Weise, Magier, Könige

Wie die Magiern zu drei Königen wurden

Der Dreikönigsbrauch – zwischen Brauch und Evangelium

Der Dreikönigsbrauch

 

Zwischen Brauch und Evangelium

MODUL 2/9

Evangelisch gedacht
wortgebundene Klärungen zwischen Brauch, Bibel und Gegenwart

Weise, Magier, Könige

Wie aus den Magiern des Matthäus drei heilige Könige wurden

 

Rezeption, Legendenbildung und Wortbindung

 

Reiner Makohl | Februar 2026

 

Worum es hier geht

 

Die Gestalten der „Heiligen Drei Könige“ ge­hö­ren zu den ver­trau­tes­ten Fi­gu­ren der Weih­nachts­über­lie­ferung. Krip­pen, Lie­der und Brauch­tum zei­gen sie als ge­krön­te Herr­scher, die Chris­tus an­er­ken­nen und ihn an­be­ten. Die­ses Bild ist so selbst­ver­ständ­lich ge­wor­den, dass es sel­ten hin­ter­fragt wird.

Das Matthäusevangelium er­zählt je­doch an­ders. Es spricht von Magiern aus dem Osten ohne Zahl, ohne Namen und ohne Kö­nigs­wür­de.

Dieses Modul fragt danach, wie aus den su­chen­den Frem­den die ver­trau­ten Kö­nigs­fi­gu­ren wur­den und was die­se Ver­schie­bung für das evan­ge­li­sche Ver­ständ­nis von Schrift, Tra­di­tion und Aus­le­gung be­deu­tet.

 

 

Wo aus suchenden Fremden ge­krön­te Ge­wiss­hei­ten wer­den, ver­schiebt sich der Ak­zent von der Schrift zur Le­gen­de.

Einleitung

 

Die Weihnachtskrippe zeigt sie selbst­ver­ständ­lich: drei Kö­ni­ge mit Kro­nen. Der bib­li­sche Text spricht von et­was an­de­rem. Mat­thä­us nennt sie ma­goi (μά­γοι) [→↗1], Ma­gier oder Wei­se aus dem Os­ten. Kei­ne Kö­ni­ge, kei­ne Kro­nen, kei­ne Herr­schafts­ti­tel.

Wie aus diesen fremden Stern­deu­tern die ver­trau­ten „Hei­li­gen Drei Kö­ni­ge“ wur­den, ist kei­ne Ne­ben­sa­che. Es ist ei­ne theo­lo­gi­sche Wei­chen­stel­lung. Sie zeigt, wie sich eine bib­li­sche Er­zäh­lung un­ter dem Druck heils­ge­schicht­li­cher Deu­tung in eine Le­gen­de ver­wan­delt, die den Text nicht mehr aus­legt, son­dern zu­neh­mend über­la­gert.

 

Religiöse Praxis und ihre theologische Deutung

1. Der Textbefund: Magier, nicht Könige

Was Matthäus ausdrücklich sagt und was er bewusst offenlässt
 

Das Matthäusevangelium bezeichnet in Mt 2,1 die Be­su­cher Jesu in grie­chi­scher Spra­che aus­drück­lich als μά­γοι (ma­goi). Der Be­griff meint im an­ti­ken Sprach­ge­brauch re­li­gi­ö­se Spe­zi­a­lis­ten, Traum­deu­ter oder As­tro­lo­gen.

Auf­fäl­lig ist, was Mat­thä­us nicht schreibt: Er schreibt kei­ne Zahl, kei­ne Na­men, kei­ne Kö­nigs­be­zeich­nung (grie­chisch βα­σι­λε­ύς, ba­si­le­us), kei­ne Herr­schafts­in­sig­ni­en.

Die Magier er­schei­nen als frem­de Su­chen­de ohne re­li­gi­ö­se oder po­li­ti­sche Au­to­ri­tät. Sie fra­gen nach dem neu­ge­bo­re­nen Kö­nig der Ju­den, weil sie ein Zei­chen deu­ten, nicht weil sie ihn be­reits ken­nen.

Auch ihre Ver­ir­rung nach Je­ru­sa­lem ge­hört zur Er­zäh­lung: Sie su­chen zu­nächst am Ort der po­li­ti­schen Macht, dort, wo ein Kö­nig der Ju­den zu er­war­ten wäre.

Diese Fremdheit und die­se schein­ba­re Fehl­ori­en­tie­rung sind kein Man­gel, son­dern Teil der theo­lo­gi­schen Poin­te des Tex­tes. [→↗2]

 

2. Von den Magiern zu den Königen

Früheste Deutungen und ihre alttestamentliche Rückbindung
 

Die Umdeutung setzt früh ein. Sie ent­steht aus der Rück­bin­dung an alt­tes­ta­ment­li­che Tex­te wie → Psalm 72,10–11 oder → Jesaja 60,3, in de­nen Kö­ni­ge er­schei­nen, die Ga­ben brin­gen. Früh­christ­li­che Aus­le­ger le­sen die of­fe­nen Fi­gu­ren des Mat­thä­us in die­ses heils­ge­schicht­li­che Sche­ma hinein. [→↗3]

Damit än­dert sich der nar­ra­ti­ve Ak­zent grund­le­gend. Was der Text of­fen lässt, wird nun heils­ge­schicht­lich ge­ord­net und sym­bo­lisch sta­bi­li­siert:

  • aus Offenheit wird Ordnung
  • aus Suche wird Anerkennung
  • aus Irritation wird Be­stä­ti­gung in­ner­halb ei­nes ge­schlos­se­nen heils­ge­schicht­li­chen Sche­mas

Exkurs:
Wann aus Magiern Könige wurden

 

Die Deutung der Ma­gier als Kö­ni­ge ge­hört nicht zum bib­li­schen Text, son­dern zur früh­christ­li­chen Wir­kungs­ge­schich­te.

Der Evangelist nennt sie μά­γοι (ma­goi) – re­li­gi­ö­se Spe­zi­a­lis­ten aus dem Os­ten. Von Kö­ni­gen ist kei­ne Re­de. Den­noch be­ginnt be­reits im 2./3. Jahr­hun­dert ei­ne Aus­le­gung, die Psalm 72,10-11 („Die Kö­ni­ge von Tar­schisch und von den In­seln brin­gen Ge­schen­ke…“) auf die Ma­gi­er­er­zäh­lung be­zieht.

Tertullian deu­tet die Ma­gier aus­drück­lich als fe­re re­ges („gleich­sam Kö­ni­ge“). [→↗4]
Da­mit ent­steht erst­mals ei­ne theo­lo­gisch ar­gu­men­tier­te Kö­nigs­in­ter­pre­ta­tion.

Origenes ver­bin­det die Zahl der Ga­ben mit der Zahl der Per­so­nen und spricht von drei Ma­gi­ern. [→↗5]
Die Drei­zahl ist nun exe­ge­tisch be­grün­det, nicht text­lich be­legt.

Für die west­li­che Kir­che ge­winnt die­se Deu­tung kirch­li­che Au­to­ri­tät durch Papst Leo I.; in sei­nen Epi­pha­ni­as­pre­dig­ten setzt er die Drei­zahl vor­aus und ent­fal­tet sie heils­ge­schicht­lich. [→↗6]
Spä­tes­tens hier wird die sym­bo­li­sche Kon­struk­ti­on li­tur­gisch und theo­lo­gisch sta­bi­li­siert.

Iko­no­gra­phisch er­schei­nen die Ma­gier in der Spät­an­ti­ke noch als orien­ta­li­sche Wei­se mit phry­gi­schen Müt­zen, et­wa im Mo­sa­ik der Ba­si­li­ka Sant’Apollinare Nuo­vo (6. Jh.).
Die Darstellung mit Kro­nen setzt sich erst im Hoch­mit­tel­al­ter durch. [→↗7]

 

Fazit:

Die Kö­nigs­deu­tung ist ei­ne nach­träg­li­che Aus­le­gung. Sie ge­hört zur Wir­kungs­ge­schich­te, nicht zum Text selbst.

3. Gewinn und Verlust der Königsdeutung

Stabilisierung der Christologie ist Entschärfung der Provokation
 

Die Königsdeutung stabilisiert die christologische Aussage: Christus wird als Herr anerkannt. Doch der Preis ist hoch. Die Magier verlieren ihre Funktion als religiös ambivalente Außenseiter.

Die Provokation des Matthäus wird entschärft: Nicht die religiöse Elite findet das Kind, sondern Fremde mit zweifelhaftem Status. Wo diese Struktur durch die prachtvolle Königsdarstellung überdeckt wird, entsteht ein Narrativ, das den Text nicht illustriert, sondern domestiziert, ihm also seine Irritationskraft nimmt.

4. Wortbindung statt Legendenlogik

Evangelische Grenzziehung gegenüber der Tradition
 

Reformatorisch entscheidend ist die Wortbindung. [→↗8] Matthäus führt die Magier nicht als dekorative Figuren ein, sondern mit theologischer Absicht. Wo die Königslegende den Text verdrängt, entsteht ein religiöses System, das sich zwar christologisch deuten, aber nicht aus der Schrift selbst begründen lässt.

Martin Luther lässt die Königsbezeichnung im volkstümlichen Bereich gelten, warnt jedoch davor, sie zum Maßstab der Auslegung zu machen. Er erkennt die Gefahr, dass Tradition den Text überformt. [→↗9]

 

Zwischenfazit

 

Die Transformation der Ma­gier zu Kö­ni­gen ist der Ver­such, die Un­ver­füg­bar­keit Got­tes in ein Sche­ma von Macht und An­er­ken­nung zu pres­sen. Aus der ir­ri­tie­ren­den Be­geg­nung wird ei­ne Be­stä­ti­gung be­ste­hen­der Ord­nung.

Wo die Königslegende den Text ver­drängt, ist ihr aus Ver­ant­wor­tung für das Evan­ge­li­um evan­ge­lisch zu wi­der­spre­chen.

 

Schluss

 

Evangelisch ist nicht, der Tradition Raum zu ge­ben, son­dern das Wort frei­zu­hal­ten. Wer heu­te von den Kö­ni­gen spricht, meint meist das fer­ti­ge Bild der Über­lie­fe­rung und ge­ra­de nicht die su­chen­den Wei­sen des Evan­ge­li­ums.

Evangelisch bleibt die Auf­ga­be, die magoi wie­der­zu­ent­de­cken und sie als ano­ny­me Frem­de ste­hen zu las­sen. Ihre Ge­schich­te be­grün­det kei­nen Brauch. Sie er­in­nert da­ran, dass die Be­geg­nung mit Gott auf eine Of­fen­heit setzt, die das Hö­ren des Wor­tes er­mög­licht.

 

 

Wie es weiter gehen kann

 

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Die Zahl Drei - Projektion statt Offenbarung

Das Modul fragt nach der schein­bar selbst­ver­ständ­li­chen Zahl der Ma­gier. Es zeigt, wa­rum Mat­thä­us kei­ne Zahl nennt, und wie aus der Of­fen­heit des Tex­tes die fixe Vor­stel­lung von „drei Kö­ni­gen“ ent­stand.

 

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C☩M☩B☩ – Von Namenszauber zu Christusformel

Das Modul zeigt, wie ☆C☩M☩B☩ als Schutzzeichen ent­stand und spä­ter chris­to­lo­gisch um­ge­deu­tet wurde.

 

→ Zur Modulübersicht

Der Dreikönigsbrauch - Epiphanias zwischen Brauch und Evangelium.
Die Übersicht zeigt alle neun Module.

 

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SK Version 14.02.2026