Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä
Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr
MODUL 5/9
Reiner Makohl | Februar 2026
Der Name Quadragesimä ist heute kaum noch gebräuchlich. Doch er gehört seit Jahrhunderten zur Reihe der vier lateinischen Namen im Kalender, die Zahlbezeichnungen sind: Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä. Heute wird der Sonntag Quadragesimä jedoch fast nur noch unter anderen Namen geführt: Invokavit oder auch Erster Sonntag der Passionszeit.
Die evangelische Passionszeit wurde bis weit in das 20. Jahrhundert hinein auch Fastenzeit genannt.
Die große, vorösterliche Fastenzeit umfasst vierzig Tage. Der lateinische Name für diese Tage lautet: Quadragesima, „vierzig [Tage]“. Oft wird das lateinische Wort „major“, „groß“ angefügt, also „Quadragesima major“, um im Kontext einer Aussage eindeutig zu machen, dass die vierzig Tage des Fastens gemeint sind, nicht der Sonntag Quadragesimä. Aber im Sprachgebrauch, im Kontext von Erklärungen, Erläuterungen und Verkündigung, wird die Unterscheidung keineswegs gepflegt: Der Sonntag Quadragesimä wird als Label für die vierzigtägige Fastenzeit genutzt.
Dieses Modul fragt daher, wie die Zahl vierzig im Kalender zu verstehen ist, weshalb in der liturgischen Praxis der lateinische Name Invokavit an die Stelle der Zahlbezeichnung tritt, und was der Sonntag mit Fastenzeit und Passionszeit zu tun hat.
📖Lesezeit ohne Fußnoten: ca. 25 Minuten, mit Studium der Fußnoten ca. 45 bis 60 Minuten.
Geringe Kenntnisse über die Struktur des evangelischen Kirchenjahres erleichtern das Verständnis.

Grafik: Der Sonntagsname Quadragesimä
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siehe unten.
Die evangelische Passionszeit wurde bis weit in das 20. Jahrhundert hinein auch Fastenzeit genannt, obwohl sich bereits die Reformatoren von dieser Begrifflichkeit abwandten. → 1: Die Sonntage der Fastenzeit
Der Sonntag Quadragesimä ist heute nicht mehr der „1. Sonntag in der Fasten“, sondern der erste Sonntag der Passionszeit und zugleich der sechste Sonntag vor Ostern. → 2: Die Sonntage der Passionszeit
Der Name bedeutet: der vierzigste [Tag]. Die Zeitspanne vom Sonntag Quadragesimä bis einschließlich Ostersonntag umfasst aber 43 Tage. Folglich zeigt Quadragesimä nicht auf Ostersonntag, sondern auf Gründonnerstag, drei Tage vor Ostersonntag.
Diese Bezeichnung „der vierzigste [Tag]“ ergibt sich aus der antiken und mittelalterlichen Zählweise, bei der Anfangs- und Endpunkt mitgezählt werden. Wird ausgehend vom Gründonnerstag als erstem Tag gezählt, dann ist der Sonntag Quadragesimä der vierzigste Tag dieser Spanne. → 3: Inklusivzählung
Die kalendarische Zählung funktioniert wie ein Abzählen im Sinne von „noch 40 Tage!“. Mit jedem Tag, der ab Quadragesimä vergeht, reduziert sich die Zahl, bis nur noch der eine Tag, Gründonnerstag, übrig ist.
In der evangelischen Tradition wird der Sonntag fast nur noch Invokavit genannt nach seinem Introitus Invocavit me, et ego exaudiam eum... („Er wird mich anrufen, und ich werde ihn erhören!“,
Ps 91,15). → 4: Introitus zum Sonntag Invokavit
Damit unterscheidet sich Invokavit wie der
Sonntag Estomihi von den vorausgehenden Sonntagen
Septuagesimä und
Sexagesimä. Während dort die Zahlbezeichnung im Vordergrund steht („siebzigster [Tag]“, „sechzigster [Tag]“), begegnet hier im gottesdienstlichen Gebrauch nahezu ausschließlich der Name, der aus dem Psalmvers abgeleitet ist.
Der Grund ist in der vorreformatorischen, liturgischen Funktion dieses Sonntags verwurzelt. Invokavit bildete die erste Station der Fastenzeit. Er wurde liturgisch als „das Tor zur Quadragesima“, der 40-tägigen Fastenzeit, verstanden. → 5: Das Tor zur Quadragesima
Die Identifikation des Sonntags Quadragesimä als exakter 40. Tag vor dem Gründonnerstag ist keine rein rechnerische Rekonstruktion, sondern findet ihre Entsprechung in der ursprünglichen liturgischen Schichtung. Während die spätere Tradition den Beginn der Fastenzeit auf den Aschermittwoch vorverlegte, markiert der Sonntag Quadragesimä architektonisch weiterhin das eigentliche „Tor“ zu diesem Zeitraum.
Quadragesimä, der erste Sonntag in der sechswöchigen Passionszeit, ist der vierzigste Tag einer kalendarisch durchgehenden Zeitspanne von vierzig Tagen, die bis Gründonnerstag reicht.
Die mittelalterlichen Bezeichnungen zeigen, dass dieser Sonntag sowohl mit der vierzigtägigen Fastenzeit als auch mit der liturgischen Reihe der Zahlsonntage verbunden wurde. Die unterschiedlichen Bezeichnungen spiegeln die verschiedenen Deutungen der Funktion dieses Sonntags im Kirchenjahr.
Der Sonntag Invokavit trug diesen Namen bereits im Mittelalter: Dominica invocavit, wobei das lateinische Wort »Dominica« Sonntag, eigentlich: [Tag] des Herrn, bedeutet. Wörtlich bedeutet Dominica invocavit also: Der Tag des Herrn [namens] ‚Er wird rufen'. → 6: Die mittelalterlichen Bezeichnungen
Eine weitere Bezeichnung ist: „der erste Tag des Herrn in der vierzigtägigen [Fastenzeit]“.
Der Sonntag Invokavit nahm von jeher eine besondere Stellung ein: Er war der erste Sonntag in der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern. Dieses Datum erhielt entsprechend viele, z. T. sehr unterschiedliche Bezeichnungen. Exemplarisch seien hervorgehoben:
Mit der Bezeichnung Dominica quadragesime (ohne Bezug zur Fastenzeit) fügt sich dieser Sonntag nahtlos an die Reihe der Sonntage in der Vorfastenzeit an (heute: Vorpassionszeit): → Septuagesimä (siebzigster [Tag]), → Sexagesimä (sechzigster [Tag]), → Quinquagesimä (fünfzigster [Tag]; d. i. Estomihi), (Passionszeit:) Quadragesimä (vierzigster [Tag]).
Dieser Name zeigt auf das Ende der Zeitspanne, auf Gründonnerstag, und verweist auf das
Triduum Sacrum, die Zeit der drei heiligen Tage, die am Karfreitag beginnen, nach vierzig Tagen ab diesem Sonntag.
Die mittelalterlichen Zeugnisse belegen, dass die Identität dieses Sonntags schon früh durch eine schleichende Verwechslung bedroht war. Während die Bezeichnung Dominica Quadragesime ursprünglich schlicht den 40. Tag in der Rückzählung von Gründonnerstag markierte, begann die aufkommende Fastenfrömmigkeit, den Namen als Inhaltsangabe für eine 40-tägige Dauer zu beanspruchen.
Autoren des Mittelalters sahen sich daher gezwungen, das mathematische Paradoxon zu erklären: Wenn der Sonntag „der Vierzigste“ heißt, aber bis Ostern 42 Tage vergehen und ohne Sonntage bis Karsamstag einschließlich nur 36 Tage für das Fasten verbleiben, bricht die Logik der Zahl 40 scheinbar zusammen.
Diese Not der offiziellen Erklärungen beweist jedoch im Umkehrschluss, dass der Name Quadragesime bereits als festes kalendarisches Label existierte, bevor versucht wurde, ihn mit der Fastendauer in Deckung zu bringen. → 7: Die Zeugen der Verwechslung
Die Geschichte der Fastenzeit lässt sich als ein Prozess der funktionalen Verdichtung beschreiben. Ursprünglich war das Fasten kein kalendarischer Block, sondern ein rhythmischer Vollzug des Mitleidens. Erst mit der Zeit entwickelte sich daraus eine organisierte Zeitspanne, welche die ursprüngliche Logik der Sonntagsnamen überdeckte.
In der frühen Kirche war das Fasten ein Ausdruck der Identität und des Mitleidens. Die Didache (Die Zwölf-Apostel-Lehre, eine Schrift aus der Zeit um 100 n. Chr.) belegt ein wöchentliches Fasten am Mittwoch und Freitag, jenen Tagen, an denen des Ratsbeschlusses gegen Jesus und seiner Kreuzigung erinnert wurde. Hier stand nicht die Vorbereitung auf die Auferstehung im Vordergrund, sondern die Gegenwart des Leidens. → 8: Das frühchristliche Fasten
Erst im 4. Jahrhundert (Konzil von Nicäa 325) festigte sich die Idee einer linearen, 40-tägigen Vorbereitungszeit, die Quadragesima. Diese Ausdehnung hatte eine klare Funktion: Sie diente als intensive Vorbereitungsphase der Taufbewerber (Katechumenat) für ihre Taufe in der Osternacht sowie als Zeitraum für die öffentliche Kirchenbuße. Das Fasten war hier ein kirchenrechtlich funktionales Instrument zur rituellen Reinigung vor der Wiederaufnahme in die Gemeinschaft bzw. der Eingliederung durch die Taufe. → 9: Die funktionale Doppelnatur der Quadragesima
Mit dieser Institutionalisierung trat die Diskrepanz zwischen Liturgie und Arithmetik zutage. Ursprünglich kannte die römische Liturgie wohl keine ununterbrochene Fastenperiode, sondern einzelne Fastenwochen, die den Weg nach Ostern gliederten. Erst im 7. Jahrhundert wurde die Zahl von 40 zusammenhängenden Tagen zum normativen Maßstab. → 10: Die Harmonisierung der 40 Tage
Da die Sonntage als wöchentliche Osterfeste fastenfrei blieben, entstand ein mathematisches Defizit: Wurde am Sonntag Quadragesimä (Invokavit) mit dem Fasten begonnen, ergaben sich bis zum Osterfest lediglich 36 Fastentage.
Dieser Befund ist bereits im späten 6. Jahrhundert ausdrücklich belegt. Papst Gregor der Große beschreibt in einer Predigt zum ersten Sonntag der Quadragesima (4. März 591), dass vom Sonntag Invokavit bis zum Osterfest sechs Wochen vergehen, also zweiundvierzig Tage. Zieht man die sechs Sonntage ab, bleiben sechsunddreißig Tage der Enthaltsamkeit. → 11: Beginn und Dauer der Quadragesima
Um die geforderte Zahl 40 zu erreichen, wurde später der Aschermittwoch als kalendarische Korrektur vorangestellt. Dadurch löste sich der Begriff der Quadragesima (als 40-tägige Dauer) von der Quadragesimä (als dem Sonntag, der den 40. Tag markiert). Der Sonntag wurde vom architektonischen Eckpfeiler zu einem bloßen Zählpunkt innerhalb einer bereits laufenden Zeitspanne.
Die Dominanz der Zahl 40 erklärt sich aus der theologischen Aufladung, die sie im Mittelalter erfuhr. Das Zeitmaß wurde zur theologischen Kategorie, die das mitleidende Gedenken durch ein System der Sühne ersetzte.
Die Differenz zwischen der symbolischen Zahl vierzig und den tatsächlich gezählten Fastentagen wurde in der älteren Tradition nicht rechnerisch korrigiert, sondern theologisch gedeutet.
Papst Gregor der Große erklärt in einer Predigt zum ersten Sonntag der Quadragesima (4. März 591), dass vom Sonntag Invokavit bis zum Osterfest nur sechsunddreißig Tage des Fastens verbleiben. Diese Zahl interpretiert Gregor als geistliche Ordnung: Die sechsunddreißig Tage erscheinen ihm als eine Art „Zehnt des Jahres“, der Gott dargebracht wird. → 12: Fasten als „Zehnt des Jahres“
Die Diskrepanz zwischen Kalender und Symbolzahl wurde somit zunächst nicht kalendarisch korrigiert, sondern symbolisch gedeutet. Erst in späterer Zeit setzte sich die Vorstellung durch, dass die Fastenzeit rechnerisch exakt vierzig Fastentage umfassen müsse.
Die Orientierung an der Zahl vierzig wurde dabei häufig zusätzlich durch den Hinweis auf das vierzigtägige Fasten Jesu (
Mt 4,1–11) gestützt. Diese Begründung ist jedoch exegetisch unzulässig. Das Fasten Jesu wird im Matthäusevangelium ausdrücklich als einzigartiges, den Gottessohn auszeichnendes Geschehen dargestellt und darf daher nicht zur Begründung einer kirchlichen Fastenpraxis herangezogen werden. → 13: Die unzulässige Begründung des Quadragesimafastens
In der Scholastik, exemplarisch bei Thomas von Aquin, wurde das Fasten als Instrument der Heiligung präzisiert. Es diente nicht mehr allein dem Gedenken, sondern explizit als Genugtuung (Satisfactio) für begangene Sünden.
In der mittelalterlichen Bußpraxis wurde Fasten zu einer messbaren Sühneleistung, deren Dauer häufig an Schwere und Art der Verfehlungen bemessen wurde. Diese Ökonomie des Heils machte die Zahl 40 zur Quantität einer heilsnotwendigen Leistung.
Der Sonntag Quadragesimä fungierte in diesem System primär als Eröffnung eines asketischen Programms zur Abarbeitung der Sündenschuld. → 14: Der Zweck des Fastens in der Scholastik
Martin Luther brach mit dieser Vorstellung des Fastens als verdienstlichem Werk und damit auch mit der damit verbundenen ökonomischen Belastung der Gläubigen. Er definierte das „rechte christliche Fasten“ als die „Betrachtung des Leidens Christi“. → 15: Das rechte christliche Fasten
Diese theologische Schärfung führte zur Etablierung der Passionszeit. Die liturgische Konsequenz war jedoch ein schleichender Gedächtnisverlust: Die inhaltliche Zentrierung auf die Passion überlagerte die mathematische Position der Sonntage im Kirchenjahr. Die evangelische Tradition behielt die Namen zwar bei, verlor aber das Bewusstsein für ihre Funktion als Rückwärtszählung vom Zielpunkt her.
Damit erweist sich die verbreitete Deutung der vierzig Tage als historisch gewachsen, aber theologisch nicht eindeutig begründet. Weder aus der kalendarischen Struktur noch aus dem Fasten Jesu noch aus der scholastischen Bußpraxis ergibt sich zwingend ein asketisches Programm.
Die Frage nach dem Sinn dieser Zeit im Kirchenjahr bleibt damit offen: Wozu dienen die vierzig Tage tatsächlich?
In der aktuellen kirchlichen Praxis begegnen wir einer widersprüchlichen Situation. Während die offizielle Liturgie (seit 1978) den Fastenbegriff zugunsten der Passion zurückgedrängt hat, erlebt das Fasten in den evangelischen Kirchen als individuelles Erlebnis eine Renaissance.
Moderne Initiativen versuchen heute, die Fastenzeit als Zeit bewusster Lebensgestaltung neu zu entdecken. Aus liturgiewissenschaftlicher Sicht wird hierbei jedoch oft ein Restaurationsversuch kritisiert, der eine Praxis wiederbelebt, ohne deren theologisches Fundament, die Bußdisziplin und die kalendarische Architektur, noch zu kennen. → 16: Kritik an liturgischer Restauration
Wenn etwa bei manchen Gläubigen der zuvor geübte Verzicht am Ostersonntag in eine Feier übergeht, die sich in üppigen Speisen als Abschluss der Fastenzeit ausdrückt, ist die theologische Ausrichtung verloren gegangen. Das Fasten dient dann nur noch als psychologischer Verstärker für den nachfolgenden Konsum, anstatt den Blick auf die befreiende Tat Gottes zu richten, die in Passion und Auferstehung ihr Ziel hat.
Die Untersuchung zeigt: Quadragesimä ist nicht deckungsgleich mit der „40-tägigen Fastenzeit“. Sie ist die architektonische Eröffnung einer Zeitspanne, die vollständig in die übergeordnete Struktur der Quinquagesimä eingebettet ist.
Während das moderne Verständnis die Fastenzeit oft als isolierten Block betrachtet, der am Aschermittwoch beginnt und am Karsamstag endet, markiert Quadragesimä den eigentlichen Beginn der Zielgeraden, die präzise am Gründonnerstag ihren Abschluss findet.
Durch die Neuentdeckung der Fastenzeit wird der Sonntag Quadragesimä zum bloßen Datum degradiert. Der Name ist unverständlich geworden und wird in modernen Leseordnungen nicht mehr genannt.
Um die Komplexität für die verschiedenen Zielgruppen greifbar zu machen, lässt sich die Entwicklung wie folgt darstellen:
| Epoche Tradition | Verständnis der Zeit vor Ostern | Fokus & Funktion |
|---|---|---|
| Frühkirche (Didache) | Situatives Gedenken | Mitleiden am Mittwoch (Verrat) und Freitag (Kreuz) |
| Mittelalter (Scholastik) | Quadragesima (Dauer) | Institutionelle Sühne, Katechumenat und Buß-Ökonomie (Satisfactio) |
| Reformation (Luther) | Passionszeit (Inhalt) | Innerliche Betrachtung des Kreuzes; Bruch mit der Werk-Gerechtigkeit |
| Gegenwart | Aktion / Wellness | Individuelle Selbstoptimierung; Erleben des Verzichts und ggf. des Fastenbrechens als Wert |
Die historische Entwicklung der Quadragesimä zeigt ein wiederkehrendes Muster: Immer wenn festgelegte Ordnungen des Kirchenjahres als zu abstrakt empfunden werden, sucht sich die Frömmigkeit greifbare Vollzüge. Wie Arnold Angenendt für das Mittelalter beschreibt, existierte bereits damals ein Verlangen nach einer vielfältigen Ritualität, bei der Heilszeichen und Heilsstoffe oft bedeutungsvoller waren als die sakramentale Mitte. → 17: Ritualität und Heilsstoff
In der gegenwärtigen kirchlichen Praxis lässt sich eine Renaissance dieser Tendenz beobachten. Das moderne Fasten ist zu einer Form von Volksfrömmigkeit geworden, die jedoch in ein doppeltes Spannungsfeld gerät:
Die aktuelle Sehnsucht nach spiritueller Erdung in religiösen, rituellen Handlungen führt oft zu einer Entkopplung von der evangelischen Wortbindung. Während das Ritual als stoffliches Erlebnis („Heilsstoff“) konsumiert wird, tritt die befreiende Botschaft zurück, dass das Heil nicht von menschlicher Leistung abhängt.
Eine sinntragende Struktur des Kirchenjahres will daher nicht zu neuen asketischen Leistungen antreiben. Sie dient vielmehr dazu, einen Raum offenzuhalten, in dem Gott bereits gehandelt hat: am „Hohen Donnerstag“ und am Kreuz. → 18: Die Bedeutung des Gründonnerstags

Der Name Quadragesimä ist eine Ordnungszahl (Ordinalzahl) und bedeutet „der Vierzigste“. Diese Zahl erschließt sich nicht durch eine vorwärtsgewandte Zeitrechnung, sondern durch die spezifische Konstruktionslogik der verschachtelten Zeitspannen, die durch die Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und nun auch Quadragesimä dargestellt werden.
Da der Ostertermin jedes Jahr neu berechnet werden muss, fungiert er als ein gravitatives Zentrum des Kirchenjahres. Von diesem festgestellten Datum aus entfaltet die Liturgie ihre Zeitstruktur in zwei Richtungen. In Vorwärtsrichtung ergeben sich ab Ostern zwei feste Zeitabstände: vierzig Tage bis Christi Himmelfahrt und fünfzig Tage bis Pfingsten. Aus den Namen der Vorpassionssonntage bis zum ersten Sonntag der Passionszeit ergeben sich die Zeitabstände in Rückwärtsrichtung. Für den Sonntag Quadragesimä meint das:
Der Zeitraum von Quadragesimä bis zum Gründonnerstag war in der alten Kirchenordnung eine der klassischen Bußzeiten im kirchenoffiziellen Verfahren der Kirchenbuße.
Schwere Vergehen verlangten zunächst ein nichtöffentliches Sündenbekenntnis vor dem Bischof, der einen Ausschluss aus der Eucharistiegemeinschaft ab Quadragesimä verhängte (eine Exkommunikation kleinen Ranges, die nicht einem Kirchenbann entsprach). Die Rekonziliation, die Wiederaufnahme in die Gemeinschaft, erfolgte vierzig Tage später, am Gründonnerstag. An diesem Tag wurden feierliche generalisierte Lossprechungen durch Absolutionsgebete vollzogen, in einer Messe gesprochen vom Bischof. → 19: Die altkirchliche Bußpraxis
Diese Struktur findet sich bereits bei Jacobus de Voragine bestätigt. Dass diese Zeitspannen bereits im Mittelalter als definierte Einheit verstanden wurden, zeigt Jacobus zu Beginn seiner Auslegung der Sonntage Septuagesimä, Sexagesima und Quinquagesimä → 20: Zeitspannen bei Jacobus:
Jacobus de Voragine beschreibt hier keine Symboliken, sondern eine kalendarische Bestimmung. Die Zahlen werden als fest umrissene Zeitspannen verstanden. Die Struktur steht vor der Deutung.
In seinen Ausführungen zu Quadragesimä weicht er von diesen nahezu formelhaften Formulierungen ab. Bereits zu seiner Zeit überlagerte die große Bedeutung des Fastens jede andere Erklärung. Jacobus stützt sich in seinen Ausführungen deshalb von Beginn an bis zum letzten Satz nur auf die Bedeutung des Fastens, da diese Zeitspanne keine andere liturgische Bedeutung annehmen kann. Für ihn endet sie am Karsamstag, weil es bis dahin vierzig Fastentage sind, völlig unabhängig von Kalendertagen. Ihm bleibt kein anderer Interpretationsspielraum, zumal die Tradition zu seiner Zeit keine anderen Bedeutungen bietet.
So schreibt er:
„Quadragesima, die Fastenzeit, beginnt am Sonntag, an dem man Invocavit me („Er wird mich anrufen“, Ps 91,15) singt. [...] Man beachte, dass Quadragesima 42 Tage umfasst, wenn man die Sonntage mitzählt. Wenn man die sechs Sonntage abzieht, bleiben 36 Tage zum Fasten, [...] Die vier Tage, die vorausgehen, rechnet man hinzu, damit die heilige Zahl von 40 Tagen voll wird, die der Heiland mit seinem Fasten geheiligt hat.“ → 21: Zeitrechnung bei Jacobus
Jacobus erkennt, dass die Anzahl der Kalendertage in keinem der von ihm gezeigten Berechnungen stimmig ist mit dem Namen des Sonntags.
In der kirchlichen Tradition wurde schon lange der Name nicht mehr als zusammenhängende, kalendarische Zeitspanne verstanden, sondern als eine Art liturgischer Anker, ein Label, für die Fastenzeit. Seine Anfügung, „damit die heilige Zahl von 40 Tagen voll wird“, wirkt wie eine Rechtfertigung dafür, dass anders als bei Septuagesimä, Sexagesimä und Quinquagesimä die Deutung des Namens als kalendarisch geschlossene Zeitspanne, in diesem Fall bis Gründonnerstag, nicht mehr möglich ist.
Die Fastenbedeutung hat die logische Namensbedeutung längst überformt, und mündet in Erklärungen, warum am Sonntag Quadragesimä die Fastenzeit nicht beginnt, aber von dessen Namen markiert wird.
Quadragesimä, der erste Sonntag in der sechswöchigen Passionszeit, ist der vierzigste Tag einer kalendarisch durchgehenden Zeitspanne, die bis Gründonnerstag reicht. Mehr sagt der Name nicht, aber genau das sagt er.
Davon zu unterscheiden ist spätestens seit der Zeit, in der die Fastenzeit nicht mehr am Sonntag Invokavit begann und mit Gründonnerstag endete, die Quadragesima major, die bedeutende vorösterliche vierzigtägige Fastenzeit, deren Ende auf den Karsamstag festgelegt wurde und deren Beginn in der Geschichte Fastenregeln bestimmten.
Die Namensgleichheit erlaubt es nicht, Sinn und Funktion eines Sonntags mit einer Zeitspanne des Fastens gleichzusetzen, die mit jener kalendarischen Zeitspanne, die der Sonntag Quadragesimä einleitet, nicht in Übereinstimmung gebracht werden kann.
Quadragesimä fordert nicht dazu auf, Gott in asketischer Praxis zu suchen, sondern ihn in konkreten Begegnungen mit Mitmenschen zu erkennen.
Die Rehabilitation der ursprünglichen 40-Tage-Architektur ist nicht bloß kalendergeschichtlich relevant. Sie betont eine grundlegende Ausrichtung christlicher Lehre: die Sicht auf den Einzelnen, auf den Nächsten als Individuum, die der Theologe und Kirchenhistoriker Arnold Angenendt „extremen Personalismus“ des Christentums nennt. → 22: Personalismus im Christentum
Sie führt weg von einer Form der Frömmigkeit, die sich im evangelischen Horizont nicht aufdrängen darf: eine reflexive, werkförmige Selbstbearbeitung, die den Ort der Gottesbegegnung im eigenen Vollzug statt im Wort und im Nächsten erleichtern will und sucht.
Oft wird Fasten heute als „Selbstöffnung“ begründet, als Methode, „um innerlich freier und sensibler für Gott zu werden“, um also den Menschen für Gott empfänglich zu machen. Doch dieses Argument gleicht dem Versuch eines Kranken, seine Krankheiten selbst zu diagnostizieren und zu therapieren, anstatt sich direkt an den Arzt zu wenden, und auf ihn zu hören (fides ex auditu, Glaube entsteht aus dem Hören des Wortes). → 23: Das Prinzip „ex auditu“
Auch dort, wo die Freiwilligkeit des Fastens betont wird, befreit das die religiöse Praxis nicht von einer impliziten Verbindlichkeit. Wenn Fasten als geistlich wertvoll dargestellt wird, etwa weil es den Menschen für Gott „öffnen“ oder spirituelle Erfahrungen erleichtern soll, entsteht ein Erwartungsdruck, der sich auch aus der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ergibt.
Menschen können dadurch in emotionale, soziale und religiöse Nöte geraten. Die Frage ist dann nicht mehr, wie man begründet, warum man nicht fastet, sondern was geschieht, wenn man sich dieser Erwartung entzieht.
Die naheliegende „Lösung“ besteht darin, dem Druck nachzugeben und sich der Erwartung zu beugen. Die Entscheidung bleibt formal frei, ist jedoch inhaltlich und emotional vorgeprägt.
Das evangelische Verständnis betont: Das Wort ist selbst die Kraft, die den Tauben das Gehör schenkt. Es braucht keine spirituelle Vorbereitung, um wirksam zu sein, es schafft sich seine Wirksamkeit selbst, oft gerade dort, wo der Mensch unvorbereitet, abgelenkt oder „unspirituell“ ist.
Einem Workaholic nützt es wenig, auf Speisen zu verzichten, wenn das eigentliche Leiden, die Unfähigkeit zur Ruhe und zur Begegnung außerhalb jeder Arbeit, unberührt bleibt.
Wenn Fasten zur Eigentherapie genutzt wird, schießt es oft am eigenen blinden Fleck vorbei. Der Mensch kennt sich selbst meist nicht in der Tiefe, die für eine echte Heilung im medizinischen, vor allem aber im geistlichen Sinn nötig wäre.
Das birgt die Gefahr von Bestätigungsfehlern in sich (Fachbegriff: Confirmation Bias): Der Eigentherapie widersprechende Informationen werden ausgeblendet, kleine Zufallsverbesserungen werden als Beweis der Wirksamkeit interpretiert. Die Fortsetzung und Wiederholung von Handlungen, deren Ergebnisse nicht zielführend wirken, kann sogar zu einer Eskalation der Selbstbindung führen (Commitment Escalation): Ein Abbruch würde bedeuten, dass die Entscheidung, zu fasten, falsch war, weshalb die Strategie noch stärker verfolgt wird und weitere Fastenaktionen durchgeführt werden. → 24: Eskalation der Sühneleistungen
Schon in der Spätantike und im Mittelalter war bekannt, dass Fasten gesundheitliche Risiken in sich birgt, was viele Menschen jedoch nicht davon abhielt, ihre Fastenpraxis zunehmend zu steigern. Das führte nicht selten bis an den Rand der Selbsttötung. Die körperliche Schwächung wurde in Kauf genommen, doch der Verzicht ließ die Büßer beinahe verhungern oder an Dehydrierung sterben. → 25: Lebensgefährliche Fastenpraxis
Jacobus de Voragine beschreibt, dass es bekannt war, dass Fasten die Gesundheit schädigen kann, und nicht verbessert. Er verweist auf Papst Miltiades († 314) und Papst Silvester († 335), die bestimmt hätten, dass an jedem Samstag zweimal gegessen werden dürfe, damit Menschen nicht durch die vorgeschriebene Enthaltsamkeit an den Freitagen geschwächt werden. → 26: Kein Fasten am Samstag aus gesundheitlichen Gründen
Ebenso klagte Martin Luther über Fastenregeln, die nicht selten zum Tod von Schwangeren, Säuglingen, Kranken und Schwachen führten. → 27: Luthers Klage gegen schädliche Fastenpraxis
In den Evangelien des Matthäus und des Lukas wird berichtet, dass Jesus vor seinem öffentlichen Wirken eine vierzigtägige Zeit in der Wüste verbrachte, die mit Fasten verbunden ist (
Mt 4,1–11;
Lk 4,1–13). Das Markusevangelium erwähnt lediglich den Aufenthalt in der Wüste und die Versuchung, ohne ein Fasten zu nennen (
Mk 1,12–13).
Fasten wird heute neu entdeckt und wie schon im frühen Mittelalter als Mittel verstanden, den Menschen für Gott zu öffnen. Wenn dabei auf Jesu vierzigtägiges Fasten in der Wüste verwiesen wird, dann sollte der Kern der Geschichte bedacht werden: Sie ist eine Geschichte über Anfechtung, nicht über die Wirksamkeit oder Sinnigkeit des Fastens. Die Versuchungsgeschichte zeigt, dass Fasten keinen geschützten Raum erzeugt, sondern ein Ort der Anfechtung ist. Bestehen kann dort nur, wer im Glauben bereits gefestigt ist, und nicht, wer ihn erst durch die Praxis gewinnen oder stärken will.
Für die Zeit seines öffentlichen Wirkens findet sich kein Hinweis darauf, dass Jesus selbst gefastet hätte. Überliefert ist vielmehr seine Kritik an einer heuchlerischen Fastenpraxis (
Mt 6,16–18), ohne dass Fasten dabei als gebotene Praxis eingeführt oder begründet wird.
Tatsächlich wurde bereits früh in der Kirchengeschichte eine Verbindung von Gebet und Fasten hergestellt, insbesondere dort, wo dem Gebet besondere Wirksamkeit zugeschrieben wurde, etwa im Exorzismus. So lassen sich die späteren Erweiterungen der neutestamentlichen Überlieferung in
Mt 17,21 und
Mk 9,29 erklären. Ein tragfähiger neutestamentlicher Beleg für diese Verbindung fehlt. → 28: Beten und Fasten
Auch außerhalb der Evangelien erscheint Fasten nicht als allgemein verbindliche Praxis. Zwar wird in der Apostelgeschichte von Fastenzeiten im Zusammenhang gemeindlicher Entscheidungen berichtet (Apg 13,2–3; 14,23). Diese Stellen beschreiben konkrete Situationen und begründen keine allgemeine Ordnung. Lukas erklärt das Fasten nicht, fordert es nicht ein und gibt ihm keine eigenständige theologische Funktion; er setzt es als selbstverständlichen Bestandteil gottesdienstlichen Handelns voraus, und zwar in einer Welt, in der Fasten als religiöser Ausdruck sowohl im jüdischen Glauben als auch in den griechischen und syrischen Religionen der Zeit selbstverständlich war.
Die Briefe des Neuen Testaments nennen keine Fastenpraxis als religiöse Übung. Paulus erwähnt Fasten in 2 Kor 6,5 und 11,27 lediglich im Kontext von Entbehrungen und apostolischen Leiden, nicht als empfohlene oder gebotene Praxis. Eine normative Grundlage für christliches Fasten lässt sich dem Neuen Testament damit nicht entnehmen.
In der Begegnung mit der Samariterin am Brunnen, dem Evangelium des Sonntags Quadragesimä im ambrosianischen Ritus, begegnet der Mensch dem göttlichen Gegenüber in einer Weise, die jede psychologische Eigendiagnose übersteigt. Jesus offenbart der Frau ihre eigene Geschichte in einer Tiefe und Detailschärfe, die sie selbst so weder ausgesprochen noch sich eingestanden hätte. Darin erweist sich das Wort als das eigentliche heilende Agens: Jesus stellt die Diagnose nicht als distanzierter Beobachter, sondern als derjenige, der das „lebendige Wasser“ (Joh 4,14) als sakramentale Zusage reicht.
Diese Zusage ist das theologische Fundament der Taufe, die den Menschen bedingungslos an Gott bindet und als einmaliges Ereignis nicht wiederholt werden muss. Sie ist ein endgültiges Ereignis, das jede Notwendigkeit einer spirituellen Selbstmedikation beendet.
Die Heilung des Menschen geschieht hier also explizit nicht durch eine reflexive Innenschau oder die mühsame Schärfung der eigenen Sinne, sondern allein durch das Hören auf das Wort dessen, der das Gegenüber bereits kennt, bevor es ein Wort über sich selbst verliert.
Der Fokus verschiebt sich radikal: Weg von der Qualität der menschlichen Reue hin zur Qualität der göttlichen Ansprache.
Um die Tragweite des personalistischen Perspektivwechsels zu verstehen, muss die biblische Kritik am rein reflexiven Fasten in ihrer ganzen Schärfe ernst genommen werden.
Hier prallen zwei unvereinbare Vorstellungen von Frömmigkeit aufeinander. Auf der einen Seite steht die reflexive Illusion, die das Fasten als private Übung begreift, um das eigene Ich für Gott offen zu machen. In diesem Modell wird Gott zum fernen Ziel einer inneren Reinigung, bei der der Mensch versucht, einen Kanal in sich selbst freizulegen, damit Gott ihn fülle.
Dieser Selbstschau setzt der prophetische Einspruch in
Jesaja 58 (V. 1–12) ein jähes Ende. Gott lässt dort unmissverständlich ausrichten, dass er auf eine Frömmigkeit, die sich im rituellen Verzicht erschöpft, während gleichzeitig soziale Ungerechtigkeit herrscht, nicht reagiert.
Das wahre, gottgefällige Fasten wird hier nicht als meditative Leerwerdung definiert, sondern als kompromisslose Hinwendung zum Mitmenschen: Es geht darum, die Fesseln des Unrechts zu lösen und dem Hungrigen das eigene Brot zu reichen. Gott verlangt keine religiöse Selbstbespiegelung, sondern den aktiven Beistand für den Nächsten.
Schon Gregor der Große greift diese prophetische Kritik ausdrücklich auf. In einer Predigt zum ersten Sonntag der Quadragesima erinnert er daran, dass Fasten ohne tätige Hilfe für Bedürftige keine geistliche Bedeutung besitzt. Was der Mensch sich selbst entzieht, solle dem Mitmenschen zugutekommen; erst durch diese Verbindung mit der Nächstenliebe werde das Fasten vor Gott gerechtfertigt. → 29: Gregor der Große über Fasten
Jesus radikalisiert diese prophetische Forderung in der Vision vom Weltgericht (
Matthäus 25,31–46) noch einmal entscheidend. Er geht über den bloßen ethischen Appell hinaus und identifiziert sich restlos mit dem Bedürftigen.
Gott begegnet dem Menschen demnach nicht in einem „reinen Inneren“, das am Ende einer Fastenkur erreicht wird, sondern im physischen Gegenüber. In der Logik Jesu ist er selbst der Nächste. Damit wird jede Leistung am bedürftigen Menschen unmittelbar und ohne den Umweg über eine spirituelle Technik zu einer Leistung an Gott. Der Schauplatz der Gottesbegegnung wird so endgültig aus der Innerlichkeit des Individuums in den Raum zwischen den Personen verlegt.
Um den Übergang von der biblischen Forderung (Jes 58 / Mt 25) zur täglichen Praxis zu vollziehen, bedarf es einer Definition der Begegnung. Der christliche Personalismus ist kein diffuses Gefühl, sondern ein dynamisches Gefüge. Er bricht die anonyme Masse auf und setzt an ihre Stelle die konkrete, unverwechselbare Beziehung zwischen drei Polen:
Wer im Mitmenschen nur den Vertreter einer Gruppe sieht, verfehlt den jesuanischen Personalismus. Gott begegnet uns nicht in der Abstraktion des Kollektivs, sondern in der Konkretheit des Gegenübers.
Die jesuanische Korrektur richtet sich gegen jede Tendenz, Mitmenschen in Gruppen zu sortieren, selbst wenn dies geschieht, um einen moralischen Anspruch geltend zu machen. Gott begegnet dem Einzelnen nicht in der Abstraktion des Kollektivs, sondern in der Konkretheit seiner individuellen Existenz.
Wer einen Menschen nur noch als Teil einer perspektivisch zugeschnittenen Gruppe wahrnimmt, begegnet einem Abstraktum, nicht einer Person. In diesem Moment verliert der Mensch seinen Wert als Subjekt in der Dreiecksbeziehung zwischen Ich, Mitmensch und Gott; er wird zum bloßen Objekt einer Meinung, einer gesellschaftlichen Moral oder einer politischen Betrachtung.
Doch nur durch die würdigende, wertschätzende Kommunikation zwischen Ich und Mitmensch, die sich im transitiven Denken, Reden und Handeln ausdrückt, wird diese Beziehung zu jenem Gottesdienst, der die bloße reflexive Bußfrömmigkeit überwindet und von Gott gefordert wird.
Die absolute Verdichtung der jesuanischen Ethik findet sich in der Goldenen Regel: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ (
Mt 7,12).
Jesus erklärt diese Regel zur maßgeblichen Auslegungsnorm für das Gesetz und die Propheten, und damit auch für die prophetische Fastenkritik eines Jesaja. Damit wird jede Form von Frömmigkeit, die sich nicht im personalen Handeln am Nächsten bewährt, als hinfällig markiert.
Die Goldene Regel ersetzt die Suche nach rituellen Sühneleistungen durch aktive, empathische Tatkraft. Der Mensch soll nicht mehr darüber nachdenken, wie er sich vor Gott rituell absichern oder durch Zerknirschung klein machen kann, sondern wie er für den anderen wirksam werden kann. Hier vollzieht sich die entscheidende Wende: Die reflexive Buße, das Kreisen um den eigenen geistlichen Zustand, tritt hinter das transitive Denken, Reden und Handeln zurück.
Der Boden der Handlung wird nicht mehr in der Qualität der eigenen Reue gesucht, sondern in der konkreten Existenz des Nächsten. Bevor Not gelindert werden kann, muss der Mensch als unverwechselbare Person erkannt worden sein, und zwar jenseits aller kollektiven Zuschreibungen oder politischen Abstraktionen.
Wer erst auf die Not reagiert, wenn sie physisch greifbar wird, kommt oft zu spät. Die Gewalt gegen das Menschsein beginnt bereits dort, wo das DU zur anonymen Gruppe oder zum logistischen Problem degradiert wird. Die Geschichte zeigt, dass diese Abstraktion keine theoretische Gefahr ist: Wo ein einziges Merkmal – ein Stern auf dem Mantel, ein Antrag auf Asyl, eine Hautfarbe, eine Religionszugehörigkeit – zum alleinigen Definitionskriterium einer Person wird, ist der Weg von der Klassifizierung zur Entrechtung und von der Entrechtung zur Gewalt kein langer. Die Wannseekonferenz belegt als radikales Gegenbild zum Personalismus, wohin diese Logik führt. Christliches Handeln ist daher transitiv: Es verharrt nicht in einer inneren Befindlichkeit, sondern schützt den Mitmenschen in seiner Existenz, noch bevor er zum Opfer wird.
Die folgende Tabelle belegt, wie
Matthäus 25,31–46 (Vom Weltgericht) die Forderungen aus
Jesaja 58,1–12 (Vom falschen und richtigen Fasten) aufgreift und zusammen mit der Bergpredigt (
Mt 5,1 – 7,29), der Goldenen Regel (
Mt 7,12) und dem Doppelgebot der Liebe (
Mt 22,37–40) zu einem Schwerpunkt der jesuanischen Lehre macht. Nicht die reflexive Buße des Mittelalters, sondern der tätige Personalismus ist der existenziell bedeutsame Kern christlichen Lebens.
| Notlage des Mitmenschen | Die prophetische Forderung (Jesaja 58) | Die jesuanische Identifikation (Matthäus 25) |
|---|---|---|
| Hunger | „Brich dem Hungrigen dein Brot“ (V. 7) | „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben“ (V. 35) |
| Durst | (Folge: „wie eine wasserreiche Quelle“ V. 11) | „Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben“ (V. 35) |
| Obdachlosigkeit | „die Elenden ohne Obdach führe ins Haus“ (V. 7) | „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ (V. 35) |
| Mangel | „Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn“ (V. 7)“ | „Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet“ (V. 36) |
| Krankheit | (Folge: „deine Heilung schreitet voran“ V. 8) | „Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht“ (V. 36) |
| Gefangenschaft | „die Fesseln des Unrechts lösen“ (V. 6) | „Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen“ (V. 36) |
Wenn das Ziel dieser Zeit die Begegnung mit Gott ist, dann ist ein auf sich selbst bezogenes Fasten funktionslos. Es bleibt eine spirituelle Leerfahrt in der eigenen Reflexivität.
Die Architektur der 40 Tage hingegen will den Menschen fähig machen, Gott im Nächsten wahrzunehmen (Personalismus).
Dieser Weg führt konsequent zum Abendmahl am Gründonnerstag. Dort wird die Zusage der Gegenwart Gottes („Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“,
Mt 18,20) für jeden feierlich erfahrbar, der in diesen 40 Tagen die Gemeinschaft mit Gott im Nächsten gesucht hat. Es ist das Fest jener, die sich geweigert haben, den anderen zum „Problem“ zu machen, und stattdessen die transitive Beziehung gelebt haben.
Die Dreieinigkeit des Glaubens besteht in der Beziehung ICH – GOTT – DU als Dreieck, dessen Anfang und Ende Gott ist.
Der Sonntag Invokavit bezieht seinen Namen und sein Profil aus
Psalm 91, dem klassischen Gebet des Vertrauens. In diesem Psalm begegnet eine überwältigende Schutzzusage Gottes an den Beter: Gott ist die Zuflucht und die Burg; er rettet vor der Schlinge des Jägers und vor der Pest; er breitet seine Flügel schützend aus.
„Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ (
Ps 91,11–12)
Diese Zusage ist der Inbegriff des Personalismus: Gott wendet sich dem Individuum in seiner existenziellen Bedrohung zu. Doch genau hier setzt die jesuanische Korrektur ein. Denn so unmittelbar diese Schutzzusage ist, so leicht kann sie missverstanden werden. Das ist eine Gefahr, die die Liturgie durch das Evangelium von der Versuchung Jesu (
Mt 4,1–11) unmittelbar thematisiert.
In der Versuchungsgeschichte Jesu wird deutlich, dass selbst das tiefste Vertrauenswort ins Gegenteil verkehrt werden kann.
Der Versucher führt Jesus auf die Zinne des Tempels und fordert ihn auf, sich hinabzustürzen. Dabei nutzt er als Argument die Verse aus Psalm 91. Hier ist eine Gefahr erkennbar: Der Teufel instrumentalisiert das Wort Gottes als eine Art magische Versicherung. Er versucht, das Vertrauen in Gott in ein Experiment zu verwandeln, bei dem Gott zur Hilfeleistung gezwungen werden soll. → 30: Missbrauch der Verheißung<
Die Antwort Jesu markiert die entscheidende Grenze: „Wiederum steht auch geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“
Jesus hebt Psalm 91 damit nicht auf, aber er verweigert die magische Automatik. Gott bleibt souveränes Gegenüber – er lässt sich nicht innerhalb eines Systems festschreiben, und sei es noch so stimmig oder biblisch begründet. → 31: Absage an die Absicherung
Gott zu versuchen bedeutet, ihn zu einem Automaten zu degradieren, der auf Knopfdruck religiöser Leistungen reagieren muss. Die Zusage bleibt ein Geschenk, keine einklagbare Forderung.
Die 40-Tage-Architektur bildet das Gerüst, und die Wortbindung stellt den Raum dar. Das Leben in diesem Raum ist jedoch kein Rückzug in eine egozentrische Sicherheit. Die jesuanische Korrektur erinnert daran, dass Gott den Menschen nicht aus der Verantwortung entlässt, sondern ihn befähigt und ihm darin vertraut, Gottes Willen zu tun, ohne ihn in der Auslegung, Verkündigung und religiösen Praxis „versuchen“ zu wollen.
Ist die Abfolge der Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä ein Countdown auf Ostern hin? Eine Analyse.
Die Abfolge der Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä wird häufig als einheitlicher Countdown auf Ostern verstanden. Diese Deutung erscheint plausibel, stimmt jedoch weder mit den tatsächlichen Abständen noch mit den Zielpunkten der Zählungen überein. Das Modul analysiert die Struktur der Namen und zeigt, dass ihnen eigenständige Rückwärtszählungen zugrunde liegen.
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Der Sonntag Quinquagesimä (Estomihi) bildet den Übergang zur Passionszeit und wird oft als Teil einer symbolischen Zahlenfolge verstanden. Sein Name bezeichnet jedoch eine eigenständige Rückwärtszählung mit dem Ostersonntag als Zielpunkt. Das Modul zeigt, wie diese Zählordnung aufgebaut ist und warum gängige Deutungen sie verfehlen.
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Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr.
Die Übersicht zeigt alle Module.
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Abbildung: Der Sonntagsname Quadragesimä
Grafik: Reiner Makohl
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Reiner Makohl, Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Der Sonntag Quadragesimä (Invokavit), in: Stilkunst.de,
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