Der Dreikönigsbrauch
Zwischen Brauch und Evangelium
MODUL 3/9
Reiner Makohl | Februar 2026
Die Vorstellung von den „drei Königen“ gehört zu den stabilsten Bildern der Weihnachtsüberlieferung. Krippen, Lieder und Brauchtum setzen die Zahl als selbstverständlich voraus. Dabei entsteht leicht der Eindruck, als gehöre die Dreizahl selbst zur biblischen Aussage.
Dieses Modul fragt danach, warum das Matthäusevangelium auf jede Zahlenangabe verzichtet und welche theologischen Konsequenzen es hat, wenn diese Offenheit später durch symbolische Fixierungen ersetzt wird.
Wo die Zahl selbst zum Bedeutungsträger wird, beginnt die Magie der Ziffer das Wort der Verheißung zu ersetzen.
Die Idee von den drei Magiern ist kein Befund des Neuen Testaments, sondern ein Produkt späterer christlicher Rezeption. [
↗1]
Matthäus selbst nennt weder Zahl noch Namen; erst in der Auslegungstradition wird aus der offenen Gruppe eine fest umrissene Dreiheit. Die drei Könige sind damit weniger Teil der biblischen Erzählung als Ergebnis einer kirchlichen Wirkungsgeschichte.
Das Matthäusevangelium spricht im griechischen Urtext lediglich im Plural von Magiern (gr.: μάγοι, mágoi,
Mt 2,1). Es gibt keine numerische Angabe. Der Verzicht auf eine Zahl hält die Erzählung bewusst offen; es geht nicht um eine abzählbare Delegation, sondern um das Prinzip der Völkerwallfahrt. [
↗2]
Diese Offenheit gehört zur theologischen Aussage des Textes und ist kein Mangel an Information. Jede Festlegung auf drei Personen verengt diesen universalen Horizont auf ein überschaubares, haptisch greifbares Ensemble.
Mit der Festlegung auf eine bestimmte Zahl verlässt die spätere Auslegung diese textliche Offenheit und ersetzt sie durch eine nachträgliche Ordnung. Die Tradition schließt von der Dreizahl der Gaben (Gold, Weihrauch, Myrrhe, siehe
Mt 2,11) auf die Dreizahl der Personen.
Theologisch ist dieser Schluss problematisch: Er macht aus Gaben, die die Würde Christi bezeichnen, Identitätsmerkmale von Personen. Das Wort tritt in den Hintergrund, die Personenkonstellation in den Vordergrund. [
↗3]
Die Zahl Drei wird häufig durch die Trias (gr.: Τριάς, Dreifaltigkeit) legitimiert. Doch hier droht eine theologische Kurzschlussreaktion: Wenn alles Dreifache automatisch als göttlich signiert gilt, wird Zahlensymbolik [
↗4] an die Stelle von Schriftauslegung gesetzt.
Wo die Zahl selbst zum Bedeutungsträger wird, beginnt die Magie der Ziffer das Wort der Verheißung zu ersetzen.
Es ist rituell bequem, mit drei Königen zu arbeiten. Evangelische Klarheit verlangt jedoch die Einsicht: Die Zahl Drei ist kein Teil der biblischen Offenbarung.
Wer sie im Ritual als Wahrheit ausgibt, verlässt die Wortbindung und ersetzt das hörbare Wort durch ein sichtbares Ordnungszeichen. [
↗5]
Das Ritual muss die Differenz zwischen dem, was gesehen wird (Traditionszeichen), und dem, was gehört wird (Verheißung), sichtbar halten.
Die Erzählung von den Magiern lebt von Offenheit, nicht von Zählbarkeit. Erst die spätere Rezeption schließt von den Gaben auf Personen und überführt symbolische Deutung in feste Figuren.
Der Weg von der Offenbarung zur Zahl ist kurz, aber theologisch folgenreich: Das Evangelium wird von einer Verheißung in eine ordnende Plausibilitätsstruktur überführt
Die eigentliche Frage ist nicht, ob eine Tradition noch irgendwie biblisch gedeutet werden kann. Entscheidend ist, ob sie aus der Logik des Evangeliums lebt oder einer eigenständigen Legendenbildung folgt.
Wo sich religiöse Praxis von der biblischen Erzählung löst, entsteht ein anderes System. [
↗6] Dieses lässt sich christologisch umdeuten, aber nicht aus der Schrift begründen. Es lebt von religiöser Plausibilität – nicht von der Verheißung des Evangeliums.
Das nächste Modul zeigt, wie aus der Zahl eine Ordnung wurde. Es untersucht, wie Kontinente und Lebensalter in die Erzählung eingetragen wurden, und was dabei verloren ging.
Modul 2 zeigt, wie aus den fremden Magiern gekrönte Könige wurden. Die Offenheit der Erzählung wich einer heilsgeschichtlich geordneten Legende.
Der Dreikönigsbrauch - Epiphanias zwischen Brauch und Evangelium.
Die Übersicht zeigt alle neun Module.
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Reiner Makohl, Der Dreikönigsbrauch - zwischen Brauch und Evangelium, Die Zahl Drei, in: Stilkunst.de,
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