
Reiner Makohl | Mai 2026
Das ICH schafft oder definiert den Nächsten nicht. Er ist bereits Nächster und Gottes Geschöpf, bevor das eigene Handeln beginnt. Die Beziehung Gottes zum ICH kann daran wachsen oder zerbrechen.
Viele religiöse Modelle beschreiben die Beziehung zwischen Gott und Mensch wie eine direkte Verbindung. Der Mensch sucht Gott, glaubt an Gott, betet zu Gott oder wird durch religiöse Handlungen mit Gott verbunden. Der Mitmensch erscheint dabei oft nur noch als Folge oder Nebensache.
Die Evangelien zeichnen ein anderes Bild. Jesus spricht auffällig selten über eine isolierte Beziehung zwischen Gott und Mensch. Er spricht über Schuld und Vergebung, über Wahrheit und Barmherzigkeit, über Verantwortung und den konkreten Umgang von Menschen miteinander. Die Gottesbeziehung zeigt sich nicht abseits des Lebens, sondern mitten in ihm.
Dieses kleine Denkmodell versucht, diese Beobachtung in einer einfachen Bildsprache sichtbar zu machen.
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Grafik: Du, Gott, Ich.
Die Beziehung zu Gott ist untrennbar mit der Beziehung zu anderen Menschen verbunden. Gottes Handeln am ICH setzt die Wertschätzung des DU und dessen Beziehung zu GOTT voraus. Gottes Zuspruch erwartet vom ICH eine verbindliche Antwort und ein Handeln aus Glauben heraus. Im Zentrum steht der Glaube, dessen Basis das zwischenmenschliche Wirken ist. Das ICH empfängt als Antwort auf Gottes Forderung zur Teilhabe am Reich Gottes durch gelebte Vergebung und Versöhnung mit dem Du den Zuspruch Gottes.
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siehe unten.
Drei Punkte bilden das Modell: „DU“, „GOTT“ und „ICH“. Die Grafik ist von links nach rechts zu lesen. Das DU, der Mitmensch, steht bewusst an erster Stelle. GOTT steht oben, das ICH wieder an der Basis, rechts unten. Warum das so angelegt ist, wird zu zeigen sein.
Was zwischen diesen drei Punkten aufgespannt wird, das gefüllte Dreieck, ist kein Platzhalter, um grafische Leere zu füllen, und auch kein abstraktes Schema. Das Dreieck stellt einen Raum dar, der die Wirklichkeit zwischen den drei Punkten beschreibt.
Gott „thront“ nicht als tyrannische Macht über dem Geschehen, sondern als Ursprung, Wahrheit und Maßstab allen Lebens. Er ist Schöpfer und zugleich derjenige, der dem Menschen Verantwortung überträgt. Der Mensch darf handeln, er muss entscheiden, er trägt Verantwortung für das, was aus seinem Denken, Reden und Handeln hervorgeht.
Die eigentliche Bewährung geschieht jedoch nicht oben, in der Nähe zu Gott, sondern unten, an der breiten Basis des Dreiecks: im zwischenmenschlichen Wirken. Dort, wo Menschen miteinander leben, entscheidet sich, ob Glaube in die Lebenspraxis hineinwirkt. Die drei Seiten des Dreiecks beschreiben, wie sich der Raum definiert.
Die linke Seite des Dreiecks verläuft zwischen GOTT und dem DU, dem Mitmenschen. Sie ist die theologisch schwerste Seite des Modells, schwerer als sie auf den ersten Blick erscheint.
Jesus macht in einer seiner radikalsten Passagen deutlich, was auf ihr steht. Im Gericht des Menschensohns wird nicht nach religiöser Leistung gefragt, sondern danach, wie der Hungernde, der Fremde, der Kranke, der Gefangene behandelt wurde. „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (
Mt 25,40). Christus identifiziert sich mit dem leidenden Menschen. Das ist keine fromme Metapher. Es ist eine theologische Aussage von präziser Schärfe: Gott ist im Mitmenschen gegenwärtig. Wer den Mitmenschen schädigt, schädigt damit Gott selbst. Wer ihn erniedrigt, erniedrigt Gott. Wer ihn tötet, trifft Gott.
Das klingt abstrakt, bis man es an dem Ort bedenkt, wo es am schwersten wiegt. Die Frage, wo Gott war, als unschuldige Menschen in den Lagern des Dritten Reichs ermordet wurden, hat von der linken Seite des Dreiecks aus eine Antwort: Er war bei den Opfern. Er war das DU, das getötet wurde.
Die Täter operierten theologisch ausschließlich auf der rechten Seite. Das Gewissen, das sie mit Gott verbinden wollte, war auf das eigene Innere reduziert. Die Theologie der Deutschen Christen hatte die linke Seite faktisch gekappt: Gott stand nicht in Beziehung zum Verfolgten, zum Fremden, zum Feind. Er stand nur in Beziehung zum eigenen Volk, zur eigenen Gemeinschaft, zum eigenen ICH. Das machte es möglich, das Gewissen klein zu halten und trotzdem zu glauben, man stehe in Beziehung zu Gott.
Das Dreieck zeigt, was dabei theologisch geschieht: Wer die linke Seite kappt, hat kein Dreieck mehr. Der Raum des Glaubens implodiert. Zurück bleibt eine Linie, eine direkte Verbindung zwischen ICH und GOTT, abgeschirmt vom Mitmenschen. Genau das ist das Modell, das Jesus in der Rede vom Weltgericht im Matthäus-Evangelium, Kapitel 25 zerstört.
Das DU steht links, denn GOTT ist mit dem DU schon verbunden, bevor das ICH es kennenlernen kann. Das ICH schafft oder definiert den Nächsten nicht. Er ist bereits Nächster und Gottes Geschöpf, bevor das eigene Handeln beginnt. Die Beziehung Gottes zum ICH kann daran wachsen oder zerbrechen.
Die rechte Seite verbindet GOTT mit dem ICH. Hier geht es um die persönliche Gottesbeziehung, aber nicht in dem Sinne, dass sie sich von der zwischenmenschlichen Dimension ablösen ließe. Gottes Zuspruch erwartet vom ICH verbindliche Antwort und Handeln aus dem Glauben heraus.
Verantwortung ist in diesem Modell wörtlich zu verstehen: Antwort auf das gehörte Wort. Wer das Wort Gottes hört, steht damit in einer Beziehung, die Folgen hat. Denken, Reden und Handeln gegenüber dem Mitmenschen stehen dabei im Mittelpunkt, nicht geistliche Übungen oder religiöse Sonderleistungen.
Das zeigt sich auch im Gebet. Jesus bindet die Erhörung des Gebets unmissverständlich an die Bereitschaft zur Versöhnung und Vergebung. Wer vor dem Altar steht und sich erinnert, dass der Bruder etwas gegen ihn hat, soll zuerst hingehen und sich versöhnen (
Mt 5,23-24). Wer Vergebung von Gott erbittet, muss sie selbst gewähren, denn beides hängt untrennbar zusammen (
Mt 6,14-15).
Die rechte Seite des Dreiecks ist kein frommer Sonderweg, sie führt unweigerlich zur Basis zurück, zum Leben zwischen Menschen.
Was zwischen den drei Seiten liegt, ist das Entscheidende. Die Fläche des Dreiecks ist der Raum, in dem sich Glaube entfaltet, gefüllt durch Denken, Reden und Handeln aus dem Glauben heraus.
Dieser Raum hat eine eigentümliche Geometrie. Unten, an der breiten Basis, ist noch viel Spielraum. Denken, Reden und Handeln können auseinanderfallen. Religiöse Rollen, Frömmigkeitssprache und kultische Gesten bieten noch Schutz. Je weiter man sich jedoch in Richtung Gott bewegt, desto enger wird der Raum. Denken, Reden und Handeln können immer weniger auseinanderfallen, ohne dass die Beziehung leidet.
Horizontale Schnitte durch das Dreieck machen das anschaulich: Sie alle stellen die Beziehung zwischen DU und ICH dar, mit je unterschiedlicher Distanz. Je stärker der Glaube wirkt, je näher das ICH Gott kommt, desto geringer wird der Abstand zwischen DU und ICH. Die Distanz zwischen Menschen ist kein von der Gottesbeziehung unabhängiges Phänomen. Sie schrumpft in dem Maß, in dem der Glaube wächst und trägt.
Gerade deshalb spricht Jesus so radikal. Er fordert nicht zuerst komplizierte Theorien über Gott, er fordert den Menschen selbst heraus: zur Wahrheit, zur Vergebung, zur Feindesliebe, zur Barmherzigkeit. Das Reich Gottes erscheint bei ihm nicht fern vom Alltag, sondern mitten in ihm, auf der Basis des Dreiecks, zwischen Menschen.
Dieses Modell ist kein religiöses Punktesystem. Der Mensch arbeitet sich nicht durch gute Leistungen zu Gott empor. Denken, Reden und Handeln sind keine Vorleistungen für Gottes Liebe und Gnade. Es sind keine Bußleistungen, die eine Gegengabe erzwingen.
Was hier beschrieben wird, ist etwas anderes: der natürliche Ausdruck einer Beziehung, die bereits trägt. Wer das Wort Gottes gehört hat, wer in dieser Beziehung lebt, dessen Denken, Reden und Handeln werden davon geformt. Nicht vorausarbeitend, sondern als Folge. Nicht Verdienst, sondern Ausdruck.
Das hat Konsequenzen für das Bild, das man sich von Schuld macht. Die Frage betrifft nicht nur die allgemeine Gottesferne, die dogmatische Totalformel der Sünde. Die konkreten Schulden zwischen Menschen bleiben offen, solange sie nicht bekannt und vergeben sind. Selbst wenn eine vorauseilende Sündenvergebung angenommen wird, löst das die ganz konkreten Fragen des Zusammenlebens nicht auf. Die Schärfe der Jesusworte lässt sich durch dogmatische Beruhigungsformeln nicht einholen.
Die reformatorische Einsicht, dass der Mensch vor Gott allein aus Gnade gerechtfertigt wird, steht dabei außer Frage. Das Dreieck setzt sie voraus. Es fragt nach dem, was folgt.
Er predigte selten in abgeschlossenen religiösen Räumen: Jesus sprach auf Straßen, an Brunnen, auf Feldern, in Häusern, an Tischen, mitten unter Menschen. Dort sprach er über Gott, in Schuld und Vergebung, in Krankheit und Angst, in Gewalt und Unrecht, in Macht und Ohnmacht, in Liebe und Verrat.
Die eigentliche Zumutung seiner Botschaft liegt nicht allein dort, wo man sie meist vermutet. Nicht die Frage, wie der Mensch vor Gott gerecht wird, ist das einzig Schwierige. Schwieriger ist die Frage, was danach geschieht. Denn hier beginnt die Kompartimentierung: Der Mensch ist gerechtfertigt aus Gnade, betet, geht in die Kirche, übernimmt womöglich sogar ein Amt, und führt gleichzeitig einen Streit mit dem Nachbarn; ein Streit, der mit alledem nichts zu tun haben soll. Das Religiöse hat sein Zimmer, das Leben hat seine anderen Zimmer.
Das Dreieck lässt diese Trennung nicht zu. Weil Gott auf der linken Seite in Beziehung zum Mitmenschen steht, gibt es keine außergläubige Zone im Umgang mit Menschen. Was dort geschieht, ist immer auch theologisch qualifiziert, ob man es so benennt oder nicht. Religiöse Zugehörigkeit, kirchliche Ämter und öffentliches Handeln existieren in diesem Modell nicht in verschiedenen Welten. Frömmigkeit als Gebet und Kirchgang ist keine eigenständige Sphäre, die von der Bewährung im Alltag abgekoppelt werden könnte.
Wer Gott näherkommen will, wird sich dem Mitmenschen nähern, aber bitte nicht als Voraussetzung und nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Maxime im Glauben: als das, was aus dem Glauben folgt, wenn er trägt.
Das ICH lebt im Glauben an GOTT vom DU.
Denn wo das DU verschwindet, implodiert der Raum des Glaubens.
Vergebung ist für viele Christen in der Glaubenspraxis nicht leicht zu verstehen. Wer vergibt Sünden und Vergehen? Was sagt Jesus? Was steht im Vaterunser?
Die Frage nach der Vergebung steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Sie begegnet in Gebeten, Predigten, Gottesdiensten, Beichte, Abendmahl und Seelsorge. Fast immer richtet sich der Blick dabei zuerst auf Gott: Gott vergibt dem Menschen seine Schuld. Doch die Vergebungsbitte im Vaterunser führt in eine andere Richtung. Die menschliche Vergebung besitzt existentielles Gewicht für Christen. Sie ist nicht losgelöst von göttlicher Vergebung. Sie wird von Jesus zur unbedingten Voraussetzung für die Gewährung göttlicher Vergebung erklärt. Der Aufsatz untersucht Überlieferung, Hintergründe und Konkretisierung in der christlichen Glaubenspraxis.
Das Evangelium beschreibt Gott nicht als kontrollierende Instanz, sondern als delegierenden Gott. Was geschieht, wenn Menschen Verantwortung an Gott rückdelegieren wollen?
Gott delegiert Verantwortung und schenkt dem Menschen Freiheit im Glaubensraum. Er vertraut darauf, dass der Mensch zur Antwort fähig ist und Verantwortung übernimmt. Gott nimmt die Verantwortung des Menschen nicht zurück. Genau darin liegt der Preis der Freiheit.
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Illustration: Du, Gott, Ich.
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Autor: Reiner Makohl
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Reiner Makohl, Theologische Positionen: DU - GOTT - ICH. Eine gelebte Dreiecksbeziehung, in: Stilkunst.de,
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