über­la­ger­te die gro­ße Be­deu­tung des Fas­tens je­de an­de­re Er­klä­rung. Ja­co­bus stützt sich in sei­nen Aus­füh­run­gen des­halb von Be­ginn an bis zum letz­ten Satz nur auf die Be­deu­tung des Fas­tens, da die­se Zeit­span­ne kei­ne an­de­re li­tur­gi­sche Be­deu­tung an­neh­men kann. Für ihn en­det sie am Kar­sams­tag, weil es bis da­hin vier­zig Fas­ten­ta­ge sind, völ­lig un­ab­hän­gig von Ka­len­der­ta­gen. Ihm bleibt kein an­de­rer In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum, zu­mal die Tra­di­ti­on zu sei­ner Zeit kei­ne an­de­ren Be­deu­tun­gen bie­tet.

So schreibt er:

„Qua­d­ra­ge­si­ma, die Fas­ten­zeit, be­ginnt am Sonn­tag, an dem man In­vo­ca­vit me („Er wird mich an­ru­fen“, Ps 91,15) singt. [...] Man be­ach­te, dass Qua­d­ra­ge­si­ma 42 Ta­ge um­fasst, wenn man die Sonn­ta­ge mit­zählt. Wenn man die sechs Sonn­ta­ge ab­zieht, blei­ben 36 Ta­ge zum Fas­ten, [...] Die vier Ta­ge, die vor­aus­ge­hen, rech­net man hin­zu, da­mit die hei­li­ge Zahl von 40 Ta­gen voll wird, die der Hei­land mit sei­nem Fas­ten ge­hei­ligt hat.“ 21: Zeit­rech­nung bei Ja­co­bus

Ja­co­bus er­kennt, dass die An­zahl der Ka­len­der­ta­ge in kei­nem der von ihm ge­zeig­ten Be­rech­nun­gen stim­mig ist mit dem Na­men des Sonn­tags.

In der kirch­li­chen Tra­di­ti­on wur­de schon lan­ge der Na­me nicht mehr als zu­sam­men­hän­gen­de, ka­len­da­ri­sche Zeit­span­ne ver­stan­den, son­dern als ei­ne Art li­tur­gi­scher An­ker, ein La­bel, für die Fas­ten­zeit. Sei­ne An­fü­gung, „da­mit die hei­li­ge Zahl von 40 Ta­gen voll wird“, wirkt wie ei­ne Recht­fer­ti­gung da­für, dass an­ders als bei Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä und Quin­qua­ge­si­mä die Deu­tung des Na­mens als ka­len­da­risch ge­schlos­se­ne Zeit­span­ne, in die­sem Fall bis Grün­don­ners­tag, nicht mehr mög­lich ist.

Die Fas­ten­be­deu­tung hat die lo­gi­sche Na­mens­be­deu­tung längst über­formt, und mün­det in Er­klä­run­gen, war­um am Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä die Fas­ten­zeit nicht be­ginnt, aber von des­sen Na­men mar­kiert wird.

 

5.4. Die not­wen­di­ge Un­ter­schei­dung

 

Qua­d­ra­ge­si­mä, der ers­te Sonn­tag in der sechs­wö­chi­gen Pas­si­ons­zeit, ist der vier­zig­ste Tag ei­ner ka­len­da­risch durch­ge­hen­den Zeit­span­ne, die bis Grün­don­ners­tag reicht. Mehr sagt der Na­me nicht, aber ge­nau das sagt er.

Da­von zu un­ter­schei­den ist spä­tes­tens seit der Zeit, in der die Fas­ten­zeit nicht mehr am Sonn­tag In­vo­ka­vit be­gann und mit Grün­don­ners­tag en­de­te, die Qua­d­ra­ge­si­ma ma­jor, die be­deu­ten­de vor­ös­ter­li­che vier­zig­tä­gi­ge Fas­ten­zeit, de­ren En­de auf den Kar­sams­tag fest­ge­legt wur­de und de­ren Be­ginn in der Ge­schich­te Fas­ten­re­geln be­stimm­ten.

Die Na­mens­gleich­heit er­laubt es nicht, Sinn und Funk­ti­on ei­nes Sonn­tags mit ei­ner Zeit­span­ne des Fas­tens gleich­zu­set­zen, die mit je­ner ka­len­da­ri­schen Zeit­span­ne, die der Sonn­tag Qua­d­ra­ge­si­mä ein­lei­tet, nicht in Über­ein­stim­mung ge­bracht wer­den kann.

 

B) Was dieser Sonntag fordert:
Glaube als transitive Haltung

 

Quadragesimä fordert nicht dazu auf, Gott in asketischer Praxis zu suchen, sondern ihn in konkreten Begegnungen mit Mitmenschen zu erkennen.

 

6. Der theo­lo­gi­sche Kern

Per­so­na­lis­mus statt Re­fle­xi­vi­tät
 

Die Re­ha­bi­li­ta­ti­on der ur­sprüng­li­chen 40-Ta­ge-Ar­chi­tek­tur ist nicht bloß ka­len­der­ge­schicht­lich re­le­vant. Sie be­tont ei­ne grund­le­gen­de Aus­rich­tung christ­li­cher Leh­re: die Sicht auf den Ein­zel­nen, auf den Nächs­ten als In­di­vi­du­um, die der Theo­lo­ge und Kir­chen­his­to­ri­ker Ar­nold An­ge­nendt „ex­tre­men Per­so­na­lis­mus“ des Chris­ten­tums nennt. 22: Per­so­na­lis­mus im Chris­ten­tum

Sie führt weg von ei­ner Form der Fröm­mig­keit, die sich im evan­ge­li­schen Ho­ri­zont nicht auf­drän­gen darf: ei­ne re­fle­xi­ve, werk­för­mi­ge Selbst­be­ar­bei­tung, die den Ort der Got­tes­be­geg­nung im ei­ge­nen Voll­zug statt im Wort und im Nächs­ten er­leich­tern will und sucht.

 

6.1. Die Fal­le der Ei­gen­dia­gno­se

 

Oft wird Fas­ten heu­te als „Selbst­öff­nung“ be­grün­det, als Me­tho­de, „um in­ner­lich frei­er und sen­sib­ler für Gott zu wer­den“, um al­so den Men­schen für Gott emp­fäng­lich zu ma­chen. Doch die­ses Ar­gu­ment gleicht dem Ver­such ei­nes Kran­ken, sei­ne Krank­hei­ten selbst zu dia­gnos­ti­zie­ren und zu the­ra­pie­ren, an­statt sich di­rekt an den Arzt zu wen­den, und auf ihn zu hö­ren (fi­des ex au­di­tu, Glau­be ent­steht aus dem Hö­ren des Wor­tes). 23: Das Prin­zip „ex au­di­tu“

Auch dort, wo die Frei­wil­lig­keit des Fas­tens be­tont wird, be­freit das die re­li­giö­se Pra­xis nicht von ei­ner im­pli­zi­ten Ver­bind­lich­keit. Wenn Fas­ten als geist­lich wert­voll dar­ge­stellt wird, et­wa weil es den Men­schen für Gott „öff­nen“ oder spi­ri­tu­el­le Er­fah­run­gen er­leich­tern soll, ent­steht ein Er­war­tungs­druck, der sich auch aus der Zu­ge­hö­rig­keit zur Ge­mein­schaft er­gibt.

Men­schen kön­nen da­durch in emo­tio­na­le, so­zia­le und re­li­giö­se Nö­te ge­ra­ten. Die Fra­ge ist dann nicht mehr, wie man be­grün­det, war­um man nicht fas­tet, son­dern was ge­schieht, wenn man sich die­ser Er­war­tung ent­zieht.

Die na­he­lie­gen­de „Lö­sung“ be­steht dar­in, dem Druck nach­zu­ge­ben und sich der Er­war­tung zu beu­gen. Die Ent­schei­dung bleibt for­mal frei, ist je­doch in­halt­lich und emo­tio­nal vor­ge­prägt.

Das evan­ge­li­sche Ver­ständ­nis be­tont: Das Wort ist selbst die Kraft, die den Tau­ben das Ge­hör schenkt. Es braucht kei­ne spi­ri­tu­el­le Vor­be­rei­tung, um wirk­sam zu sein, es schafft sich sei­ne Wirk­sam­keit selbst, oft ge­ra­de dort, wo der Mensch un­vor­be­rei­tet, ab­ge­lenkt oder „un­spi­ri­tu­ell“ ist.

Ei­nem Work­a­ho­lic nützt es we­nig, auf Spei­sen zu ver­zich­ten, wenn das ei­gent­li­che Lei­den, die Un­fä­hig­keit zur Ru­he und zur Be­geg­nung au­ßer­halb je­der Ar­beit, un­be­rührt bleibt.

Wenn Fas­ten zur Ei­gen­the­ra­pie ge­nutzt wird, schießt es oft am ei­ge­nen blin­den Fleck vor­bei. Der Mensch kennt sich selbst meist nicht in der Tie­fe, die für ei­ne ech­te Hei­lung im me­di­zi­ni­schen, vor al­lem aber im geist­li­chen Sinn nö­tig wä­re.

Das birgt die Ge­fahr von Be­stä­ti­gungs­feh­lern in sich (Fach­be­griff: Con­fir­ma­ti­on Bias): Der Ei­gen­the­ra­pie wi­der­spre­chen­de In­for­ma­tio­nen wer­den aus­ge­blen­det, klei­ne Zu­falls­ver­bes­se­run­gen wer­den als Be­weis der Wirk­sam­keit in­ter­pre­tiert. Die Fort­set­zung und Wie­der­ho­lung von Hand­lun­gen, de­ren Er­geb­nis­se nicht ziel­füh­rend wir­ken, kann so­gar zu ei­ner Es­ka­la­ti­on der Selbst­bin­dung füh­ren (Com­mit­ment Es­ca­la­ti­on): Ein Ab­bruch wür­de be­deu­ten, dass die Ent­schei­dung, zu fas­ten, falsch war, wes­halb die Stra­te­gie noch stär­ker ver­folgt wird und wei­te­re Fas­ten­ak­tio­nen durch­ge­führt wer­den. 24: Es­ka­la­ti­on der Süh­ne­leis­tun­gen

Schon in der Spät­an­ti­ke und im Mit­tel­al­ter war be­kannt, dass Fas­ten ge­sund­heit­li­che Ri­si­ken in sich birgt, was vie­le Men­schen je­doch nicht da­von ab­hielt, ih­re Fas­ten­pra­xis zu­neh­mend zu stei­gern. Das führ­te nicht sel­ten bis an den Rand der Selbst­tö­tung. Die kör­per­li­che Schwä­chung wur­de in Kauf ge­nom­men, doch der Ver­zicht ließ die Bü­ßer bei­na­he ver­hun­gern oder an De­hy­drie­rung ster­ben. 25: Le­bens­ge­fähr­li­che Fas­ten­pra­xis

Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne be­schreibt, dass es be­kannt war, dass Fas­ten die Ge­sund­heit schä­di­gen kann, und nicht ver­bes­sert. Er ver­weist auf Papst Mil­tia­des († 314) und Papst Sil­ves­ter († 335), die be­stimmt hätten, dass an je­dem Sams­tag zwei­mal ge­ges­sen wer­den dür­fe, da­mit Men­schen nicht durch die vor­ge­schrie­be­ne Ent­halt­sam­keit an den Frei­ta­gen ge­schwächt wer­den. 26: Kein Fas­ten am Sams­tag aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den

Eben­so klag­te Mar­tin Lu­ther über Fas­ten­re­geln, die nicht sel­ten zum Tod von Schwan­ge­ren, Säug­lin­gen, Kran­ken und Schwa­chen führ­ten. 27: Lu­thers Kla­ge ge­gen schäd­li­che Fas­ten­pra­xis

 

6.2. Der feh­len­de neu­tes­ta­ment­li­che Be­leg

 

In den Evan­ge­li­en des Mat­thä­us und des Lu­kas wird be­rich­tet, dass Je­sus vor sei­nem öf­fent­li­chen Wir­ken ei­ne vier­zig­tä­gi­ge Zeit in der Wüs­te ver­brach­te, die mit Fas­ten ver­bun­den ist (→ Mt 4,1–11; → Lk 4,1–13). Das Mar­kus­evan­ge­li­um er­wähnt le­dig­lich den Auf­ent­halt in der Wüs­te und die Ver­su­chung, oh­ne ein Fas­ten zu nen­nen (→ Mk 1,12–13).

Fas­ten wird heu­te neu ent­deckt und wie schon im frü­hen Mit­tel­al­ter als Mit­tel ver­stan­den, den Men­schen für Gott zu öff­nen. Wenn da­bei auf Je­su vier­zig­tä­gi­ges Fas­ten in der Wüs­te ver­wie­sen wird, dann soll­te der Kern der Ge­schich­te be­dacht wer­den: Sie ist ei­ne Ge­schich­te über An­fech­tung, nicht über die Wirk­sam­keit oder Sin­nig­keit des Fas­tens. Die Ver­su­chungs­ge­schich­te zeigt, dass Fas­ten kei­nen ge­schütz­ten Raum er­zeugt, son­dern ein Ort der An­fech­tung ist. Be­ste­hen kann dort nur, wer im Glau­ben be­reits ge­fes­tigt ist, und nicht, wer ihn erst durch die Pra­xis ge­win­nen oder stär­ken will.

Für die Zeit sei­nes öf­fent­li­chen Wir­kens fin­det sich kein Hin­weis dar­auf, dass Je­sus selbst ge­fas­tet hät­te. Über­lie­fert ist viel­mehr sei­ne Kri­tik an ei­ner heuch­le­ri­schen Fas­ten­pra­xis (→ Mt 6,16–18), oh­ne dass Fas­ten da­bei als ge­bo­te­ne Pra­xis ein­ge­führt oder be­grün­det wird.

Tat­säch­lich wur­de be­reits früh in der Kir­chen­ge­schich­te ei­ne Ver­bin­dung von Ge­bet und Fas­ten her­ge­stellt, ins­be­son­de­re dort, wo dem Ge­bet be­son­de­re Wirk­sam­keit zu­ge­schrie­ben wur­de, et­wa im Ex­or­zis­mus. So las­sen sich die spä­te­ren Er­wei­te­run­gen der neu­tes­ta­ment­li­chen Über­lie­fe­rung in → Mt 17,21 und → Mk 9,29 er­klä­ren. Ein trag­fä­hi­ger neu­tes­ta­ment­li­cher Be­leg für die­se Ver­bin­dung fehlt. 28: Be­ten und Fas­ten

Auch au­ßer­halb der Evan­ge­li­en er­scheint Fas­ten nicht als all­ge­mein ver­bind­li­che Pra­xis. Zwar wird in der Apos­tel­ge­schich­te von Fas­ten­zei­ten im Zu­sam­men­hang ge­mein­d­li­cher Ent­schei­dun­gen be­rich­tet (Apg 13,2–3; 14,23). Die­se Stel­len be­schrei­ben kon­kre­te Si­tua­tio­nen und be­grün­den kei­ne all­ge­mei­ne Ord­nung. Lu­kas er­klärt das Fas­ten nicht, for­dert es nicht ein und gibt ihm kei­ne ei­gen­stän­di­ge theo­lo­gi­sche Funk­ti­on; er setzt es als selbst­ver­ständ­li­chen Be­stand­teil got­tes­dienst­li­chen Han­delns vor­aus, und zwar in ei­ner Welt, in der Fas­ten als re­li­gi­ö­ser Aus­druck so­wohl im jü­di­schen Glau­ben als auch in den grie­chi­schen und sy­ri­schen Re­li­gio­nen der Zeit selbst­ver­ständ­lich war.

Die Brie­fe des Neu­en Tes­ta­ments nen­nen kei­ne Fas­ten­pra­xis als re­li­gi­ö­se Übung. Pau­lus er­wähnt Fas­ten in 2 Kor 6,5 und 11,27 le­dig­lich im Kon­text von Ent­beh­run­gen und apos­to­li­schen Lei­den, nicht als emp­foh­le­ne oder ge­bo­te­ne Pra­xis. Ei­ne nor­ma­ti­ve Grund­la­ge für christ­li­ches Fas­ten lässt sich dem Neu­en Tes­ta­ment da­mit nicht ent­neh­men.

 

6.3. Die gött­li­che Dia­gno­se (Jo­han­nes 4)

In der Be­geg­nung mit der Sa­ma­ri­te­rin am Brun­nen, dem Evan­ge­li­um des Sonn­tags Qua­d­ra­ge­si­mä im am­bro­sia­ni­schen Ri­tus, be­geg­net der Mensch dem gött­li­chen Ge­gen­über in ei­ner Wei­se, die je­de psy­cho­lo­gi­sche Ei­gen­dia­gno­se über­steigt. Je­sus of­fen­bart der Frau ih­re ei­ge­ne Ge­schich­te in ei­ner Tie­fe und De­tail­schär­fe, die sie selbst so we­der aus­ge­spro­chen noch sich ein­ge­stan­den hät­te. Da­rin er­weist sich das Wort als das ei­gent­li­che hei­len­de Agens: Je­sus stellt die Dia­gno­se nicht als dis­tan­zier­ter Be­ob­ach­ter, son­dern als der­je­ni­ge, der das „le­ben­di­ge Was­ser“ (Joh 4,14) als sak­ra­men­ta­le Zu­sa­ge reicht.

Die­se Zu­sa­ge ist das theo­lo­gi­sche Fun­da­ment der Tau­fe, die den Men­schen be­din­gungs­los an Gott bin­det und als ein­ma­li­ges Er­eig­nis nicht wie­der­holt wer­den muss. Sie ist ein end­gül­ti­ges Er­eig­nis, das je­de Not­wen­dig­keit ei­ner spi­ri­tu­el­len Selbst­me­di­ka­ti­on be­en­det.

Die Hei­lung des Men­schen ge­schieht hier al­so ex­pli­zit nicht durch ei­ne re­fle­xi­ve In­nen­schau oder die müh­sa­me Schär­fung der ei­ge­nen Sin­ne, son­dern al­lein durch das Hö­ren auf das Wort des­sen, der das Ge­gen­über be­reits kennt, be­vor es ein Wort über sich selbst ver­liert.

Der Fo­kus ver­schiebt sich ra­di­kal: Weg von der Qua­li­tät der mensch­li­chen Reu­e hin zur Qua­li­tät der gött­li­chen An­spra­che.

 

6.4. Der Kon­trast der For­de­run­gen: Je­sa­ja 58 und Mat­thä­us 25

 

Um die Trag­wei­te des per­so­na­lis­ti­schen Per­spek­tiv­wech­sels zu ver­ste­hen, muss die bib­li­sche Kri­tik am rein re­fle­xi­ven Fas­ten in ih­rer gan­zen Schär­fe ernst ge­nom­men wer­den.

Hier pral­len zwei un­ver­ein­ba­re Vor­stel­lun­gen von Fröm­mig­keit auf­ein­an­der. Auf der ei­nen Sei­te steht die re­fle­xi­ve Il­lu­si­on, die das Fas­ten als pri­va­te Übung be­greift, um das ei­ge­ne Ich für Gott of­fen zu ma­chen. In die­sem Mo­dell wird Gott zum fer­nen Ziel ei­ner in­ne­ren Rei­ni­gung, bei der der Mensch ver­sucht, ei­nen Ka­nal in sich selbst frei­zu­le­gen, da­mit Gott ihn fül­le.

Die­ser Selbst­schau setzt der pro­phe­ti­sche Ein­spruch in → Je­sa­ja 58 (V. 1–12) ein jä­hes En­de. Gott lässt dort un­miss­ver­ständ­lich aus­rich­ten, dass er auf ei­ne Fröm­mig­keit, die sich im ri­tu­el­len Ver­zicht er­schöpft, wäh­rend gleich­zei­tig so­zia­le Un­ge­rech­tig­keit herrscht, nicht re­agiert.

Das wah­re, gott­ge­fäl­li­ge Fas­ten wird hier nicht als me­di­ta­ti­ve Leer­wer­dung de­fi­niert, son­dern als kom­pro­miss­lo­se Hin­wen­dung zum Mit­men­schen: Es geht dar­um, die Fes­seln des Un­rechts zu lö­sen und dem Hun­gri­gen das ei­ge­ne Brot zu rei­chen. Gott ver­langt kei­ne re­li­gi­ö­se Selbst­be­spie­ge­lung, son­dern den ak­ti­ven Bei­stand für den Nächs­ten.

Schon Gre­gor der Gro­ße greift die­se pro­phe­ti­sche Kri­tik aus­drück­lich auf. In ei­ner Pre­digt zum ers­ten Sonn­tag der Qua­d­ra­ge­si­ma er­in­nert er dar­an, dass Fas­ten oh­ne tä­ti­ge Hil­fe für Be­dürf­ti­ge kei­ne geist­li­che Be­deu­tung be­sitzt. Was der Mensch sich selbst ent­zieht, sol­le dem Mit­men­schen zu­gu­te­kom­men; erst durch die­se Ver­bin­dung mit der Nächs­ten­lie­be wer­de das Fas­ten vor Gott ge­recht­fer­tigt. 29: Gre­gor der Gro­ße über Fas­ten

Je­sus ra­di­ka­li­siert die­se pro­phe­ti­sche For­de­rung in der Vi­si­on vom Welt­ge­richt (→ Mat­thä­us 25,31–46) noch ein­mal ent­schei­dend. Er geht über den blo­ßen ethi­schen Ap­pell hin­aus und iden­ti­fi­ziert sich rest­los mit dem Be­dürf­ti­gen.

Gott be­geg­net dem Men­schen dem­nach nicht in ei­nem „rei­nen In­ne­ren“, das am En­de ei­ner Fas­ten­kur er­reicht wird, son­dern im phy­si­schen Ge­gen­über. In der Lo­gik Je­su ist er selbst der Nächs­te. Da­mit wird je­de Leis­tung am be­dürf­ti­gen Men­schen un­mit­tel­bar und oh­ne den Um­weg über ei­ne spi­ri­tu­el­le Tech­nik zu ei­ner Leis­tung an Gott. Der Schau­platz der Got­tes­be­geg­nung wird so end­gül­tig aus der In­ner­lich­keit des In­di­vi­du­ums in den Raum zwi­schen den Per­so­nen ver­legt.

 

6.5. Das be­zie­hungs­theo­lo­gi­sche Drei­eck: Die Struk­tur des Per­so­na­lis­mus

 

Um den Über­gang von der bib­li­schen For­de­rung (Jes 58 / Mt 25) zur täg­li­chen Pra­xis zu voll­zie­hen, be­darf es ei­ner De­fi­ni­ti­on der Be­geg­nung. Der christ­li­che Per­so­na­lis­mus ist kein dif­fu­ses Ge­fühl, son­dern ein dy­na­mi­sches Ge­fü­ge. Er bricht die ano­ny­me Mas­se auf und setzt an ih­re Stel­le die kon­kre­te, un­ver­wech­sel­ba­re Be­zie­hung zwi­schen drei Po­len:

  • Das ICH: Der gläu­bi­ge Ein­zel­ne, der zu Gott be­tet, da die­sem In­di­vi­du­um von Gott Ver­ant­wor­tung über­tra­gen wur­de (Ge­bo­te). Gott ver­traut hier­bei auf die Er­fül­lung die­ser Ver­ant­wor­tung durch den Ein­zel­nen. Die­ses ICH de­fi­niert sich nicht über ei­ne Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit, son­dern über die ei­ge­ne An­sprech­bar­keit und Hand­lungs­fä­hig­keit vor Gott.
  • Das DU: Der ein­zel­ne Mit­mensch, der al­lein durch die blo­ße Exis­tenz voll­stän­dig Mit­mensch ist. Eth­ni­sche, kul­tu­rel­le, re­li­giö­se, so­zia­le, de­mo­gra­fi­sche oder sons­ti­ge Klas­si­fi­zie­run­gen und Zu­ge­hö­rig­kei­ten ha­ben hier­bei kei­ner­lei Be­deu­tung. Das DU ist ei­ne un­ver­wech­sel­ba­re Per­son, die mit ei­nem Na­men an­ge­spro­chen wer­den kann.
  • GOTT: Der An­lass des Den­kens, Re­dens und Han­delns. Er er­öff­net den Raum, in dem das ICH und ein kon­kre­tes DU ein­an­der be­geg­nen. Im Zu­spruch Je­su aus Mt 18,20 („Wo zwei oder drei in mei­nem Na­men ver­sam­melt sind, da bin ich mit­ten un­ter ih­nen“) und in der Iden­ti­fi­ka­ti­on Chris­ti mit dem Ge­ring­sten (Mt 25; Welt­ge­richt) wird Gott zum „Drit­ten im Bun­de“.

Wer im Mit­men­schen nur den Ver­tre­ter ei­ner Grup­pe sieht, ver­fehlt den je­su­a­ni­schen Per­so­na­lis­mus. Gott be­geg­net uns nicht in der Ab­strak­ti­on des Kol­lek­tivs, son­dern in der Kon­kret­heit des Ge­gen­übers.

Die je­su­a­ni­sche Kor­rek­tur rich­tet sich ge­gen je­de Ten­denz, Mit­men­schen in Grup­pen zu sor­tie­ren, selbst wenn dies ge­schieht, um ei­nen mo­ra­li­schen An­spruch gel­tend zu ma­chen. Gott be­geg­net dem Ein­zel­nen nicht in der Ab­strak­ti­on des Kol­lek­tivs, son­dern in der Kon­kret­heit sei­ner in­di­vi­du­el­len Exis­tenz.

Wer ei­nen Men­schen nur noch als Teil ei­ner per­spek­ti­visch zu­ge­schnit­te­nen Grup­pe wahr­nimmt, be­geg­net ei­nem Ab­strak­tum, nicht ei­ner Per­son. In die­sem Mo­ment ver­liert der Mensch sei­nen Wert als Sub­jekt in der Drei­ecks­be­zie­hung zwi­schen Ich, Mit­mensch und Gott; er wird zum blo­ßen Ob­jekt ei­ner Mei­nung, ei­ner ge­sell­schaft­li­chen Mo­ral oder ei­ner po­li­ti­schen Be­trach­tung.

Doch nur durch die wür­di­gen­de, wert­schät­zen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Ich und Mit­mensch, die sich im tran­si­ti­ven Den­ken, Re­den und Han­deln aus­drückt, wird die­se Be­zie­hung zu je­nem Got­tes­dienst, der die blo­ße re­fle­xi­ve Buß­fröm­mig­keit über­win­det und von Gott ge­for­dert wird.

 

6.6. Die Gol­de­ne Re­gel: Der her­me­neu­ti­sche Schluss­stein (Mt 7,12)

 

Die ab­so­lu­te Ver­dich­tung der je­su­a­ni­schen Ethik fin­det sich in der Gol­de­nen Re­gel: „Al­les nun, was ihr wollt, dass euch die Leu­te tun sol­len, das tut ih­nen auch!“ (→ Mt 7,12).

Je­sus er­klärt die­se Re­gel zur maß­geb­li­chen Aus­le­gungs­norm für das Ge­setz und die Pro­phe­ten, und da­mit auch für die pro­phe­ti­sche Fas­ten­kri­tik ei­nes Je­sa­ja. Da­mit wird je­de Form von Fröm­mig­keit, die sich nicht im per­so­na­len Han­deln am Nächs­ten be­währt, als hin­fäl­lig mar­kiert.

Die Gol­de­ne Re­gel er­setzt die Su­che nach ri­tu­el­len Süh­ne­leis­tun­gen durch ak­ti­ve, em­pa­thi­sche Tat­kraft. Der Mensch soll nicht mehr dar­über nach­den­ken, wie er sich vor Gott ri­tu­ell ab­si­chern oder durch Zer­knir­schung klein ma­chen kann, son­dern wie er für den an­de­ren wirk­sam wer­den kann. Hier voll­zieht sich die ent­schei­den­de Wen­de: Die re­fle­xi­ve Bu­ße, das Krei­sen um den ei­ge­nen geist­li­chen Zu­stand, tritt hin­ter das tran­si­ti­ve Den­ken, Re­den und Han­deln zu­rück.

Der Bo­den der Hand­lung wird nicht mehr in der Qua­li­tät der ei­ge­nen Reu­e ge­sucht, son­dern in der kon­kre­ten Exis­tenz des Nächs­ten. Be­vor Not ge­lin­dert wer­den kann, muss der Mensch als un­ver­wech­sel­ba­re Per­son er­kannt wor­den sein, und zwar jen­seits al­ler kol­lek­ti­ven Zu­schrei­bun­gen oder po­li­ti­schen Ab­strak­tio­nen.

Wer erst auf die Not re­agiert, wenn sie phy­sisch greif­bar wird, kommt oft zu spät. Die Ge­walt ge­gen das Mensch­sein be­ginnt be­reits dort, wo das DU zur ano­ny­men Grup­pe oder zum lo­gis­ti­schen Pro­blem de­gra­diert wird. Die Ge­schich­te zeigt, dass die­se Ab­strak­ti­on kei­ne the­o­re­ti­sche Ge­fahr ist: Wo ein ein­zi­ges Merk­mal – ein Stern auf dem Man­tel, ein An­trag auf Asyl, ei­ne Haut­far­be, ei­ne Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit – zum al­lei­ni­gen De­fi­ni­ti­ons­kri­te­ri­um ei­ner Per­son wird, ist der Weg von der Klas­si­fi­zie­rung zur Ent­rech­tung und von der Ent­rech­tung zur Ge­walt kein lan­ger. Die Wann­see­kon­fe­renz be­legt als ra­di­ka­les Ge­gen­bild zum Per­so­na­lis­mus, wo­hin die­se Lo­gik führt. Christ­li­ches Han­deln ist da­her tran­si­tiv: Es ver­harrt nicht in ei­ner in­ne­ren Be­find­lich­keit, son­dern schützt den Mit­men­schen in sei­ner Exis­tenz, noch be­vor er zum Op­fer wird.

 

6.7. Sy­nop­se: Von der pro­phe­ti­schen For­de­rung zur gött­li­chen Iden­ti­tät

 

Die fol­gen­de Ta­bel­le be­legt, wie → Mat­thä­us 25,31–46 (Vom Welt­ge­richt) die For­de­run­gen aus → Je­sa­ja 58,1–12 (Vom fal­schen und rich­ti­gen Fas­ten) auf­greift und zu­sam­men mit der Berg­pre­digt (→ Mt 5,1 – 7,29), der Gol­de­nen Re­gel (→ Mt 7,12) und dem Dop­pel­ge­bot der Lie­be (→→ Mt 22,37–40) zu ei­nem Schwer­punkt der je­su­a­ni­schen Leh­re macht. Nicht die re­fle­xi­ve Bu­ße des Mit­tel­al­ters, son­dern der tä­ti­ge Per­so­na­lis­mus ist der exis­ten­zi­ell be­deu­t­sa­me Kern christ­li­chen Le­bens.

Not­la­ge des Mit­men­schen Die pro­phe­ti­sche For­de­rung (Je­sa­ja 58) Die je­su­a­ni­sche Iden­ti­fi­ka­ti­on (Mat­thä­us 25)
Hun­ger „Brich dem Hun­gri­gen dein Brot“ (V. 7) „Ich bin hung­rig ge­we­sen und ihr habt mir zu es­sen ge­ge­ben“ (V. 35)
Durst (Fol­ge: „wie ei­ne was­ser­rei­che Quel­le“ V. 11) „Ich bin durs­tig ge­we­sen und ihr habt mir zu trin­ken ge­ge­ben“ (V. 35)
Ob­dach­lo­sig­keit „die Elen­den oh­ne Ob­dach füh­re ins Haus“ (V. 7) „Ich bin ein Frem­der ge­we­sen und ihr habt mich auf­ge­nom­men“ (V. 35)
Man­gel „Wenn du ei­nen nackt siehst, so klei­de ihn“ (V. 7)“ „Ich bin nackt ge­we­sen und ihr habt mich ge­klei­det“ (V. 36)
Krank­heit (Fol­ge: „dei­ne Hei­lung schrei­tet vor­an“ V. 8) „Ich bin krank ge­we­sen und ihr habt mich be­sucht“ (V. 36)
Ge­fan­gen­schaft „die Fes­seln des Un­rechts lö­sen“ (V. 6) „Ich bin im Ge­fäng­nis ge­we­sen und ihr seid zu mir ge­kom­men“ (V. 36)
 

 

 

6.8. Fa­zit: Das Ziel der 40 Ta­ge

 

Wenn das Ziel die­ser Zeit die Be­geg­nung mit Gott ist, dann ist ein auf sich selbst be­zo­ge­nes Fas­ten funk­ti­ons­los. Es bleibt ei­ne spi­ri­tu­el­le Leer­fahrt in der ei­ge­nen Re­fle­xi­vi­tät.

Die Ar­chi­tek­tur der 40 Ta­ge hin­ge­gen will den Men­schen fä­hig ma­chen, Gott im Nächs­ten wahr­zu­neh­men (Per­so­na­lis­mus).

Die­ser Weg führt kon­se­quent zum Abend­mahl am Grün­don­ners­tag. Dort wird die Zu­sa­ge der Ge­gen­wart Got­tes („Wo zwei oder drei ver­sam­melt sind in mei­nem Na­men, da bin ich mit­ten un­ter ih­nen.“, → Mt 18,20) für je­den feier­lich er­fahr­bar, der in die­sen 40 Ta­gen die Ge­mein­schaft mit Gott im Nächs­ten ge­sucht hat. Es ist das Fest je­ner, die sich ge­wei­gert ha­ben, den an­de­ren zum „Pro­blem“ zu ma­chen, und statt­des­sen die tran­si­ti­ve Be­zie­hung ge­lebt ha­ben.

Die Drei­ei­nig­keit des Glau­bens be­steht in der Be­zie­hung ICH – GOTT – DU als Drei­eck, des­sen An­fang und En­de Gott ist.

 

7. Die je­sua­ni­sche Kor­rek­tur

Ein Evan­ge­li­um ge­gen das ma­gi­sche Miss­ver­ständ­nis
 

 

7.1. Die Schutz­zu­sa­ge Got­tes an den Be­ter

 

Der Sonn­tag In­vo­ka­vit be­zieht sei­nen Na­men und sein Pro­fil aus → Psalm 91, dem klas­si­schen Ge­bet des Ver­trau­ens. In die­sem Psalm be­geg­net ei­ne über­wäl­ti­gen­de Schutz­zu­sa­ge Got­tes an den Be­ter: Gott ist die Zu­flucht und die Burg; er ret­tet vor der Schlin­ge des Jä­gers und vor der Pest; er brei­tet sei­ne Flü­gel schüt­zend aus.

„Denn er hat sei­nen En­geln be­foh­len über dir, dass sie dich be­hü­ten auf al­len dei­nen We­gen, dass sie dich auf den Hän­den tra­gen und du dei­nen Fuß nicht an ei­nen Stein sto­ßest.“ (→ Ps 91,11–12)

Die­se Zu­sa­ge ist der In­be­griff des Per­so­na­lis­mus: Gott wen­det sich dem In­di­vi­du­um in sei­ner exis­ten­zi­el­len Be­dro­hung zu. Doch ge­nau hier setzt die je­sua­ni­sche Kor­rek­tur ein. Denn so un­mit­tel­bar die­se Schutz­zu­sa­ge ist, so leicht kann sie miss­ver­stan­den wer­den. Das ist ei­ne Ge­fahr, die die Li­tur­gie durch das Evan­ge­li­um von der Ver­su­chung Je­su (→ Mt 4,1–11) un­mit­tel­bar the­ma­ti­siert.

 

7.2. Der Teu­fel als Exe­get (→ Mt 4,5–6)

 

In der Ver­su­chungs­ge­schich­te Je­su wird deut­lich, dass selbst das tiefs­te Ver­trau­ens­wort ins Ge­gen­teil ver­kehrt wer­den kann.

Der Ver­su­cher führt Je­sus auf die Zin­ne des Tem­pels und for­dert ihn auf, sich hin­ab­zu­stür­zen. Da­bei nutzt er als Ar­gu­ment die Ver­se aus Psalm 91. Hier ist ei­ne Ge­fahr er­kenn­bar: Der Teu­fel in­stru­men­ta­li­siert das Wort Got­tes als ei­ne Art ma­gi­sche Ver­si­che­rung. Er ver­sucht, das Ver­trau­en in Gott in ein Ex­pe­ri­ment zu ver­wan­deln, bei dem Gott zur Hil­fe­leis­tung ge­zwun­gen wer­den soll. 30: Miss­brauch der Ver­hei­ßung<

 

7.3. Die Gren­ze der In­ter­pre­ta­ti­on (Mt 4,7)

Die Ant­wort Je­su mar­kiert die ent­schei­den­de Gren­ze: „Wie­der­um steht auch ge­schrie­ben: Du sollst den Herrn, dei­nen Gott, nicht ver­su­chen.“

Je­sus hebt Psalm 91 da­mit nicht auf, aber er ver­wei­gert die ma­gi­sche Au­to­ma­tik. Gott bleibt sou­ve­rä­nes Ge­gen­über – er lässt sich nicht in­ner­halb ei­nes Sys­tems fest­schrei­ben, und sei es noch so stim­mig oder bi­blisch be­grün­det. 31: Ab­sa­ge an die Ab­si­che­rung

Gott zu ver­su­chen be­deu­tet, ihn zu ei­nem Au­to­ma­ten zu de­gra­die­ren, der auf Knopf­druck re­li­giö­ser Leis­tun­gen re­agie­ren muss. Die Zu­sa­ge bleibt ein Ge­schenk, kei­ne ein­klag­ba­re For­de­rung.

Fa­zit: Das Ge­rüst und das Le­ben

 

Die 40-Ta­ge-Ar­chi­tek­tur bil­det das Ge­rüst, und die Wort­bin­dung stellt den Raum dar. Das Le­ben in die­sem Raum ist je­doch kein Rück­zug in ei­ne ego­zen­tri­sche Si­cher­heit. Die je­sua­ni­sche Kor­rek­tur er­in­nert dar­an, dass Gott den Men­schen nicht aus der Ver­ant­wor­tung ent­lässt, son­dern ihn be­fä­higt und ihm dar­in ver­traut, Got­tes Wil­len zu tun, oh­ne ihn in der Aus­le­gung, Ver­kün­di­gung und re­li­giö­sen Pra­xis „ver­su­chen“ zu wol­len.

 

 

Wie es wei­ter­ge­hen kann

 

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Die Sonn­ta­ge als Count­down zum Os­ter­sonn­tag?

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→ Count­down zu Os­tern?

Ist die Ab­fol­ge der Sonn­ta­ge Sep­tu­a­ge­si­mä, Sex­a­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä ein Count­down auf Os­tern hin? Ei­ne Ana­ly­se.

Die Ab­fol­ge der Sonn­ta­ge Sep­tu­a­ge­si­mä, Sex­a­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä wird häu­fig als ein­heit­li­cher Count­down auf Os­tern ver­stan­den. Die­se Deu­tung er­scheint plau­si­bel, stimmt je­doch we­der mit den tat­säch­li­chen Ab­stän­den noch mit den Ziel­punk­ten der Zäh­lun­gen über­ein. Das Mo­dul ana­ly­siert die Struk­tur der Na­men und zeigt, dass ih­nen ei­gen­stän­di­ge Rück­wärts­zäh­lun­gen zu­grun­de lie­gen.

 
 

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Der Sonn­tag Quin­qua­ge­si­mä (Es­to­mi­hi)

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→ Der Sonn­tag Quin­qua­ge­si­mä

Der Sonn­tag Quin­qua­ge­si­mä (Es­to­mi­hi) bil­det den Ab­schluss der Vor­pas­si­ons­zeit. Sein Na­me be­zeich­net ei­ne ge­naue Zäh­lung, die am Os­ter­sonn­tag en­det.

Der Sonn­tag Quin­qua­ge­si­mä (Es­to­mi­hi) bil­det den Über­gang zur Pas­si­ons­zeit und wird oft als Teil ei­ner sym­bo­li­schen Zah­len­fol­ge ver­stan­den. Sein Na­me be­zeich­net je­doch ei­ne ei­gen­stän­di­ge Rück­wärts­zäh­lung mit dem Os­ter­sonn­tag als Ziel­punkt. Das Mo­dul zeigt, wie die­se Zähl­ord­nung auf­ge­baut ist und war­um gän­gi­ge Deu­tun­gen sie ver­feh­len.

 

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→Vier merkwürdige Namen

Im evan­ge­li­schen Kir­chen­ka­len­der tau­chen nach der Epi­pha­nias­zeit Sonn­ta­ge auf, de­ren Na­men kaum noch ver­ständ­lich sind. Die Stu­die fragt nach Er­klä­run­gen und Sinn.

Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr.
Die Übersicht zeigt alle Module.

 

 

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Reiner Makohl, Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Der Sonntag Quadragesimä (Invokavit), in: Stilkunst.de,
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