Grafik: Vater, vergib Ihnen! Sie wissen nicht, was sie tun! Grafik: Reiner Makohl
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Im Vaterunser verbindet Jesus die Bitte um Gottes Vergebung mit dem eigenen Vergeben: »Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« In der Kreuzigungsszene handelt er selbst nach dieser Vorgabe. Er hält die Schuld seiner Täter nicht fest und bittet den Vater um Vergebung für sie.
Ausgerechnet dieses Gebetswort in Lk 23,34a fehlt in einigen bedeutenden alten Handschriften des Lukasevangeliums und gilt deshalb häufig als später Zusatz. Irenäus von Lyon (ca. 135–200; Bischof und Theologe) kennt es jedoch bereits im 2. Jahrhundert und bezeugt es ausdrücklich in seinem Werk »Gegen die Häresien« als Wort Jesu am Kreuz.
Meine neue Untersuchung prüft die Auslassungszeugen, die frühe Bezeugung bei Irenäus und die Einfügung des Satzes in das lukanische Doppelwerk. Dabei geht es um mehr als eine textkritische Einzelheit: Mit der Auslassung verliert die Kreuzigungsszene ihre sichtbare Verbindung zur Vergebungsordnung des Vaterunsers.
Und mit der Auslassung tritt der Gott um Vergebung bittende Jesus hinter einen selbst vergebenden Christus zurück.
Die Frage klingt absurd. Aber die Praxis ist alt. Gottes Wort steht in der Bibel und wird darin verwaltet. Es wird hervorgeholt und von Predigern ausgelegt. Gottes Gegenwart wird im Kirchenraum verortet und von Priestern gehütet. Glocken laden ein, Gott zu besuchen, per Läuteordnung. Kelch und Hostie binden seine Präsenz an Ort und Handlung. Beichte, Buße und Absolution hegen sein Handeln ein.
Das ist keine Anklage. Das ist Beschreibung. Religionen brauchen Struktur. Strukturen tendieren zur Selbstermächtigung.
Irgendwann verwaltet die Struktur nicht mehr den Zugang zu Gott. Sie behauptet, über Gott zu verfügen.
In Mätthäus 9 wird ein Gelähmter zu Jesus gebracht. Jesus sagt: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Die Schriftgelehrten denken: Gotteslästerung. Nicht weil Vergebung unmöglich wäre. Sondern weil sie geordnet verlaufen muss. Durch die richtigen Instanzen, auf dem richtigen Weg. Jesus überspringt die Instanzen. Nicht aus Regelverachtung. Sondern weil dem Mann jetzt vergeben wird, nicht nach Abschluss des Verfahrens einer Ordnung.
Salomo hat die Frage selbst gestellt, mitten in der Einweihung des Tempels, den er für Gott gebaut hat: Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? (1.Kön 8,27) Er weiß, dass der Bau eine Anmaßung ist. Er baut trotzdem. Aber er weiß es.
Das ist der Unterschied. Nicht ob man Strukturen hat. Sondern ob man noch weiß, was sie sind: Behelf, nicht Verfügung. Zugang, nicht Besitz.
Glauben ist das Gegenteil davon. Nicht Verfügung über Gott, sondern Vertrauen in ihn. Vertrauen lässt sich nicht verwalten, nicht regulieren, nicht an Orte binden, nicht durch Verfahren sichern. Es hat keinen Zuständigen. Gott handelt, wo und wie er will, nicht wo die Läuteordnung es vorsieht.
Und nun?
Vielleicht empfiehlt sich das: Vertraue. Glaube.
Gott hilft.
Aber was, wenn der Mensch genau dort auf Gottes Hilfe wartet, wo Gott längst Verantwortung delegiert hat?
Der neue Aufsatz entwickelt einen ungewöhnlichen Gedanken:
Das Evangelium beschreibt Gott nicht als religiösen Mikromanager, sondern als delegierenden Gott. Mit dem Ende der alttestamentlichen Opferlogik verändert sich auch die Struktur der Gottesbeziehung. Verantwortung wird nicht länger kultisch verwaltet, sondern dem Menschen übertragen.
Doch was geschieht, wenn Menschen Verantwortung wieder an Gott rückdelegieren wollen?
Der Text verbindet neutestamentliche Theologie, Vaterunser, Kreuz, Vergebung und moderne Managementbegriffe wie „Delegation“ und „Rückdelegation“ zu einem neuen Blick auf Glauben, Freiheit und Verantwortung.
Im Zentrum steht eine unbequeme Frage:
Was bleibt vom Glauben übrig, wenn das „Du“, der Mitmensch, aus der Beziehung zwischen Gott und Mensch verschwindet?
Das Evangelium beschreibt Gott nicht als kontrollierende Instanz, sondern als delegierenden Gott. Was geschieht, wenn Menschen Verantwortung an Gott rückdelegieren wollen?
Viele religiöse Vorstellungen denken Glauben als eine direkte Verbindung zwischen Mensch und Gott. Der Mitmensch erscheint dann oft nur noch als Folge, Pflicht oder Nebensache.
Die Evangelien zeichnen jedoch ein anderes Bild.
Was geschieht, wenn die Beziehung zum Mitmenschen aus dem Glauben herausgelöst wird?
Was bleibt übrig, wenn nur noch die Linie zwischen ICH und GOTT bestehen soll?
Mein neues Positionsessay beschreibt Glauben als Raum gelebter Beziehung. Es fragt, warum dieser Raum implodiert, sobald das DU verschwindet.
Das Glaubensdreieck DU – GOTT – ICH beschreibt Glauben nicht als isolierte Gottesbeziehung, sondern als Raum gelebter Verantwortung zwischen Gott und Mitmensch.
Was Jesus dazu sagt, wird oft übersehen.
Gott weiß, was zwischen dir und einem Menschen geschehen ist, der dich im Reden und Handeln verletzt hat — was es dir angetan hat, was noch immer wehtut, was noch immer in dir gärt.
Er fordert Versöhnung. Die beginnt damit, dass Du vergibst.
Kein anderer kann dir das abnehmen.
Wer nur 1. Joh 1,9 liest oder vergleichbare Stellen, hat nicht falsch gelesen, aber sicher unvollständig.
Johannes schrieb für Gemeinden, die Jesu Worte ebenfalls längst kannten.
Mt 6,14-15 war keine Fußnote, sondern die Hervorhebung einer Grundlage.
Die Bedingung, die Jesus formuliert, musste Johannes nicht wiederholen, sie war selbstverständlich.
Die alten griechischen Textzeugen des Vaterunsers machen das noch deutlicher. Dort heißt es in Mt 6,12: „wie wir vergeben haben.“ — abgeschlossene Handlung. Der Beter tritt vor Gott mit einer bereits vollzogenen Tat, nicht mit einer frommen Absicht.
Jesus scheint dies so wichtig zu sein — vielleicht, weil es schon damals „übersehen“ wurde! —, dass er es in Mt 6,14-15 mit vielen Worten hervorhob und doppelt unterstrich.
Dem Mitmenschen vergeben, ist keine Lappalie. Das Vergeben durch Gott geschieht niemals unabhängig von dem, was zwischen Menschen geschehen ist. Jesus bindet beides zusammen — unauflöslich.
Und Jesus legt die Reihenfolge fest: erst DU, dann GOTT.