
Reiner Makohl
Erstveröffentlichung: Februar 2026
Letztes Update: 10.7.2026

Grafik: Sakramente und Sakramentalien.
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siehe unten.
Ausgangspunkt dieses Positionspapiers ist das jesuanische Kerygma: Der Mensch wird im Wort unmittelbar vor Gott gestellt und zur verantwortlichen Entscheidung gerufen. Kirchliche Lehre, Praxis und Ritual sind daran zu prüfen.
Zur analytischen Einordnung kirchlicher Praxis wird hier das „sakramentale Profil“ als Kategorie eingeführt. Der Begriff bezeichnet die dogmatische Grundlogik, nach der Gottes Handeln als kirchlich geordnete Zeichenwirksamkeit, als wortgebundenes sakramentales Zeichen oder als davon unterschiedener Vollzug jesuanischer Handlungsanweisungen verstanden wird. → 1: Begriffsklärung: Sakramentales Profil
Diese Unterscheidung bleibt nicht beim Sakramentsverständnis stehen. Sie reicht in die gesamte religiöse Praxis hinein: Segnungen, Sakramentalien, benedizierte Gegenstände, Reliquien, Raumvorstellungen und Formen der Volksfrömmigkeit. → 2: Die Reichweite des Sakramentsverständnisses
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Systematische Kurzformel
🕴 Römisch-katholisch: Gottes Gnade wird in kirchlich geordneten wirksamen Zeichen vermittelt.
✞ Evangelisch-reformatorisch: Gottes Handeln bleibt an das verheißende Wort gebunden; Zeichen sind sichtbares Wort.
✛ Evangelisch Christsein: Taufe und Abendmahl sind Vollzüge jesuanischer Handlungsanweisungen durch Menschen für Menschen. Gottes Heilshandeln bleibt davon frei. Es wird im Gebet erbeten, aber nicht durch den Vollzug gebunden, sichtbar gemacht oder bewirkt.
Warum derselbe Begriff nicht dasselbe bedeuten muss
Evangelische und römisch-katholische Theologie verwenden häufig dieselben Begriffe: Sakrament, Segen, Zeichen, Kirche. Doch hinter dieser gemeinsamen Sprache stehen unterschiedliche theologische Logiken.
An ihnen entscheidet sich, welche Funktion religiöse Zeichen erhalten: Verweisen sie auf das Wort, oder werden sie selbst als wirksame Vollzüge verstanden? Wird Gottes Nähe zugesprochen, oder wird sie in kirchlich geordneten Handlungen vermittelt? Dient religiöse Praxis dem Wort, oder beansprucht sie eine eigene Wirksamkeit? → 3: Methodische Prämisse
„Evangelisch-reformatorisch“ bezeichnet hier keine landeskirchliche oder konfessionsgeschichtliche Zuordnung, sondern eine hermeneutische Grundhaltung: die Prüfung christlicher Aussagen, Deutungen und Praktiken am Wort des Evangeliums – nicht an kirchlicher Gewohnheit, religiöser Plausibilität oder zugeschriebener Zeichenwirksamkeit.
Beide Profile werden im Folgenden als Idealtypen gezeichnet. Der Kontrast wird bewusst zugespitzt; konfessionsinterne Differenzierungen, etwa zwischen lutherischer und reformierter Abendmahlslehre, treten dahinter zurück.
Das sakramentale Profil macht diese Grundlogiken sichtbar.
Wortbindung und Verheißungslogik
Im
evangelisch-reformatorischen Verständnis ist Gottes Handeln an das Wort gebunden. → 4: Wortbindung
Der Glaube entsteht »ex auditu« – aus dem Hören. → 5: Fides ex auditu und Luthers Tauflehre
Gott bindet sich an seine Verheißung, nicht an Materie oder Vollzug. Wortbindung heißt: Nicht der religiöse Vollzug trägt, sondern die Zusage Gottes.
Taufe und Abendmahl bringen diese Bindung auf die Spitze. Als sichtbares Wort setzen sie fort, was in der Predigt hörbar geschieht. → 6: Sakrament als sichtbares Wort
Sie sind nicht vom Wort gelöste Zeichenhandlungen, sondern Gestalten des Evangeliums: Wort, Zeichen und Verheißung gehören zusammen.
Zeichen haben darum evangelisch Bedeutung, aber keine eigene, von der Zusage gelöste Kraft. Gott bleibt Subjekt des Geschehens. Kein religiöses Mittel macht ihn verfügbar.
So bleibt religiöse Praxis begrenzt, damit das Evangelium frei bleibt.
✛Dieses Positionspapier nimmt die reformatorische Begrenzung religiöser Mittel auf, unterscheidet aber strenger zwischen menschlichem Vollzug und göttlichem Heilshandeln. Auch die evangelische Rede vom Sakrament als „sichtbarem Wort“ verbindet den menschlichen Vollzug mit Gottes Handeln.
Hier wird der Akzent anders gesetzt: Der Mensch vollzieht, was Jesus aufgetragen hat. Gottes Heilshandeln bleibt davon frei. Es wird nicht durch Taufe oder Abendmahl verursacht, gesichert oder sichtbar verfügbar gemacht.
Zeichenwirksamkeit und Vermittlungslogik
In der römisch-katholischen Theologie wird Gottes Gnade sakramental vermittelt. Zeichen besitzen eine objektive Heilsrelevanz, die über den bloßen Zuspruch hinausgeht.
Die römisch-katholische Kirche kennt sieben Sakramente: Taufe, Firmung, Eucharistie, Buße, Krankensalbung, Weihe und Ehe. Sie begleiten den Lebensweg von der Eingliederung in die Kirche über Stärkung, Mahlgemeinschaft, Schuldvergebung und Krankheit bis zu kirchlich geordneten Lebensständen.
Ex opere operato – aus dem vollzogenen Werk – meint: Im gültig vollzogenen Sakrament handelt Christus selbst. Die Wirksamkeit hängt nicht von der persönlichen Würdigkeit des Spenders ab. Die innere Haltung des Empfängers betrifft die Fruchtbarkeit des Empfangs, nicht die objektive sakramentale Wirklichkeit. → 7: Ex opere operato
Auch Dinge, Orte und Zeiten können geistlich qualifiziert werden – als Sakramentalien. → 8: Sakramentalien: dogmatischer Status und Systematik
Kirche und Ritus werden so zu Trägern der Heilsvermittlung, und zwar bis in die Amtsfrage hinein: Der römisch-katholischen Lehre gilt die volle sakramentale Gemeinschaft, besonders die Eucharistiegemeinschaft, an ein gültiges Weiheamt in apostolischer Sukzession gebunden. Den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen wird deshalb ein Mangel am Weihesakrament vorgehalten. → 9: Heilsvermittlung und Amt im katholischen Sakramentsverständnis
Innerhalb der römisch-katholischen Lehre ist diese Logik folgerichtig. Reformatorisch bleibt sie dennoch eine andere Grundentscheidung.
Wortgebundenes Zeichen oder wirksames Heilszeichen
Die Gegenüberstellung führt auf eine Grundfrage: Bleibt das Zeichen an das verheißende Wort gebunden, oder wird das Zeichen selbst zum kirchlich geordneten Vermittlungsort der Gnade?
Wirkt Gott durch das Wort – oder durch Zeichen?
| ✞ Evangelisch-reformatorisch |
🕴 Römisch-katholisch |
|---|---|
| Wort schafft Glauben | Zeichen vermitteln Gnade |
| Zeichen sind sichtbares Wort | Zeichen wirken als kirchlich geordnete Heilszeichen |
| Begrenzung religiöser Mittel | Ausweitung sakramentaler Mittel |
| Freiheit Gottes | objektive Heilsordnung |
Diese Differenz erklärt, warum Praktiken wie Haussegen, Reliquien oder Raumsegnungen unterschiedlich bewertet werden→ 3: Methodische Prämisse
✛Die Gegenüberstellung beschreibt zwei kirchliche Profile. Die hier vertretene evangelische Rückführung setzt eine Ebene früher an: Bleibt eine Handlung Vollzug einer jesuanischen Anweisung, oder wird sie als Ort, Zeichen oder Mittel göttlicher Heilswirkung verstanden? An dieser Stelle ist auch evangelische Sakramentensprache kritisch zu prüfen, sofern sie Taufe und Abendmahl so eng mit Gottes Heilswirken verbindet, dass menschlicher Vollzug und göttliches Handeln ineinandergezogen werden.
Handlungsanweisung statt Heilsmechanismus
✞
Im evangelischen kirchlichen Sprachgebrauch gelten Taufe und Abendmahl als die beiden Sakramente, weil dort Einsetzungswort Christi, sichtbares Zeichen und konkrete Heilsverheißung zusammenfallen. → 10: Kriterium für zwei Sakramente
✛
Für dieses Positionspapier ist damit aber noch nicht alles gesagt. Taufe und Abendmahl sind zuerst Vollzüge jesuanischer Handlungsanweisungen. Menschen handeln für Menschen: Sie verkündigen und unterweisen, sie taufen, sie brechen Brot und reichen den Kelch. Die Taufe steht nicht isoliert neben der Lehre, sondern gehört in den Auftrag, Menschen in die Nachfolge Jesu hineinzurufen und sie in seinen Geboten zu unterweisen. Der sakramentale Charakter ist eine spätere Deutungsschicht, nicht der Ausgangspunkt. → 11: Taufe und Abendmahl als Vollzüge jesuanischer Handlungsanweisungen
Die göttliche Dimension ist davon zu unterscheiden. Gottes Zuwendung kann erbeten werden, doch sie bleibt Gottes freies Handeln. Sie wird nicht durch den menschlichen Vollzug ausgelöst, gesichert oder verwaltet. Darum sind Taufe und Abendmahl in dieser Perspektive keine religiösen Mittel, die Heil bewirken. Sie sind gehorsamer Vollzug dessen, was Jesus der Gemeinde aufgetragen hat.
🕴
Sakramentalien überschreiten diese Grenze in anderer Weise. Sie sprechen Zeichen, Dingen, Orten oder Handlungen eine geistliche Wirksamkeit zu, die nicht durch eine jesuanische Handlungsanweisung gedeckt ist. → 12: Reformatorische Kritik an Sakramentalien
Damit tritt neben das Wort und neben die menschliche Handlung ein kirchlich geordneter Wirkzusammenhang. Was römisch-katholisch kohärent ist, bleibt von dieser Grenzziehung her nicht anschlussfähig.
Der Dreikönigsbrauch als Beispiel sakramentalienhafter Logik
Der Dreikönigsbrauch – Zeichen „☆C☩M☩B☩“, geweihte Kreide, Haussegen, Reliquien – lässt sich nur verstehen, wenn man das sakramentale Profil kennt.
Die Praxis folgt einer sakramentalienhaften Logik. Die geweihte Kreide gehört dabei systematisch zu einer eigenen Gruppe von Sakramentalien: den für den gottesdienstlichen oder religiösen Gebrauch bestimmten, benedizierten Gegenständen, neben Weihwasser, Chrisam oder Kerzen. → 8: Sakramentalien: dogmatischer Status und Systematik
Hier liegt eine evangelische Blindstelle. Wer »Segnung« als offene Bitte hört, nimmt den Brauch leicht als fromme Erinnerung, symbolische Markierung oder religiöse Folklore wahr. In der sakramentalienhaften Logik ist der Vollzug stärker bestimmt: Die Kreide ist benedizierter Gegenstand, das Zeichen wird am Haus angebracht, der Raum wird unter einen kirchlich vollzogenen Schutz- und Segenszuspruch gestellt. Der Brauch lebt deshalb nicht nur von seiner Bedeutung, sondern von der Erwartung, dass der vollzogene Ritus etwas bewirkt.
Die evangelische Kritik gilt dabei der Zeichenwirksamkeit, nicht der Frömmigkeit als solcher. Die Resemantisierung versucht, diese Logik christologisch zu legitimieren, ohne den Vollzug selbst zu ändern. → 13: Resemantisierung im Dreikönigsbrauch
Daran entscheidet sich, ob ein Brauch dem Wort dient oder es ersetzt.
Handlungsanweisung statt religiöser Technik
Die hier dargestellte Position fußt auf dem jesuanischen Kerygma: Der Mensch wird im Wort unmittelbar vor Gott gestellt und zur verantwortlichen Entscheidung gerufen.
Von dort her ist religiöse Praxis zu begrenzen. Was dem Wort dient, kann Verkündigung, Unterweisung, Zeichen, Erinnerung, Zuspruch oder gemeinschaftlicher Vollzug sein. Was Gottes Handeln in kirchlich geordnete Wirksamkeit überführt, überschreitet diese Grenze.
Das gilt auch für Taufe und Abendmahl. Beide werden hier nicht als heilswirksame Zeichenhandlungen entfaltet, sondern auf den Vollzug jesuanischer Handlungsanweisungen zurückgeführt. Menschen handeln für Menschen. Sie verkündigen und unterweisen, sie taufen, sie brechen Brot und reichen den Kelch. Die Beteiligung Gottes, Christi oder des Heiligen Geistes ist davon zu unterscheiden. Sie wird erbeten, aber nicht durch den Vollzug gebunden.
Wie Taufe und Abendmahl im Einzelnen zu verstehen sind, muss gesondert behandelt werden. Für dieses Positionspapier genügt die Grundlinie: Taufe stellt den Menschen in den Raum der zugesprochenen Gnade. Dieser Raum ist kein unverlierbarer Heilsbesitz. Das Abendmahl erinnert an Jesu letztes Mahl und verweist auf das Ende jeder kultischen Opferlogik. Beide Vollzüge verweisen auf Gottes Zuspruch; sie machen ihn nicht verfügbar.
Evangelische Theologie lebt dort von der Begrenzung religiöser Mittel, wo sie diese Freiheit des göttlichen Handelns wahrt. Aus dieser Begrenzung wächst Freiheit: Wer Gott nicht verfügbar machen kann, muss ihn auch nicht instand halten.
Taufe und Abendmahl sind Vollzüge jesuanischer Handlungsanweisungen durch Menschen für Menschen.
Gott lässt sich nicht besitzen, nicht speichern, nicht absichern. Er kommt im Wort; er wird nicht durch Ritus herbeigezwungen. → 4: Wortbindung
Das sakramentale Profil schützt das Evangelium davor, zur religiösen Technik zu werden. → 14: Freiheit durch Begrenzung des Religiösen
Orientierung unter dem Maßstab der Wortbindung
Die Positionspapiere bündeln die theologischen Maßstäbe, von denen aus Stilkunst arbeitet. Die Positionen schaffen Transparenz. Sie legen den Standort offen, von dem aus argumentiert wird, und machen deutlich, wie von diesem Standort her das Evangelium an das Wort gebunden verstanden wird und welche Konsequenzen das für den Glauben, die religiöse Praxis und die Lebenswirklichkeit des Christen hat.
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Illustration: Sakramente und Sakramentalien.
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Autor: Reiner Makohl
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