Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä
Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr
MODUL 2/9
Reiner Makohl | Februar 2026
Der Sonntag Septuagesimä wird heute oft als Beginn einer historisch verwurzelten Vorfastenzeit verstanden oder symbolisch mit den siebzig Jahren der babylonischen Gefangenschaft erklärt. Beide Deutungen greifen zu kurz.
Dieses Modul untersucht, was der Name tatsächlich bezeichnet, welche historischen Erklärungen sich nachweisen lassen und ob sie den liturgischen Befund tragen. Dabei zeigt sich: Der Name ist kein frommes Zahlenspiel, sondern Ausdruck einer präzisen kalendarischen Ordnung.
📖Lesezeit ohne Fußnoten: ca. 15 Minuten | mit Studium der Fußnoten: ca. 30 Minuten | Geringe Vorkenntnisse erforderlich

Grafik: Der Sonntagsname Septuagesimä
Bildnachweis:
siehe unten.
Septuagesima beginnt am Sonntag, an dem Circumdederunt me („Es umfingen mich“; Ps 18,5) gesungen wird, und endet am Samstag nach Ostern.
Jacobus de Voragine
Der Sonntag Septuagesimä (lat.: septuagesima: der Siebzigste) ist – sofern im Kalender vorhanden! – der dritte Sonntag vor der Passionszeit. → 1: Vorpassionszeit
Der Name bedeutet: der siebzigste [Tag]. Der Sonntag liegt 63 Tage vor Ostern. Er zeigt daher nicht auf den Ostersonntag, sondern auf das Ende der Osterwoche: auf den Tag vor dem Sonntag Quasimodogeniti, den siebzigsten Tag seit Septuagesimä. → 2: Inklusivzählung
Die mittelalterliche Bezeichnung Dominica septuagesimae ist ein fester Name für diesen Sonntag. Übersetzt ließe er sich etwa so wiedergeben: „Sonntag, der der siebzigste [Tag vor Quasimodogeniti] ist“.
Der Name bezeichnet somit eine siebzig Tage umfassende Zeitspanne. Nach älterem liturgischem Brauch gewinnt diese Zeitspanne eine hörbare Gestalt, insofern ab Septuagesimä das Halleluja im Gottesdienst verstummte und erst im österlichen Festkreis wieder voll aufgenommen wurde. Damit wird ein wesentlicher Zug des Namens sichtbar: Er steht nicht für eine vage Zahlensymbolik, sondern für eine geordnete Zeitbestimmung mit liturgischer Wirkung.
Heute kennen wir als vorösterliche Fastenzeit die Zeit von Aschermittwoch bis Karsamstag. Diese Ordnung ist jedoch das Ergebnis einer längeren liturgischen Entwicklung und war in der frühen Kirche weder überall gleich noch von Beginn an einheitlich geregelt.
Bereits im 4. Jahrhundert bildete sich — ausgehend vom östlichen Teil des Reiches — eine vierzigtägige Vorbereitungszeit auf Ostern heraus, die in Rom erst im 5. Jahrhundert zur stabilen Quadragesima wurde. Predigten Leos des Großen († 461) setzen eine fest etablierte vierzigtägige Bußzeit vor Ostern voraus, erwähnen jedoch noch keine Vorfastensonntage. → 3: Entwicklung der Quadragesima in Rom
Die Vierzigzahl der Fastentage ist damit älter als die später sogenannte Vorpassionszeit.
Die Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä und Quinquagesimä treten liturgisch deutlich erst im 6. Jahrhundert hervor. In der römischen Sakramentarüberlieferung, deren älteste Schichten in diese Zeit zurückreichen, erscheinen eigene Messformulare für diese Sonntage. → 4: Vorfastensonntage im Gelasianischen Sakramentar
Die häufig wiederholte Erklärung, wegen der fastenfreien Donnerstage habe man zur Erreichung der vierzig Fastentage eine zusätzliche Woche eingefügt und diese „Septuagesima“ genannt, begegnet erst im 13. Jahrhundert bei Jacobus de Voragine in seiner Legenda Aurea (Goldene Legende). → 5: Mittelalterliche Deutung der Septuagesima
Sie stellt keine zeitgenössische Entstehungserklärung dar, sondern eine mittelalterliche Deutung einer längst bestehenden liturgischen Ordnung. Für die Entstehungszeit der Vorfastensonntage im 6. Jahrhundert fehlt ein entsprechender Beleg.
Auch ein chronologisches Argument spricht gegen diese Ableitung: Die vierzigtägige Quadragesima ist im 5. Jahrhundert bereits gesichert. Die Vorfastensonntage treten erst später deutlich hervor. Sie können daher nicht als ursprüngliche Voraussetzung der Vierzigzahl verstanden werden.
Zudem ist zu beachten, dass Sonntage in der römischen Tradition grundsätzlich nicht als Fastentage gezählt wurden. Das Quatemberfasten, das seit dem 5. Jahrhundert bezeugt ist, lag im Frühjahr im Monat März und kann kalendarisch nicht mit der Woche nach Septuagesimä identisch gewesen sein. → 6: Quatemberfasten im Frühjahr
Eine Herleitung des Namens aus einer rechnerischen Korrektur einzelner Wochentage bleibt daher historisch unsicher.
Hinzu kommt ein strukturelles Argument: Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä bilden eine absteigende Dekadenreihe. Diese Reihe ist formal geschlossen. Sie wirkt nicht wie eine nachträgliche Kompensation einzelner Fastentage, sondern wie eine bewusst angelegte kalendarische Zählordnung.
Die Fastenargumentation erklärt die Entstehung des Namens daher nicht hinreichend. Sie erweist sich als sekundäre Deutung, nicht als Ursprung.
In der liturgiegeschichtlichen Diskussion um die Vorfastenzeit wird gelegentlich darauf verwiesen, dass das erste Quatemberfasten des Jahres am Mittwoch, Freitag und Samstag nach Septuagesimä gelegen habe. Von dort aus wird eine Verbindung zwischen der Vorfastenzeit und besonderen Fastentagen des Kirchenjahres hergestellt.
Das sogenannte Quatemberfasten (lat. Quattuor tempora, vier Jahreszeiten) umfasste jeweils Mittwoch, Freitag und Samstag zu Beginn der vier Jahreszeiten. Bereits im 5. Jahrhundert sind solche Fastenzeiten in Rom bezeugt. → 7: Quatember in Rom
Das Frühlingsquatember lag im März und fällt damit regelmäßig in die eigentliche vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern, die Quadragesima (major) bezeichnet. Der Begriff meint die Fastenzeit selbst und ist vom Sonntag Quadragesimä zu unterscheiden.
Eine Identifikation der Woche nach Septuagesimä mit dieser Vierzigzeit ist historisch nicht belegt.
Martin Luther verwendet in seinen Predigten über
Matthäus 6,16–18 die Bezeichnungen Goldfasten oder Fronfasten. → 8: Luther und das „Goldfasten“
Gemeint sind damit kirchlich angeordnete Fastentage, insbesondere die Quatembertage. Diese Terminologie liefert jedoch keinen Beleg dafür, dass die Woche nach Septuagesimä ursprünglich als eigenständige Fastenwoche eingeführt worden sei.
Die mittelalterliche Fastenpraxis war insgesamt vielfältig und regional unterschiedlich geregelt. Aus dieser Vielfalt lässt sich jedoch keine eindeutige Ableitung des Namens Septuagesimä gewinnen. Die Existenz zusätzlicher Fastentage erklärt nicht die Entstehung der Dekadenbezeichnung.
In der älteren liturgischen Überlieferung wird die Zeit zwischen Septuagesimä und dem Sonntag nach Ostern mit der Vorbereitung von Taufbewerbern (Katechumenen) in Verbindung gebracht. Diese Beobachtung knüpft an die Praxis der Alten Kirche an, Taufen bevorzugt in der Osternacht zu vollziehen.
Bereits im 4. Jahrhundert ist bezeugt, dass erwachsene Taufbewerber in der österlichen Bußzeit eine intensivere Unterweisung erhielten. → 9: Katechumenenunterricht im 4. Jahrhundert
Die eigentliche Vorbereitungszeit war jedoch nicht die Periode ab Septuagesimä, sondern die vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern. Diese diente der geistlichen Sammlung, Unterweisung und Prüfung der Taufkandidaten.
Die Neugetauften trugen während der Osterwoche weiße Gewänder als Zeichen ihrer neuen Zugehörigkeit zu Christus. Der Sonntag nach Ostern wurde daher als Dominica in albis depositis bezeichnet, als „Sonntag der abgelegten weißen Gewänder“. → 10: Dominica in albis depositis
Erst an diesem Tag legten die Neugetauften ihre Taufkleider ab und traten sichtbar in die Gemeinde ein.
Aus dieser Praxis ergibt sich jedoch keine zwingende Begründung für den Namen Septuagesimä. Die Taufvorbereitung konzentrierte sich liturgisch auf die Quadragesima major, nicht auf eine siebzig Tage umfassende Zeitspanne. Auch die Bezeichnung des Sonntags nach Ostern verweist auf das Ablegen der weißen Gewänder, nicht auf eine siebzigjährige oder siebzigtägige Symbolik.
Die Annahme, die Zeit von Septuagesimä bis zum Sonntag nach Ostern habe als eigenständige Taufzeit gegolten, lässt sich in den frühen liturgischen Quellen nicht eindeutig nachweisen. → 11: Liturgische Quellenlage zur Vorpassionszeit
Vielmehr ist davon auszugehen, dass spätere Deutungen die vorhandene Taufpraxis mit der bereits bestehenden Dekadenreihe der Sonntagsnamen verbanden.
Die Taufpraxis erklärt somit nicht die Entstehung des Namens Septuagesimä. Sie belegt die österliche Ausrichtung dieser Zeit, liefert jedoch keinen Beweis dafür, dass die Bezeichnung „der Siebzigste“ aus der Katechumenenordnung hervorgegangen sei.
Allegorische Deutungen der Vorfastenzeit begegnen bereits früh. So interpretiert Amalarius von Metz im 9. Jahrhundert die Zeit vor der Quadragesima major (die große Fastenzeit) heilsgeschichtlich und versteht sie als geistliche Vorbereitung auf die Bußzeit. → 12: Allegorische Deutung der Vorfastenzeit bei Amalarius
Spätere Autoren entfalten solche symbolischen Deutungen weiter. Jacobus de Voragine belegt im 13. Jahrhundert, dass die Zeitspanne von Septuagesimä bis zum Samstag der Osterwoche allegorisch gedeutet wurde. Die siebzig Tage galten dabei als Sinnbild für die siebzig Jahre der babylonischen Gefangenschaft Israels. → 13: Septuagesima als Bild der Gefangenschaft
Die Verbindung ist formal naheliegend: Die Zahl siebzig erscheint sowohl im Namen des Sonntags als auch in
Jeremia 25,11–12 als Dauer des Exils.
Psalm 137 („Wie sollen wir des Herrn Lied singen im fremden Lande?“) wurde auf das Verstummen des Halleluja in der vorösterlichen Zeit bezogen. Vom Sonntag Septuagesimä an bis zur Osternacht erklang in der römischen Liturgie kein Halleluja. → 14: Alleluja-Verstummen ab Septuagesimä
Am Karsamstag durfte ein einfaches Halleluja gesungen werden, was die Freude über die im 60. Jahr vom babylonischen König erteilte Erlaubnis zur Rückkehr der Deportierten nach Jerusalem versinnbildlichen sollte. → 15: Alleluja am Karsamstag
Am Samstag vor Quasimodogeniti, dem letzten Tag der 70-tägigen Zeit, durfte ein doppeltes Halleluja gesungen werden, was die Freude der Rückkehrenden auf ihrem Weg nach Jerusalem versinnbildlichen sollte. → 16: Alleluja am Samstag der Osterwoche
Doch erst am Sonntag Quasimodogeniti erklang wieder das dreifache „Halleluja, Halleluja, Halleluja“ in den Kirchen. → 17: Alleluja an Quasimodogeniti
Die 70-tägige Zeitspanne, welche die 70-jährige Verirrung in der Verbannung symbolisiert, war vorüber.
Die allegorische Auslegung ist in sich geschlossen. Sie erklärt jedoch nicht die Entstehung des Namens. Sie setzt die Siebzigzahl voraus und deutet sie im Licht biblischer Geschichte. Die Zahl wird nicht aus dem Exil hergeleitet, sondern das Exil aus der Zahl erschlossen.
Die Auslegung wird durch eine liturgische Praxis gestützt, die zunächst das Halleluja verstummen lässt und dann eine schrittweise Wiederaufnahme vornimmt.
Zudem bleibt zu beachten, dass die liturgische Praxis selbst nicht konsequent der allegorischen Dramaturgie folgt. Bereits in der Osterwoche wird das Halleluja wieder mehrfach gesungen. → 18: Halleluja in der Osterwoche
Die symbolische Exilstruktur ist daher homiletische Deutung, nicht liturgische Ursprungslogik.
Die Babylon-Deutung gehört somit in die Geschichte liturgischer Auslegung. Sie ist eine theologisch einprägsame Versinnbildlichung, erklärt aber nicht den Ursprung des Namens Septuagesimä.
Die herangezogenen Deutungen des Sonntags Septuagesimä erweisen sich bei näherer Prüfung als sekundär.
Die Annahme, der Name sei aus einer ursprünglich erweiterten Fastenpraxis hervorgegangen, lässt sich historisch nicht belegen. Die vierzigtägige Fastenzeit ist älter als die Vorfastensonntage. Die im Mittelalter überlieferte Erklärung einer zusätzlichen Woche zur Erreichung der Vierzigzahl setzt eine bereits bestehende Ordnung voraus und erklärt deren Entstehung nicht.
Auch die Verbindung mit der altkirchlichen Taufpraxis trägt nur begrenzt. Zwar war die vorösterliche Zeit seit dem 4. Jahrhundert Ort intensiver Katechumenenunterweisung, doch konzentrierte sich diese auf die eigentliche Quadragesima major. Eine siebzig Tage umfassende Taufzeit ist quellenmäßig nicht nachweisbar.
Die allegorische Deutung der Siebzigzahl als Bild der babylonischen Gefangenschaft schließlich ist theologisch eindrücklich, gehört jedoch in die Geschichte liturgischer Auslegung. Sie erklärt die Zahl nicht, sondern deutet sie.
Gemeinsam ist diesen Erklärungen, dass sie eine bereits vorhandene Bezeichnung aus anderen Zusammenhängen heraus verständlich zu machen suchen. Keine von ihnen weist jedoch die Entstehung des Namens nach.
Damit bleibt die Frage offen, was der Name Septuagesimä ursprünglich bezeichnet. Die Antwort ist nicht in einer symbolischen Überhöhung, sondern in einer präzisen liturgischen Zählung zu suchen.
In der gegenwärtigen evangelischen Liturgie besitzt der Sonntag Septuagesimä keine eigenständige theologische Profilierung mehr. In den offiziellen Verzeichnissen der Perikopenordnung wird er primär als „3. Sonntag vor der Passionszeit“ geführt; die traditionelle Bezeichnung „Septuagesimä“ erscheint zusätzlich, jedoch deutlich nachgeordnet. Damit wird der Sonntag nicht nur funktional verstanden, sondern offiziell als Positionsangabe innerhalb der Vorpassionszeit definiert.
Diese doppelte Benennung ist nicht bedeutungslos. Während der historische Name eine eigene Zählstruktur voraussetzt, beschreibt die Funktionsbezeichnung lediglich seine Lage im Kalender. Der Akzent verschiebt sich damit vom Eigengewicht des Sonntags hin zu seiner Stellung innerhalb einer rückwärts von Ostern gezählten Reihe.
Hinzu kommt die kirchenjahrespraktische Entwicklung der letzten Jahre. Seit der Neuordnung der gottesdienstlichen Texte und Lieder (gültig seit dem Kirchenjahr 2018/2019) ist die Vorpassionszeit als flexibler Übergangsraum zwischen dem Tag Epiphanias (Erscheinung des Herrn; 6. Januar) und dem Sonntag Invokavit (Quadragesimä) gestaltet. Je nach Osterdatum können einzelne dieser Sonntage entfallen. Auch Septuagesimä ist davon betroffen. Der Sonntag erscheint damit nicht mehr als festes Glied einer durchgehenden Zählordnung, sondern als variabler Bestandteil eines liturgischen Übergangs.
Diese Entwicklung verstärkt eine bereits zuvor einsetzende Bedeutungsverschiebung. Der Name wird nicht mehr als Träger einer eigenen Struktur wahrgenommen, sondern als traditionsgeschichtliche Bezeichnung, die funktional ergänzt oder ersetzt werden kann. Wo jedoch der Name sekundär wird, tritt auch die Frage nach seiner ursprünglichen Bedeutung in den Hintergrund.
Gerade darin liegt eine gegenwärtige Fehlinterpretation: Septuagesimä wird entweder als historischer, unscharfer Auftakt einer Fastenzeit verstanden oder als Position in der Folge der durchnummerierten Sonntage der Vorpassionszeit, deren Umfang vom Osterdatum abhängig ist. In beiden Fällen wird der Name nicht als Bezeichnung mit eigenständiger liturgischer Bedeutung wahrgenommen, die auf einer eigenen Zählstruktur aufbaut, sondern funktional in das liturgische Jahr eingeordnet.

Der Name Septuagesimä ist ordinal zu verstehen und bedeutet „der Siebzigste“. Diese Bezeichnung ist weder symbolisch noch gerundet gemeint, sondern rechnerisch bestimmt.
Der Sonntag Septuagesimä liegt 63 Tage vor dem Ostersonntag. Er bezeichnet daher nicht den siebzigsten Tag vor Ostern. Gezählt wird vielmehr vom Samstag der Osterwoche aus. Dieser Samstag ist Tag 1 der Zählung, der Freitag der Osterwoche Tag 2 und so fort. Septuagesimä ist in dieser Folge der siebzigste Tag.
Der Name legt damit sowohl den Startpunkt als auch die Zählrichtung fest: gezählt wird rückwärts vom Ende der Osterwoche her.
Diese Zählung umfasst eine geschlossene Zeitspanne von siebzig Tagen: vom Sonntag Septuagesimä bis zum Samstag der Osterwoche. Der Zielpunkt ist weder Karfreitag noch der Ostersonntag, sondern der Abschluss der Osterwoche unmittelbar vor Quasimodogeniti.
Dass diese Zeitspanne bereits im Mittelalter als definierte Einheit verstanden wurde, zeigt Jacobus de Voragine zu Beginn seiner Auslegung des Sonntags Septuagesima → 19: Kalendarische Bestimmung bei Jacobus de Voragine:
Septuagesima beginnt am Sonntag, an dem „Circumdederunt me“ („Es umfingen mich“;Ps 18,5) gesungen wird, und endet am Samstag nach Ostern.
Jacobus de Voragine beschreibt hier keine symbolische Deutung, sondern eine kalendarische Bestimmung. Die Siebzigzahl wird nicht als ungefähre Annäherung verstanden, sondern als fest umrissene Zeitspanne. Erst auf dieser Grundlage entfaltet er die allegorische Deutung der Siebzig als Bild der babylonischen Gefangenschaft. Die Struktur steht vor der Symbolik.
In dieser Perspektive gehören Septuagesimä und die folgenden Sonntage nicht primär zur Fastenzeit, sondern zu einer österlich ausgerichteten Zählordnung des Kirchenjahres. Die absteigende Reihe Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä bildet eine strukturierte Dekadenfolge. Sie beschreibt keine theologische Symbolreihe, sondern eine kalendarische Architektur.
Das historische Alleluja-Verstummen ab Septuagesimä verleiht dieser Zählspanne eine konkrete liturgische Gestalt. Mit diesem Sonntag verändert sich der Klang des Gottesdienstes bis zur Osterfeier hin. Ob die Praxis aus der Zählordnung hervorging oder umgekehrt, lässt sich historisch nicht entscheiden. Sicher ist jedoch, dass die vom Sonntag Septuagesimä bis zum Samstag der Osterwoche reichende Zeitspanne als zusammengehörige Phase verstanden und gestaltet wurde.
In der gegenwärtigen evangelischen Liturgie wird diese akustische Zäsur kaum noch bewusst vollzogen. Damit ist auch die erfahrbare Klammer dieser Siebzigspanne weitgehend verblasst. Der Name bleibt jedoch Zeugnis einer präzisen liturgischen Ordnung, die sich aus der Zählung selbst erklärt.
Septuagesima beginnt am Sonntag „Circumdederunt me“ und endet am Samstag nach Ostern. Mehr sagt der Name nicht, aber genau das sagt er.
Der Sonntag Sexagesimä ist Teil der Vorpassionszeit. Sein Name bezeichnet eine genaue Zählung bis zum Mittwoch der Osterwoche.
Der Sonntag Sexagesimä steht innerhalb der Vorpassionszeit und gilt oft als Glied einer symbolischen Zahlenfolge. Sein Name bezeichnet jedoch eine eigenständige Rückwärtszählung mit einem spezifischen Zielpunkt in der Osterwoche. Das Modul klärt die zugrunde liegende Zählordnung und grenzt sie von vereinfachenden Interpretationen ab.

Bis heute finden sich im Kirchenkalender die Namen Septuagesimä, Sexagesimä, Estomihi und Invokavit. Doch was bedeuten sie?
Die altkirchlichen Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä verlieren zunehmend an Bedeutung. Neue Namen treten an ihre Stelle, und mit ihnen gerät ihr ursprünglicher Sinn im Kalender in Vergessenheit. Lohnt es sich überhaupt, über den Ursprung der Namensgebung nachzudenken?
Im evangelischen Kirchenkalender tauchen nach der Epiphaniaszeit Sonntage auf, deren Namen kaum noch verständlich sind. Die Studie fragt nach Erklärungen und Sinn.
Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr.
Die Übersicht zeigt alle Module.
Bildnachweis:
Abbildung: Der Sonntagsname Septuagesimä
und alle weiteren
Grafiken: Reiner Makohl
Copyright: ©2026 by Reiner Makohl, geschütztes Bildmaterial
Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Beispiel:
Reiner Makohl, Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Der Sonntag Septuagesimä, in: Stilkunst.de,
abgerufen unter:
(abgerufen am )