Resemenatisierung

Eine evangelische Begriffserklärung
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Begriffserklärung

Resemenatisierung

Bedeutungsverschiebung religiöser Zeichen

 

Reiner Makohl | Februar 2026

 

Resemantisierung bezeichnet den Vorgang, bei dem einem bestehenden Zeichen, Brauch oder einer religiösen Praxis eine neue theologische Deutung zugeschrieben wird, während Form, Vollzug und funktionale Logik weitgehend erhalten bleiben. Der Sinn wird verändert, nicht jedoch die operative Logik des Vollzugs.

Systematische Kurzformel

Resemantisierung ändert die Deutung, nicht die Funktion.

1. Einstieg

 

Religiöse Praxis verschwindet selten abrupt. Viel häufiger wird sie umgedeutet. Zeichen, die ursprünglich schützend, abwehrend oder funktional verstanden wurden, erhalten nachträglich eine neue religiöse Begründung. Die äußere Handlung bleibt dieselbe, doch ihr Sinn soll sich geändert haben.

Diesen Vorgang bezeichnet die Theologie als Re­se­man­ti­sie­rung. Er ist weder ungewöhnlich noch per se illegitim. Problematisch wird er dort, wo behaupteter Sinn und faktischer Vollzug auseinanderfallen und die Praxis weiterhin das leistet, was sie zuvor funktional bewirken sollte. [→↗1]

 

2. Was Resemantisierung bedeutet

 

Resemantisierung meint keine bloße Neuformulierung, sondern eine nachträgliche Bedeutungszuschreibung. Ein Zeichen oder Brauch wird nicht neu eingeführt, sondern theologisch neu interpretiert.

Charakteristisch sind drei Merkmale:

  • Formkonstanz
    Die äußere Gestalt des Zeichens bleibt unverändert (z. B. Kreidezeichen, Schwellenmarkierung, ritualisierte Handlung).
  • Funktionskontinuität
    Der praktische Zweck bleibt erhalten (z. B. Schutz, Sicherung, Abwehr von Unheil). [→↗2]
  • Bedeutungswechsel
    Die religiöse Begründung wird neu gefasst (z. B. von Namensmacht zu Christusformel).

Resemantisierung ist damit kein Neuanfang, sondern eine Umdeutung bei gleichbleibendem Vollzug. [→↗1]

 

3. Resemantisierung und Relecture – eine notwendige Unterscheidung

 

Resemantisierung darf nicht mit Relecture verwechselt werden.

  • Relecture bezeichnet eine erneute Auslegung eines biblischen Textes im Licht neuer Erfahrungen oder theologischer Einsichten. Maßstab bleibt der Text selbst. [→↗3]
  • Resemantisierung hingegen betrifft außertextliche Praxis. Sie setzt dort an, wo ein Vollzug bereits etabliert ist und nachträglich theologisch legitimiert wird. Maßstab ist nicht mehr der Text, sondern die bestehende Praxis. Die theologische Reflexion folgt dem Vollzug, nicht umgekehrt. [→↗3]

Diese Unterscheidung ist für die evan­ge­li­sche Be­wer­tung re­li­giö­ser Bräu­che zen­tral.

 

4. Resemantisierung am Beispiel des Dreikönigsbrauchs

 

Im Dreikönigsbrauch wird Re­se­man­ti­sie­rung besonders deutlich am Zeichen „C + M + B“.

Historisch fungierte die Buchstabenfolge als apotropäisches Schutzzeichen, getragen von der Namensmacht heiliger Gestalten. Später wurde dieselbe Zeichenfolge als (lateinisch:) Christus mansionem benedicat (dt.: Christus segne dieses Haus) gedeutet. Inzwischen wird zunehmend von der Bedeutung des Haussegens (Ziel der Segnung ist das Gebäude bzw. sind die Räume) auf eine Bedeutung als Segen für die Bewohner verwiesen, da das Segnen von Gegenständen oder Räumen insbesondere nicht der evangelischen Lehre folgt.

Theologisch entscheidend ist:

  • die Schutzfunktion bleibt bestehen
  • der Deutungsrahmen wechselt
  • die rituelle Praxis wird nicht verändert [→↗2]

Die Resemantisierung betrifft somit nicht den Vollzug, sondern seine Begründung.

 

5. Reformatorische Kritik an Resemantisierung

 

Aus → evangelisch-reformatorischer Perspektive ist Re­se­man­ti­sie­rung kein neutraler Vorgang. Sie verlangt Prüfung. Das zentrale Kriterium lautet: Wortbindung. [→↗4]

Wo ein Zeichen unabhängig vom gehörten Wort eine Wirkung entfalten soll, tritt das Zeichen an die Stelle der Verheißung. Damit wird das Zeichen funktionalisiert, auch dann, wenn es christologisch gedeutet wird. [→↗4]

Reformatorisch problematisch ist Re­se­man­ti­sie­rung dort, wo

  • ein Zeichen mehr tut als sagt
  • der Vollzug wichtiger wird als die Verkündigung
  • Vertrauen durch Absicherung ersetzt wird
  • religiöse Praxis eine eigene Wirksamkeit beansprucht [→↗5]
Dann entsteht kein neu verstandenes Evangelium, sondern ein anderes religiöses System. [→↗4]

 

6. Warum dieser Begriff zentral ist

 

Resemantisierung erklärt, warum viele religiöse Praktiken christlich erscheinen, ohne aus dem Evangelium heraus entstanden zu sein.

Der Begriff ermöglicht die Unterscheidung

  • zwischen Text und Praxis,
  • zwischen Deutung und Funktion,
  • zwischen Symbol und religiöser Technik. [→↗4]

So ist beispielsweise für die Analyse des Dreikönigsbrauchs Re­se­man­ti­sie­rung un­ver­zicht­bar, weil sie sicht­bar macht, dass nicht der Sinn allein, son­dern der Voll­zug theo­lo­gisch ent­schei­dend ist. [→↗1]

 

 

Verbindung zu anderen Begriffen

  • → Wortbindung: Maßstab für theologische Prüfung
  • → Symbol: Zeichen, die verweisen und erinnern ohne eigenständige Wirksamkeit
  • → Sakramentalien: Zeichen mit Wirksamkeitsanspruch
  • → Segen: Zuspruch der Verheißung an Menschen im Wort, keine Schutzmaßnahme
  • → Volksfrömmigkeit: Alltagspraktiken zwischen Ausdruck, Trost und Funktionalisierung
 

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SK Version 14.02.2026