Der Sonntag Septuagesimä

Der 70. Tag vor Quasimodogeniti

Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr

Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä

 

Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr

MODUL 2/9

Evangelisch gedacht
wortgebundene Klärungen zwischen Brauch, Bibel und Gegenwart

Der Sonntag Septuagesimä

Der 70. Tag vor Quasimodogeniti

 

Über die Bedeutung des Namens und gegenwärtige Fehlinterpretationen

 

Reiner Makohl | Februar 2026

 

Wor­um es hier geht

 

Der Sonn­tag Sep­tua­ge­si­mä wird heu­te oft als Be­ginn einer his­to­risch ver­wur­zel­ten Vor­fas­ten­zeit ver­stan­den oder sym­bo­lisch mit den sieb­zig Jah­ren der ba­by­lo­ni­schen Ge­fan­gen­schaft er­klärt. Bei­de Deu­tun­gen grei­fen zu kurz.

Die­ses Mo­dul un­ter­sucht, was der Na­me tat­säch­lich be­zeich­net, wel­che his­to­ri­schen Er­klä­run­gen sich nach­wei­sen las­sen und ob sie den li­tur­gi­schen Be­fund tra­gen. Da­bei zeigt sich: Der Na­me ist kein from­mes Zah­len­spiel, son­dern Aus­druck einer prä­zi­sen ka­len­da­ri­schen Ord­nung.

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Der Sonntagsname Septuagesimä

Grafik: Der Sonntagsname Septuagesimä
Bildnachweis: → siehe unten.

 

Sep­tua­ge­si­ma be­ginnt am Sonn­tag, an dem Circumdederunt me („Es um­fin­gen mich“; Ps 18,5) ge­sun­gen wird, und en­det am Sams­tag nach Os­tern.

Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne

 

Ein­lei­tung

 

Der Sonn­tag Sep­tua­ge­si­mä (lat.: sep­tua­ge­si­ma: der Sieb­zigs­te) ist – so­fern im Ka­len­der vor­han­den! – der drit­te Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit. 1: Vorpassionszeit

Der Na­me be­deu­tet: der sieb­zigs­te [Tag]. Der Sonn­tag liegt 63 Ta­ge vor Os­tern. Er zeigt da­her nicht auf den Os­ter­sonn­tag, son­dern auf das En­de der Os­ter­wo­che: auf den Tag vor dem Sonn­tag Qua­si­mo­do­ge­ni­ti, den sieb­zigs­ten Tag seit Sep­tua­ge­si­mä. 2: Inklusivzählung

Die mit­tel­al­ter­li­che Be­zeich­nung Do­mi­ni­ca sep­tua­ge­si­mae ist ein fes­ter Na­me für die­sen Sonn­tag. Über­setzt lie­ße er sich et­wa so wie­der­ge­ben: „Sonn­tag, der der sieb­zigs­te [Tag vor Qua­si­mo­do­ge­ni­ti] ist“.

Der Na­me be­zeich­net so­mit ei­ne sieb­zig Ta­ge um­fas­sen­de Zeit­span­ne. Nach äl­te­rem li­tur­gi­schem Brauch ge­winnt die­se Zeit­span­ne ei­ne hör­ba­re Ge­stalt, in­so­fern ab Sep­tua­ge­si­mä das Hal­le­lu­ja im Got­tes­dienst ver­stumm­te und erst im ös­ter­li­chen Fest­kreis wie­der voll auf­ge­nom­men wur­de. Da­mit wird ein we­sent­li­cher Zug des Na­mens sicht­bar: Er steht nicht für ei­ne va­ge Zah­len­sym­bo­lik, son­dern für ei­ne ge­ord­ne­te Zeit­be­stim­mung mit li­tur­gi­scher Wir­kung.

 

 

1. His­to­ri­sche Deu­tun­gen und ih­re Trag­fä­hig­keit

 

1.1. Die Be­deu­tung als Fas­ten­zeit

His­to­ri­sche Ein­ord­nung und Prü­fung
 

Heu­te ken­nen wir als vor­ös­ter­li­che Fas­ten­zeit die Zeit von Ascher­mitt­woch bis Kar­sams­tag. Die­se Ord­nung ist je­doch das Er­geb­nis ei­ner län­ge­ren li­tur­gi­schen Ent­wick­lung und war in der frü­hen Kir­che we­der über­all gleich noch von Be­ginn an ein­heit­lich ge­re­gelt.

Be­reits im 4. Jahr­hun­dert bil­de­te sich — aus­ge­hend vom öst­li­chen Teil des Rei­ches — ei­ne vier­zig­tä­gi­ge Vor­be­rei­tungs­zeit auf Os­tern her­aus, die in Rom erst im 5. Jahr­hun­dert zur sta­bi­len Qua­dra­ge­si­ma wur­de. Pre­dig­ten Le­os des Gro­ßen († 461) set­zen ei­ne fest eta­blier­te vier­zig­tä­gi­ge Buß­zeit vor Os­tern vor­aus, er­wäh­nen je­doch noch kei­ne Vor­fas­ten­sonn­ta­ge. 3: Entwicklung der Quadragesima in Rom

Die Vier­zig­zahl der Fas­ten­ta­ge ist da­mit äl­ter als die spä­ter so­ge­nann­te Vor­pas­si­ons­zeit.

Die Sonn­ta­ge Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä und Quin­qua­ge­si­mä tre­ten li­tur­gisch deut­lich erst im 6. Jahr­hun­dert her­vor. In der rö­mi­schen Sa­kra­men­tar­über­lie­fe­rung, de­ren äl­tes­te Schich­ten in die­se Zeit zu­rück­rei­chen, er­schei­nen ei­ge­ne Mess­for­mu­la­re für die­se Sonn­ta­ge. 4: Vor­fas­ten­sonn­ta­ge im Ge­la­sia­ni­schen Sa­kra­men­tar

Die häu­fig wie­der­hol­te Er­klä­rung, we­gen der fas­ten­frei­en Don­ners­ta­ge ha­be man zur Er­rei­chung der vier­zig Fas­ten­ta­ge ei­ne zu­sätz­li­che Wo­che ein­ge­fügt und die­se „Sep­tua­ge­si­ma“ ge­nannt, be­geg­net erst im 13. Jahr­hun­dert bei Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne in sei­ner Le­gen­da Au­rea (Gol­de­ne Le­gen­de). 5: Mittelalterliche Deutung der Septuagesima

Sie stellt kei­ne zeit­ge­nös­si­sche Ent­ste­hungs­er­klä­rung dar, son­dern ei­ne mit­tel­al­ter­li­che Deu­tung ei­ner längst be­ste­hen­den li­tur­gi­schen Ord­nung. Für die Ent­ste­hungs­zeit der Vor­fas­ten­sonn­ta­ge im 6. Jahr­hun­dert fehlt ein ent­spre­chen­der Be­leg.

Auch ein chro­no­lo­gi­sches Ar­gu­ment spricht ge­gen die­se Ab­lei­tung: Die vier­zig­tä­gi­ge Qua­dra­ge­si­ma ist im 5. Jahr­hun­dert be­reits ge­si­chert. Die Vor­fas­ten­sonn­ta­ge tre­ten erst spä­ter deut­lich her­vor. Sie kön­nen da­her nicht als ur­sprüng­li­che Vor­aus­set­zung der Vier­zig­zahl ver­stan­den wer­den.

Zu­dem ist zu be­ach­ten, dass Sonn­ta­ge in der rö­mi­schen Tra­di­ti­on grund­sätz­lich nicht als Fas­ten­ta­ge ge­zählt wur­den. Das Qua­tem­ber­fas­ten, das seit dem 5. Jahr­hun­dert be­zeugt ist, lag im Früh­jahr im Mo­nat März und kann ka­len­da­risch nicht mit der Wo­che nach Sep­tua­ge­si­mä iden­tisch ge­we­sen sein. 6: Quatemberfasten im Frühjahr

Ei­ne Her­lei­tung des Na­mens aus ei­ner rech­ne­ri­schen Kor­rek­tur ein­zel­ner Wo­chen­ta­ge bleibt da­her his­to­risch un­si­cher.

Hin­zu kommt ein struk­tu­rel­les Ar­gu­ment: Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä bil­den ei­ne ab­stei­gen­de De­ka­den­rei­he. Die­se Rei­he ist for­mal ge­schlos­sen. Sie wirkt nicht wie ei­ne nach­träg­li­che Kom­pen­sa­ti­on ein­zel­ner Fas­ten­ta­ge, son­dern wie ei­ne be­wusst an­ge­leg­te ka­len­da­ri­sche Zähl­ord­nung.

Die Fas­ten­ar­gu­men­ta­ti­on er­klärt die Ent­ste­hung des Na­mens da­her nicht hin­rei­chend. Sie er­weist sich als se­kun­dä­re Deu­tung, nicht als Ur­sprung.

 

 

Ex­kurs

Qua­tem­ber, Fron­fas­ten und Gold­fas­ten

 

 

In der li­tur­gie­ge­schicht­li­chen Dis­kus­si­on um die Vor­fas­ten­zeit wird ge­le­gent­lich dar­auf ver­wie­sen, dass das ers­te Qua­tem­ber­fas­ten des Jah­res am Mitt­woch, Frei­tag und Sams­tag nach Sep­tua­ge­si­mä ge­le­gen ha­be. Von dort aus wird ei­ne Ver­bin­dung zwi­schen der Vor­fas­ten­zeit und be­son­de­ren Fas­ten­ta­gen des Kir­chen­jah­res her­ge­stellt.

Das so­ge­nann­te Qua­tem­ber­fas­ten (lat. Quat­tu­or tem­po­ra, vier Jah­res­zei­ten) um­fass­te je­weils Mitt­woch, Frei­tag und Sams­tag zu Be­ginn der vier Jah­res­zei­ten. Be­reits im 5. Jahr­hun­dert sind sol­che Fas­ten­zei­ten in Rom be­zeugt. 7: Quatember in Rom

Das Früh­lings­qua­tem­ber lag im März und fällt da­mit re­gel­mä­ßig in die ei­gent­li­che vier­zig­tä­gi­ge Fas­ten­zeit vor Os­tern, die Qua­dra­ge­si­ma (ma­jor) be­zeich­net. Der Be­griff meint die Fas­ten­zeit selbst und ist vom Sonn­tag Qua­dra­ge­si­mä zu un­ter­schei­den.

Ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on der Wo­che nach Sep­tua­ge­si­mä mit die­ser Vier­zig­zeit ist his­to­risch nicht be­legt.

Mar­tin Lu­ther ver­wen­det in sei­nen Pre­dig­ten über → Mat­thä­us 6,16–18 die Be­zeich­nun­gen Gold­fas­ten oder Fron­fas­ten. 8: Luther und das „Goldfasten“

Ge­meint sind da­mit kirch­lich an­ge­ord­ne­te Fas­ten­ta­ge, ins­be­son­de­re die Qua­tem­ber­ta­ge. Die­se Ter­mi­no­lo­gie lie­fert je­doch kei­nen Be­leg da­für, dass die Wo­che nach Sep­tua­ge­si­mä ur­sprüng­lich als ei­gen­stän­di­ge Fas­ten­wo­che ein­ge­führt wor­den sei.

Die mit­tel­al­ter­li­che Fas­ten­pra­xis war ins­ge­samt viel­fäl­tig und re­gio­nal un­ter­schied­lich ge­re­gelt. Aus die­ser Viel­falt lässt sich je­doch kei­ne ein­deu­ti­ge Ab­lei­tung des Na­mens Sep­tua­ge­si­mä ge­win­nen. Die Exis­tenz zu­sätz­li­cher Fas­ten­ta­ge er­klärt nicht die Ent­ste­hung der De­ka­den­be­zeich­nung.

 

1.2. Die Be­deu­tung in der mit­tel­al­ter­li­chen Tauf­pra­xis

His­to­ri­sche Ein­ord­nung und Prü­fung
 

In der äl­te­ren li­tur­gi­schen Über­lie­fe­rung wird die Zeit zwi­schen Sep­tua­ge­si­mä und dem Sonn­tag nach Os­tern mit der Vor­be­rei­tung von Tauf­be­wer­bern (Ka­te­chu­me­nen) in Ver­bin­dung ge­bracht. Die­se Be­ob­ach­tung knüpft an die Pra­xis der Al­ten Kir­che an, Tau­fen be­vor­zugt in der Os­ter­nacht zu voll­zie­hen.

Be­reits im 4. Jahr­hun­dert ist be­zeugt, dass er­wach­se­ne Tauf­be­wer­ber in der ös­ter­li­chen Buß­zeit ei­ne in­ten­si­ve­re Un­ter­wei­sung er­hiel­ten. 9: Katechumenenunterricht im 4. Jahrhundert

Die ei­gent­li­che Vor­be­rei­tungs­zeit war je­doch nicht die Pe­ri­ode ab Sep­tua­ge­si­mä, son­dern die vier­zig­tä­gi­ge Fas­ten­zeit vor Os­tern. Die­se dien­te der geist­li­chen Samm­lung, Un­ter­wei­sung und Prü­fung der Tauf­kan­di­da­ten.

Die Neu­ge­tauf­ten tru­gen wäh­rend der Os­ter­wo­che wei­ße Ge­wän­der als Zei­chen ih­rer neu­en Zu­ge­hö­rig­keit zu Chris­tus. Der Sonn­tag nach Os­tern wur­de da­her als Do­mi­ni­ca in al­bis de­po­si­tis be­zeich­net, als „Sonn­tag der ab­ge­leg­ten wei­ßen Ge­wän­der“. 10: Dominica in albis depositis

Erst an die­sem Tag leg­ten die Neu­ge­tauf­ten ih­re Tauf­klei­der ab und tra­ten sicht­bar in die Ge­mein­de ein.

Aus die­ser Pra­xis er­gibt sich je­doch kei­ne zwin­gen­de Be­grün­dung für den Na­men Sep­tua­ge­si­mä. Die Tauf­vor­be­rei­tung kon­zen­trier­te sich li­tur­gisch auf die Qua­dra­ge­si­ma ma­jor, nicht auf ei­ne sieb­zig Ta­ge um­fas­sen­de Zeit­span­ne. Auch die Be­zeich­nung des Sonn­tags nach Os­tern ver­weist auf das Ab­le­gen der wei­ßen Ge­wän­der, nicht auf ei­ne sieb­zig­jäh­ri­ge oder sieb­zig­tä­gi­ge Sym­bo­lik.

Die An­nah­me, die Zeit von Sep­tua­ge­si­mä bis zum Sonn­tag nach Os­tern ha­be als ei­gen­stän­di­ge Tauf­zeit ge­gol­ten, lässt sich in den frü­hen li­tur­gi­schen Quel­len nicht ein­deu­tig nach­wei­sen. 11: Liturgische Quellenlage zur Vorpassionszeit

Viel­mehr ist da­von aus­zu­ge­hen, dass spä­te­re Deu­tun­gen die vor­han­de­ne Tauf­pra­xis mit der be­reits be­ste­hen­den De­ka­den­rei­he der Sonn­tags­na­men ver­ban­den.

Die Tauf­pra­xis er­klärt so­mit nicht die Ent­ste­hung des Na­mens Sep­tua­ge­si­mä. Sie be­legt die ös­ter­li­che Aus­rich­tung die­ser Zeit, lie­fert je­doch kei­nen Be­weis da­für, dass die Be­zeich­nung „der Sieb­zigs­te“ aus der Ka­te­chu­me­nen­ord­nung her­vor­ge­gan­gen sei.

 

 

1.3. Die Be­deu­tung als Ver­sinn­bild­li­chung

Die Ba­by­lon-Deu­tung und ih­re Trag­fä­hig­keit
 

Al­le­go­ri­sche Deu­tun­gen der Vor­fas­ten­zeit be­geg­nen be­reits früh. So in­ter­pre­tiert Ama­la­ri­us von Metz im 9. Jahr­hun­dert die Zeit vor der Qua­dra­ge­si­ma ma­jor (die gro­ße Fas­ten­zeit) heils­ge­schicht­lich und ver­steht sie als geist­li­che Vor­be­rei­tung auf die Buß­zeit. 12: Allegorische Deutung der Vorfastenzeit bei Amalarius

Spä­te­re Au­to­ren ent­fal­ten sol­che sym­bo­li­schen Deu­tun­gen wei­ter. Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne be­legt im 13. Jahr­hun­dert, dass die Zeit­span­ne von Sep­tua­ge­si­mä bis zum Sams­tag der Os­ter­wo­che al­le­go­risch ge­deu­tet wur­de. Die sieb­zig Ta­ge gal­ten da­bei als Sinn­bild für die sieb­zig Jah­re der ba­by­lo­ni­schen Ge­fan­gen­schaft Is­ra­els. 13: Septuagesima als Bild der Gefangenschaft

Die Ver­bin­dung ist for­mal na­he­lie­gend: Die Zahl sieb­zig er­scheint so­wohl im Na­men des Sonn­tags als auch in → Je­re­mia 25,11–12 als Dau­er des Exils.

→ Psalm 137 („Wie sol­len wir des Herrn Lied sin­gen im frem­den Lan­de?“) wur­de auf das Ver­stum­men des Hal­le­lu­ja in der vor­ös­ter­li­chen Zeit be­zo­gen. Vom Sonn­tag Sep­tua­ge­si­mä an bis zur Os­ter­nacht er­klang in der rö­mi­schen Li­tur­gie kein Hal­le­lu­ja. 14: Alleluja-Verstummen ab Septuagesimä

Am Kar­sams­tag durf­te ein ein­fa­ches Hal­le­lu­ja ge­sun­gen wer­den, was die Freu­de über die im 60. Jahr vom ba­by­lo­ni­schen Kö­nig er­teil­te Er­laub­nis zur Rück­kehr der De­por­tier­ten nach Je­ru­sa­lem ver­sinn­bild­li­chen soll­te. 15: Alleluja am Karsamstag

Am Sams­tag vor Qua­si­mo­do­ge­ni­ti, dem letz­ten Tag der 70-tä­gi­gen Zeit, durf­te ein dop­pel­tes Hal­le­lu­ja ge­sun­gen wer­den, was die Freu­de der Rück­keh­ren­den auf ih­rem Weg nach Je­ru­sa­lem ver­sinn­bild­li­chen soll­te. 16: Alleluja am Samstag der Osterwoche

Doch erst am Sonn­tag Qua­si­mo­do­ge­ni­ti er­klang wie­der das drei­fa­che „Hal­le­lu­ja, Hal­le­lu­ja, Hal­le­lu­ja“ in den Kir­chen. 17: Alleluja an Quasimodogeniti

Die 70-tä­gi­ge Zeit­span­ne, wel­che die 70-jäh­ri­ge Ver­ir­rung in der Ver­ban­nung sym­bo­li­siert, war vor­über.

Die al­le­go­ri­sche Aus­le­gung ist in sich ge­schlos­sen. Sie er­klärt je­doch nicht die Ent­ste­hung des Na­mens. Sie setzt die Sieb­zig­zahl vor­aus und deu­tet sie im Licht bib­li­scher Ge­schich­te. Die Zahl wird nicht aus dem Exil her­ge­lei­tet, son­dern das Exil aus der Zahl er­schlos­sen.

Die Aus­le­gung wird durch ei­ne li­tur­gi­sche Pra­xis ge­stützt, die zu­nächst das Hal­le­lu­ja ver­stum­men lässt und dann ei­ne schritt­wei­se Wie­der­auf­nah­me vor­nimmt.

Zu­dem bleibt zu be­ach­ten, dass die li­tur­gi­sche Pra­xis selbst nicht kon­se­quent der al­le­go­ri­schen Dra­ma­tur­gie folgt. Be­reits in der Os­ter­wo­che wird das Hal­le­lu­ja wie­der mehr­fach ge­sun­gen. 18: Halleluja in der Osterwoche

Die sym­bo­li­sche Exil­struk­tur ist da­her ho­mi­le­ti­sche Deu­tung, nicht li­tur­gi­sche Ur­sprungs­lo­gik.

Die Ba­by­lon-Deu­tung ge­hört so­mit in die Ge­schich­te li­tur­gi­scher Aus­le­gung. Sie ist ei­ne the­o­lo­gisch ein­präg­sa­me Ver­sinn­bild­li­chung, er­klärt aber nicht den Ur­sprung des Na­mens Sep­tua­ge­si­mä.

 

 

2. Zwi­schen­fa­zit

 

Die her­an­ge­zo­ge­nen Deu­tun­gen des Sonn­tags Sep­tua­ge­si­mä er­wei­sen sich bei nä­he­rer Prü­fung als se­kun­där.

Die An­nah­me, der Na­me sei aus ei­ner ur­sprüng­lich er­wei­ter­ten Fas­ten­pra­xis her­vor­ge­gan­gen, lässt sich his­to­risch nicht be­le­gen. Die vier­zig­tä­gi­ge Fas­ten­zeit ist äl­ter als die Vor­fas­ten­sonn­ta­ge. Die im Mit­tel­al­ter über­lie­fer­te Er­klä­rung ei­ner zu­sätz­li­chen Wo­che zur Er­rei­chung der Vier­zig­zahl setzt ei­ne be­reits be­ste­hen­de Ord­nung vor­aus und er­klärt de­ren Ent­ste­hung nicht.

Auch die Ver­bin­dung mit der alt­kirch­li­chen Tauf­pra­xis trägt nur be­grenzt. Zwar war die vor­ös­ter­li­che Zeit seit dem 4. Jahr­hun­dert Ort in­ten­si­ver Ka­te­chu­me­nen­un­ter­wei­sung, doch kon­zen­trier­te sich die­se auf die ei­gent­li­che Qua­dra­ge­si­ma ma­jor. Ei­ne sieb­zig Ta­ge um­fas­sen­de Tauf­zeit ist quel­len­mä­ßig nicht nach­weis­bar.

Die al­le­go­ri­sche Deu­tung der Sieb­zig­zahl als Bild der ba­by­lo­ni­schen Ge­fan­gen­schaft schließ­lich ist the­o­lo­gisch ein­drück­lich, ge­hört je­doch in die Ge­schich­te li­tur­gi­scher Aus­le­gung. Sie er­klärt die Zahl nicht, son­dern deu­tet sie.

Ge­mein­sam ist die­sen Er­klä­run­gen, dass sie ei­ne be­reits vor­han­de­ne Be­zeich­nung aus an­de­ren Zu­sam­men­hän­gen her­aus ver­ständ­lich zu ma­chen su­chen. Kei­ne von ih­nen weist je­doch die Ent­ste­hung des Na­mens nach.

Da­mit bleibt die Fra­ge of­fen, was der Na­me Sep­tua­ge­si­mä ur­sprüng­lich be­zeich­net. Die Ant­wort ist nicht in ei­ner sym­bo­li­schen Über­hö­hung, son­dern in ei­ner prä­zi­sen li­tur­gi­schen Zäh­lung zu su­chen.

 

 

3. Ge­gen­wär­ti­ge evan­ge­li­sche Pra­xis

Be­deu­tungs­ver­schie­bung und Ver­drän­gung
 

 

3.1. Li­tur­gi­sche Neu­ord­nung der Zeit vor der Pas­si­ons­zeit

 

In der ge­gen­wär­ti­gen evan­ge­li­schen Li­tur­gie be­sitzt der Sonn­tag Sep­tua­ge­si­mä kei­ne ei­gen­stän­di­ge the­o­lo­gi­sche Pro­fi­lie­rung mehr. In den of­fi­zi­el­len Ver­zeich­nis­sen der Pe­ri­ko­pen­ord­nung wird er pri­mär als „3. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit“ ge­führt; die tra­di­tio­nel­le Be­zeich­nung „Sep­tua­ge­si­mä“ er­scheint zu­sätz­lich, je­doch deut­lich nach­ge­ord­net. Da­mit wird der Sonn­tag nicht nur funk­tio­nal ver­stan­den, son­dern of­fi­zi­ell als Po­si­ti­ons­an­ga­be in­ner­halb der Vor­pas­si­ons­zeit de­fi­niert.

Die­se dop­pel­te Be­nen­nung ist nicht be­deu­tungs­los. Wäh­rend der his­to­ri­sche Na­me ei­ne ei­ge­ne Zähl­struk­tur vor­aus­setzt, be­schreibt die Funk­ti­ons­be­zeich­nung le­dig­lich sei­ne La­ge im Ka­len­der. Der Ak­zent ver­schiebt sich da­mit vom Ei­gen­ge­wicht des Sonn­tags hin zu sei­ner Stel­lung in­ner­halb ei­ner rück­wärts von Os­tern ge­zähl­ten Rei­he.

Hin­zu kommt die kir­chen­jah­res­prak­ti­sche Ent­wick­lung der letz­ten Jah­re. Seit der Neu­ord­nung der got­tes­dienst­li­chen Tex­te und Lie­der (gültig seit dem Kir­chen­jahr 2018/2019) ist die Vor­pas­si­ons­zeit als fle­xi­bler Über­gangs­raum zwi­schen dem Tag Epi­pha­ni­as (Er­schei­nung des Herrn; 6. Ja­nu­ar) und dem Sonn­tag In­vo­ka­vit (Qua­dra­ge­si­mä) ge­stal­tet. Je nach Os­ter­da­tum kön­nen ein­zel­ne die­ser Sonn­ta­ge ent­fal­len. Auch Sep­tua­ge­si­mä ist da­von be­trof­fen. Der Sonn­tag er­scheint da­mit nicht mehr als fes­tes Glied ei­ner durch­ge­hen­den Zähl­ord­nung, son­dern als va­ria­bler Be­stand­teil ei­nes li­tur­gi­schen Über­gangs.

 

 

3.2. Die Wirkung der Verdrängung

 

Die­se Ent­wick­lung ver­stärkt ei­ne be­reits zu­vor ein­set­zen­de Be­deu­tungs­ver­schie­bung. Der Na­me wird nicht mehr als Trä­ger ei­ner ei­ge­nen Struk­tur wahr­ge­nom­men, son­dern als tra­di­ti­ons­ge­schicht­li­che Be­zeich­nung, die funk­tio­nal er­gänzt oder er­setzt wer­den kann. Wo je­doch der Na­me se­kun­där wird, tritt auch die Fra­ge nach sei­ner ur­sprüng­li­chen Be­deu­tung in den Hin­ter­grund.

Ge­ra­de da­rin liegt ei­ne ge­gen­wär­ti­ge Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on: Sep­tua­ge­si­mä wird ent­we­der als his­to­ri­scher, un­scharf­er Auf­takt ei­ner Fas­ten­zeit ver­stan­den oder als Po­si­ti­on in der Fol­ge der durch­num­me­rier­ten Sonn­ta­ge der Vor­pas­si­ons­zeit, de­ren Um­fang vom Os­ter­da­tum ab­hän­gig ist. In bei­den Fäl­len wird der Na­me nicht als Be­zeich­nung mit ei­gen­stän­di­ger li­tur­gi­scher Be­deu­tung wahr­ge­nom­men, die auf ei­ner ei­ge­nen Zähl­struk­tur auf­baut, son­dern funk­tio­nal in das li­tur­gi­sche Jahr ein­ge­ord­net.

 

Der Sonntagsname Septuagesimä

 

4. Der 70. Tag vor Qua­si­mo­do­ge­ni­ti

Die ei­gent­li­che Be­zeich­nungs­lo­gik
 

Der Na­me Sep­tua­ge­si­mä ist or­di­nal zu ver­ste­hen und be­deu­tet „der Sieb­zigs­te“. Die­se Be­zeich­nung ist we­der sym­bo­lisch noch ge­run­det ge­meint, son­dern rech­ne­risch be­stimmt.

Der Sonn­tag Sep­tua­ge­si­mä liegt 63 Ta­ge vor dem Os­ter­sonn­tag. Er be­zeich­net da­her nicht den sieb­zig­sten Tag vor Os­tern. Ge­zählt wird viel­mehr vom Sams­tag der Os­ter­wo­che aus. Die­ser Sams­tag ist Tag 1 der Zäh­lung, der Frei­tag der Os­ter­wo­che Tag 2 und so fort. Sep­tua­ge­si­mä ist in die­ser Fol­ge der sieb­zig­ste Tag.

Der Na­me legt da­mit so­wohl den Start­punkt als auch die Zähl­rich­tung fest: ge­zählt wird rück­wärts vom En­de der Os­ter­wo­che her.

Die­se Zäh­lung um­fasst ei­ne ge­schlos­se­ne Zeit­span­ne von sieb­zig Ta­gen: vom Sonn­tag Sep­tua­ge­si­mä bis zum Sams­tag der Os­ter­wo­che. Der Ziel­punkt ist we­der Kar­frei­tag noch der Os­ter­sonn­tag, son­dern der Ab­schluss der Os­ter­wo­che un­mit­tel­bar vor Qua­si­mo­do­ge­ni­ti.

Dass die­se Zeit­span­ne be­reits im Mit­tel­al­ter als de­fi­nier­te Ein­heit ver­stan­den wur­de, zeigt Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne zu Be­ginn sei­ner Aus­le­gung des Sonn­tags Sep­tua­ge­si­ma 19: Kalendarische Bestimmung bei Jacobus de Voragine:

Sep­tua­ge­si­ma be­ginnt am Sonn­tag, an dem „Cir­cum­de­de­runt me“ („Es um­fin­gen mich“; → Ps 18,5) ge­sun­gen wird, und en­det am Sams­tag nach Os­tern.

Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne be­schreibt hier kei­ne sym­bo­li­sche Deu­tung, son­dern ei­ne ka­len­da­ri­sche Be­stim­mung. Die Sieb­zig­zahl wird nicht als un­ge­fäh­re An­nä­he­rung ver­stan­den, son­dern als fest um­ris­se­ne Zeit­span­ne. Erst auf die­ser Grund­la­ge ent­fal­tet er die al­le­go­ri­sche Deu­tung der Sieb­zig als Bild der ba­by­lo­ni­schen Ge­fan­gen­schaft. Die Struk­tur steht vor der Sym­bo­lik.

In die­ser Per­spek­ti­ve ge­hö­ren Sep­tua­ge­si­mä und die fol­gen­den Sonn­ta­ge nicht pri­mär zur Fas­ten­zeit, son­dern zu ei­ner ös­ter­lich aus­ge­rich­te­ten Zähl­ord­nung des Kir­chen­jah­res. Die ab­stei­gen­de Rei­he Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä bil­det ei­ne struk­tu­rier­te De­ka­den­fol­ge. Sie be­schreibt kei­ne the­o­lo­gi­sche Sym­bol­rei­he, son­dern ei­ne ka­len­da­ri­sche Ar­chi­tek­tur.

Das his­to­ri­sche Al­le­lu­ja-Ver­stum­men ab Sep­tua­ge­si­mä ver­leiht die­ser Zähl­span­ne ei­ne kon­kre­te li­tur­gi­sche Ge­stalt. Mit die­sem Sonn­tag ver­än­dert sich der Klang des Got­tes­diens­tes bis zur Os­ter­fei­er hin. Ob die Pra­xis aus der Zähl­ord­nung her­vor­ging oder um­ge­kehrt, lässt sich his­to­risch nicht ent­schei­den. Si­cher ist je­doch, dass die vom Sonn­tag Sep­tua­ge­si­mä bis zum Sams­tag der Os­ter­wo­che rei­chen­de Zeit­span­ne als zu­sam­men­ge­hö­ri­ge Pha­se ver­stan­den und ge­stal­tet wur­de.

In der ge­gen­wär­ti­gen evan­ge­li­schen Li­tur­gie wird die­se akus­ti­sche Zä­sur kaum noch be­wusst voll­zo­gen. Da­mit ist auch die er­fahr­ba­re Klam­mer die­ser Sieb­zig­span­ne weit­ge­hend ver­blasst. Der Na­me bleibt je­doch Zeug­nis ei­ner prä­zi­sen li­tur­gi­schen Ord­nung, die sich aus der Zäh­lung selbst er­klärt.

Sep­tua­ge­si­ma be­ginnt am Sonn­tag „Cir­cum­de­de­runt me“ und en­det am Sams­tag nach Os­tern. Mehr sagt der Na­me nicht, aber ge­nau das sagt er.

 

 

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Der Sonn­tag Sex­a­ge­si­mä

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→ Der Sonn­tag Sex­a­ge­si­mä

Der Sonn­tag Sex­a­ge­si­mä ist Teil der Vor­pas­si­ons­zeit. Sein Na­me be­zeich­net ei­ne ge­naue Zäh­lung bis zum Mitt­woch der Os­ter­wo­che.

Der Sonn­tag Sex­a­ge­si­mä steht in­ner­halb der Vor­pas­si­ons­zeit und gilt oft als Glied ei­ner sym­bo­li­schen Zah­len­fol­ge. Sein Na­me be­zeich­net je­doch ei­ne ei­gen­stän­di­ge Rück­wärts­zäh­lung mit ei­nem spe­zi­fi­schen Ziel­punkt in der Os­ter­wo­che. Das Mo­dul klärt die zu­grun­de lie­gen­de Zähl­ord­nung und grenzt sie von ver­ein­fa­chen­den In­ter­pre­ta­tio­nen ab.

 

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Auf der Su­che nach dem Ur­sprung der Na­mens­ge­bung

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→ Die Sonn­tage im Ka­len­der

Bis heute fin­den sich im Kir­chen­ka­len­der die Na­men Sep­tua­ge­si­mä, Sex­a­ge­si­mä, Esto­mi­hi und In­vo­ka­vit. Doch was be­deu­ten sie?

Die alt­kirch­li­chen Sonn­tags­na­men Sep­tu­a­ge­si­mä, Sex­a­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä ver­lie­ren zu­neh­mend an Be­deu­tung. Neue Na­men tre­ten an ih­re Stel­le, und mit ih­nen ge­rät ihr ur­sprüng­li­cher Sinn im Ka­len­der in Ver­ges­sen­heit. Lohnt es sich über­haupt, über den Ur­sprung der Na­mens­ge­bung nach­zu­den­ken?

 

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→Vier merkwürdige Namen

Im evan­ge­li­schen Kir­chen­ka­len­der tau­chen nach der Epi­pha­nias­zeit Sonn­ta­ge auf, de­ren Na­men kaum noch ver­ständ­lich sind. Die Stu­die fragt nach Er­klä­run­gen und Sinn.

Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr.
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Reiner Makohl, Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Der Sonntag Septuagesimä, in: Stilkunst.de,
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