
Reiner Makohl | Mai 2026
Letztes Update mit starker Erweiterung im Abschnitt 4:
10.6.2026
Vergebung ist untrennbarer Teil der Gnade Gottes. Einem anderen Menschen zu vergeben, gehört zum Menschsein und wird dort zur Verpflichtung, wo der Mensch Verantwortung übernehmen kann. Im Raum menschlicher Verantwortung geht Vergebung durch den Menschen der Vergebung Gottes voraus.
Das Thema Vergebung ist für viele Christen in der Glaubenspraxis nicht leicht zu verstehen. Es stellen sich viele Fragen. Wer vergibt Sünden und Vergehen? Muss ich beichten? Wie oft? Wem gegenüber? Was geschieht, wenn ich nicht ehrlich bin? Braucht es dazu Buße? In welcher Form? Wer steht mir dann bei?
Manche Fragen werden zu einer Last, sobald man selbst tief verletzt wird:
Muss ich dem anderen vergeben? Wie oft soll man einem Menschen vergeben, der einen immer wieder kränkt, bloßstellt oder hintergeht? Selbst dann, wenn man sich müht: Kommt nicht irgendwann der Punkt, an dem innerlich alles dichtmacht? Reicht es irgendwann nicht einfach?
Genau dort stand auch Petrus. Matthäus berichtet nur knapp über eine Situation, in der Petrus wohl deshalb bei Jesus Rat suchte:
„Jesus, ich verstehe das nicht mehr. Der verletzt mich immer wieder. Warum soll ausgerechnet ich ständig nachgeben? Irgendwann muss doch auch mal Schluss sein. Reicht es nicht, wenn ich ihm nun schon siebenmal vergeben habe?“
(Frei nach
Mt 18,21)
Die Antwort Jesu fiel anders aus, als Petrus hoffte.
Es reicht nicht siebenmal, auch nicht siebzigmal.
Es ist nie genug.
Damit beginnt ein Problem, das sich durch das gesamte Neue Testament zieht.
Wie kommt Jesus darauf? Begegnen Christen nicht immer wieder der Zusage, Gott allein vergebe Sünde? Der erste Johannesbrief formuliert es knapp: Wer seine Sünde bekennt, dem wird Gott vergeben (
1. Joh 1,9). Das scheint zu genügen.
Und doch sagt Jesus, Petrus müsse immer wieder vergeben, egal wie sehr es ihn schmerzt, egal wie sehr sich in seinem Inneren alles dagegen sträubt. Jesus sagt sogar im Grunde das: „Mach! Erst du, wieder und immer wieder, dann wird Gott dir deine Vergehen auch verzeihen.“
(Frei nach dem Vaterunser,
Mt 6,12.14–15)
Es ist die neue, radikale Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Jesus hatte sie in der Bergpredigt ausgebreitet und ins Vaterunser eingebunden. In den kanonischen Schriften des Alten Testaments lesen wir davon nichts.
Da stellt sich die Frage: Warum bindet Jesus die Beziehung Gottes zu einem Menschen so eng an das Verhalten des Menschen gegenüber anderen Menschen?
Und vor allem: Was bedeutet das nun für das Leben eines Christen?
Daher geht es hier darum, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Warum spricht Johannes nur von der Vergebung Gottes? Warum soll Petrus, und mit ihm jeder Mensch, immer wieder verzeihen? Was steht über Vergebung im Vaterunser genau? Und warum sagt Jesus, man solle noch vor dem Beginn des Gottesdienstes die Versöhnung mit Menschen suchen, deren Beziehung zu einem belastet ist, ganz gleich, wer daran Schuld trägt?
Dieser Aufsatz fragt:
Wer kann Sünden vergeben, und was bewirkt das für uns Christen im Leben?
📖Der Text ist aktuell in Arbeit. Ich veröffentliche dennoch an dieser Stelle bisherige Arbeitsstände. Der fertige Text wird diese Notiz hier nicht mehr enthalten.
Wichtige Abgrenzung
Vergebung ist nicht Toleranz gegenüber Unrecht. Christliche Vergebung will klären, schützen und versöhnen. Sie meint aber keine Duldung von Gewalt, Missbrauch, Erniedrigung oder Menschenverachtung. Sie hebt weder Recht noch Schutzpflicht noch die Verantwortung gegenüber Verletzten auf. Sie ist kein Freibrief zur Wiederholung und schützt Täter nicht vor den Folgen ihres Handelns.

Grafik: Vergebung. Das Tor zur Versöhnung.
Bildnachweis:
siehe unten.
Die Frage nach der Vergebung steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Sie begegnet in Gebeten, Predigten, Gottesdiensten, Beichte, Abendmahl und Seelsorge. Fast immer richtet sich der Blick dabei zuerst auf Gott: Gott vergibt dem Menschen seine Schuld.
Die Vergebungsbitte im Vaterunser führt jedoch in eine andere Richtung.
Vater unser [Unser Vater] im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Jesus spricht im Vaterunser nicht nur über die Vergebung Gottes. Er verbindet die göttliche Vergebung unmittelbar mit dem Verhalten von Menschen untereinander:
Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben jenen, die an uns schuldig geworden sind.
(Mt 6,12 | Text nach Zürcher Bibel 2019)
Diese Verbindung ist keine Randbemerkung. Matthäus greift sie unmittelbar nach dem Vaterunser erneut auf und unterstreicht sie ausdrücklich:
[Jesus spricht:]
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.
Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen nicht vergeben.
(Mt 6,14–15 | Text nach Zürcher Bibel, 2019)
Damit erhält die menschliche Vergebung in der christlichen Praxis ein existentielles Gewicht, das weit über bloße Moral hinausgeht. Sie ist nicht losgelöst von göttlicher Vergebung. Sie wird von Jesus zur unbedingten Voraussetzung für die Gewährung göttlicher Vergebung erklärt.
Genau an diesem Punkt beginnt die Schwierigkeit im praktischen Glauben.
Viele Christen kennen vor allem die Zusage, Gott vergebe dem Menschen seine Schuld, und zwar aufgrund von Beichte. → 2: Sündenbekenntnis und Vergebung
Die Worte Jesu im Matthäusevangelium sagen jedoch mehr: Der Mensch steht vor Gott nicht unabhängig davon, wie er anderen Menschen begegnet.

Grafik: Du, Gott, Ich.
Die Beziehung zu Gott ist untrennbar mit der Beziehung zu anderen Menschen verbunden. Gottes Handeln am ICH setzt die Wertschätzung des DU und dessen Beziehung zu GOTT voraus. Gottes Zuspruch erwartet vom ICH eine verbindliche Antwort und ein Handeln aus Glauben heraus. Im Zentrum steht der Glaube, dessen Basis das zwischenmenschliche Wirken ist. Das ICH empfängt als Antwort auf Gottes Forderung zur Teilhabe am Reich Gottes durch gelebte Vergebung und Versöhnung mit dem DU den Zuspruch Gottes.
Bildnachweis:
siehe unten.
Die folgenden Abschnitte untersuchen deshalb zunächst die Vergebungsbitte des Vaterunsers selbst: ihre sprachliche Form, ihre textkritische Überlieferung, ihren jüdischen Hintergrund und ihre Konkretisierung in Mt 6,14–15.
Denn gerade dort entscheidet sich, ob Jesus tatsächlich von einer menschlichen Vergebung spricht, die der göttlichen vorausgeht.
Die Vergebungsbitte des Vaterunsers gehört zu den bekanntesten Sätzen des Christentums. Millionen Menschen sprechen sie bis heute im Gottesdienst oder im persönlichen Gebet.
In den evangelischen Kirchen lautet die Bitte gewöhnlich:
„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ → 3: Die liturgische Form des Vaterunsers im evangelischen Gottesdienst
Gerade weil diese Worte so vertraut sind, wird leicht übersehen, wie ungewöhnlich ihre Aussage eigentlich ist.
Denn im griechischen Text des Matthäusevangeliums steht in den ältesten Handschriften nicht: „wie auch wir vergeben“, sondern: „wie auch wir vergeben haben.“ → 4: Der Aorist in den ältesten Handschriften zu Mt 6,12
Die Vergebungsbitte verbindet die Bitte um Gottes Vergebung damit unmittelbar mit dem Verhalten des Menschen gegenüber anderen Menschen:
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldigern“ (
Mt 6,12).
Damit erscheint die menschliche Vergebung nicht als nachträgliche Folge der göttlichen, sondern als ihr vorausgehende Wirklichkeit.
Genau an diesem Punkt beginnt die Auslegungsgeschichte unsicher zu werden.
Denn die christliche Tradition betont meist, dass allein Gott Sünden vergeben könne. → 5: Vergebung als primär göttliches Handeln in kirchlicher Tradition
Vergebung erscheint dadurch vor allem als Bewegung von Gott zum Menschen. Die Vergebungsbitte des Vaterunsers formuliert jedoch auffällig anders:
Der Mensch tritt vor Gott nicht unabhängig davon, wie er anderen Menschen begegnet.
Der Unterschied zwischen „wie wir vergeben“ und „wie wir vergeben haben“ berührt die entscheidende Frage, wie menschliche und göttliche Vergebung zueinander stehen.
Diese Spannung verstärkt Matthäus unmittelbar nach dem Vaterunser nochmals ausdrücklich:
[Jesus spricht:]
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.
Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen nicht vergeben.
(Mt 6,14–15 | Text nach Zürcher Bibel, 2019 | Luther 1545:
Mt 6,14–15)
Die Aussage ist bemerkenswert klar. Jesus spricht nicht davon, dass menschliche Vergebung empfehlenswert sei. Er beschreibt sie auch nicht bloß als Ausdruck innerer Frömmigkeit oder moralischer Reife. Vielmehr verbindet er die Beziehung des Menschen zu Gott unmittelbar mit dem Verhalten gegenüber anderen Menschen.
Dadurch erhält die Vergebung eine doppelte Dimension:
Sie betrifft die Hoffnung auf Gottes Vergebung und die konkrete Wirklichkeit menschlichen Zusammenlebens.
Der Mensch kann sich nach diesen Worten Jesu nicht auf seine Gottesbeziehung zurückziehen und die Beziehung zu anderen Menschen verweigern. Gerade darin liegt die besondere Schärfe der matthäischen Vergebungsworte.
Die folgenden Abschnitte untersuchen deshalb zunächst die sprachliche Form der Vergebungsbitte, ihre textkritische Überlieferung und ihre Konkretisierung in
Mt 6,14–15. Denn dort entscheidet sich, wie eng Jesus menschliche und göttliche Vergebung tatsächlich miteinander verbindet.
Wer Mt 6,12 im griechischen Original liest, stößt auf eine textkritische Frage, die die Überlieferung des Vaterunsers früh beschäftigt hat und bis in moderne Bibelübersetzungen hineinwirkt:
Steht dort: „wie auch wir vergeben“ oder: „wie auch wir vergeben haben“?
Die heute im Gottesdienst meist gesprochene Form verwendet ein Präsens, gr.: ἀφίομεν (aphíomen) beziehungsweise ἀφίεμεν (aphíemen): „wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“
Die ältesten Handschriften des Matthäusevangeliums überliefern den Text dagegen überwiegend in der Zeitform Aorist, gr.: ἀφήκαμεν (aphēkamen), „wie auch wir vergeben haben“. → 4: Der Aorist in den ältesten Handschriften zu Mt 6,12
Beide Lesarten existieren nebeneinander, und zwar nicht, weil Abschreiber unaufmerksam gewesen wären, sondern weil Liturgie und Theologie unterschiedliche Wirkungen entfalten.
Das Präsens klingt als Gebetssprache offener und unmittelbarer. Es beschreibt eine fortdauernde Haltung: Der Mensch vergibt. Dabei bleibt die Aussage auffallend offen. Das Vergeben wird nicht näher qualifiziert, auch seine zeitliche Umsetzung bleibt unbestimmt. Wann, wem und in welchem Umfang Vergebung konkret zuteil wird, ist in der Aussage „wie wir vergeben“ nicht festgelegt.
Der Aorist formuliert präziser. Er verweist auf eine bereits vollzogene Handlung: Der Mensch hat vergeben.
Dadurch verändert sich die innere Struktur der Bitte.
Wer mit dem Präsens betet, spricht von einer gegenwärtigen Haltung in der Praxis der Vergebung. Der Nebensatz kann dadurch leicht wie eine allgemeine Selbstbeschreibung wirken: Wir sind Vergebende.
Der Aorist verschiebt den Vollzug. Der Mensch tritt vor Gott nicht mit bloßer Bereitschaft oder einer allgemeinen inneren Haltung zur Vergebung, sondern mit einer bereits geschehenen Handlung: Wir haben im Sinne Gottes gehandelt und wirklich vergeben.
Genau deshalb besitzt der Aorist in der Auslegungsgeschichte besonderes Gewicht.
Ulrich Luz weist darauf hin, dass
Mt 6,12 im Zusammenhang mit
Mt 5,23–24,
Mt 6,14–15 und
Mt 7,1 gerade bedingend verstanden werden muss. → 6: Die bedingende Struktur von Mt 6,12 bei U. Luz
Die menschliche Vergebung erscheint damit nicht als unverbindliche Begleiterscheinung der Gottesbeziehung, sondern als vorausgehende Wirklichkeit.
Der textkritische Befund bleibt dabei nicht auf wissenschaftliche Spezialdiskussionen beschränkt. Er wirkt bis in moderne Bibelübersetzungen hinein.
Die Zürcher Bibel, die BasisBibel, die Elberfelder Bibel, die Einheitsübersetzung und die Gute Nachricht Bibel geben
Mt 6,12 sämtlich mit einer Vergangenheitsform wieder: „wie auch wir vergeben haben“.
Die Lutherbibel bewahrt dagegen die vertraute Präsensform: „wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“
Dabei verschweigt auch die Lutherbibel den textkritischen Befund nicht. Die Revision von 2017 vermerkt im Apparat ausdrücklich: „Wörtlich: »Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben haben unsern Schuldigern.«“
Auch der EKD-Grundlagentext Sünde, Schuld und Vergebung aus Sicht evangelischer Anthropologie weist darauf hin, dass Luther im 16. Jahrhundert noch mit einer anderen Textgrundlage arbeitete und die Vergangenheitsform „von den ältesten Handschriften her als ursprüngliche Variante“ gilt. → 7: Moderne Bibelübersetzungen und die Frage des Aorists
Damit zeigt sich:
Die heute im Gottesdienst vertraute Form des Vaterunsers folgt nicht dem ältesten überlieferten Text des Matthäusevangeliums, sondern einer gewachsenen Tradition in der liturgischen Verwendung.
Denn auch das Präsens bindet die göttliche Vergebung weiterhin an die menschliche. Der Unterschied liegt nicht im Grundgedanken selbst, sondern in seiner zeitlichen Struktur: vollzogene Handlung oder fortdauernde Haltung.
Gerade deshalb bleibt
Mt 6,14–15 entscheidend.
Denn dort formuliert Matthäus die innere Logik der Vergebungsbitte ausdrücklich aus: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, wird euch euer Vater auch nicht vergeben.“
Damit wird die Verbindung zwischen menschlicher und göttlicher Vergebung nicht abgeschwächt, sondern ausdrücklich unterstrichen.
Die Evangelien überliefern das Vaterunser in griechischer Sprache. Aber Jesus sprach vermutlich Aramäisch. Bereits dadurch stellt sich die Frage, wie sprachliche Nuancen der ursprünglichen Rede Jesu in späteren Überlieferungen verstanden und wiedergegeben wurden.
Das Matthäusevangelium verwendet in Mt 6,12 in den ältesten textkritisch bedeutsamen Handschriften überwiegend die Aoristform ἀφήκαμεν (aphékamen: „wir haben vergeben“). Das Lukasevangelium verwendet dagegen eine Präsensform: ἀφίεμεν (aphíemen: „wir vergeben“).
Auch die syrisch-aramäische Überlieferungslinie bewahrt an dieser Stelle keine bloße allgemeine Haltung der Vergebungsbereitschaft. Die syrisch-aramäische Peschitta, eine seit der Spätantike verbreitete Bibelübersetzung und Kirchenbibel des syrischen Christentums, verwendet in Mt 6,12 ebenfalls eine Vergangenheitsform: ܫܒ݂ܩܢ (šbaqn: „wir haben vergeben“).
Darüber hinaus ersetzen syrische Überlieferungen im Lukasevangelium die in Lk 11,4 ursprünglich vorliegende Präsensform durch dieselbe Vergangenheitsform, wie sie in Mt 6,12 verwendet wird. → 8: Die Vergebungsbitte in der syrisch-aramäischen Überlieferung
Dies spricht für eine Harmonisierung dieses liturgisch besonders bedeutsamen Gebetstextes. Vergleichbare Angleichungen finden sich auch in späteren griechischen und kirchlichen Überlieferungstraditionen, dort allerdings häufig in umgekehrter Richtung, indem Mt 6,12 an die Präsensform von Lk 11,4 angeglichen wird.
Frühchristliche liturgische Traditionen führen dagegen zunehmend eine Präsensform der Vergebungsbitte fort. Bereits die Didache, eine frühe Kirchenordnung aus dem späten ersten oder frühen zweiten Jahrhundert, überliefert das Vaterunser in liturgischer Verwendung mit einer Präsensform. Über die byzantinische Überlieferung, den Textus Receptus und die reformatorische Bibeltradition Martin Luthers gelangte diese Fassung schließlich auch in den evangelischen Gottesdienstgebrauch. → 9: Die Präsensform in frühchristlicher Liturgie und reformatorischer Tradition
Die moderne Textkritik bewertet dagegen die älteren Handschriften des Matthäusevangeliums höher. Editionen wie das Novum Testamentum Graece von Nestle-Aland folgen deshalb überwiegend der Aoristform. Zahlreiche neuere Bibelübersetzungen haben diese Entscheidung aufgenommen und übersetzen Mt 6,12 entsprechend mit einer Vergangenheitsform: „wie auch wir vergeben haben.“ → 7: Moderne Bibelübersetzungen und die Frage des Aorists
Die Vergebungsbitte des Vaterunsers steht damit im Zentrum christlicher Frömmigkeit und innerhalb einer langen Geschichte sprachlicher, liturgischer und theologischer Überlieferung. Gerade deshalb bleibt die Frage bedeutsam, warum das Matthäusevangelium die Verbindung zwischen menschlicher und göttlicher Vergebung in Mt 6,12.14–15 so auffällig eng formuliert.
Die Verknüpfung von menschlicher und göttlicher Vergebung ist keine Erfindung Jesu. Sie ist in der jüdischen Überlieferung tief verwurzelt, in der Torah, in der Weisheitsliteratur und in der rabbinischen Praxis. Jesus greift einen Gedanken auf, der im Judentum bereits bekannt war, verdichtet ihn jedoch in einer Weise, die weit über die bisherigen Zusammenhänge hinausführt.
Bereits die Torah verbindet die Beziehung des Menschen zu Gott mit seinem Verhalten gegenüber dem Mitmenschen. Lev 19,17–18 verbietet Hass, Rache und dauerhaften Groll gegen den Nächsten und stellt dem die Verpflichtung zur Liebe entgegen. Das abschließende Gotteswort „Ich bin der Herr“ macht deutlich: Die Beziehung zum Mitmenschen besitzt unmittelbare Bedeutung für die Beziehung zu Gott.
Besonders deutlich formuliert die jüdische Weisheitstradition diesen Zusammenhang in Sir 28,2–5:
Vergib deinem Nächsten das Unrecht,
so werden auch dir deine Sünden vergeben,
wenn du darum betest.
Ein Mensch hält gegen den andern am Zorn fest
und will beim Herrn Heilung suchen?
Er ist unbarmherzig gegen seinesgleichen
und will für seine eigenen Sünden bitten?
Er ist nur Fleisch und hält am Zorn fest
wer will ihm dann seine Sünden vergeben?
(Sir 28,2–5 | Text nach Lutherbibel 2017 | Luther 1545:
Sir 28,2–5)
Die rhetorischen Fragen dieser Verse benennen denselben Grundwiderspruch, den Jesus später in Mt 6,14–15 zuspitzt: Wer selbst nicht vergibt, kann göttliche Vergebung nicht erwarten. → 10: Die Verknüpfung menschlicher und göttlicher Vergebung in Sir 28,2–5
Auch die rabbinische Tradition bestätigt diesen Zusammenhang. Die Mischna erklärt im Traktat Joma 8,9, dass der Versöhnungstag Vergehen zwischen Mensch und Gott sühnt, Vergehen zwischen zwei Menschen jedoch erst dann, wenn der eine den anderen versöhnt hat. → 11: Die Vergebungslogik des Versöhnungstags in Joma 8,9
Jesus steht damit innerhalb einer bestehenden jüdischen Tradition. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Form ihrer Zuspitzung. Die jüdische Tradition bindet die Frage der Versöhnung an konkrete liturgische und gemeinschaftliche Zusammenhänge. Jesus übernimmt diesen theologischen Grundsatz, radikalisiert ihn jedoch, indem er ihn aus dem jährlichen Festkalender löst und als tägliche Lebenshaltung mit dem Gebet verbindet.
Was im Judentum mit dem Versöhnungstag verbunden war, erscheint im Vaterunser als bleibende Voraussetzung jeder Bitte um göttliche Vergebung.
Der Text
Mt 6,14–15 ist kein nachträglicher Anhang zum Vaterunser. Die Verse entfalten die Vergebungsbitte und legen sie aus. Sie bilden ihre schärfste Zuspitzung.
Mt 6
[Jesus spricht:]
14Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.
15Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen nicht vergeben.
(Mt 6,14–15 | Text nach Zürcher Bibel, 2019 | Luther 1545:
Mt 6,14–15)
Die grammatikalische Struktur beider Verse ist eindeutig. Der Konditionalsatz nennt zuerst die menschliche Vergebung, der Hauptsatz folgt mit der göttlichen Vergebung. Der Mensch tritt Gott nicht lediglich mit einer inneren Bereitschaft gegenüber, sondern mit einem konkreten Verhalten gegenüber anderen Menschen. Die menschliche Vergebung erscheint nicht als Begleithandlung göttlicher Vergebung, sondern als ihre Voraussetzung. → 12: Die Konditionalstruktur von Mt 6,14–15
Besonders V. 15 verschärft diesen Zusammenhang nochmals. Der negative Spiegelvers nimmt dem Text nahezu jede Möglichkeit der Abschwächung. Wer nicht vergibt, dem wird Vergebung verweigert. Nicht eine mangelnde geistliche Reife steht im Zentrum, sondern die reale Unterbrechung der Beziehung zu Gott.
Gerade darin liegt die Radikalität der Worte Jesu. Die Vergebung wird nicht als abstrakte religiöse Idee beschrieben, sondern an das konkrete Verhalten des Menschen gebunden. Das Vaterunser wird dadurch zu weit mehr als einem liturgischen Gebet. Es verbindet Gebet und Handeln unauflöslich miteinander.
Eine Spannung bleibt dabei bestehen und wird vom Matthäusevangelium selbst nicht aufgehoben. Im Gleichnis vom Schalksknecht in
Mt 18,23–35 geht Gottes Vergebung dem menschlichen Handeln voraus. Doch gerade die empfangene Vergebung verpflichtet dort zur Weitergabe an andere. Vergebung erscheint damit sowohl als Gabe wie auch als Forderung.
Zur Falle wird sie erst dort, wo der Mensch aus eigener Vergebung einen Anspruch gegenüber Gott ableitet. Genau das tut Jesus nicht. Seine Worte zielen vielmehr auf den umgekehrten Zusammenhang: Wer dem anderen die Vergebung verweigert, verschließt sich selbst der Vergebung, um die er bittet.
Die Härte von Mt 6,14–15 darf nicht isoliert betrachtet werden. Das Matthäusevangelium kennt durchaus auch Aussagen über die vorausgehende und unterschiedslose Güte Gottes gegenüber der Welt.
Besonders deutlich wird dies in Mt 5,45 innerhalb der Feindesliebesprüche:
[Jesus spricht:]
Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
(Mt 5,45 | Text nach Lutherbibel 2017 | Luther 1545:
Mt 5,45)
Das Sonnen- und Regenbild beschreibt dabei zunächst ein schöpfungstheologisches Faktum. Gott erhält die Welt und das Leben des Menschen unabhängig von moralischer Qualität oder religiöser Zugehörigkeit. Sonne und Regen werden nicht als Belohnung verteilt. Der Mörder steht ebenso unter der Sonne wie sein Opfer. Das Bild hebt den Unterschied zwischen Gut und Böse deshalb nicht auf und erklärt destruktives Handeln keineswegs für belanglos, moralisch neutral oder tolerierbar.
Gerade darin liegt die Pointe des Vergleichs. Die voraussetzungslose Güte Gottes gegenüber seiner Schöpfung begründet die Verpflichtung des Menschen, auch dem Feind seine menschliche Würde nicht abzusprechen. Feindesliebe bedeutet deshalb nicht emotionale Zustimmung zum Bösen, keine ideologische Gleichgültigkeit und keine moralische Aufhebung der Unterscheidung zwischen Täter und Opfer. Sie meint vielmehr den Verzicht auf Entmenschlichung und Vergeltung. Der Feind bleibt Geschöpf Gottes. → 13: Die Feindesliebe als Ausdruck schöpfungsmäßiger Güte Gottes
Das Matthäusevangelium selbst zeigt diese Haltung mehrfach gegenüber Menschen außerhalb der eigenen religiösen Gemeinschaft. Jesus begegnet dem römischen Hauptmann von Kapernaum (
Mt 8,5–13) ebenso wie der kanaanäischen Frau (
Mt 15,21–28) nicht mit Entmenschlichung oder pauschaler Verwerfung. Die Unterschiede bleiben bestehen, dennoch wird den Menschen ihre Würde nicht abgesprochen.
Damit beschreibt
Mt 5,45 eine andere Ebene als
Mt 6,14–15. Die schöpfungsmäßige Erhaltung des Menschen geschieht voraussetzungslos. Die Wiederherstellung zerstörter Beziehung dagegen nicht. Vergebung ist kein natürlicher Automatismus der Schöpfung. Sie betrifft eine zerbrochene Beziehung zwischen Menschen und damit die Beziehung des Menschen zu Gott.
Deshalb kann das Matthäusevangelium zugleich von der allgemeinen Güte Gottes sprechen und dennoch konkrete Voraussetzungen für Vergebung und Versöhnung formulieren. Gottes vorausgehende Güte hebt die Verantwortung des Menschen nicht auf. Sie begründet sie.
Auch andere Texte des Matthäusevangeliums folgen dieser inneren Logik.
Die Begegnung Jesu mit dem reichen Jüngling (
Mt 19,16–22) zeigt, dass die vorausgehende und bedingungslose Zuwendung Jesu im Matthäusevangelium keine voraussetzungslose Zugehörigkeit in der Nachfolge begründet. Der Mann sucht Jesus ernsthaft auf und erhält dennoch keine Abschwächung der Forderung Jesu. Als er sich ihr entzieht und die erklärte Voraussetzung nicht erfüllen will, lässt Jesus ihn gehen. → 14: Der reiche Jüngling und die Bedingungen der Nachfolge
Das Matthäusevangelium zeigt durchgehend: Gottes Güte geht dem Menschen voraus. Sie hebt jedoch weder Verantwortung noch Entscheidung auf. Der Mensch bleibt aufgefordert, auf Gottes Forderungen konkret zu antworten, im Denken, Reden und Handeln.
Das Matthäusevangelium verbindet die Beziehung zu Gott mit konkreter Verantwortung des Menschen. Daraus folgt jedoch nicht, dass Gottes Gnade proportional zur religiösen Leistung des Menschen wächst. Gerade diese Vorstellung weist das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg in
Mt 20,1–16 zurück.
Der Weinbergherr ruft Arbeiter zu unterschiedlichen Tageszeiten in seinen Dienst. Alle Arbeiter folgen dem Ruf des Weinbergherrn. Einige arbeiten den ganzen Tag, andere nur wenige Stunden, die letzten kaum noch eine Stunde, weil sie erst später in den Weinberg eingetreten sind. Die zuerst berufenen Arbeiter haben mehr geleistet, länger gearbeitet, und erwarten deshalb einen höheren Lohn. Doch genau diese Denkweise weist der Herr des Weinbergs zurück. Am Ende erhalten alle denselben Lohn.
Im Gleichnis bedeutet der Weinberg das Reich Gottes, der Herr des Weinbergs ist Gott. Seine Entscheidung, alle am Ende gleich zu entlohnen, begründet er mit Güte, und er verbittet sich, dass in diese Güte hineingeredet wird.
Auf den ersten Blick scheint das Gleichnis jede Form menschlicher Voraussetzung zur Teilhabe am Reich Gottes aufzuheben. Tatsächlich wird nicht die verbindliche Antwort des Menschen auf den Ruf in den Weinberg als Voraussetzung zur Teilhabe am Reich Gottes aufgehoben. Das Gleichnis richtet sich allein gegen die Vorstellung leistungsbezogener Entlohnung und Wertschätzung durch Gott und gegen das Verkennen seiner Güte.
Damit widerspricht das Gleichnis allen Vorstellungen und Handlungsvorschriften abgestufter religiöser Leistungserbringung, wie sie sich später in Formen von Askese, Bußübungen oder geistlicher Selbstoptimierung immer wieder zeigen und praktiziert wurden. Ein Mensch kann keinen höheren Anteil an Gottes Gnade erwerben, indem er mehr religiöse Leistung erbringt als andere.
Die Beziehung des Menschen zu Gott ist im Matthäusevangelium nicht voraussetzungslos, nicht folgenlos und kann nicht inhaltsleer bleiben. Gott fordert zur Teilhabe auf, aber er erwartet eine verbindliche Antwort vom Menschen, der danach völlig frei von Leistungsbemessung von Gottes Güte getragen wird.
Die enge Verbindung zwischen menschlicher und göttlicher Beziehung zeigt sich im Matthäusevangelium nicht erst im Vaterunser. Bereits davor formuliert Jesus denselben Grundgedanken mit ungewöhnlicher Schärfe. In
Mt 5,23–24 heißt es:
[Jesus spricht:]
Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dir dort einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, dann lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen und geh, versöhne dich zuerst mit deinem Bruder; dann komm und bring deine Gabe dar.
(Mt 5,23–24 | Text nach Zürcher Bibel 2019)
Bemerkenswert ist bereits die Reihenfolge. Jesus fordert wegen der unversöhnten Zwietracht nicht, den Opferkult besonders gewissenhaft zu vollziehen, damit dadurch der Grund der Zwietracht von Gott vergeben und die zwischenmenschliche Beziehung vor Gott als geordnet angesehen werden könne. Vielmehr wird die Gottesbeziehung selbst unterbrochen, solange die gestörte Beziehung zum Mitmenschen bestehen bleibt.
Die Versöhnung mit dem Bruder erscheint dadurch nicht als spätere ethische Folge des Glaubens, sondern als Voraussetzung dafür, überhaupt vor Gott treten zu können. Der Weg zum Altar wird unterbrochen. Der Mensch soll den heiligen Ort verlassen, die ungeklärte Beziehung aufsuchen und erst danach zurückkehren.
Damit erhält die zwischenmenschliche Ebene im Matthäusevangelium ein außerordentliches Gewicht. Die Beziehung zu Gott kann nicht von der Beziehung zum Mitmenschen getrennt werden. Wer die Versöhnung verweigert, beschädigt nicht nur eine soziale Beziehung, sondern seine Gottesbeziehung.
Zugleich bleibt der Gedanke auch hier streng relational. Jesus fordert keine allgemeine religiöse Innerlichkeit und keine abstrakte moralische Vollkommenheit. Entscheidend ist die konkrete Beziehung zwischen Menschen. Nicht ein fehlerfreier Mensch soll vor Gott treten, sondern ein Mensch, der die notwendige Versöhnung nicht verweigert.
Damit steht
Mt 5,23–24 in unmittelbarer Nähe zu
Mt 6,14–15. In beiden Fällen wird Gottesbeziehung nicht unabhängig vom Handeln des Menschen gedacht. Die Vergebung Gottes erscheint nicht losgelöst von realer Versöhnung, sondern bleibt an das konkrete Verhalten des Menschen gegenüber seinem Mitmenschen gebunden.
Die Erzählung in Matthäus 9,1–8 wird häufig als Wundergeschichte gelesen. In vielen Bibelübersetzungen trägt sie die Überschrift „Die Heilung eines Gelähmten“. → 15: Der Titel der Perikope Mt 9,1–8
Das Motiv der Erzählung ist jedoch nicht in der Heilung des Gelähmten zu suchen, sondern in der Frage nach der Vollmacht für die Vergebung der Sünden. Erzählt wird ein theologischer Konflikt, der gerade kein Nebenaspekt ist. Die Antwort Jesu auf ein theologisches Lehrverständnis, das sich in den Gedanken der Schriftgelehrten widerspiegelt, ist das Thema der Erzählung.
Die Geschichte setzt daher unmittelbar ohne vorausgehende Erklärungen mit einer Sündenvergebung ein:
[Jesus spricht:]
Sei getrost, Kind, dir sind die Sünden vergeben.
(Mt 9,2 | Text nach Zürcher Bibel 2019)
Das ist eine direkte Provokation. Jesus greift damit in einen Bereich ein, den die zeitgenössische Theologie als ausschließliches Hoheitsgebiet Gottes betrachtete. Sündenvergebung galt als Gottes Vorrecht und war mit den Ordnungen von Tempel, Opfer und Kult verbunden. Wer einem Menschen Vergebung zusprach, ohne diesen Weg zu gehen, griff die Ordnung an, auf der das gesamte religiöse System ruhte.
Matthäus beginnt die Erzählung nicht zufällig mit diesem Schritt. Er lädt die Spannung von Anfang an auf die entscheidende Frage: Wem steht das Recht zur Vergebung zu?
Die Reaktion der Schriftgelehrten folgt unmittelbar. In ihren Gedanken entwickelt sich über die Tat Jesu ein hartes Urteil:
Aber einige der Schriftgelehrten dachten: »Das ist Gotteslästerung!«
(Mt 9,3 | Text nach BasisBibel 2021)
Der Vorwurf scheint konsequent zu sein. Obwohl im Sinne der Thora keine vollzogene Gotteslästerung vorliegt, dazu müsste nach 3. Mose 24,16 der Name Gottes ausgesprochen sein, reagieren die Schriftgelehrten aus ihrer theologischen Logik. Ihre Lehre lässt keine andere Antwort zu. → 16: Der Vorwurf der Gotteslästerung
Der Vorwurf der Gotteslästerung erschließt sich deutlich aus den synoptischen Parallelberichten. Nach Mk 2,7 und Lk 5,21 lautet der Einwand der Schriftgelehrten, der dort auch ausgesprochen wird: „Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“ Der Konflikt entzündet sich somit nicht an der Heilung des Gelähmten, sondern an der Frage, wem die Vollmacht zur Sündenvergebung zukommt.
Wer nach Auffassung der Schriftgelehrten Vergebungsvollmacht beansprucht, die allein Gott zusteht, setzt sich an die Stelle Gottes und lästert damit Gott im Tun, wenn auch nicht im Aussprechen seines Namens. Dennoch: Weil der Missbrauch des Namens Gottes fehlt, bleibt die Anklage in der Erzählung bei Matthäus zunächst unausgesprochen.
Die Tragweite dieses Vorwurfs ist für den heutigen Leser kaum noch unmittelbar greifbar. Gotteslästerung ist nach der Tora ein Kapitalverbrechen. Die vorgeschriebene Strafe ist der Tod durch Steinigung (3. Mose 24,16).
Ulrich Luz macht darauf aufmerksam, dass das strenge rabbinische Blasphemierecht die förmliche Aussprache des Gottesnamens voraussetzte, die Jesus nicht vollzog. Die Schriftgelehrten reagieren also in den Augen von Matthäus’ Leserinnen und Lesern böswillig unterstellend: Ihr Vorwurf hält nicht einmal dem eigenen Recht stand. → 16: Der Vorwurf der Gotteslästerung
Jesus weiß das. Genau diese Theologie stellt er nun in Frage. Er provoziert dafür die Konfrontation mit dem ersten Satz, den er dem Gelähmten sagt. Er beginnt eben nicht unmittelbar mit der Heilung des Gelähmten.
Jesus nimmt die prekäre Situation des Gelähmten auf und wendet die theologische Prämisse der Schriftgelehrten als Argument gegen sie.
Im religiösen Denken der Zeit standen Sünde und Krankheit in einem kausalen Zusammenhang. Wer krank war, stand unter dem Verdacht gestörter Gottesbeziehung; Heilung setzte die Wiederherstellung dieser Beziehung voraus. → 17: Sünde und Krankheit im zeitgenössischen Denken
Diese Logik war kein Randmotiv. Sie prägte die gesamte Deutung von Leid, Ausgrenzung und Heilung.
[Jesus fragt:]
Was ist denn einfacher? Zu sagen: ›Deine Sünden sind dir vergeben!‹, oder: ›Steh auf und geh umher?‹
(Mt 9,5 | Text nach BasisBibel 2021)
Ulrich Luz bemerkt dazu: Es ist leichter, Sünden zu vergeben, „denn nur für dieses Sagen muß man den Tatbeweis antreten.“ Nicht für die Folgen. → 18: Das gesprochene Wort und der sichtbare Beweis
Die Frage Jesu ist eine Falle, konstruiert aus dem Lehrgebäude der Gegner selbst. Die Heilung, die gleich folgen wird, können die Schriftgelehrten nicht leugnen. Und wenn Sünde nach ihrer Lehre Krankheit verursacht, dann beweist die Heilung zwingend, dass die Vergebung zuvor gewirkt haben muss. Jesus überlässt ihnen die Wahl des Arguments und gewinnt auf ihrem eigenen Terrain.
Der Gelähmte erfüllt in dieser Erzählung eine präzise erzählerische Funktion. Er ist nicht das Thema, sondern der Beweis. Seine Heilung muss in den Augen der Schriftgelehrten der sichtbare Beleg für das unsichtbar Vollzogene sein: Dort, wo Vergebung wirkte, wurde der Mensch aufgerichtet.
Doch die Sicht Jesu darauf sieht anders aus. Er vermischt Heilung von Krankheit nicht mit der Vergebung der Sünden. Es besteht keinerlei Kausalität zwischen beiden. Die Verbindung ergibt sich allein daraus, dass sowohl die Vergebung der Sünden als auch die Heilung auf Vollmacht beruhen. Die Heilung wird von Jesus nicht als Folge der Vergebung, sondern allein als Nachweis seiner Vollmacht eingeführt („damit ihr wisst ...“), unabhängig von der Sündenvergebung.
[Jesus spricht:]
Aber ihr sollt sehen, dass der Menschensohn von Gott Vollmacht bekommen hat. So kann er hier auf der Erde den Menschen ihre Sünden vergeben.
(Mt 9,6 | Text nach BasisBibel 2021)
Damit ist dieses Thema abgeschlossen. Was nun folgt, ist die Demonstration dafür, dass Jesus generell Vollmacht von Gott bekommen hat: Er heilt, wobei die Heilung nicht aufgrund der vorhergehenden Sündenvergebung erfolgreich ist, sondern nur aufgrund der Vollmacht, Menschen heilen zu können.
Festzuhalten ist: Der Text belegt nicht, dass zwischen Sünde und Krankheit und zwischen Sündenvergebung und Heilung kausale Zusammenhänge bestünden. Vollmacht zur Sündenvergebung wird von Gott erteilt, sie ist nicht exklusiv Gott vorbehalten. Vergebung geschieht nicht im Tempel, nicht durch Opferritus, nicht durch priesterliche Vermittlung. Sie geschieht auf Erden, unmittelbar am Menschen. → 19: Vergebung auf Erden
Damit ist die kultische Verwaltungslogik nicht nur übergangen, sondern strukturell außer Kraft gesetzt.
Die Erzählung findet konsequenterweise ihren eigentlichen Schluss nicht in der Heilung, sondern in der Reaktion der Menge:
Da stand der Mann auf und ging nach Hause.
Die Volksmenge sah es und erschrak.
Alle lobten Gott,
dass er den Menschen solche Vollmacht gegeben hat.
(Mt 9,7–8 | Text nach BasisBibel 2021)
→ 20: „… der den Menschen solche Vollmacht gegeben hat“
Der Schlusssatz ordnet die Vollmacht zur Sündenvergebung nun abschließend in das religiöse Geschehen ein. Der Schlüssel zum Verständnis ist die Formulierung „... dass er den Menschen ...“. Das griechische τοῖς ἀνθρώποις (tois anthrōpois; „den Menschen“) steht im Plural. Ulrich Luz stellt dazu fest: „Hier ist nicht von Jesus als ‚einem unter den Menschen‘ die Rede, sondern es geht um die Vollmacht der Gemeinde zur Sündenvergebung.“ → 21: Die gemeindliche Deutung bei Ulrich Luz
Die Menge preist Gott also nicht dafür, dass er Jesus eine einzigartige, unwiederholbare Vollmacht gegeben hat. Sie preist Gott dafür, dass er den Menschen diese Vollmacht gegeben hat. Und Matthäus stimmt in dieses Lob durch seine Erzählung uneingeschränkt ein.
Darin liegt die eigentliche Sprengkraft des Verses. Und darin liegt die große Bedeutung der Perikope, die statt „Die Heilung eines Gelähmten“ genauer „Die Vollmacht der Menschen zur Vergebung der Sünden“ tituliert sein müsste.
Jesus zerstört nicht nur den exklusiven Vergebungsanspruch der Schriftgelehrten. Er überführt zugleich die gesamte Logik einer kultischen Verwaltung von Vergebung durch sakrale Instanzen, und er tut es, indem er ihr eigenes theologisches Fundament, die Kausalverbindung von Sünde und Krankheit, als Beweismittel gegen sie einsetzt. Am Ende steht nicht die Botschaft: Nur Jesus kann vergeben. Am Ende steht: Gott hat den Menschen Vollmacht zur Vergebung gegeben.
Ulrich Luz hält dazu fest, dass die Gnade den Menschen „nicht einfach passiv macht, sondern ihn durch sein eigenes Vergeben für andere Menschen zum Ausdruck der vergebenden Macht des Menschensohns werden lässt.“ Und an anderer Stelle: „Gottes Vergebung geschieht nicht losgelöst von menschlichem Vergeben.“ → 22: Menschliches Vergeben als Ausdruck göttlicher Vergebung
Der Vers Mt 9,8 benennt damit auch, gegen wen sich die Erzählung richtet: gegen die Auffassung, Vergebung sei dem Menschen grundsätzlich entzogen und müsse durch sakrale Instanzen verwaltet werden. Diese Auffassung wird in der Erzählung nicht als gleichberechtigte theologische Position behandelt. Sie wird als falsch erwiesen, auf dem eigenen Terrain ihrer Vertreter, mit ihren eigenen Mitteln.
Dass dieselbe Position, wonach allein Gott beziehungsweise allein Christus Sünden vergeben könne, bis heute in christlichen, auch in evangelischen Kreisen verbreitet ist, reduziert die Erzählung nicht auf die Stufe eines historischen Dokuments. Sie macht sie zu einem unerledigten Einspruch theologischer Deutung.
Die Vollmacht zur Vergebung ist nach Mt 9,8 keine Ausnahme, die Jesus sich vorbehält. Sie ist eine Vollmacht, die Gott den Menschen übertragen hat und die der Mensch im Raum seiner Beziehungen wahrzunehmen hat, ob er will oder nicht.
Die Frage nach Schuld, Vergebung und Versöhnung bleibt im Matthäusevangelium nicht auf das Verhältnis zwischen Gott und dem einzelnen Menschen beschränkt. In Mt 18,15–18 erweitert Jesus den Blick auf die Verantwortung der Gemeinschaft.
Ausgangspunkt ist dabei kein kultischer Vorgang, sondern ein konkreter Konflikt zwischen Menschen:
[Jesus spricht:]
Wenn aber dein Bruder an dir schuldig wird, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht.
(Mt 18,15a | Text nach Zürcher Bibel 2019)
→ 23: Schuld als zwischenmenschlicher Konflikt
Die Bewegung beginnt bemerkenswerterweise nicht mit öffentlicher Verurteilung und auch nicht mit einer religiösen Instanz, sondern mit der persönlichen Begegnung. Der verletzte Mensch soll den anderen aufsuchen und versuchen, die gestörte Beziehung unmittelbar anzusprechen.
Erst wenn diese Klärung scheitert, wird der Kreis erweitert. Weitere Menschen werden hinzugezogen, schließlich die Gemeinde selbst. Die Erzählung entwickelt damit keine abstrakte Theorie kirchlicher Ordnung, sondern beschreibt einen Weg konkreter Wiederherstellung von Gemeinschaft.
Ziel bleibt dabei nicht der Ausschluss des Schuldigen, sondern die Rückgewinnung des Menschen und die Wiederherstellung der Beziehung. Jesus sagt ausdrücklich:
[Jesus spricht:]
Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen.
(Mt 18,15b | Text nach Zürcher Bibel 2019)
→ 24: „… so hast du deinen Bruder gewonnen“
Die Gemeinde erscheint dadurch nicht primär als verwaltende Institution, sondern als Raum gemeinsamer Verantwortung. Schuld betrifft nicht nur Gott und den einzelnen Menschen. Sie berührt die Wirklichkeit menschlicher Gemeinschaft.
Vor diesem Hintergrund erhalten auch die folgenden Worte Jesu besonderes Gewicht:
[Jesus spricht:]
Amen, ich sage euch: Was immer ihr auf Erden bindet, wird auch im Himmel gebunden sein, und was immer ihr auf Erden löst, wird auch im Himmel gelöst sein.
(Mt 18,18 | Text nach Zürcher Bibel 2019)
Wie bereits in Mt 9 bleibt der Ort des Handelns „auf Erden“. Die Vollmacht wird nicht von der konkreten Wirklichkeit menschlicher Beziehungen gelöst. Binden und Lösen erscheinen nicht als abstrakte sakrale Verfügungsgewalt, sondern als Teil verantwortlicher Gemeinschaftspraxis im Umgang mit Schuld, Versöhnung und Wiederherstellung von Beziehung.
Damit führt auch Mt 18 die bisherige Linie des Matthäusevangeliums fort. Vergebung bleibt an menschliches Handeln gebunden. Die Gottesbeziehung wird nicht unabhängig von zwischenmenschlicher Wirklichkeit gedacht, sondern gerade innerhalb dieser Wirklichkeit verhandelt.
Petrus stellt eine Frage, die vermutlich jeder Mensch versteht, der wiederholt verletzt wurde. Wenn man einem Nachbarn, einem Arbeitskollegen oder einem Freund bereits mehrfach vergeben hat und derselbe Konflikt dennoch immer wieder neu entsteht, drängt sich irgendwann die Frage auf, ob nicht auch Vergebung eine Grenze haben müsse.
Genau an diesem Punkt fragt Petrus Jesus nach der Endlichkeit des Vergebens. Seine Frage entsteht nicht aus Gleichgültigkeit oder Hartherzigkeit. Petrus sucht vielmehr nach einem Maß, das menschlich und moralisch noch tragbar erscheint:
[Petrus fragt:]
Herr, wie oft kann mein Bruder an mir schuldig werden, und ich muss ihm vergeben? Bis zu siebenmal?
(Mt 18,21 | Text nach Zürcher Bibel 2019)
Die Zahl sieben zeigt bereits eine erhebliche Bereitschaft zur Vergebung. Vor dem Hintergrund jüdischer Traditionen, die eine begrenzte Zahl notwendiger Vergebungen kannten, erscheint der Vorschlag des Petrus keineswegs kleinlich, sondern ausgesprochen großzügig. Genau diese Begrenzung weist Jesus jedoch zurück:
[Jesus antwortet:]
Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.
(Mt 18,22 | Text nach Lutherbibel 2017)
Ich sage dir: nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebenundsiebzigmal.
(Mt 18,22 | Text nach Zürcher Bibel 2019)
Die Antwort Jesu hebt die Frage nach einer festen Obergrenze praktisch auf. → 26: Die Aufhebung begrenzter Vergebungsmodelle
Vergebung erscheint nicht als gelegentliche Ausnahme, nicht als berechenbare Pflicht und auch nicht als formal zählbarer Vorgang innerhalb religiöser Ordnung, sondern als dauerhafte Aufgabe menschlicher Beziehung.
Bemerkenswert ist dabei, dass Jesus die Vergebung unmittelbar an den Menschen selbst richtet. Petrus soll seinem Bruder vergeben. Die Antwort verweist nicht auf eine stellvertretende religiöse Handlung und auch nicht auf eine ausschließlich an Gott gerichtete Bitte um Vergebung. Die Verantwortung verbleibt beim Menschen, der dem anderen Menschen konkret begegnet.
Damit gewinnt die zwischenmenschliche Vergebung im Matthäusevangelium ein außergewöhnliches Gewicht. Sie erscheint nicht als nachrangige moralische Ergänzung der Gottesbeziehung, sondern als deren notwendiger Bestandteil.
Die Wiederholung der Vergebung ist dauerhafte Aufgabe innerhalb konkreter menschlicher Beziehungen. Jesus spricht über die Verpflichtung des Menschen, immer wieder neu zu vergeben. Seine Forderung bezieht sich dabei ausdrücklich auch auf denselben Menschen, egal, wie oft dieser immer wieder neu schuldig wird. → 27: Grenzenlose Vergebung und kirchliche Problemanzeigen
Die Zumutung dieser Forderung wird gerade dadurch sichtbar, dass Jesus keine Grenze nennt, an der die Verpflichtung zur Vergebung endet. Weder die Häufigkeit der Verletzung noch die subjektiv empfundene Erschöpfung des Verletzten bilden im Text einen Aufhebungsgrund der Vergebungspflicht.
Damit führt Mt 18,21–22 die bisherige Linie des Matthäusevangeliums konsequent fort. Die Beziehung zu Gott bleibt an die konkrete Wirklichkeit menschlicher Beziehungen gebunden. Vergebung geschieht nicht zuerst im Rückzug religiöser Innerlichkeit oder in der Wiederholung kultischer Schuldverwaltung, sondern im schwierigen und oft schmerzhaften Vollzug menschlicher Begegnung.
Mit der Antwort an Petrus endet die Vergebungsfrage im Matthäusevangelium nicht. Jesus spricht dort zunächst über die unmittelbare Verpflichtung des Menschen, anderen Menschen immer wieder neu zu vergeben. Das anschließende Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht greift die Vergebungsfrage nun aus einer anderen Perspektive auf. Es erzählt nicht zuerst von der Verpflichtung des Menschen zur Vergebung, sondern von einer bereits gewährten Vergebung, die dem Menschen vorausgeht.
Gerade deshalb darf das Gleichnis nicht einfach mit Mt 18,21–22 verschmolzen werden. Zwar stehen beide Texte unter der gemeinsamen Überschrift der Vergebung, sie beschreiben jedoch unterschiedliche Bewegungen. In Mt 18,21–22 fordert Jesus den Menschen unmittelbar zur fortgesetzten Vergebung gegenüber dem Mitmenschen auf. Im Gleichnis dagegen geht die Gnade des Herrn voraus und eröffnet dem Knecht einen neuen Handlungs- und Verantwortungsraum.
Jesus erzählt von einem Knecht, der seinem Herrn einen unvorstellbar hohen Geldbetrag schuldet. Als der Herr die Rückzahlung verlangt, bittet der Knecht um Geduld. Der Herr reagiert nicht mit weiterer Berechnung oder abgestufter Strafe, sondern erlässt ihm die gesamte Schuld.
Doch unmittelbar danach begegnet derselbe Knecht einem Mitknecht, der ihm selbst eine vergleichsweise geringe Summe schuldet. Nun zeigt sich, ob die empfangene Vergebung etwas im Menschen verändert hat. Der Knecht verweigert die eigene Vergebungserfahrung jedoch dem anderen Menschen. Er bleibt hart, fordert Zahlung und lässt den Mitknecht ins Gefängnis werfen.
→ 28: Schuld als relationale Last im Bild finanzieller Verschuldung
Das Entscheidende am Gleichnis ist deshalb nicht allein die Größe der erlassenen Schuld, sondern die ausbleibende Veränderung des Menschen. Die empfangene Gnade bleibt folgenlos. Weder Denken noch Reden oder Handeln des Knechtes werden von der erfahrenen Güte geprägt.
Gerade darin liegt die eigentliche Zuspitzung des Gleichnisses. Der Herr hatte dem Knecht nicht nur eine Schuld erlassen. Er hatte ihm Vertrauen geschenkt und ihm einen neuen Raum verantwortlichen Handelns eröffnet. Dieses Vertrauen wird nun vom Knecht selbst unterlaufen, indem er dieselbe Vergebung dem Mitmenschen verweigert.
Die neue Schuld des Knechtes besteht deshalb nicht einfach in einem isolierten moralischen Fehlverhalten. Sie besteht darin, dass er die ihm gewährte Gnade praktisch folgenlos macht und sich dem Verantwortungsraum entzieht, der ihm durch die Vergebung eröffnet wurde. Der Knecht will den Nutzen der empfangenen Gnade behalten, ohne ihre Konsequenz im eigenen Handeln anzunehmen.
Daraufhin wird die Vergebung zurückgenommen. Der Herr übergibt den Knecht den Peinigern, bis die gesamte Schuld bezahlt sei. Damit beschreibt das Gleichnis Vergebung nicht als irreversible religiöse Statusveränderung, sondern als Beziehungsgeschehen mit realen Folgen. Der Knecht verliert nicht nur den Schuldenerlass, sondern zugleich den Vertrauensraum, der ihm durch die Gnade eröffnet worden war. Die Beziehung zum Herrn ist grundlegend beschädigt.
Bemerkenswert ist dabei, dass das Gleichnis an dieser Stelle keinen unmittelbaren Rückweg beschreibt. Die Kommunikation zwischen Herr und Knecht bricht ab. Sichtbar wird lediglich, dass die verweigerte Verantwortung gegenüber dem Mitmenschen auch die Beziehung zur gewährten Gnade selbst zerstört hat.
Die Bildsprache des Gleichnisses bleibt dabei bewusst an der Vorstellung finanzieller Schuld orientiert. Schuld erscheint als Last, die auf einem Menschen liegt und beglichen werden muss. Der Satz, der Knecht werde den Peinigern übergeben, „bis die gesamte Schuld bezahlt sei“, beschreibt deshalb die Notwendigkeit einer Wiederherstellung der zerstörten Beziehung. Wie diese Wiederherstellung konkret geschieht, entfaltet das Gleichnis jedoch nicht ausdrücklich. → 29: Die offene Frage der Wiederherstellung
Das Gefängnis wird damit zum Ort, an dem der Mensch verstehen muss, was Gnade gewesen war, weil er ihren Verlust nun selbst erfährt.
Am Ende formuliert Jesus die Konsequenz dennoch unmissverständlich:
[Jesus spricht:]
So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.
(Mt 18,35 | Text nach Lutherbibel 2017)
Damit entfaltet das Gleichnis erzählerisch die bereits im Vaterunser formulierte Vergebungslogik und ihre Zuspitzung in Mt 6,14–15. → 30: Das Gleichnis als narrative Entfaltung von Mt 6,14–15
Die Beziehung zu Gott bleibt untrennbar mit dem Verhalten des Menschen gegenüber anderen Menschen verbunden. Gottes Vergebung erscheint nicht als isolierter sakraler Vorgang, sondern als eröffneter Gnadenraum, der verantwortliches Handeln erwartet. Wo diese Verantwortung verweigert wird, zeigt sich gerade darin die fortbestehende Zerstörung der Beziehung zu Gott.
Was passiert, wenn eine Begegnung nicht möglich ist und einem Mitmenschen gar nicht persönlich vergeben werden kann, wenn die von Jesus geforderte unmittelbare Versöhnung an den Umständen scheitert?
Tatsächlich spricht Jesus in den bislang untersuchten Evangelientexten immer wieder in den Begegnungsraum zwischen Menschen hinein. Seine Aufforderungen zur Versöhnung und Vergebung richten sich an Menschen, die einander begegnen, voneinander wissen und Verantwortung füreinander übernehmen können. Vergebung erscheint dabei nicht als Vorgang im sakralen Raum, sondern als Aufgabe innerhalb konkreter menschlicher Beziehungen.
Die bisher betrachteten Texte setzen einen solchen Begegnungsraum voraus. Der Bruder, von dem Mt 5,23–24 spricht, ist ein Mensch, der aufgesucht werden kann. Auch Mt 18,15–17 geht von einer bestehenden Beziehung aus, in der Gespräch, Klärung und gegebenenfalls Versöhnung möglich bleiben.
Damit stellt sich jedoch eine grundlegende Frage. Was geschieht, wenn dieser Begegnungsraum fehlt?
Menschen sterben. Aufenthaltsorte werden unbekannt. Beziehungen brechen ab. Manchmal verweigert der andere jede Annäherung. Oft wird eine Verletzung erst erkannt, wenn eine Klärung längst unmöglich geworden ist. Nicht jede Schuld kann benannt, nicht jede Beziehung wiederhergestellt und nicht jede Versöhnung vollzogen werden.
Gerade an dieser Stelle entsteht eine Spannung. Wenn die Vergebungsforderungen Jesu an konkrete menschliche Beziehungen gebunden sind, wie kann ein Mensch ihnen dann gerecht werden, wenn die Voraussetzungen dafür nicht mehr bestehen? Wird die Forderung Jesu dadurch unerfüllbar? Oder endet die menschliche Verantwortung dort, wo der Mensch nicht mehr handeln kann?
Die folgenden Überlegungen gehen dieser Frage nach. Sie untersuchen die Grenzen menschlicher Verantwortung und fragen, welche Bedeutung der Vergebungsbitte dort zukommt, wo der Begegnungsraum zwischen Menschen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt vorhanden ist und wo Konfliktlösung scheitert.
Die Aufforderungen Jesu zur Versöhnung und Vergebung setzen voraus, dass der andere Mensch erreichbar bleibt. Wer seinen Bruder aufsuchen soll, muss ihn aufsuchen können. Wer um Vergebung bitten soll, muss einem Menschen gegenübertreten können.
Doch eine Begegnung kann undurchführbar sein. Menschen sterben. Beziehungen brechen ab. Aufenthaltsorte werden unbekannt. Manchmal liegen die Ereignisse Jahrzehnte zurück. Der Mensch erkennt seine Schuld erst zu einem Zeitpunkt, an dem eine persönliche Klärung nicht mehr möglich ist.
In solchen Fällen scheitert die Versöhnung nicht am mangelnden Willen, sondern an den Umständen. Der Weg zum Mitmenschen ist versperrt. Die Forderungen Jesu können nicht mehr in der verlangten Weise umgesetzt werden.
Damit stellt sich eine neue Frage. Entfällt die Verantwortung des Menschen dort, wo der andere Mensch nicht mehr erreichbar ist? Oder bleibt die Verantwortung bestehen, obwohl die unmittelbare Begegnung unmöglich geworden ist?
Nicht jede Begegnung führt zur Versöhnung. Selbst dort, wo Menschen einander erreichen, Schuld benennen und den Weg zur Klärung suchen, bleibt das Ergebnis offen. Die Vergebungsforderungen Jesu setzen zwar die Begegnung voraus, sie garantieren jedoch nicht deren Erfolg.
Wer einen anderen Menschen verletzt hat, kann um Vergebung bitten. Er kann seine Schuld eingestehen und den entstandenen Schaden benennen. Ob die erbetene Vergebung jedoch gewährt wird, liegt nicht in seiner Hand.
Ebenso kann ein Mensch seinem Gegenüber vergeben und dennoch erleben, dass die angebotene Versöhnung zurückgewiesen oder die Verletzung fortgesetzt wird.
Der Begegnungsraum besteht in solchen Fällen weiterhin. Gescheitert ist nicht die Begegnung, sondern die Verfügung über ihr Ergebnis. Kein Mensch kann Versöhnung erzwingen. Die Verantwortung für das eigene Handeln bleibt beim Handelnden. Die Entscheidung des anderen bleibt beim anderen.
Damit stellt sich erneut eine grundlegende Frage. Wird die Vergebungsforderung Jesu vom Erfolg der Versöhnung abhängig gemacht? Oder endet die Verantwortung des Menschen bereits dort, wo er alles getan hat, was ihm möglich und aufgetragen war?
Die bisher betrachteten Fälle gingen davon aus, dass die Schuld bekannt ist. Der Mensch weiß um die Verletzung, erkennt seine Verantwortung und sucht den Weg zur Versöhnung. Doch auch diese Voraussetzung ist nicht selbstverständlich.
Bereits Mt 5,23 setzt voraus, dass die Schuld überhaupt ins Bewusstsein tritt. Jesus sagt nicht: „Wenn du Schuld auf dich geladen hast“, sondern: „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort daran denkst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat.“ Die Aufforderung zur Versöhnung beginnt mit einer Wahrnehmung. Erst die Erinnerung macht das Handeln möglich.
Menschen verletzen einander häufig, ohne es zu bemerken. Ein unbedachtes Wort, eine unterlassene Hilfe oder eine achtlose Entscheidung können bei anderen Enttäuschung, Schmerz oder Verbitterung auslösen, ohne dass der Verursacher davon Kenntnis erhält. Manche Verletzungen werden nie ausgesprochen. Andere werden erst Jahre später erkannt. Wieder andere bleiben vollständig verborgen.
Damit stellt sich eine weitere Grenze menschlicher Verantwortung.
Wie soll ein Mensch Schuld bereinigen, die ihm niemals bewusst geworden ist? Kann er für Verletzungen verantwortlich gemacht werden, die er weder erkannt hat noch erkennen konnte?
Auch hier entsteht dieselbe Spannung wie in den vorangegangenen Abschnitten. Die Forderung Jesu bleibt bestehen. Zugleich stößt der Mensch an eine Grenze, die nicht durch mangelnden Willen, sondern durch die Begrenztheit menschlicher Wahrnehmung entsteht. Wer seine Schuld nicht kennt, kann sie weder bekennen noch um Vergebung bitten. Die von Jesus geforderte unmittelbare Versöhnung kann auch in diesem Fall nicht in der verlangten Weise umgesetzt werden.
Auch dort, wo die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen die Erkenntnis eigener Schuld verhindert, wird die Vergebungsforderung Jesu nicht aufgehoben. Sie bleibt bestehen, aber der Mensch kann sie nur innerhalb seiner Vertrauensbeziehung zu Gott beantworten.
Die Vergebungsforderungen Jesu wurden in der Auslegungsgeschichte häufig als unerfüllbar verstanden. Die Radikalität von Mt 5,23–24, Mt 6,14–15 und Mt 18 scheint den Menschen vor Anforderungen zu stellen, die er nicht erfüllen kann. Nicht jede Schuld wird erkannt. Nicht jede Beziehung lässt sich wiederherstellen. Nicht jede Versöhnung gelingt.
Aus dieser Beobachtung entstand die Tendenz, die Aussagen Jesu entweder als unerreichbares Ideal oder als Ausdruck einer inneren Gesinnung zu verstehen. Die Forderung bleibt dann zwar bestehen, verliert jedoch ihre unmittelbare Verbindlichkeit für das konkrete Handeln.
Die bisherigen Überlegungen legen jedoch eine andere Sicht nahe. Die Schwierigkeit liegt nicht in den Forderungen Jesu selbst, sondern in den Grenzen menschlicher Existenz. Die Frage lautet deshalb nicht, ob Jesu Forderungen unerfüllbar sind, sondern wie sie angesichts dieser Grenzen verstanden werden müssen.
Die vorangegangenen Abschnitte haben drei Grenzen sichtbar gemacht.
Erstens kann der Mitmensch unerreichbar werden. Tod, unbekannte Aufenthaltsorte oder vergangene Beziehungen können die von Jesus geforderte unmittelbare Begegnung unmöglich machen.
Zweitens entzieht sich die Reaktion des anderen der eigenen Verfügung. Versöhnung kann verweigert werden. Vergebung kann nicht erzwungen werden.
Drittens bleibt Schuld oft unbemerkt. Nicht jede Verletzung wird erkannt. Nicht jede Schuld wird bewusst. Manche Konflikte bleiben verborgen.
Keine dieser Grenzen entsteht aus mangelndem Willen. Sie gehören zu den Bedingungen menschlichen Lebens. Gerade deshalb muss gefragt werden, wie die Vergebungsforderungen Jesu unter diesen Bedingungen zu verstehen sind.
Die evangelische Theologie hat in ihrer Geschichte zwei Deutungsmodelle ausgebildet, die dogmatische Geltung erlangt haben und bis in die Gegenwart nachwirken.
Das erste Modell versteht die Vergebungsforderungen Jesu als reale Pflicht. Der Anspruch der Bergpredigt gilt unbedingt und ist weder abzumildern noch zu umgehen. Zugleich erkennt dieses Modell, dass der Mensch den Forderungen nicht vollständig entsprechen kann. Die daraus gezogene theologische Konsequenz ist charakteristisch: Die Funktion der Bergpredigt liegt nicht primär in ihrer Erfüllbarkeit, sondern in ihrer anklagenden Wirkung. Sie deckt die Sünde auf, führt den Menschen zur Buße und verweist ihn auf die Gnade.
In der lutherischen Tradition wurde diese Funktion als der anklagende Gebrauch des Gesetzes verstanden. Das Gesetz überführt den Menschen seiner Sünde und verweist ihn auf die Rechtfertigung allein aus Gnade. → 31: Der anklagende Gebrauch des Gesetzes
Luther hat die Bergpredigt in seinen einschlägigen Predigten (1530–1532) nicht aufgehoben, sondern in das reformatorische Verständnis von Glaube, Beruf und Rechtfertigung eingeordnet: Die Forderung Jesu bleibt verpflichtend, wird aber nicht zum Weg der Rechtfertigung. → 32: Bergpredigt, Berufung und konkreter Gehorsam
Dieses Modell benennt etwas Unaufgebbbares. Die Forderungen Jesu dürfen nicht weggedeutet werden, und der Mensch ist nicht der Maßstab für ihre Reichweite. Zugleich birgt die konsequente Verlagerung auf die anklagende Funktion eine Gefahr: Wird die Unerfüllbarkeit zum theologischen Programm, kann das konkrete Handeln stillgestellt werden, bevor es in Angriff genommen wird. Die Forderung steht, doch das Handeln wartet auf die Gnade, ein Aufschub, den die Abschnitte 4.1 bis 4.4 als Problem sichtbar gemacht haben.
Das zweite Modell, das in der liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts seine deutlichste evangelische Ausprägung fand, versteht die Vergebungsforderungen als Ausdruck einer inneren Haltung. Nicht der konkrete Akt der Versöhnung steht im Vordergrund, sondern die Gesinnung, aus der heraus gehandelt wird. Vergebung wird zur Bereitschaft, zur Offenheit, zur religiös-sittlichen Einstellung, und löst sich damit von der Frage, ob sie im konkreten Vollzug gelingt oder gelingen kann. Wilhelm Herrmann hat diese Richtung in seiner Ethik systematisch vorbereitet: Das sittliche Handeln wird vom Werden des verantwortlichen Subjekts her verstanden, nicht von der isolierten Erfüllung einzelner Forderungen. → 33: Sittliches Subjekt und innere Bestimmung des Handelns
Adolf von Harnack hat diese Linie in seiner Darstellung des Evangeliums einflussreich geprägt. Das Vaterunser erscheint bei ihm als Gebet der Gotteskindschaft, der Sammlung und der Demut; auch die Vergebungsbitte verbindet er mit Liebe und Nächstenverhältnis. Doch die konkrete Forderung wird von der inneren Gesinnung her verstanden. Die matthäische Konditionalität der Vergebung tritt dadurch hinter die religiös-sittliche Qualität von Demut und Liebe zurück. → 34: Harnack: Vaterunser, Gesinnung und dienende Liebe
In beiden Fällen tritt die Horizontaldimension, der andere Mensch, die konkrete Beziehung, der notwendige Schritt, gegenüber der inneren Deutung des Handelns zurück.
Auch dieses Modell benennt etwas Richtiges. Eine Vergebung, die nur äußerlich vollzogen wird, ohne innere Entsprechung, verfehlt ihren Gegenstand. Doch die Gesinnungsethik löst die konkrete Forderung in eine innere Qualität auf, die sich der Überprüfung entzieht. Was als Gesinnung besteht, muss sich nicht im Handeln bewähren. Damit entsteht ein Ausweichraum, den Jesus gerade nicht eröffnet.
Beide Modelle lassen die Fragen unbeantwortet, die die Abschnitte 4.1 bis 4.4 aufgeworfen haben. Das Pflichtmodell erklärt nicht, was dem Menschen aufgetragen bleibt, wenn der andere unerreichbar geworden ist. Das Gesinnungsmodell entlässt ihn aus der Handlungspflicht, bevor die Grenzen überhaupt erreicht sind.
Keines von beiden beschreibt das, was zwischen dem Geforderten und dem Unmöglichen liegt: die Verantwortung des Menschen für das ihm Mögliche, bis an die äußersten Grenzen seiner Handlungsfähigkeit.
Das hier entwickelte Modell wird als Vertrauensethik bezeichnet. → 35: Vertrauensethik als eigener Begriff
Die Wahl dieses Begriffs ist nicht zufällig. Er benennt die Grundstruktur, aus der die ethischen Forderungen entstehen, nicht nur deren Inhalt oder Modus.
Die Grundstruktur ist das Vertrauen Gottes an den Menschen. Wenn Gott konkrete Verantwortung delegiert, den Hungrigen zu speisen, dem Fremden zu begegnen, dem Bruder zu vergeben, den Feind zu lieben, dann setzt diese Delegation voraus, dass Gott dem Menschen zutraut, sie auszufüllen. Er traut ihm zu, dass er kann und dass er wird, wo immer es ihm möglich ist. Die delegierte Verantwortung ist nicht Auflage, sondern Zutrauen. → 36: Delegation und Rückdelegation
Diese Verantwortung ist primär horizontal. Der Bruder, dem vergeben werden soll, ist ein konkreter Mensch. Das Brot, das gebraucht wird, liegt in menschlicher Hand. Versöhnung vollzieht sich im Begegnungsraum zwischen Menschen. Wo dieser Raum besteht, ist das Handeln aufgetragen. Die horizontale Dimension ist nicht subsidiär. Sie ist der erste und eigentliche Ort, an dem das delegierte Vertrauen eingelöst wird.
Der Mensch antwortet auf das Vertrauen Gottes nicht durch Anspruch, sondern im Glauben, im Vertrauen auf die Zusage des Evangeliums. Glaube ist in der reformatorischen Tradition nicht primär Zustimmung zu Lehrsätzen, sondern Vertrauen: das Herz, das sich auf Gott verlässt und von ihm alles Guten gewärtig ist. → 37: Glaube als Vertrauen
Diese Entsprechung zwischen dem Vertrauen, das Gott dem Menschen entgegenbringt, und dem Vertrauen, mit dem der Mensch auf Gottes Zusage antwortet, bildet den Rahmen, in dem die Vergebungsbitte ihren legitimen Ort hat.
Wo der Weg zur Versöhnung strukturell versperrt ist, weil der andere gestorben ist, weil Begegnung dauerhaft verweigert wird, weil Schuld erst erkannt wurde, als Klärung nicht mehr möglich war, tritt die Vergebungsbitte an Gott in ihr Recht. Sie ist dann kein Ausweichen aus der Verantwortung, sondern ihr letzter Ausdruck unter den Bedingungen menschlicher Begrenztheit. Der Mensch verbleibt in der Vertrauensstruktur, auch wo er an ihre Grenze stößt. Er benennt, was er nicht mehr einlösen kann, und überlässt es dem, der delegiert hat.
Wo hingegen Anspruch an Gott den Ort der Verantwortung besetzt, wo Vergebung von Gott gefordert wird, ohne dass der Versuch unternommen wurde, sie dem Mitmenschen zu gewähren, wo Brot erbeten wird, ohne zu geben, da wehrt Gott den Anspruch ab. Nicht willkürlich, sondern weil der Anspruch die Vertrauensstruktur selbst zerstört, auf der die Delegation beruht. Was als Rückdelegation zu bezeichnen ist, die Abgabe von Verantwortung an Gott, die der Mensch selbst tragen müsste und tragen könnte, findet hier seine schärfste Form. → 38: Vergebungsbitte und Rückdelegation
Matthäus 25 führt diese Linie in der Gerichtsszene vom Menschensohn weiter. Der Text beginnt ausdrücklich im Horizont „aller Völker" und steht damit im Zusammenhang der universalen Sendung nach Mt 28,19–20: Die Lehre Jesu wird den Völkern bekannt gemacht, ihre Praxis wird im Umgang mit Bedürftigen sichtbar, und im Gericht wird dieses Handeln beurteilt.
Christus prüft nicht, ob die Bedürftigen zur richtigen Gruppe gehören. Er fragt nach dem konkreten Verhalten gegenüber hungernden, durstigen, fremden, nackten, kranken und gefangenen Menschen. Nicht deren Bekenntnis, nicht ihre religiöse Zugehörigkeit und nicht ihre Herkunft entscheiden, sondern ihre Bedürftigkeit. In diesem Sinn verstärkt „Brüder" nicht die Grenze der Gemeinde, sondern die Identifikation Christi mit dem bedürftigen Menschen und somit mit dem Menschen an sich. Wer nicht handelt, verweigert nicht nur Hilfe, sondern entzieht sich der Verantwortung, die ihm im Begegnungsraum anvertraut war. → 39: Mt 25: Identifikation, Verantwortung und verweigerter Vollzug
An dieser Stelle ist einer möglichen Fehldeutung des Modells ausdrücklich zu begegnen. Die Struktur, nach der die Vergebungsbitte an Gott erst dort in ihr Recht tritt, wo die horizontale Verantwortung ausgeschöpft ist oder an eine unüberwindliche Grenze gestoßen ist, könnte den Anschein erwecken, die Bitte sei an eine menschliche Vorleistung geknüpft: Wer genug getan hat, darf bitten. Das wäre eine Leistungslogik, die dem Modell der Vertrauensethik grundlegend widerspricht. → 40: Vertrauensethik und der Einwand der Leistungslogik
Der Unterschied liegt nicht in der Menge des Geleisteten, sondern in der Haltung, aus der heraus gebeten wird. Wer die horizontale Verantwortung ernst nimmt, tritt nicht mit dem Nachweis erbrachter Leistung vor Gott, sondern im Vertrauen, das die Delegation von Anfang an trägt. Das gilt auch dort, wo er dabei an eine Grenze gestoßen ist und diese Grenze benennt, ohne zurückzugeben, was ihm aufgetragen war. Gottes Antwort auf die Vergebungsbitte ist in beiden Fällen kein Lohn, sondern die Fortsetzung der Vertrauensbeziehung unter den Bedingungen menschlicher Handlungsfähigkeit und Begrenztheit. Die Bitte bleibt Bitte — sie wird nicht zum Anspruch.
Rückdelegation und legitime Bitte unterscheiden sich daher nicht darin, wie viel der Mensch zuvor getan hat, sondern darin, ob er die Bitte an die Stelle des Handelns setzt, das ihm noch möglich wäre, oder ob er sie dort erhebt, wo er im Vertrauen steht und handelt, soweit es ihm möglich ist. Das eine ist Flucht aus der Verantwortung, das andere ist Vertrauen, das seine eigene Grenze kennt.
Damit stellt sich die Frage, die nun aufzunehmen ist: Wie ist die Vergebung zu denken, die Gott dort gewährt, wo der Mensch im Vertrauen steht, seine Grenze benennt und sie nicht zur Ausrede macht?
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Illustration: Vergebung. Das Tor zur Versöhnung.
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Autor: Reiner Makohl [KI-basiert, Adobe Firefly]
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Illustration: Du, Gott, Ich.
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Autor: Reiner Makohl
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Reiner Makohl, Theologische Aufsätze: Vergebung durch Menschen und Vergebung durch Gott., in: Stilkunst.de,
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