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Vergebung durch Menschen und Vergebung durch Gott

Warum Vergebung untereinander wichtig ist

Aufsätze
Gedanken zu Glaube, Bibel und Theologie


Vergebung durch Menschen und Vergebung durch Gott

Wie die Jesusworte über Vergebung das Reich Gottes in die Wirklichkeit menschlichen Handelns verlegen

 

Die Bedeutung von Mt 5,23-24 und Mt 6,12.14-15 für das menschliche Miteinander

 
Evangelisch Christsein

Reiner Makohl | Mai 2026
Letztes Update mit starker Erweiterung im Abschnitt 4:

10.6.2026

 

Ver­ge­bung ist un­trenn­ba­rer Teil der Gna­de Got­tes. Ei­nem an­de­ren Men­schen zu ver­ge­ben, ge­hört zum Mensch­sein und wird dort zur Ver­pflich­tung, wo der Mensch Ver­ant­wor­tung über­neh­men kann. Im Raum mensch­li­cher Ver­ant­wor­tung geht Ver­ge­bung durch den Men­schen der Ver­ge­bung Got­tes vor­aus.

Wo­rum es hier geht

 

Wer kann Sün­den ver­ge­ben?

Das The­ma Ver­ge­bung ist für vie­le Chris­ten in der Glau­bens­pra­xis nicht leicht zu ver­ste­hen. Es stel­len sich vie­le Fra­gen. Wer ver­gibt Sün­den und Ver­ge­hen? Muss ich beich­ten? Wie oft? Wem ge­gen­über? Was ge­schieht, wenn ich nicht ehr­lich bin? Braucht es da­zu Bu­ße? In wel­cher Form? Wer steht mir dann bei?

Man­che Fra­gen wer­den zu ei­ner Last, so­bald man selbst tief ver­letzt wird:

Muss ich dem an­de­ren ver­ge­ben? Wie oft soll man ei­nem Men­schen ver­ge­ben, der ei­nen im­mer wie­der kränkt, bloß­stellt oder hin­ter­geht? Selbst dann, wenn man sich müht: Kommt nicht ir­gend­wann der Punkt, an dem in­ner­lich al­les dicht­macht? Reicht es ir­gend­wann nicht ein­fach?

Ge­nau dort stand auch Pe­trus. Mat­thä­us be­rich­tet nur knapp über ei­ne Si­tua­ti­on, in der Pe­trus wohl des­halb bei Je­sus Rat such­te:

„Je­sus, ich ver­ste­he das nicht mehr. Der ver­letzt mich im­mer wie­der. Wa­rum soll aus­ge­rech­net ich stän­dig nach­ge­ben? Ir­gend­wann muss doch auch mal Schluss sein. Reicht es nicht, wenn ich ihm nun schon sie­ben­mal ver­ge­ben ha­be?“
(Frei nach → Mt 18,21)

Die Ant­wort Je­su fiel an­ders aus, als Pe­trus hoff­te.

Es reicht nicht sie­ben­mal, auch nicht sieb­zig­mal.
Es ist nie ge­nug.

Da­mit be­ginnt ein Pro­blem, das sich durch das ge­sam­te Neue Tes­ta­ment zieht.

Wie kommt Je­sus da­rauf? Be­geg­nen Chris­ten nicht im­mer wie­der der Zu­sa­ge, Gott al­lein ver­ge­be Sün­de? Der ers­te Jo­han­nes­brief for­mu­liert es knapp: Wer sei­ne Sün­de be­kennt, dem wird Gott ver­ge­ben (→ 1. Joh 1,9). Das scheint zu ge­nü­gen.

Und doch sagt Je­sus, Pe­trus müs­se im­mer wie­der ver­ge­ben, egal wie sehr es ihn schmerzt, egal wie sehr sich in sei­nem In­ne­ren al­les da­ge­gen sträubt. Je­sus sagt so­gar im Grun­de das: „Mach! Erst du, wie­der und im­mer wie­der, dann wird Gott dir dei­ne Ver­ge­hen auch ver­zei­hen.“
(Frei nach dem Va­ter­un­ser, → Mt 6,12.14–15)

Es ist die neue, ra­di­ka­le Ge­rech­tig­keit, die vor Gott gilt. Je­sus hat­te sie in der Berg­pre­digt aus­ge­brei­tet und ins Va­ter­un­ser ein­ge­bun­den. In den ka­no­ni­schen Schrif­ten des Al­ten Tes­ta­ments le­sen wir da­von nichts.

Da stellt sich die Fra­ge: Wa­rum bin­det Je­sus die Be­zie­hung Got­tes zu ei­nem Men­schen so eng an das Ver­hal­ten des Men­schen ge­gen­über an­de­ren Men­schen?

Und vor al­lem: Was be­deu­tet das nun für das Le­ben ei­nes Chris­ten?

Da­her geht es hier da­rum, Ant­wor­ten auf fol­gen­de Fra­gen zu fin­den: Wa­rum spricht Jo­han­nes nur von der Ver­ge­bung Got­tes? Wa­rum soll Pe­trus, und mit ihm je­der Mensch, im­mer wie­der ver­zei­hen? Was steht über Ver­ge­bung im Va­ter­un­ser ge­nau? Und wa­rum sagt Je­sus, man sol­le noch vor dem Be­ginn des Got­tes­diens­tes die Ver­söh­nung mit Men­schen su­chen, de­ren Be­zie­hung zu ei­nem be­las­tet ist, ganz gleich, wer da­ran Schuld trägt?

Die­ser Auf­satz fragt:
Wer kann Sün­den ver­ge­ben, und was be­wirkt das für uns Chris­ten im Le­ben?

 

 

📖Der Text ist ak­tu­ell in Ar­beit. Ich ver­öf­fent­li­che den­noch an die­ser Stel­le bis­he­ri­ge Ar­beits­stän­de. Der fer­ti­ge Text wird die­se No­tiz hier nicht mehr ent­hal­ten.

Wich­ti­ge Ab­gren­zung

Ver­ge­bung ist nicht To­le­ranz ge­gen­über Un­recht. Christ­li­che Ver­ge­bung will klä­ren, schüt­zen und ver­söh­nen. Sie meint aber kei­ne Dul­dung von Ge­walt, Miss­brauch, Er­nied­ri­gung oder Men­schen­ver­ach­tung. Sie hebt we­der Recht noch Schutz­pflicht noch die Ver­ant­wor­tung ge­gen­über Ver­letz­ten auf. Sie ist kein Frei­brief zur Wie­der­ho­lung und schützt Tä­ter nicht vor den Fol­gen ih­res Han­delns.

Zur Er­läu­te­rung

 
Ori­en­tie­rung im Auf­satz
Der Sonntagsname Septuagesimä

Grafik: Vergebung. Das Tor zur Versöhnung.
Bildnachweis: → siehe unten.

 

1. Die Vergebungsbitte im Vaterunser

Mt 6,12 als Schlüsseltext der Vergebungsfrage
 

 

1.1 Du, Gott und Ich

Die Ver­ge­bungs­bit­te als Be­zie­hungs­ge­sche­hen
 

Die Fra­ge nach der Ver­ge­bung steht im Zen­trum des christ­li­chen Glau­bens. Sie be­geg­net in Ge­be­ten, Pre­dig­ten, Got­tes­diens­ten, Beich­te, Abend­mahl und Seel­sor­ge. Fast im­mer rich­tet sich der Blick da­bei zu­erst auf Gott: Gott ver­gibt dem Men­schen sei­ne Schuld.

Die Ver­ge­bungs­bit­te im Va­ter­un­ser führt je­doch in ei­ne an­de­re Rich­tung.

Das Va­ter­un­ser | Un­ser­va­ter

Va­ter un­ser [Un­ser Va­ter] im Him­mel.
Ge­hei­ligt wer­de dein Na­me.
Dein Reich kom­me.
Dein Wil­le ge­sche­he, wie im Him­mel so auf Er­den.
Und ver­gib uns un­se­re Schuld,
wie auch wir ver­ge­ben un­se­ren Schul­di­gern.
Und füh­re uns nicht in Ver­su­chung,
son­dern er­lö­se uns von dem Bö­sen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herr­lich­keit in Ewig­keit. Amen.

1: Va­ter­un­ser, li­tur­gi­sche Form

Je­sus spricht im Va­ter­un­ser nicht nur über die Ver­ge­bung Got­tes. Er ver­bin­det die gött­li­che Ver­ge­bung un­mit­tel­bar mit dem Ver­hal­ten von Men­schen un­ter­ein­an­der:

Ver­gib uns un­se­re Schuld, wie auch wir ver­ge­ben ha­ben je­nen, die an uns schul­dig ge­wor­den sind.

(Mt 6,12 | Text nach Zür­cher Bi­bel 2019)

Die­se Ver­bin­dung ist kei­ne Rand­be­mer­kung. Mat­thä­us greift sie un­mit­tel­bar nach dem Va­ter­un­ser er­neut auf und un­ter­streicht sie aus­drück­lich:

[Je­sus spricht:]

Denn wenn ihr den Men­schen ih­re Ver­feh­lun­gen ver­gebt, dann wird eu­er himm­li­scher Va­ter auch euch ver­ge­ben.
Wenn
ihr aber den Men­schen nicht ver­gebt, dann wird euch eu­er Va­ter eu­re Ver­feh­lun­gen nicht ver­ge­ben.


(Mt 6,14–15 | Text nach Zür­cher Bi­bel, 2019)

Da­mit er­hält die mensch­li­che Ver­ge­bung in der christ­li­chen Pra­xis ein exis­ten­ti­el­les Ge­wicht, das weit über blo­ße Mo­ral hin­aus­geht. Sie ist nicht los­ge­löst von gött­li­cher Ver­ge­bung. Sie wird von Je­sus zur un­be­ding­ten Vor­aus­set­zung für die Ge­wäh­rung gött­li­cher Ver­ge­bung er­klärt.

Ge­nau an die­sem Punkt be­ginnt die Schwie­rig­keit im prak­ti­schen Glau­ben.

Vie­le Chris­ten ken­nen vor al­lem die Zu­sa­ge, Gott ver­ge­be dem Men­schen sei­ne Schuld, und zwar auf­grund von Beich­te. 2: Sün­den­be­kennt­nis und Ver­ge­bung

Die Wor­te Je­su im Mat­thä­us­evan­ge­li­um sa­gen je­doch mehr: Der Mensch steht vor Gott nicht un­ab­hän­gig da­von, wie er an­de­ren Men­schen be­geg­net.

 

Du, Gott, Ich - ein gelebtes Beziehungsdreieck

Gra­fik: Du, Gott, Ich.
Die Be­zie­hung zu Gott ist un­trenn­bar mit der Be­zie­hung zu an­de­ren Men­schen ver­bun­den. Got­tes Han­deln am ICH setzt die Wert­schät­zung des DU und des­sen Be­zie­hung zu GOTT vor­aus. Got­tes Zu­spruch er­war­tet vom ICH ei­ne ver­bind­li­che Ant­wort und ein Han­deln aus Glau­ben her­aus. Im Zen­trum steht der Glau­be, des­sen Ba­sis das zwi­schen­mensch­li­che Wir­ken ist. Das ICH emp­fängt als Ant­wort auf Got­tes For­de­rung zur Teil­ha­be am Reich Got­tes durch ge­leb­te Ver­ge­bung und Ver­söh­nung mit dem DU den Zu­spruch Got­tes.

Bild­nach­weis: → sie­he un­ten.

Die fol­gen­den Ab­schnit­te un­ter­su­chen des­halb zu­nächst die Ver­ge­bungs­bit­te des Va­ter­un­sers selbst: ih­re sprach­li­che Form, ih­re text­kri­ti­sche Über­lie­fe­rung, ih­ren jü­di­schen Hin­ter­grund und ih­re Kon­kre­ti­sie­rung in Mt 6,14–15.

Denn ge­ra­de dort ent­schei­det sich, ob Je­sus tat­säch­lich von ei­ner mensch­li­chen Ver­ge­bung spricht, die der gött­li­chen vor­aus­geht.

 

 

1.2 Mensch­li­che und gött­li­che Ver­ge­bung im Va­ter­un­ser

Zur in­ne­ren Struk­tur der Ver­ge­bungs­bit­te
 

Die Ver­ge­bungs­bit­te des Va­ter­un­sers ge­hört zu den be­kann­tes­ten Sät­zen des Chris­ten­tums. Mil­lio­nen Men­schen spre­chen sie bis heu­te im Got­tes­dienst oder im per­sön­li­chen Ge­bet.

In den evan­ge­li­schen Kir­chen lau­tet die Bit­te ge­wöhn­lich:
„Und ver­gib uns un­se­re Schuld, wie auch wir ver­ge­ben un­sern Schul­di­gern.“ 3: Die li­tur­gi­sche Form des Va­ter­un­sers im evan­ge­li­schen Got­tes­dienst

Ge­ra­de weil die­se Wor­te so ver­traut sind, wird leicht über­se­hen, wie un­ge­wöhn­lich ih­re Aus­sa­ge ei­gent­lich ist.

Denn im grie­chi­schen Text des Mat­thä­us­evan­ge­li­ums steht in den äl­tes­ten Hand­schrif­ten nicht: „wie auch wir ver­ge­ben, son­dern: „wie auch wir ver­ge­ben ha­ben.“ 4: Der Ao­rist in den äl­tes­ten Hand­schrif­ten zu Mt 6,12

Die Ver­ge­bungs­bit­te ver­bin­det die Bit­te um Got­tes Ver­ge­bung da­mit un­mit­tel­bar mit dem Ver­hal­ten des Men­schen ge­gen­über an­de­ren Men­schen:
„Ver­gib uns un­se­re Schuld, wie auch wir ver­ge­ben ha­ben un­se­ren Schul­di­gern (→ Mt 6,12).

Da­mit er­scheint die mensch­li­che Ver­ge­bung nicht als nach­träg­li­che Fol­ge der gött­li­chen, son­dern als ihr vor­aus­ge­hen­de Wirk­lich­keit.

Ge­nau an die­sem Punkt be­ginnt die Aus­le­gungs­ge­schich­te un­si­cher zu wer­den.

Denn die christ­li­che Tra­di­ti­on be­tont meist, dass al­lein Gott Sün­den ver­ge­ben kön­ne. 5: Ver­ge­bung als pri­mär gött­li­ches Han­deln in kirch­li­cher Tra­di­ti­on

Ver­ge­bung er­scheint da­durch vor al­lem als Be­we­gung von Gott zum Men­schen. Die Ver­ge­bungs­bit­te des Va­ter­un­sers for­mu­liert je­doch auf­fäl­lig an­ders:

Der Mensch tritt vor Gott nicht un­ab­hän­gig da­von, wie er an­de­ren Men­schen be­geg­net.

Der Un­ter­schied zwi­schen „wie wir ver­ge­ben und „wie wir ver­ge­ben ha­ben be­rührt die ent­schei­den­de Fra­ge, wie mensch­li­che und gött­li­che Ver­ge­bung zu­ei­nan­der ste­hen.

Die­se Span­nung ver­stärkt Mat­thä­us un­mit­tel­bar nach dem Va­ter­un­ser noch­mals aus­drück­lich:

[Je­sus spricht:]

Denn wenn ihr den Men­schen ih­re Ver­feh­lun­gen ver­gebt, dann wird eu­er himm­li­scher Va­ter auch euch ver­ge­ben.
Wenn ihr aber den Men­schen nicht ver­gebt, dann wird euch eu­er Va­ter eu­re Ver­feh­lun­gen nicht ver­ge­ben.


(Mt 6,14–15 | Text nach Zür­cher Bi­bel, 2019 | Lu­ther 1545: → Mt 6,14–15)

Die Aus­sa­ge ist be­mer­kens­wert klar. Je­sus spricht nicht da­von, dass mensch­li­che Ver­ge­bung emp­feh­lens­wert sei. Er be­schreibt sie auch nicht bloß als Aus­druck in­ne­rer Fröm­mig­keit oder mo­ra­li­scher Rei­fe. Viel­mehr ver­bin­det er die Be­zie­hung des Men­schen zu Gott un­mit­tel­bar mit dem Ver­hal­ten ge­gen­über an­de­ren Men­schen.

Da­durch er­hält die Ver­ge­bung ei­ne dop­pel­te Di­men­si­on:

Sie be­trifft die Hoff­nung auf Got­tes Ver­ge­bung und die kon­kre­te Wirk­lich­keit mensch­li­chen Zu­sam­men­le­bens.

Der Mensch kann sich nach die­sen Wor­ten Je­su nicht auf sei­ne Got­tes­be­zie­hung zu­rück­zie­hen und die Be­zie­hung zu an­de­ren Men­schen ver­wei­gern. Ge­ra­de da­rin liegt die be­son­de­re Schär­fe der mat­thä­i­schen Ver­ge­bungs­wor­te.

Die fol­gen­den Ab­schnit­te un­ter­su­chen des­halb zu­nächst die sprach­li­che Form der Ver­ge­bungs­bit­te, ih­re text­kri­ti­sche Über­lie­fe­rung und ih­re Kon­kre­ti­sie­rung in → Mt 6,14–15. Denn dort ent­schei­det sich, wie eng Je­sus mensch­li­che und gött­li­che Ver­ge­bung tat­säch­lich mit­ein­an­der ver­bin­det.

 

 

1.3 Der text­kri­ti­sche Be­fund zu Mt 6,12

Ver­ge­bung als Vor­aus­set­zung oder als Hal­tung?
 

Wer Mt 6,12 im grie­chi­schen Ori­gi­nal liest, stößt auf ei­ne text­kri­ti­sche Fra­ge, die die Über­lie­fe­rung des Va­ter­un­sers früh be­schäf­tigt hat und bis in mo­der­ne Bi­bel­über­set­zun­gen hi­nein­wirkt:

Steht dort: „wie auch wir ver­ge­ben“ oder: „wie auch wir ver­ge­ben ha­ben“?

Die heu­te im Got­tes­dienst meist ge­spro­che­ne Form ver­wen­det ein Prä­sens, gr.: ἀφίομεν (a­phí­o­men) be­zie­hungs­wei­se ἀφίεμεν (a­phí­e­men): „wie auch wir ver­ge­ben un­sern Schul­di­gern.“

Die äl­tes­ten Hand­schrif­ten des Mat­thä­us­evan­ge­li­ums über­lie­fern den Text da­ge­gen über­wie­gend in der Zeit­form Ao­rist, gr.: ἀφήκαμεν (a­phē­ka­men), „wie auch wir ver­ge­ben ha­ben. 4: Der Ao­rist in den äl­tes­ten Hand­schrif­ten zu Mt 6,12

Bei­de Les­ar­ten exis­tie­ren ne­ben­ei­nan­der, und zwar nicht, weil Ab­schrei­ber un­auf­merk­sam ge­we­sen wä­ren, son­dern weil Li­tur­gie und Theo­lo­gie un­ter­schied­li­che Wir­kun­gen ent­fal­ten.

Das Prä­sens klingt als Ge­bets­spra­che of­fe­ner und un­mit­tel­ba­rer. Es be­schreibt ei­ne fort­dau­ern­de Hal­tung: Der Mensch ver­gibt. Da­bei bleibt die Aus­sa­ge auf­fal­lend of­fen. Das Ver­ge­ben wird nicht nä­her qua­li­fi­ziert, auch sei­ne zeit­li­che Um­set­zung bleibt un­be­stimmt. Wann, wem und in wel­chem Um­fang Ver­ge­bung kon­kret zu­teil wird, ist in der Aus­sa­ge „wie wir ver­ge­ben“ nicht fest­ge­legt.

Der Ao­rist for­mu­liert prä­zi­ser. Er ver­weist auf ei­ne be­reits voll­zo­ge­ne Hand­lung: Der Mensch hat ver­ge­ben.

Da­durch ver­än­dert sich die in­ne­re Struk­tur der Bit­te.

Wer mit dem Prä­sens be­tet, spricht von ei­ner ge­gen­wär­ti­gen Hal­tung in der Pra­xis der Ver­ge­bung. Der Ne­ben­satz kann da­durch leicht wie ei­ne all­ge­mei­ne Selbst­be­schrei­bung wir­ken: Wir sind Ver­ge­ben­de.

Der Ao­rist ver­schiebt den Voll­zug. Der Mensch tritt vor Gott nicht mit blo­ßer Be­reit­schaft oder ei­ner all­ge­mei­nen in­ne­ren Hal­tung zur Ver­ge­bung, son­dern mit ei­ner be­reits ge­sche­he­nen Hand­lung: Wir ha­ben im Sin­ne Got­tes ge­han­delt und wirk­lich ver­ge­ben.

Ge­nau des­halb be­sitzt der Ao­rist in der Aus­le­gungs­ge­schich­te be­son­de­res Ge­wicht.

Ul­rich Luz weist da­rauf hin, dass → Mt 6,12 im Zu­sam­men­hang mit → Mt 5,23–24, → Mt 6,14–15 und → Mt 7,1 ge­ra­de be­din­gend ver­stan­den wer­den muss. 6: Die be­din­gen­de Struk­tur von Mt 6,12 bei U. Luz

Die mensch­li­che Ver­ge­bung er­scheint da­mit nicht als un­ver­bind­li­che Be­gleit­er­schei­nung der Got­tes­be­zie­hung, son­dern als vor­aus­ge­hen­de Wirk­lich­keit.

Der text­kri­ti­sche Be­fund bleibt da­bei nicht auf wis­sen­schaft­li­che Spe­zi­al­dis­kus­sio­nen be­schränkt. Er wirkt bis in mo­der­ne Bi­bel­über­set­zun­gen hi­nein.

Die Zür­cher Bi­bel, die Ba­sis­Bi­bel, die El­ber­fel­der Bi­bel, die Ein­heits­über­set­zung und die Gu­te Nach­richt Bi­bel ge­ben → Mt 6,12 sämt­lich mit ei­ner Ver­gan­gen­heits­form wie­der: „wie auch wir ver­ge­ben ha­ben“.

Die Lu­ther­bi­bel be­wahrt da­ge­gen die ver­trau­te Prä­sens­form: „wie auch wir ver­ge­ben un­sern Schul­di­gern.“

Da­bei ver­schweigt auch die Lu­ther­bi­bel den text­kri­ti­schen Be­fund nicht. Die Re­vi­si­on von 2017 ver­merkt im Ap­pa­rat aus­drück­lich: „Wört­lich: »Und er­lass uns un­se­re Schul­den, wie auch wir ver­ge­ben ha­ben un­sern Schul­di­gern.«“

Auch der EKD-Grund­la­gen­text Sün­de, Schuld und Ver­ge­bung aus Sicht evan­ge­li­scher An­thro­po­lo­gie weist da­rauf hin, dass Lu­ther im 16. Jahr­hun­dert noch mit ei­ner an­de­ren Text­grund­la­ge ar­bei­te­te und die Ver­gan­gen­heits­form „von den äl­tes­ten Hand­schrif­ten her als ur­sprüng­li­che Va­ri­an­te“ gilt. 7: Mo­der­ne Bi­bel­über­set­zun­gen und die Fra­ge des Ao­rists

Da­mit zeigt sich:

Die heu­te im Got­tes­dienst ver­trau­te Form des Va­ter­un­sers folgt nicht dem äl­tes­ten über­lie­fer­ten Text des Mat­thä­us­evan­ge­li­ums, son­dern ei­ner ge­wach­se­nen Tra­di­ti­on in der li­tur­gi­schen Ver­wen­dung.

Denn auch das Prä­sens bin­det die gött­li­che Ver­ge­bung wei­ter­hin an die mensch­li­che. Der Un­ter­schied liegt nicht im Grund­ge­dan­ken selbst, son­dern in sei­ner zeit­li­chen Struk­tur: voll­zo­ge­ne Hand­lung oder fort­dau­ern­de Hal­tung.

Ge­ra­de des­halb bleibt → Mt 6,14–15 ent­schei­dend.

Denn dort for­mu­liert Mat­thä­us die in­ne­re Lo­gik der Ver­ge­bungs­bit­te aus­drück­lich aus: „Wenn ihr den Men­schen ih­re Ver­feh­lun­gen ver­gebt, wird eu­er himm­li­scher Va­ter auch euch ver­ge­ben. Wenn ihr aber den Men­schen nicht ver­gebt, wird euch eu­er Va­ter auch nicht ver­ge­ben.“

Da­mit wird die Ver­bin­dung zwi­schen mensch­li­cher und gött­li­cher Ver­ge­bung nicht ab­ge­schwächt, son­dern aus­drück­lich un­ter­stri­chen.

 

Ex­kurs:
Die Über­lie­fe­rungs­ge­schich­te der Ver­ge­bungs­bit­ten

Von der ara­mä­i­schen Re­de Je­su zur evan­ge­li­schen Ge­bets­spra­che
 

Die Evan­ge­li­en über­lie­fern das Va­ter­un­ser in grie­chi­scher Spra­che. Aber Je­sus sprach ver­mut­lich Ara­mä­isch. Be­reits da­durch stellt sich die Fra­ge, wie sprach­li­che Nu­an­cen der ur­sprüng­li­chen Re­de Je­su in spä­te­ren Über­lie­fe­run­gen ver­stan­den und wie­der­ge­ge­ben wur­den.

 

Das Mat­thä­us­evan­ge­li­um ver­wen­det in Mt 6,12 in den äl­tes­ten text­kri­tisch be­deut­sa­men Hand­schrif­ten über­wie­gend die Ao­rist­form ἀφήκαμεν (a­phé­ka­men: „wir ha­ben ver­ge­ben“). Das Lu­kas­evan­ge­li­um ver­wen­det da­ge­gen ei­ne Prä­sens­form: ἀφίεμεν (a­phí­e­men: „wir ver­ge­ben“).

Auch die sy­risch-ara­mä­i­sche Über­lie­fe­rungs­li­nie be­wahrt an die­ser Stel­le kei­ne blo­ße all­ge­mei­ne Hal­tung der Ver­ge­bungs­be­reit­schaft. Die sy­risch-ara­mä­i­sche Pe­schit­ta, ei­ne seit der Spät­an­ti­ke ver­brei­te­te Bi­bel­über­set­zung und Kir­chen­bi­bel des sy­ri­schen Chris­ten­tums, ver­wen­det in Mt 6,12 eben­falls ei­ne Ver­gan­gen­heits­form: ܫܒ݂ܩܢ (šbaqn: „wir ha­ben ver­ge­ben“).

Da­rü­ber hin­aus er­set­zen sy­ri­sche Über­lie­fe­run­gen im Lu­kas­evan­ge­li­um die in Lk 11,4 ur­sprüng­lich vor­lie­gen­de Prä­sens­form durch die­sel­be Ver­gan­gen­heits­form, wie sie in Mt 6,12 ver­wen­det wird. 8: Die Ver­ge­bungs­bit­te in der sy­risch-ara­mä­i­schen Über­lie­fe­rung

Dies spricht für ei­ne Har­mo­ni­sie­rung die­ses li­tur­gisch be­son­ders be­deut­sa­men Ge­bets­tex­tes. Ver­gleich­ba­re An­glei­chun­gen fin­den sich auch in spä­te­ren grie­chi­schen und kirch­li­chen Über­lie­fe­rungs­tra­di­tio­nen, dort al­ler­dings häu­fig in um­ge­kehr­ter Rich­tung, in­dem Mt 6,12 an die Prä­sens­form von Lk 11,4 an­ge­gli­chen wird.

Früh­christ­li­che li­tur­gi­sche Tra­di­tio­nen füh­ren da­ge­gen zu­neh­mend ei­ne Prä­sens­form der Ver­ge­bungs­bit­te fort. Be­reits die Di­da­che, ei­ne frü­he Kir­chen­ord­nung aus dem spä­ten ers­ten oder frü­hen zwei­ten Jahr­hun­dert, über­lie­fert das Va­ter­un­ser in li­tur­gi­scher Ver­wen­dung mit ei­ner Prä­sens­form. Über die by­zan­ti­ni­sche Über­lie­fe­rung, den Tex­tus Re­cep­tus und die re­for­ma­to­ri­sche Bi­bel­tra­di­ti­on Mar­tin Lu­thers ge­lang­te die­se Fas­sung schließ­lich auch in den evan­ge­li­schen Got­tes­dienst­ge­brauch. 9: Die Prä­sens­form in früh­christ­li­cher Li­tur­gie und re­for­ma­to­ri­scher Tra­di­ti­on

Die mo­der­ne Text­kri­tik be­wer­tet da­ge­gen die äl­te­ren Hand­schrif­ten des Mat­thä­us­evan­ge­li­ums hö­her. Edi­tio­nen wie das No­vum Tes­ta­men­tum Grae­ce von Nest­le-Aland fol­gen des­halb über­wie­gend der Ao­rist­form. Zahl­rei­che neue­re Bi­bel­über­set­zun­gen ha­ben die­se Ent­schei­dung auf­ge­nom­men und über­set­zen Mt 6,12 ent­spre­chend mit ei­ner Ver­gan­gen­heits­form: „wie auch wir ver­ge­ben ha­ben.“ 7: Mo­der­ne Bi­bel­über­set­zun­gen und die Fra­ge des Ao­rists

 

Die Ver­ge­bungs­bit­te des Va­ter­un­sers steht da­mit im Zen­trum christ­li­cher Fröm­mig­keit und in­ner­halb ei­ner lan­gen Ge­schich­te sprach­li­cher, li­tur­gi­scher und theo­lo­gi­scher Über­lie­fe­rung. Ge­ra­de des­halb bleibt die Fra­ge be­deut­sam, wa­rum das Mat­thä­us­evan­ge­li­um die Ver­bin­dung zwi­schen mensch­li­cher und gött­li­cher Ver­ge­bung in Mt 6,12.14–15 so auf­fäl­lig eng for­mu­liert.

 

 

2. Die Bedingung göttlicher Vergebung

Von der jüdischen Tradition zur Radikalität der Worte Jesu
 

 

2.1 Die jü­di­sche Vor­ge­schich­te

Mensch­li­che und gött­li­che Ver­ge­bung im Ju­den­tum
 

Die Ver­knüp­fung von mensch­li­cher und gött­li­cher Ver­ge­bung ist kei­ne Er­fin­dung Je­su. Sie ist in der jü­di­schen Über­lie­fe­rung tief ver­wur­zelt, in der To­rah, in der Weis­heits­li­te­ra­tur und in der rab­bi­ni­schen Pra­xis. Je­sus greift ei­nen Ge­dan­ken auf, der im Ju­den­tum be­reits be­kannt war, ver­dich­tet ihn je­doch in ei­ner Wei­se, die weit über die bis­he­ri­gen Zu­sam­men­hän­ge hin­aus­führt.

Be­reits die To­rah ver­bin­det die Be­zie­hung des Men­schen zu Gott mit sei­nem Ver­hal­ten ge­gen­über dem Mit­men­schen. Lev 19,17–18 ver­bie­tet Hass, Ra­che und dau­er­haf­ten Groll ge­gen den Nächs­ten und stellt dem die Ver­pflich­tung zur Lie­be ent­ge­gen. Das ab­schlie­ßen­de Got­tes­wort „Ich bin der Herr“ macht deut­lich: Die Be­zie­hung zum Mit­men­schen be­sitzt un­mit­tel­ba­re Be­deu­tung für die Be­zie­hung zu Gott.

Be­son­ders deut­lich for­mu­liert die jü­di­sche Weis­heits­tra­di­ti­on die­sen Zu­sam­men­hang in Sir 28,2–5:

Ver­gib dei­nem Nächs­ten das Un­recht,
so wer­den auch dir dei­ne Sün­den ver­ge­ben,
wenn du da­rum be­test.
Ein Mensch hält ge­gen den an­dern am Zorn fest
und will beim Herrn Hei­lung su­chen?
Er ist un­barm­her­zig ge­gen sei­nes­glei­chen
und will für sei­ne ei­ge­nen Sün­den bit­ten?
Er ist nur Fleisch und hält am Zorn fest
wer will ihm dann sei­ne Sün­den ver­ge­ben?


(Sir 28,2–5 | Text nach Lu­ther­bi­bel 2017 | Lu­ther 1545: → Sir 28,2–5)

Die rhe­to­ri­schen Fra­gen die­ser Ver­se be­nen­nen den­sel­ben Grund­wi­der­spruch, den Je­sus spä­ter in Mt 6,14–15 zu­spitzt: Wer selbst nicht ver­gibt, kann gött­li­che Ver­ge­bung nicht er­war­ten. 10: Die Ver­knüp­fung mensch­li­cher und gött­li­cher Ver­ge­bung in Sir 28,2–5

Auch die rab­bi­ni­sche Tra­di­ti­on be­stä­tigt die­sen Zu­sam­men­hang. Die Misch­na er­klärt im Trak­tat Joma 8,9, dass der Ver­söh­nungs­tag Ver­ge­hen zwi­schen Mensch und Gott sühnt, Ver­ge­hen zwi­schen zwei Men­schen je­doch erst dann, wenn der ei­ne den an­de­ren ver­söhnt hat. 11: Die Ver­ge­bungs­lo­gik des Ver­söh­nungs­tags in Jo­ma 8,9

Je­sus steht da­mit in­ner­halb ei­ner be­ste­hen­den jü­di­schen Tra­di­ti­on. Der ent­schei­den­de Un­ter­schied liegt je­doch in der Form ih­rer Zu­spit­zung. Die jü­di­sche Tra­di­ti­on bin­det die Fra­ge der Ver­söh­nung an kon­kre­te li­tur­gi­sche und ge­mein­schaft­li­che Zu­sam­men­hän­ge. Je­sus über­nimmt die­sen theo­lo­gi­schen Grund­satz, ra­di­ka­li­siert ihn je­doch, in­dem er ihn aus dem jähr­li­chen Fest­ka­len­der löst und als täg­li­che Le­bens­hal­tung mit dem Ge­bet ver­bin­det.

Was im Ju­den­tum mit dem Ver­söh­nungs­tag ver­bun­den war, er­scheint im Va­ter­un­ser als blei­ben­de Vor­aus­set­zung je­der Bit­te um gött­li­che Ver­ge­bung.

 

 

2.2 Die Ra­di­ka­li­tät der Wor­te Je­su

Mt 6,14–15 als Aus­le­gung des Va­ter­un­sers
 

Der Text → Mt 6,14–15 ist kein nach­träg­li­cher An­hang zum Va­ter­un­ser. Die Ver­se ent­fal­ten die Ver­ge­bungs­bit­te und le­gen sie aus. Sie bil­den ihre schärfs­te Zu­spit­zung.

Mt 6
[Je­sus spricht:]

14Denn wenn ihr den Men­schen ih­re Ver­feh­lun­gen ver­gebt, dann wird eu­er himm­li­scher Va­ter auch euch ver­ge­ben.
15Wenn ihr aber den Men­schen nicht ver­gebt, dann wird euch eu­er Va­ter eu­re Ver­feh­lun­gen nicht ver­ge­ben.

(Mt 6,14–15 | Text nach Zür­cher Bi­bel, 2019 | Lu­ther 1545: → Mt 6,14–15)

Die gram­ma­ti­ka­li­sche Struk­tur bei­der Ver­se ist ein­deu­tig. Der Kon­di­tio­nal­satz nennt zu­erst die mensch­li­che Ver­ge­bung, der Haupt­satz folgt mit der gött­li­chen Ver­ge­bung. Der Mensch tritt Gott nicht le­dig­lich mit ei­ner in­ne­ren Be­reit­schaft ge­gen­über, son­dern mit ei­nem kon­kre­ten Ver­hal­ten ge­gen­über an­de­ren Men­schen. Die mensch­li­che Ver­ge­bung er­scheint nicht als Be­gleit­hand­lung gött­li­cher Ver­ge­bung, son­dern als ih­re Vor­aus­set­zung. 12: Die Kon­di­tio­nal­struk­tur von Mt 6,14–15

Be­son­ders V. 15 ver­schärft die­sen Zu­sam­men­hang noch­mals. Der ne­ga­ti­ve Spie­gel­vers nimmt dem Text na­he­zu je­de Mög­lich­keit der Ab­schwä­chung. Wer nicht ver­gibt, dem wird Ver­ge­bung ver­wei­gert. Nicht ei­ne man­geln­de geist­li­che Rei­fe steht im Zen­trum, son­dern die re­a­le Un­ter­bre­chung der Be­zie­hung zu Gott.

Ge­ra­de da­rin liegt die Ra­di­ka­li­tät der Wor­te Je­su. Die Ver­ge­bung wird nicht als ab­strak­te re­li­gi­ö­se Idee be­schrie­ben, son­dern an das kon­kre­te Ver­hal­ten des Men­schen ge­bun­den. Das Va­ter­un­ser wird da­durch zu weit mehr als ei­nem li­tur­gi­schen Ge­bet. Es ver­bin­det Ge­bet und Han­deln un­auf­lös­lich mit­ein­an­der.

Ei­ne Span­nung bleibt da­bei be­ste­hen und wird vom Mat­thä­us­evan­ge­li­um selbst nicht auf­ge­ho­ben. Im Gleich­nis vom Schalks­knecht in → Mt 18,23–35 geht Got­tes Ver­ge­bung dem mensch­li­chen Han­deln vor­aus. Doch ge­ra­de die emp­fan­ge­ne Ver­ge­bung ver­pflich­tet dort zur Wei­ter­ga­be an an­de­re. Ver­ge­bung er­scheint da­mit so­wohl als Ga­be wie auch als For­de­rung.

Zur Fal­le wird sie erst dort, wo der Mensch aus ei­ge­ner Ver­ge­bung ei­nen An­spruch ge­gen­über Gott ab­lei­tet. Ge­nau das tut Je­sus nicht. Sei­ne Wor­te zie­len viel­mehr auf den um­ge­kehr­ten Zu­sam­men­hang: Wer dem an­de­ren die Ver­ge­bung ver­wei­gert, ver­schließt sich selbst der Ver­ge­bung, um die er bit­tet.

 

 

3. Vergebung zwischen Gabe und Forderung

Die innere Logik des Matthäusevangeliums
 

 

3.1 Schöp­fungs­gü­te und Be­zie­hungs­ver­ant­wor­tung

Schöp­fung und Ver­söh­nung als un­ter­schied­li­che Ebe­nen
 

Die Här­te von Mt 6,14–15 darf nicht iso­liert be­trach­tet wer­den. Das Mat­thä­us­evan­ge­li­um kennt durch­aus auch Aus­sa­gen über die vor­aus­ge­hen­de und un­ter­schieds­lo­se Gü­te Got­tes ge­gen­über der Welt.

 
Son­ne und Re­gen über Ge­rech­te und Un­ge­rech­te

Be­son­ders deut­lich wird dies in Mt 5,45 in­ner­halb der Fein­des­lie­be­sprü­che:

[Je­sus spricht:]

Denn er lässt sei­ne Son­ne auf­ge­hen über Bö­se und Gu­te und lässt reg­nen über Ge­rech­te und Un­ge­rech­te.

(Mt 5,45 | Text nach Lu­ther­bi­bel 2017 | Lu­ther 1545: → Mt 5,45)

Das Son­nen- und Re­gen­bild be­schreibt da­bei zu­nächst ein schöp­fungs­theo­lo­gi­sches Fak­tum. Gott er­hält die Welt und das Le­ben des Men­schen un­ab­hän­gig von mo­ra­li­scher Qua­li­tät oder re­li­gi­ö­ser Zu­ge­hö­rig­keit. Son­ne und Re­gen wer­den nicht als Be­loh­nung ver­teilt. Der Mör­der steht eben­so un­ter der Son­ne wie sein Op­fer. Das Bild hebt den Un­ter­schied zwi­schen Gut und Bö­se des­halb nicht auf und er­klärt de­struk­ti­ves Han­deln kei­nes­wegs für be­lang­los, mo­ra­lisch neu­tral oder to­le­rier­bar.

Ge­ra­de da­rin liegt die Poin­te des Ver­gleichs. Die vor­aus­set­zungs­lo­se Gü­te Got­tes ge­gen­über sei­ner Schöp­fung be­grün­det die Ver­pflich­tung des Men­schen, auch dem Feind sei­ne mensch­li­che Wür­de nicht ab­zu­spre­chen. Fein­des­lie­be be­deu­tet des­halb nicht emo­tio­na­le Zu­stim­mung zum Bö­sen, kei­ne ideo­lo­gi­sche Gleich­gül­tig­keit und kei­ne mo­ra­li­sche Auf­he­bung der Un­ter­schei­dung zwi­schen Tä­ter und Op­fer. Sie meint viel­mehr den Ver­zicht auf Ent­mensch­li­chung und Ver­gel­tung. Der Feind bleibt Ge­schöpf Got­tes. 13: Die Fein­des­lie­be als Aus­druck schöp­fungs­mä­ßi­ger Gü­te Got­tes

Das Mat­thä­us­evan­ge­li­um selbst zeigt die­se Hal­tung mehr­fach ge­gen­über Men­schen au­ßer­halb der ei­ge­nen re­li­gi­ö­sen Ge­mein­schaft. Je­sus be­geg­net dem rö­mi­schen Haupt­mann von Ka­per­na­um (→ Mt 8,5–13) eben­so wie der ka­na­a­nä­i­schen Frau (→ Mt 15,21–28) nicht mit Ent­mensch­li­chung oder pau­scha­ler Ver­wer­fung. Die Un­ter­schie­de blei­ben be­ste­hen, den­noch wird den Men­schen ih­re Wür­de nicht ab­ge­spro­chen.

 
Schöp­fungs­gü­te und Ver­ge­bung

Da­mit be­schreibt → Mt 5,45 ei­ne an­de­re Ebe­ne als → Mt 6,14–15. Die schöp­fungs­mä­ßi­ge Er­hal­tung des Men­schen ge­schieht vor­aus­set­zungs­los. Die Wie­der­her­stel­lung zer­stör­ter Be­zie­hung da­ge­gen nicht. Ver­ge­bung ist kein na­tür­li­cher Au­to­ma­tis­mus der Schöp­fung. Sie be­trifft ei­ne zer­bro­che­ne Be­zie­hung zwi­schen Men­schen und da­mit die Be­zie­hung des Men­schen zu Gott.

Des­halb kann das Mat­thä­us­evan­ge­li­um zu­gleich von der all­ge­mei­nen Gü­te Got­tes spre­chen und den­noch kon­kre­te Vor­aus­set­zun­gen für Ver­ge­bung und Ver­söh­nung for­mu­lie­ren. Got­tes vor­aus­ge­hen­de Gü­te hebt die Ver­ant­wor­tung des Men­schen nicht auf. Sie be­grün­det sie.

Auch an­de­re Tex­te des Mat­thä­us­evan­ge­li­ums fol­gen die­ser in­ne­ren Lo­gik.

 
Bei­spiel: Das Gleich­nis vom rei­chen Jüng­ling

Die Be­geg­nung Je­su mit dem rei­chen Jüng­ling (→ Mt 19,16–22) zeigt, dass die vor­aus­ge­hen­de und be­din­gungs­lo­se Zu­wen­dung Je­su im Mat­thä­us­evan­ge­li­um kei­ne vor­aus­set­zungs­lo­se Zu­ge­hö­rig­keit in der Nach­fol­ge be­grün­det. Der Mann sucht Je­sus ernst­haft auf und er­hält den­noch kei­ne Ab­schwä­chung der For­de­rung Je­su. Als er sich ihr ent­zieht und die er­klär­te Vor­aus­set­zung nicht er­fül­len will, lässt Je­sus ihn ge­hen. 14: Der rei­che Jüng­ling und die Be­din­gun­gen der Nach­fol­ge

 
Fa­zit: Gü­te hebt nicht Ent­schei­dung und Ver­ant­wor­tung auf

Das Mat­thä­us­evan­ge­li­um zeigt durch­ge­hend: Got­tes Gü­te geht dem Men­schen vor­aus. Sie hebt je­doch we­der Ver­ant­wor­tung noch Ent­schei­dung auf. Der Mensch bleibt auf­ge­for­dert, auf Got­tes For­de­run­gen kon­kret zu ant­wor­ten, im Den­ken, Re­den und Han­deln.

 

 

3.2 Die Ga­be Got­tes und die Fra­ge der Leis­tung

Das Gleich­nis von den Ar­bei­tern im Wein­berg
 

Das Mat­thä­us­evan­ge­li­um ver­bin­det die Be­zie­hung zu Gott mit kon­kre­ter Ver­ant­wor­tung des Men­schen. Da­raus folgt je­doch nicht, dass Got­tes Gna­de pro­por­tio­nal zur re­li­gi­ö­sen Leis­tung des Men­schen wächst. Ge­ra­de die­se Vor­stel­lung weist das Gleich­nis von den Ar­bei­tern im Wein­berg in → Mt 20,1–16 zu­rück.

Der Wein­berg­herr ruft Ar­bei­ter zu un­ter­schied­li­chen Ta­ges­zei­ten in sei­nen Dienst. Al­le Ar­bei­ter fol­gen dem Ruf des Wein­berg­herrn. Ei­ni­ge ar­bei­ten den gan­zen Tag, an­de­re nur we­ni­ge Stun­den, die letz­ten kaum noch ei­ne Stun­de, weil sie erst spä­ter in den Wein­berg ein­ge­tre­ten sind. Die zu­erst be­ru­fe­nen Ar­bei­ter ha­ben mehr ge­leis­tet, län­ger ge­ar­bei­tet, und er­war­ten des­halb ei­nen hö­he­ren Lohn. Doch ge­nau die­se Denk­wei­se weist der Herr des Wein­bergs zu­rück. Am En­de er­hal­ten al­le den­sel­ben Lohn.

Im Gleich­nis be­deu­tet der Wein­berg das Reich Got­tes, der Herr des Wein­bergs ist Gott. Sei­ne Ent­schei­dung, al­le am En­de gleich zu ent­loh­nen, be­grün­det er mit Gü­te, und er ver­bit­tet sich, dass in die­se Gü­te hin­ein­ge­re­det wird.

Auf den ers­ten Blick scheint das Gleich­nis je­de Form mensch­li­cher Vor­aus­set­zung zur Teil­ha­be am Reich Got­tes auf­zu­he­ben. Tat­säch­lich wird nicht die ver­bind­li­che Ant­wort des Men­schen auf den Ruf in den Wein­berg als Vor­aus­set­zung zur Teil­ha­be am Reich Got­tes auf­ge­ho­ben. Das Gleich­nis rich­tet sich al­lein ge­gen die Vor­stel­lung leis­tungs­be­zo­ge­ner Ent­loh­nung und Wert­schät­zung durch Gott und ge­gen das Ver­ken­nen sei­ner Gü­te.

Da­mit wi­der­spricht das Gleich­nis al­len Vor­stel­lun­gen und Hand­lungs­vor­schrif­ten ab­ge­stuf­ter re­li­gi­ö­ser Leis­tungs­er­brin­gung, wie sie sich spä­ter in For­men von As­ke­se, Buß­übun­gen oder geist­li­cher Selbst­op­ti­mie­rung im­mer wie­der zei­gen und prak­ti­ziert wur­den. Ein Mensch kann kei­nen hö­he­ren An­teil an Got­tes Gna­de er­wer­ben, in­dem er mehr re­li­gi­ö­se Leis­tung er­bringt als an­de­re.

Die Be­zie­hung des Men­schen zu Gott ist im Mat­thä­us­evan­ge­li­um nicht vor­aus­set­zungs­los, nicht fol­gen­los und kann nicht in­halts­leer blei­ben. Gott for­dert zur Teil­ha­be auf, aber er er­war­tet ei­ne ver­bind­li­che Ant­wort vom Men­schen, der da­nach völ­lig frei von Leis­tungs­be­mes­sung von Got­tes Gü­te ge­tra­gen wird.

 

 

3.3 Ver­söh­nung vor Got­tes­be­geg­nung

Der Vor­rang der Ver­söh­nung in Mt 5,23–24
 

Die en­ge Ver­bin­dung zwi­schen mensch­li­cher und gött­li­cher Be­zie­hung zeigt sich im Mat­thä­us­evan­ge­li­um nicht erst im Va­ter­un­ser. Be­reits da­vor for­mu­liert Je­sus den­sel­ben Grund­ge­dan­ken mit un­ge­wöhn­li­cher Schär­fe. In → Mt 5,23–24 heißt es:

[Je­sus spricht:]

Wenn du dei­ne Ga­be auf dem Al­tar op­ferst und dir dort ein­fällt, dass dein Bru­der et­was ge­gen dich hat, dann lass dei­ne Ga­be dort vor dem Al­tar lie­gen und geh, ver­söh­ne dich zu­erst mit dei­nem Bru­der; dann komm und bring dei­ne Ga­be dar.

(Mt 5,23–24 | Text nach Zür­cher Bi­bel 2019)

Be­mer­kens­wert ist be­reits die Rei­hen­fol­ge. Je­sus for­dert we­gen der un­ver­söhn­ten Zwie­tracht nicht, den Op­fer­kult be­son­ders ge­wis­sen­haft zu voll­zie­hen, da­mit da­durch der Grund der Zwie­tracht von Gott ver­ge­ben und die zwi­schen­mensch­li­che Be­zie­hung vor Gott als ge­ord­net an­ge­se­hen wer­den kön­ne. Viel­mehr wird die Got­tes­be­zie­hung selbst un­ter­bro­chen, so­lan­ge die ge­stör­te Be­zie­hung zum Mit­men­schen be­ste­hen bleibt.

Die Ver­söh­nung mit dem Bru­der er­scheint da­durch nicht als spä­te­re ethi­sche Fol­ge des Glau­bens, son­dern als Vor­aus­set­zung da­für, über­haupt vor Gott tre­ten zu kön­nen. Der Weg zum Al­tar wird un­ter­bro­chen. Der Mensch soll den hei­li­gen Ort ver­las­sen, die un­ge­klär­te Be­zie­hung auf­su­chen und erst da­nach zu­rück­keh­ren.

Da­mit er­hält die zwi­schen­mensch­li­che Ebe­ne im Mat­thä­us­evan­ge­li­um ein au­ßer­or­dent­li­ches Ge­wicht. Die Be­zie­hung zu Gott kann nicht von der Be­zie­hung zum Mit­men­schen ge­trennt wer­den. Wer die Ver­söh­nung ver­wei­gert, be­schä­digt nicht nur ei­ne so­zia­le Be­zie­hung, son­dern sei­ne Got­tes­be­zie­hung.

Zu­gleich bleibt der Ge­dan­ke auch hier streng re­la­tio­nal. Je­sus for­dert kei­ne all­ge­mei­ne re­li­gi­ö­se In­ner­lich­keit und kei­ne ab­strak­te mo­ra­li­sche Voll­kom­men­heit. Ent­schei­dend ist die kon­kre­te Be­zie­hung zwi­schen Men­schen. Nicht ein feh­ler­frei­er Mensch soll vor Gott tre­ten, son­dern ein Mensch, der die not­wen­di­ge Ver­söh­nung nicht ver­wei­gert.

Da­mit steht → Mt 5,23–24 in un­mit­tel­ba­rer Nä­he zu → Mt 6,14–15. In bei­den Fäl­len wird Got­tes­be­zie­hung nicht un­ab­hän­gig vom Han­deln des Men­schen ge­dacht. Die Ver­ge­bung Got­tes er­scheint nicht los­ge­löst von re­a­ler Ver­söh­nung, son­dern bleibt an das kon­kre­te Ver­hal­ten des Men­schen ge­gen­über sei­nem Mit­men­schen ge­bun­den.

 

 

3.4 Ver­ge­bungs­voll­macht und mensch­li­che Ver­ant­wor­tung

Die Voll­macht des Men­schen in Mt 9,2–8
 

 

3.4.1 Das The­ma der Er­zäh­lung

 

Die Er­zäh­lung in Mat­thä­us 9,1–8 wird häu­fig als Wun­der­ge­schich­te ge­le­sen. In vie­len Bi­bel­über­set­zun­gen trägt sie die Über­schrift „Die Hei­lung ei­nes Ge­lähm­ten“. 15: Der Ti­tel der Pe­ri­ko­pe Mt 9,1–8

Das Mo­tiv der Er­zäh­lung ist je­doch nicht in der Hei­lung des Ge­lähm­ten zu su­chen, son­dern in der Fra­ge nach der Voll­macht für die Ver­ge­bung der Sün­den. Er­zählt wird ein theo­lo­gi­scher Kon­flikt, der ge­ra­de kein Ne­ben­as­pekt ist. Die Ant­wort Je­su auf ein theo­lo­gi­sches Lehr­ver­ständ­nis, das sich in den Ge­dan­ken der Schrift­ge­lehr­ten wi­der­spie­gelt, ist das The­ma der Er­zäh­lung.

Die Ge­schich­te setzt da­her un­mit­tel­bar oh­ne vor­aus­ge­hen­de Er­klä­run­gen mit ei­ner Sün­den­ver­ge­bung ein:

[Je­sus spricht:]

Sei ge­trost, Kind, dir sind die Sün­den ver­ge­ben.

(Mt 9,2 | Text nach Zür­cher Bi­bel 2019)

Das ist ei­ne di­rek­te Pro­vo­ka­ti­on. Je­sus greift da­mit in ei­nen Be­reich ein, den die zeit­ge­nös­si­sche Theo­lo­gie als aus­schließ­li­ches Ho­heits­ge­biet Got­tes be­trach­te­te. Sün­den­ver­ge­bung galt als Got­tes Vor­recht und war mit den Ord­nun­gen von Tem­pel, Op­fer und Kult ver­bun­den. Wer ei­nem Men­schen Ver­ge­bung zu­sprach, oh­ne die­sen Weg zu ge­hen, griff die Ord­nung an, auf der das ge­sam­te re­li­gi­ö­se Sys­tem ruh­te.

Mat­thä­us be­ginnt die Er­zäh­lung nicht zu­fäl­lig mit die­sem Schritt. Er lädt die Span­nung von An­fang an auf die ent­schei­den­de Fra­ge: Wem steht das Recht zur Ver­ge­bung zu?

 

 

3.4.2 Der Vor­wurf und sei­ne Trag­wei­te

 

Die Re­ak­ti­on der Schrift­ge­lehr­ten folgt un­mit­tel­bar. In ih­ren Ge­dan­ken ent­wi­ckelt sich über die Tat Je­su ein har­tes Ur­teil:

Aber ei­ni­ge der Schrift­ge­lehr­ten dach­ten: »Das ist Got­tes­läs­te­rung!«

(Mt 9,3 | Text nach Ba­sis­Bi­bel 2021)

Der Vor­wurf scheint kon­se­quent zu sein. Ob­wohl im Sin­ne der Tho­ra kei­ne voll­zo­ge­ne Got­tes­läs­te­rung vor­liegt, da­zu müss­te nach 3. Mose 24,16 der Na­me Got­tes aus­ge­spro­chen sein, re­agie­ren die Schrift­ge­lehr­ten aus ih­rer theo­lo­gi­schen Lo­gik. Ih­re Leh­re lässt kei­ne an­de­re Ant­wort zu. 16: Der Vor­wurf der Got­tes­läs­te­rung

Der Vor­wurf der Got­tes­läs­te­rung er­schließt sich deut­lich aus den syn­op­ti­schen Par­al­lel­be­rich­ten. Nach Mk 2,7 und Lk 5,21 lau­tet der Ein­wand der Schrift­ge­lehr­ten, der dort auch aus­ge­spro­chen wird: „Wer kann Sün­den ver­ge­ben als Gott al­lein?“ Der Kon­flikt ent­zün­det sich so­mit nicht an der Hei­lung des Ge­lähm­ten, son­dern an der Fra­ge, wem die Voll­macht zur Sün­den­ver­ge­bung zu­kommt.

Wer nach Auf­fas­sung der Schrift­ge­lehr­ten Ver­ge­bungs­voll­macht be­an­sprucht, die al­lein Gott zu­steht, setzt sich an die Stel­le Got­tes und läs­tert da­mit Gott im Tun, wenn auch nicht im Aus­spre­chen sei­nes Na­mens. Den­noch: Weil der Miss­brauch des Na­mens Got­tes fehlt, bleibt die An­kla­ge in der Er­zäh­lung bei Mat­thä­us zu­nächst un­aus­ge­spro­chen.

Die Trag­wei­te die­ses Vor­wurfs ist für den heu­ti­gen Le­ser kaum noch un­mit­tel­bar greif­bar. Got­tes­läs­te­rung ist nach der To­ra ein Ka­pi­tal­ver­bre­chen. Die vor­ge­schrie­be­ne Stra­fe ist der Tod durch Stei­ni­gung (3. Mose 24,16).

Ul­rich Luz macht da­rauf auf­merk­sam, dass das stren­ge rab­bi­ni­sche Blas­phe­mie­recht die förm­li­che Aus­spra­che des Got­tes­na­mens vor­aus­setz­te, die Je­sus nicht voll­zog. Die Schrift­ge­lehr­ten re­agie­ren al­so in den Au­gen von Mat­thä­us’ Le­se­rin­nen und Le­sern bös­wil­lig un­ter­stel­lend: Ihr Vor­wurf hält nicht ein­mal dem ei­ge­nen Recht stand. 16: Der Vor­wurf der Got­tes­läs­te­rung

Je­sus weiß das. Ge­nau die­se Theo­lo­gie stellt er nun in Fra­ge. Er pro­vo­ziert da­für die Kon­fron­ta­ti­on mit dem ers­ten Satz, den er dem Ge­lähm­ten sagt. Er be­ginnt eben nicht un­mit­tel­bar mit der Hei­lung des Ge­lähm­ten.

Je­sus nimmt die pre­kä­re Si­tua­ti­on des Ge­lähm­ten auf und wen­det die theo­lo­gi­sche Prä­mis­se der Schrift­ge­lehr­ten als Ar­gu­ment ge­gen sie.

 

 

3.4.3 Die theo­lo­gi­sche Fal­le

 

Im re­li­gi­ö­sen Den­ken der Zeit stan­den Sün­de und Krank­heit in ei­nem kau­sa­len Zu­sam­men­hang. Wer krank war, stand un­ter dem Ver­dacht ge­stör­ter Got­tes­be­zie­hung; Hei­lung setz­te die Wie­der­her­stel­lung die­ser Be­zie­hung vor­aus. 17: Sün­de und Krank­heit im zeit­ge­nös­si­schen Den­ken

Die­se Lo­gik war kein Rand­mo­tiv. Sie präg­te die ge­sam­te Deu­tung von Leid, Aus­gren­zung und Hei­lung.

[Je­sus fragt:]

Was ist denn ein­fa­cher? Zu sa­gen: ›Dei­ne Sün­den sind dir ver­ge­ben!‹, oder: ›Steh auf und geh um­her?‹

(Mt 9,5 | Text nach Ba­sis­Bi­bel 2021)

Ul­rich Luz be­merkt da­zu: Es ist leich­ter, Sün­den zu ver­ge­ben, „denn nur für die­ses Sa­gen muß man den Tat­be­weis an­tre­ten.“ Nicht für die Fol­gen. 18: Das ge­spro­che­ne Wort und der sicht­ba­re Be­weis

Die Fra­ge Je­su ist ei­ne Fal­le, kon­stru­iert aus dem Lehr­ge­bäu­de der Geg­ner selbst. Die Hei­lung, die gleich fol­gen wird, kön­nen die Schrift­ge­lehr­ten nicht leug­nen. Und wenn Sün­de nach ih­rer Leh­re Krank­heit ver­ur­sacht, dann be­weist die Hei­lung zwin­gend, dass die Ver­ge­bung zu­vor ge­wirkt ha­ben muss. Je­sus über­lässt ih­nen die Wahl des Ar­gu­ments und ge­winnt auf ih­rem ei­ge­nen Ter­rain.

Der Ge­lähm­te er­füllt in die­ser Er­zäh­lung ei­ne prä­zi­se er­zäh­le­ri­sche Funk­ti­on. Er ist nicht das The­ma, son­dern der Be­weis. Sei­ne Hei­lung muss in den Au­gen der Schrift­ge­lehr­ten der sicht­ba­re Be­leg für das un­sicht­bar Voll­zo­ge­ne sein: Dort, wo Ver­ge­bung wirk­te, wur­de der Mensch auf­ge­rich­tet.

 

 

3.4.4 Voll­macht statt Kau­sa­li­tät

 

Doch die Sicht Je­su dar­auf sieht an­ders aus. Er ver­mischt Hei­lung von Krank­heit nicht mit der Ver­ge­bung der Sün­den. Es be­steht kei­ner­lei Kau­sa­li­tät zwi­schen bei­den. Die Ver­bin­dung er­gibt sich al­lein da­raus, dass so­wohl die Ver­ge­bung der Sün­den als auch die Hei­lung auf Voll­macht be­ru­hen. Die Hei­lung wird von Je­sus nicht als Fol­ge der Ver­ge­bung, son­dern al­lein als Nach­weis sei­ner Voll­macht ein­ge­führt („da­mit ihr wisst ...“), un­ab­hän­gig von der Sün­den­ver­ge­bung.

[Je­sus spricht:]

Aber ihr sollt se­hen, dass der Men­schen­sohn von Gott Voll­macht be­kom­men hat. So kann er hier auf der Er­de den Men­schen ih­re Sün­den ver­ge­ben.

(Mt 9,6 | Text nach Ba­sis­Bi­bel 2021)

Da­mit ist die­ses The­ma ab­ge­schlos­sen. Was nun folgt, ist die De­mon­stra­ti­on da­für, dass Je­sus ge­ne­rell Voll­macht von Gott be­kom­men hat: Er heilt, wo­bei die Hei­lung nicht auf­grund der vor­her­ge­hen­den Sün­den­ver­ge­bung er­folg­reich ist, son­dern nur auf­grund der Voll­macht, Men­schen hei­len zu kön­nen.

Fest­zu­hal­ten ist: Der Text be­legt nicht, dass zwi­schen Sün­de und Krank­heit und zwi­schen Sün­den­ver­ge­bung und Hei­lung kau­sa­le Zu­sam­men­hän­ge be­stün­den. Voll­macht zur Sün­den­ver­ge­bung wird von Gott er­teilt, sie ist nicht ex­klu­siv Gott vor­be­hal­ten. Ver­ge­bung ge­schieht nicht im Tem­pel, nicht durch Op­fer­ri­tus, nicht durch pries­ter­li­che Ver­mitt­lung. Sie ge­schieht auf Er­den, un­mit­tel­bar am Men­schen. 19: Ver­ge­bung auf Er­den

Da­mit ist die kul­ti­sche Ver­wal­tungs­lo­gik nicht nur über­gan­gen, son­dern struk­tu­rell au­ßer Kraft ge­setzt.

 

 

3.4.5 Die Poin­te des Schluss­sat­zes

 

Die Er­zäh­lung fin­det kon­se­quen­ter­wei­se ih­ren ei­gent­li­chen Schluss nicht in der Hei­lung, son­dern in der Re­ak­ti­on der Men­ge:

Da stand der Mann auf und ging nach Hau­se.
Die Volks­men­ge sah es und er­schrak.
Al­le lob­ten Gott,
dass er den Men­schen sol­che Voll­macht ge­ge­ben hat.


(Mt 9,7–8 | Text nach Ba­sis­Bi­bel 2021)

20: „… der den Men­schen sol­che Voll­macht ge­ge­ben hat“

Der Schluss­satz ord­net die Voll­macht zur Sün­den­ver­ge­bung nun ab­schlie­ßend in das re­li­gi­ö­se Ge­sche­hen ein. Der Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis ist die For­mu­lie­rung „... dass er den Men­schen ...“. Das grie­chi­sche τοῖς ἀνθρώποις (tois an­thrō­pois; „den Men­schen“) steht im Plu­ral. Ul­rich Luz stellt da­zu fest: „Hier ist nicht von Je­sus als ‚ei­nem un­ter den Men­schen‘ die Re­de, son­dern es geht um die Voll­macht der Ge­mein­de zur Sün­den­ver­ge­bung.“ 21: Die ge­meind­li­che Deu­tung bei Ul­rich Luz

Die Men­ge preist Gott al­so nicht da­für, dass er Je­sus ei­ne ein­zig­ar­ti­ge, un­wie­der­hol­ba­re Voll­macht ge­ge­ben hat. Sie preist Gott da­für, dass er den Men­schen die­se Voll­macht ge­ge­ben hat. Und Mat­thä­us stimmt in die­ses Lob durch sei­ne Er­zäh­lung un­ein­ge­schränkt ein.

Da­rin liegt die ei­gent­li­che Spreng­kraft des Ver­ses. Und da­rin liegt die gro­ße Be­deu­tung der Pe­ri­ko­pe, die statt „Die Hei­lung ei­nes Ge­lähm­ten“ ge­nau­er „Die Voll­macht der Men­schen zur Ver­ge­bung der Sün­den“ ti­tu­liert sein müss­te.

Je­sus zer­stört nicht nur den ex­klu­si­ven Ver­ge­bungs­an­spruch der Schrift­ge­lehr­ten. Er über­führt zu­gleich die ge­sam­te Lo­gik ei­ner kul­ti­schen Ver­wal­tung von Ver­ge­bung durch sa­kra­le In­stan­zen, und er tut es, in­dem er ihr ei­ge­nes theo­lo­gi­sches Fun­da­ment, die Kau­sal­ver­bin­dung von Sün­de und Krank­heit, als Be­weis­mit­tel ge­gen sie ein­setzt. Am En­de steht nicht die Bot­schaft: Nur Je­sus kann ver­ge­ben. Am En­de steht: Gott hat den Men­schen Voll­macht zur Ver­ge­bung ge­ge­ben.

Ul­rich Luz hält da­zu fest, dass die Gna­de den Men­schen „nicht ein­fach pas­siv macht, son­dern ihn durch sein ei­ge­nes Ver­ge­ben für an­de­re Men­schen zum Aus­druck der ver­ge­ben­den Macht des Men­schen­sohns wer­den lässt.“ Und an an­de­rer Stel­le: „Got­tes Ver­ge­bung ge­schieht nicht los­ge­löst von mensch­li­chem Ver­ge­ben.“ 22: Mensch­li­ches Ver­ge­ben als Aus­druck gött­li­cher Ver­ge­bung

 

 

3.4.6 Ein un­er­le­dig­ter Ein­spruch

 

Der Vers Mt 9,8 be­nennt da­mit auch, ge­gen wen sich die Er­zäh­lung rich­tet: ge­gen die Auf­fas­sung, Ver­ge­bung sei dem Men­schen grund­sätz­lich ent­zo­gen und müs­se durch sa­kra­le In­stan­zen ver­wal­tet wer­den. Die­se Auf­fas­sung wird in der Er­zäh­lung nicht als gleich­be­rech­tig­te theo­lo­gi­sche Po­si­ti­on be­han­delt. Sie wird als falsch er­wie­sen, auf dem ei­ge­nen Ter­rain ih­rer Ver­tre­ter, mit ih­ren ei­ge­nen Mit­teln.

Dass die­sel­be Po­si­ti­on, wo­nach al­lein Gott be­zie­hungs­wei­se al­lein Chris­tus Sün­den ver­ge­ben kön­ne, bis heu­te in christ­li­chen, auch in evan­ge­li­schen Krei­sen ver­brei­tet ist, re­du­ziert die Er­zäh­lung nicht auf die Stu­fe ei­nes his­to­ri­schen Do­ku­ments. Sie macht sie zu ei­nem un­er­le­dig­ten Ein­spruch theo­lo­gi­scher Deu­tung.

Die Voll­macht zur Ver­ge­bung ist nach Mt 9,8 kei­ne Aus­nah­me, die Je­sus sich vor­be­hält. Sie ist ei­ne Voll­macht, die Gott den Men­schen über­tra­gen hat und die der Mensch im Raum sei­ner Be­zie­hun­gen wahr­zu­neh­men hat, ob er will oder nicht.

 

 

3.5 Bin­dung, Lö­sung und Ge­mein­schaft

Die Ver­ant­wor­tung der Ge­mein­de in Mt 18,15–18
 

Die Fra­ge nach Schuld, Ver­ge­bung und Ver­söh­nung bleibt im Mat­thä­us­evan­ge­li­um nicht auf das Ver­hält­nis zwi­schen Gott und dem ein­zel­nen Men­schen be­schränkt. In Mt 18,15–18 er­wei­tert Je­sus den Blick auf die Ver­ant­wor­tung der Ge­mein­schaft.

Aus­gangs­punkt ist da­bei kein kul­ti­scher Vor­gang, son­dern ein kon­kre­ter Kon­flikt zwi­schen Men­schen:

[Je­sus spricht:]

Wenn aber dein Bru­der an dir schul­dig wird, dann geh und wei­se ihn un­ter vier Au­gen zu­recht.

(Mt 18,15a | Text nach Zür­cher Bi­bel 2019)

23: Schuld als zwi­schen­mensch­li­cher Kon­flikt

Die Be­we­gung be­ginnt be­mer­kens­wer­ter­wei­se nicht mit öf­fent­li­cher Ver­ur­tei­lung und auch nicht mit ei­ner re­li­gi­ö­sen In­stanz, son­dern mit der per­sön­li­chen Be­geg­nung. Der ver­letz­te Mensch soll den an­de­ren auf­su­chen und ver­su­chen, die ge­stör­te Be­zie­hung un­mit­tel­bar an­zu­spre­chen.

Erst wenn die­se Klä­rung schei­tert, wird der Kreis er­wei­tert. Wei­te­re Men­schen wer­den hin­zu­ge­zo­gen, schließ­lich die Ge­mein­de selbst. Die Er­zäh­lung ent­wi­ckelt da­mit kei­ne ab­strak­te Theo­rie kirch­li­cher Ord­nung, son­dern be­schreibt ei­nen Weg kon­kre­ter Wie­der­her­stel­lung von Ge­mein­schaft.

Ziel bleibt da­bei nicht der Aus­schluss des Schul­di­gen, son­dern die Rück­ge­win­nung des Men­schen und die Wie­der­her­stel­lung der Be­zie­hung. Je­sus sagt aus­drück­lich:

[Je­sus spricht:]

Hört er auf dich, so hast du dei­nen Bru­der ge­won­nen.

(Mt 18,15b | Text nach Zür­cher Bi­bel 2019)

24: „… so hast du dei­nen Bru­der ge­won­nen“

Die Ge­mein­de er­scheint da­durch nicht pri­mär als ver­wal­ten­de In­sti­tu­tion, son­dern als Raum ge­mein­sa­mer Ver­ant­wor­tung. Schuld be­trifft nicht nur Gott und den ein­zel­nen Men­schen. Sie be­rührt die Wirk­lich­keit mensch­li­cher Ge­mein­schaft.

Vor die­sem Hin­ter­grund er­hal­ten auch die fol­gen­den Wor­te Je­su be­son­de­res Ge­wicht:

[Je­sus spricht:]

Amen, ich sa­ge euch: Was im­mer ihr auf Er­den bin­det, wird auch im Him­mel ge­bun­den sein, und was im­mer ihr auf Er­den löst, wird auch im Him­mel ge­löst sein.

(Mt 18,18 | Text nach Zür­cher Bi­bel 2019)

25: Bin­den und lö­sen

Wie be­reits in Mt 9 bleibt der Ort des Han­delns „auf Er­den“. Die Voll­macht wird nicht von der kon­kre­ten Wirk­lich­keit mensch­li­cher Be­zie­hun­gen ge­löst. Bin­den und Lö­sen er­schei­nen nicht als ab­strak­te sa­kra­le Ver­fü­gungs­ge­walt, son­dern als Teil ver­ant­wort­li­cher Ge­mein­schafts­pra­xis im Um­gang mit Schuld, Ver­söh­nung und Wie­der­her­stel­lung von Be­zie­hung.

Da­mit führt auch Mt 18 die bis­he­ri­ge Li­nie des Mat­thä­us­evan­ge­li­ums fort. Ver­ge­bung bleibt an mensch­li­ches Han­deln ge­bun­den. Die Got­tes­be­zie­hung wird nicht un­ab­hän­gig von zwi­schen­mensch­li­cher Wirk­lich­keit ge­dacht, son­dern ge­ra­de in­ner­halb die­ser Wirk­lich­keit ver­han­delt.

 

 

3.6 Die Gren­zen­lo­sig­keit der Ver­ge­bung

Die Fra­ge des Pe­trus in Mt 18,21–22
 

Pe­trus stellt ei­ne Fra­ge, die ver­mut­lich je­der Mensch ver­steht, der wie­der­holt ver­letzt wur­de. Wenn man ei­nem Nach­barn, ei­nem Ar­beits­kol­le­gen oder ei­nem Freund be­reits mehr­fach ver­ge­ben hat und der­sel­be Kon­flikt den­noch im­mer wie­der neu ent­steht, drängt sich ir­gend­wann die Fra­ge auf, ob nicht auch Ver­ge­bung ei­ne Gren­ze ha­ben müs­se.

Ge­nau an die­sem Punkt fragt Pe­trus Je­sus nach der End­lich­keit des Ver­ge­bens. Sei­ne Fra­ge ent­steht nicht aus Gleich­gül­tig­keit oder Hart­her­zig­keit. Pe­trus sucht viel­mehr nach ei­nem Maß, das mensch­lich und mo­ra­lisch noch trag­bar er­scheint:

[Pe­trus fragt:]

Herr, wie oft kann mein Bru­der an mir schul­dig wer­den, und ich muss ihm ver­ge­ben? Bis zu sie­ben­mal?

(Mt 18,21 | Text nach Zür­cher Bi­bel 2019)

Die Zahl sie­ben zeigt be­reits ei­ne er­heb­li­che Be­reit­schaft zur Ver­ge­bung. Vor dem Hin­ter­grund jü­di­scher Tra­di­tio­nen, die ei­ne be­grenz­te Zahl not­wen­di­ger Ver­ge­bun­gen kann­ten, er­scheint der Vor­schlag des Pe­trus kei­nes­wegs klein­lich, son­dern aus­ge­spro­chen groß­zü­gig. Ge­nau die­se Be­gren­zung weist Je­sus je­doch zu­rück:

[Je­sus antwortet:]

Ich sa­ge dir: nicht sie­ben­mal, son­dern sieb­zig­mal sie­ben­mal.

(Mt 18,22 | Text nach Lu­ther­bi­bel 2017)

Ich sa­ge dir: nicht bis zu sie­ben­mal, son­dern bis zu sie­ben­und­sieb­zig­mal.

(Mt 18,22 | Text nach Zür­cher Bi­bel 2019)

Die Ant­wort Je­su hebt die Fra­ge nach ei­ner fes­ten Ober­gren­ze prak­tisch auf. 26: Die Auf­he­bung be­grenz­ter Ver­ge­bungs­mo­del­le

Ver­ge­bung er­scheint nicht als ge­le­gent­li­che Aus­nah­me, nicht als be­re­chen­ba­re Pflicht und auch nicht als for­mal zähl­ba­rer Vor­gang in­ner­halb re­li­gi­ö­ser Ord­nung, son­dern als dau­er­haf­te Auf­ga­be mensch­li­cher Be­zie­hung.

Be­mer­kens­wert ist da­bei, dass Je­sus die Ver­ge­bung un­mit­tel­bar an den Men­schen selbst rich­tet. Pe­trus soll sei­nem Bru­der ver­ge­ben. Die Ant­wort ver­weist nicht auf ei­ne stell­ver­tre­ten­de re­li­gi­ö­se Hand­lung und auch nicht auf ei­ne aus­schließ­lich an Gott ge­rich­te­te Bit­te um Ver­ge­bung. Die Ver­ant­wor­tung ver­bleibt beim Men­schen, der dem an­de­ren Men­schen kon­kret be­geg­net.

Da­mit ge­winnt die zwi­schen­mensch­li­che Ver­ge­bung im Mat­thä­us­evan­ge­li­um ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches Ge­wicht. Sie er­scheint nicht als nach­ran­gi­ge mo­ra­li­sche Er­gän­zung der Got­tes­be­zie­hung, son­dern als de­ren not­wen­di­ger Be­stand­teil.

Die Wie­der­ho­lung der Ver­ge­bung ist dau­er­haf­te Auf­ga­be in­ner­halb kon­kre­ter mensch­li­cher Be­zie­hun­gen. Je­sus spricht über die Ver­pflich­tung des Men­schen, im­mer wie­der neu zu ver­ge­ben. Sei­ne For­de­rung be­zieht sich da­bei aus­drück­lich auch auf den­sel­ben Men­schen, egal, wie oft die­ser im­mer wie­der neu schul­dig wird. 27: Gren­zen­lo­se Ver­ge­bung und kirch­li­che Pro­blem­an­zei­gen

Die Zu­mu­tung die­ser For­de­rung wird ge­ra­de da­durch sicht­bar, dass Je­sus kei­ne Gren­ze nennt, an der die Ver­pflich­tung zur Ver­ge­bung en­det. We­der die Häu­fig­keit der Ver­let­zung noch die sub­jek­tiv emp­fun­de­ne Er­schöp­fung des Ver­letz­ten bil­den im Text ei­nen Auf­he­bungs­grund der Ver­ge­bungs­pflicht.

Da­mit führt Mt 18,21–22 die bis­he­ri­ge Li­nie des Mat­thä­us­evan­ge­li­ums kon­se­quent fort. Die Be­zie­hung zu Gott bleibt an die kon­kre­te Wirk­lich­keit mensch­li­cher Be­zie­hun­gen ge­bun­den. Ver­ge­bung ge­schieht nicht zu­erst im Rück­zug re­li­gi­ö­ser In­ner­lich­keit oder in der Wie­der­ho­lung kul­ti­scher Schuld­ver­wal­tung, son­dern im schwie­ri­gen und oft schmerz­haf­ten Voll­zug mensch­li­cher Be­geg­nung.

 

 

3.7 Emp­fan­ge­ne und ver­wei­ger­te Ver­ge­bung

Das Gleich­nis vom un­barm­her­zi­gen Knecht in Mt 18,23–35
 

Mit der Ant­wort an Pe­trus en­det die Ver­ge­bungs­fra­ge im Mat­thä­us­evan­ge­li­um nicht. Je­sus spricht dort zu­nächst über die un­mit­tel­ba­re Ver­pflich­tung des Men­schen, an­de­ren Men­schen im­mer wie­der neu zu ver­ge­ben. Das an­schlie­ßen­de Gleich­nis vom un­barm­her­zi­gen Knecht greift die Ver­ge­bungs­fra­ge nun aus ei­ner an­de­ren Per­spek­ti­ve auf. Es er­zählt nicht zu­erst von der Ver­pflich­tung des Men­schen zur Ver­ge­bung, son­dern von ei­ner be­reits ge­währ­ten Ver­ge­bung, die dem Men­schen vor­aus­geht.

Ge­ra­de des­halb darf das Gleich­nis nicht ein­fach mit Mt 18,21–22 ver­schmol­zen wer­den. Zwar ste­hen bei­de Tex­te un­ter der ge­mein­sa­men Über­schrift der Ver­ge­bung, sie be­schrei­ben je­doch un­ter­schied­li­che Be­we­gun­gen. In Mt 18,21–22 for­dert Je­sus den Men­schen un­mit­tel­bar zur fort­ge­setz­ten Ver­ge­bung ge­gen­über dem Mit­men­schen auf. Im Gleich­nis da­ge­gen geht die Gna­de des Herrn vor­aus und er­öff­net dem Knecht ei­nen neu­en Hand­lungs- und Ver­ant­wor­tungs­raum.

Je­sus er­zählt von ei­nem Knecht, der sei­nem Herrn ei­nen un­vor­stell­bar ho­hen Geld­be­trag schul­det. Als der Herr die Rück­zah­lung ver­langt, bit­tet der Knecht um Ge­duld. Der Herr re­agiert nicht mit wei­te­rer Be­rech­nung oder ab­ge­stuf­ter Stra­fe, son­dern er­lässt ihm die ge­sam­te Schuld.

Doch un­mit­tel­bar da­nach be­geg­net der­sel­be Knecht ei­nem Mit­knecht, der ihm selbst ei­ne ver­gleichs­wei­se ge­rin­ge Sum­me schul­det. Nun zeigt sich, ob die emp­fan­ge­ne Ver­ge­bung et­was im Men­schen ver­än­dert hat. Der Knecht ver­wei­gert die ei­ge­ne Ver­ge­bungs­er­fah­rung je­doch dem an­de­ren Men­schen. Er bleibt hart, for­dert Zah­lung und lässt den Mit­knecht ins Ge­fäng­nis wer­fen.

28: Schuld als re­la­tio­na­le Last im Bild fi­nan­zi­el­ler Ver­schul­dung

Das Ent­schei­den­de am Gleich­nis ist des­halb nicht al­lein die Grö­ße der er­las­se­nen Schuld, son­dern die aus­blei­ben­de Ver­än­de­rung des Men­schen. Die emp­fan­ge­ne Gna­de bleibt fol­gen­los. We­der Den­ken noch Re­den oder Han­deln des Knech­tes wer­den von der er­fah­re­nen Gü­te ge­prägt.

Ge­ra­de da­rin liegt die ei­gent­li­che Zu­spit­zung des Gleich­nis­ses. Der Herr hat­te dem Knecht nicht nur ei­ne Schuld er­las­sen. Er hat­te ihm Ver­trau­en ge­schenkt und ihm ei­nen neu­en Raum ver­ant­wort­li­chen Han­delns er­öff­net. Die­ses Ver­trau­en wird nun vom Knecht selbst un­ter­lau­fen, in­dem er die­sel­be Ver­ge­bung dem Mit­men­schen ver­wei­gert.

Die neue Schuld des Knech­tes be­steht des­halb nicht ein­fach in ei­nem iso­lier­ten mo­ra­li­schen Fehl­ver­hal­ten. Sie be­steht da­rin, dass er die ihm ge­währ­te Gna­de prak­tisch fol­gen­los macht und sich dem Ver­ant­wor­tungs­raum ent­zieht, der ihm durch die Ver­ge­bung er­öff­net wur­de. Der Knecht will den Nut­zen der emp­fan­ge­nen Gna­de be­hal­ten, oh­ne ihre Kon­se­quenz im ei­ge­nen Han­deln an­zu­neh­men.

Da­rauf­hin wird die Ver­ge­bung zu­rück­ge­nom­men. Der Herr über­gibt den Knecht den Pei­ni­gern, bis die ge­sam­te Schuld be­zahlt sei. Da­mit be­schreibt das Gleich­nis Ver­ge­bung nicht als ir­re­ver­si­ble re­li­gi­ö­se Sta­tus­ver­än­de­rung, son­dern als Be­zie­hungs­ge­sche­hen mit re­a­len Fol­gen. Der Knecht ver­liert nicht nur den Schul­den­er­lass, son­dern zu­gleich den Ver­trau­ens­raum, der ihm durch die Gna­de er­öff­net wor­den war. Die Be­zie­hung zum Herrn ist grund­le­gend be­schä­digt.

Be­mer­kens­wert ist da­bei, dass das Gleich­nis an die­ser Stel­le kei­nen un­mit­tel­ba­ren Rück­weg be­schreibt. Die Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen Herr und Knecht bricht ab. Sicht­bar wird le­dig­lich, dass die ver­wei­ger­te Ver­ant­wor­tung ge­gen­über dem Mit­men­schen auch die Be­zie­hung zur ge­währ­ten Gna­de selbst zer­stört hat.

Die Bild­spra­che des Gleich­nis­ses bleibt da­bei be­wusst an der Vor­stel­lung fi­nan­zi­el­ler Schuld ori­en­tiert. Schuld er­scheint als Last, die auf ei­nem Men­schen liegt und be­gli­chen wer­den muss. Der Satz, der Knecht wer­de den Pei­ni­gern über­ge­ben, „bis die ge­sam­te Schuld be­zahlt sei“, be­schreibt des­halb die Not­wen­dig­keit ei­ner Wie­der­her­stel­lung der zer­stör­ten Be­zie­hung. Wie die­se Wie­der­her­stel­lung kon­kret ge­schieht, ent­fal­tet das Gleich­nis je­doch nicht aus­drück­lich. 29: Die of­fe­ne Fra­ge der Wie­der­her­stel­lung

Das Ge­fäng­nis wird da­mit zum Ort, an dem der Mensch ver­ste­hen muss, was Gna­de ge­we­sen war, weil er ihren Ver­lust nun selbst er­fährt.

Am En­de for­mu­liert Je­sus die Kon­se­quenz den­noch un­miss­ver­ständ­lich:

[Je­sus spricht:]

So wird auch mein himm­li­scher Va­ter an euch tun, wenn ihr nicht von Her­zen ver­gebt, ein je­der sei­nem Bru­der.

(Mt 18,35 | Text nach Lu­ther­bi­bel 2017)

Da­mit ent­fal­tet das Gleich­nis er­zäh­le­risch die be­reits im Va­ter­un­ser for­mu­lier­te Ver­ge­bungs­lo­gik und ihre Zu­spit­zung in Mt 6,14–15. 30: Das Gleich­nis als nar­ra­ti­ve Ent­fal­tung von Mt 6,14–15

Die Be­zie­hung zu Gott bleibt un­trenn­bar mit dem Ver­hal­ten des Men­schen ge­gen­über an­de­ren Men­schen ver­bun­den. Got­tes Ver­ge­bung er­scheint nicht als iso­lier­ter sa­kra­ler Vor­gang, son­dern als er­öff­ne­ter Gna­den­raum, der ver­ant­wort­li­ches Han­deln er­war­tet. Wo die­se Ver­ant­wor­tung ver­wei­gert wird, zeigt sich ge­ra­de da­rin die fort­be­ste­hen­de Zer­stö­rung der Be­zie­hung zu Gott.

 

 

4. Grenzen menschlicher Verantwortung und Vergebung

Über scheiternde Konfliktlösungen und den direkten Gang zu Gott
 

 

4.1 Der feh­len­de Be­geg­nungs­raum

Wenn das Le­ben Ver­ge­bung ver­hin­dert
 

Was pas­siert, wenn ei­ne Be­geg­nung nicht mög­lich ist und ei­nem Mit­men­schen gar nicht per­sön­lich ver­ge­ben wer­den kann, wenn die von Je­sus ge­for­der­te un­mit­tel­ba­re Ver­söh­nung an den Um­stän­den schei­tert?

Tat­säch­lich spricht Je­sus in den bis­lang un­ter­such­ten Evan­ge­li­en­tex­ten im­mer wie­der in den Be­geg­nungs­raum zwi­schen Men­schen hin­ein. Sei­ne Auf­for­de­run­gen zur Ver­söh­nung und Ver­ge­bung rich­ten sich an Men­schen, die ei­nan­der be­geg­nen, von­ein­an­der wis­sen und Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der über­neh­men kön­nen. Ver­ge­bung er­scheint da­bei nicht als Vor­gang im sak­ra­len Raum, son­dern als Auf­ga­be in­ner­halb kon­kre­ter mensch­li­cher Be­zie­hun­gen.

Die bis­her be­trach­te­ten Tex­te set­zen ei­nen sol­chen Be­geg­nungs­raum vor­aus. Der Bru­der, von dem Mt 5,23–24 spricht, ist ein Mensch, der auf­ge­sucht wer­den kann. Auch Mt 18,15–17 geht von ei­ner be­ste­hen­den Be­zie­hung aus, in der Ge­spräch, Klä­rung und ge­ge­be­nen­falls Ver­söh­nung mög­lich blei­ben.

Da­mit stellt sich je­doch ei­ne grund­le­gen­de Fra­ge. Was ge­schieht, wenn die­ser Be­geg­nungs­raum fehlt?

Men­schen ster­ben. Auf­ent­halts­or­te wer­den un­be­kannt. Be­zie­hun­gen bre­chen ab. Manch­mal ver­wei­gert der an­de­re je­de An­nä­he­rung. Oft wird ei­ne Ver­let­zung erst er­kannt, wenn ei­ne Klä­rung längst un­mög­lich ge­wor­den ist. Nicht je­de Schuld kann be­nannt, nicht je­de Be­zie­hung wie­der­her­ge­stellt und nicht je­de Ver­söh­nung voll­zo­gen wer­den.

Ge­ra­de an die­ser Stel­le ent­steht ei­ne Span­nung. Wenn die Ver­ge­bungs­for­de­run­gen Je­su an kon­kre­te mensch­li­che Be­zie­hun­gen ge­bun­den sind, wie kann ein Mensch ih­nen dann ge­recht wer­den, wenn die Vor­aus­set­zun­gen da­für nicht mehr be­ste­hen? Wird die For­de­rung Je­su da­durch un­er­füll­bar? Oder en­det die mensch­li­che Ver­ant­wor­tung dort, wo der Mensch nicht mehr han­deln kann?

Die fol­gen­den Über­le­gun­gen ge­hen die­ser Fra­ge nach. Sie un­ter­su­chen die Gren­zen mensch­li­cher Ver­ant­wor­tung und fra­gen, wel­che Be­deu­tung der Ver­ge­bungs­bit­te dort zu­kommt, wo der Be­geg­nungs­raum zwi­schen Men­schen nicht mehr oder nur noch ein­ge­schränkt vor­han­den ist und wo Kon­flikt­lö­sung schei­tert.

 

 

4.2 Die Gren­ze der Er­reich­bar­keit

Wenn der Weg zum Mit­men­schen ver­sperrt ist
 

Die Auf­for­de­run­gen Je­su zur Ver­söh­nung und Ver­ge­bung set­zen vor­aus, dass der an­de­re Mensch er­reich­bar bleibt. Wer sei­nen Bru­der auf­su­chen soll, muss ihn auf­su­chen kön­nen. Wer um Ver­ge­bung bit­ten soll, muss ei­nem Men­schen ge­gen­über­tre­ten kön­nen.

Doch ei­ne Be­geg­nung kann un­durch­führ­bar sein. Men­schen ster­ben. Be­zie­hun­gen bre­chen ab. Auf­ent­halts­or­te wer­den un­be­kannt. Manch­mal lie­gen die Er­eig­nis­se Jahr­zehn­te zu­rück. Der Mensch er­kennt sei­ne Schuld erst zu ei­nem Zeit­punkt, an dem ei­ne per­sön­li­che Klä­rung nicht mehr mög­lich ist.

In sol­chen Fäl­len schei­tert die Ver­söh­nung nicht am man­geln­den Wil­len, son­dern an den Um­stän­den. Der Weg zum Mit­men­schen ist ver­sperrt. Die For­de­run­gen Je­su kön­nen nicht mehr in der ver­lang­ten Wei­se um­ge­setzt wer­den.

Da­mit stellt sich ei­ne neue Fra­ge. Ent­fällt die Ver­ant­wor­tung des Men­schen dort, wo der an­de­re Mensch nicht mehr er­reich­bar ist? Oder bleibt die Ver­ant­wor­tung be­ste­hen, ob­wohl die un­mit­tel­ba­re Be­geg­nung un­mög­lich ge­wor­den ist?

 

 

4.3 Die Gren­ze der Ver­fü­gung

Wenn Ver­söh­nung nicht ak­zep­tiert wird
 

Nicht je­de Be­geg­nung führt zur Ver­söh­nung. Selbst dort, wo Men­schen ei­nan­der er­rei­chen, Schuld be­nen­nen und den Weg zur Klä­rung su­chen, bleibt das Er­geb­nis of­fen. Die Ver­ge­bungs­for­de­run­gen Je­su set­zen zwar die Be­geg­nung vor­aus, sie ga­ran­tie­ren je­doch nicht de­ren Er­folg.

Wer ei­nen an­de­ren Men­schen ver­letzt hat, kann um Ver­ge­bung bit­ten. Er kann sei­ne Schuld ein­ge­ste­hen und den ent­stan­de­nen Scha­den be­nen­nen. Ob die er­be­te­ne Ver­ge­bung je­doch ge­währt wird, liegt nicht in sei­ner Hand.

Eben­so kann ein Mensch sei­nem Ge­gen­über ver­ge­ben und den­noch er­le­ben, dass die an­ge­bo­te­ne Ver­söh­nung zu­rück­ge­wie­sen oder die Ver­let­zung fort­ge­setzt wird.

Der Be­geg­nungs­raum be­steht in sol­chen Fäl­len wei­ter­hin. Ge­schei­tert ist nicht die Be­geg­nung, son­dern die Ver­fü­gung über ihr Er­geb­nis. Kein Mensch kann Ver­söh­nung er­zwin­gen. Die Ver­ant­wor­tung für das ei­ge­ne Han­deln bleibt beim Han­deln­den. Die Ent­schei­dung des an­de­ren bleibt beim an­de­ren.

Da­mit stellt sich er­neut ei­ne grund­le­gen­de Fra­ge. Wird die Ver­ge­bungs­for­de­rung Je­su vom Er­folg der Ver­söh­nung ab­hän­gig ge­macht? Oder en­det die Ver­ant­wor­tung des Men­schen be­reits dort, wo er al­les ge­tan hat, was ihm mög­lich und auf­ge­tra­gen war?

 

 

4.4 Die Gren­ze der Wahr­neh­mung

Wenn Schuld un­be­merkt bleibt
 

Die bis­her be­trach­te­ten Fäl­le gin­gen da­von aus, dass die Schuld be­kannt ist. Der Mensch weiß um die Ver­let­zung, er­kennt sei­ne Ver­ant­wor­tung und sucht den Weg zur Ver­söh­nung. Doch auch die­se Vor­aus­set­zung ist nicht selbst­ver­ständ­lich.

Be­reits Mt 5,23 setzt vor­aus, dass die Schuld über­haupt ins Be­wusst­sein tritt. Je­sus sagt nicht: „Wenn du Schuld auf dich ge­la­den hast“, son­dern: „Wenn du dei­ne Ga­be auf dem Al­tar op­ferst und dort da­ran denkst, dass dein Bru­der et­was ge­gen dich hat.“ Die Auf­for­de­rung zur Ver­söh­nung be­ginnt mit ei­ner Wahr­neh­mung. Erst die Er­in­ne­rung macht das Han­deln mög­lich.

Men­schen ver­let­zen ei­nan­der häu­fig, oh­ne es zu be­mer­ken. Ein un­be­dach­tes Wort, ei­ne un­ter­las­se­ne Hil­fe oder ei­ne acht­lo­se Ent­schei­dung kön­nen bei an­de­ren Ent­täu­schung, Schmerz oder Ver­bit­te­rung aus­lö­sen, oh­ne dass der Ver­ur­sa­cher da­von Kennt­nis er­hält. Man­che Ver­let­zun­gen wer­den nie aus­ge­spro­chen. An­de­re wer­den erst Jah­re spä­ter er­kannt. Wie­der an­de­re blei­ben voll­stän­dig ver­bor­gen.

Da­mit stellt sich ei­ne wei­te­re Gren­ze mensch­li­cher Ver­ant­wor­tung.

Wie soll ein Mensch Schuld be­rei­ni­gen, die ihm nie­mals be­wusst ge­wor­den ist? Kann er für Ver­let­zun­gen ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den, die er we­der er­kannt hat noch er­ken­nen konn­te?

Auch hier ent­steht die­sel­be Span­nung wie in den vor­an­ge­gan­ge­nen Ab­schnit­ten. Die For­de­rung Je­su bleibt be­ste­hen. Zu­gleich stößt der Mensch an ei­ne Gren­ze, die nicht durch man­geln­den Wil­len, son­dern durch die Be­grenztheit mensch­li­cher Wahr­neh­mung ent­steht. Wer sei­ne Schuld nicht kennt, kann sie we­der be­ken­nen noch um Ver­ge­bung bit­ten. Die von Je­sus ge­for­der­te un­mit­tel­ba­re Ver­söh­nung kann auch in die­sem Fall nicht in der ver­lang­ten Wei­se um­ge­setzt wer­den.

Auch dort, wo die Wahr­neh­mungs­fä­hig­keit des Men­schen die Er­kennt­nis ei­ge­ner Schuld ver­hin­dert, wird die Ver­ge­bungs­for­de­rung Je­su nicht auf­ge­ho­ben. Sie bleibt be­ste­hen, aber der Mensch kann sie nur in­ner­halb sei­ner Ver­trau­ens­be­zie­hung zu Gott be­ant­wor­ten.

 

 

4.5 Die Über­win­dung der Gren­zen durch Ver­trau­en

Wie aus un­er­füll­ba­ren For­de­run­gen ver­ant­wor­te­tes Han­deln wird
 

 

4.5.1 Das Pro­blem der Un­er­füll­bar­keit

Wenn die For­de­rung zur Ent­las­tung wird
 

Die Ver­ge­bungs­for­de­run­gen Je­su wur­den in der Aus­le­gungs­ge­schich­te häu­fig als un­er­füll­bar ver­stan­den. Die Ra­di­ka­li­tät von Mt 5,23–24, Mt 6,14–15 und Mt 18 scheint den Men­schen vor An­for­de­run­gen zu stel­len, die er nicht er­fül­len kann. Nicht jede Schuld wird er­kannt. Nicht jede Be­zie­hung lässt sich wie­der­her­stel­len. Nicht jede Ver­söh­nung ge­lingt.

Aus die­ser Be­ob­ach­tung ent­stand die Ten­denz, die Aus­sa­gen Je­su ent­we­der als un­er­reich­ba­res Ideal oder als Aus­druck einer in­ne­ren Ge­sin­nung zu ver­ste­hen. Die For­de­rung bleibt dann zwar be­ste­hen, ver­liert je­doch ihre un­mit­tel­ba­re Ver­bind­lich­keit für das kon­kre­te Han­deln.

Die bis­he­ri­gen Über­le­gun­gen le­gen je­doch eine an­de­re Sicht nahe. Die Schwie­rig­keit liegt nicht in den For­de­run­gen Je­su selbst, son­dern in den Gren­zen mensch­li­cher Exis­tenz. Die Fra­ge lau­tet des­halb nicht, ob Je­su For­de­run­gen un­er­füll­bar sind, son­dern wie sie an­ge­sichts die­ser Gren­zen ver­stan­den wer­den müs­sen.

 

 

4.5.2 Die Gren­zen mensch­li­chen Han­delns

Wenn Schei­tern kei­ne Aus­re­de ist

Die vor­an­ge­gan­ge­nen Ab­schnit­te ha­ben drei Gren­zen sicht­bar ge­macht.

Ers­tens kann der Mit­mensch un­er­reich­bar wer­den. Tod, un­be­kann­te Auf­ent­halts­or­te oder ver­gan­ge­ne Be­zie­hun­gen kön­nen die von Je­sus ge­for­der­te un­mit­tel­ba­re Be­geg­nung un­mög­lich ma­chen.

Zwei­tens ent­zieht sich die Re­ak­tion des an­de­ren der ei­ge­nen Ver­fü­gung. Ver­söh­nung kann ver­wei­gert wer­den. Ver­ge­bung kann nicht er­zwun­gen wer­den.

Drit­tens bleibt Schuld oft un­be­merkt. Nicht jede Ver­let­zung wird er­kannt. Nicht jede Schuld wird be­wusst. Man­che Kon­flik­te blei­ben ver­bor­gen.

Kei­ne die­ser Gren­zen ent­steht aus man­geln­dem Wil­len. Sie ge­hö­ren zu den Be­din­gun­gen mensch­li­chen Le­bens. Ge­ra­de des­halb muss ge­fragt wer­den, wie die Ver­ge­bungs­for­de­run­gen Je­su un­ter die­sen Be­din­gun­gen zu ver­ste­hen sind.

 

 

4.5.3 Pflicht­ethik und Ge­sin­nungs­ethik

Wenn The­o­lo­gie die Fra­ge be­ant­wor­tet, be­vor sie ge­stellt ist

Die evan­ge­li­sche The­o­lo­gie hat in ih­rer Ge­schich­te zwei Deu­tungs­mo­del­le aus­ge­bil­det, die dog­ma­ti­sche Gel­tung er­langt ha­ben und bis in die Ge­gen­wart nach­wir­ken.

 
Pflicht­ethik

Das ers­te Mo­dell ver­steht die Ver­ge­bungs­for­de­run­gen Je­su als rea­le Pflicht. Der An­spruch der Berg­pre­digt gilt un­be­dingt und ist we­der ab­zu­mil­dern noch zu um­ge­hen. Zu­gleich er­kennt die­ses Mo­dell, dass der Mensch den For­de­run­gen nicht voll­stän­dig ent­spre­chen kann. Die dar­aus ge­zo­ge­ne the­o­lo­gi­sche Kon­se­quenz ist cha­rak­te­ris­tisch: Die Funk­ti­on der Berg­pre­digt liegt nicht pri­mär in ih­rer Er­füll­bar­keit, son­dern in ih­rer an­kla­gen­den Wir­kung. Sie deckt die Sün­de auf, führt den Men­schen zur Bu­ße und ver­weist ihn auf die Gna­de.

In der lu­the­ri­schen Tra­di­ti­on wur­de die­se Funk­ti­on als der an­kla­gen­de Ge­brauch des Ge­set­zes ver­stan­den. Das Ge­setz über­führt den Men­schen sei­ner Sün­de und ver­weist ihn auf die Recht­fer­ti­gung al­lein aus Gna­de. 31: Der anklagende Gebrauch des Gesetzes

Lu­ther hat die Berg­pre­digt in sei­nen ein­schlä­gi­gen Pre­dig­ten (1530–1532) nicht auf­ge­ho­ben, son­dern in das re­for­ma­to­ri­sche Ver­ständ­nis von Glau­be, Be­ruf und Recht­fer­ti­gung ein­ge­ord­net: Die For­de­rung Je­su bleibt ver­pflich­tend, wird aber nicht zum Weg der Recht­fer­ti­gung. 32: Bergpredigt, Berufung und konkreter Gehorsam

Die­ses Mo­dell be­nennt et­was Un­auf­gebb­ba­res. Die For­de­run­gen Je­su dür­fen nicht weg­ge­deu­tet wer­den, und der Mensch ist nicht der Maß­stab für ih­re Reich­wei­te. Zu­gleich birgt die kon­se­quen­te Ver­la­ge­rung auf die an­kla­gen­de Funk­ti­on ei­ne Ge­fahr: Wird die Un­er­füll­bar­keit zum the­o­lo­gi­schen Pro­gramm, kann das kon­kre­te Han­deln still­ge­stellt wer­den, be­vor es in An­griff ge­nom­men wird. Die For­de­rung steht, doch das Han­deln war­tet auf die Gna­de, ein Auf­schub, den die Ab­schnit­te 4.1 bis 4.4 als Pro­blem sicht­bar ge­macht ha­ben.

 
Ge­sin­nungs­ethik

Das zwei­te Mo­dell, das in der li­be­ra­len The­o­lo­gie des 19. Jahr­hun­derts sei­ne deut­lichs­te evan­ge­li­sche Aus­prä­gung fand, ver­steht die Ver­ge­bungs­for­de­run­gen als Aus­druck ei­ner in­ne­ren Hal­tung. Nicht der kon­kre­te Akt der Ver­söh­nung steht im Vor­der­grund, son­dern die Ge­sin­nung, aus der her­aus ge­han­delt wird. Ver­ge­bung wird zur Be­reit­schaft, zur Of­fen­heit, zur re­li­giös-sitt­li­chen Ein­stel­lung, und löst sich da­mit von der Fra­ge, ob sie im kon­kre­ten Voll­zug ge­lingt oder ge­lin­gen kann. Wil­helm Herr­mann hat die­se Rich­tung in sei­ner Ethik sys­te­ma­tisch vor­be­rei­tet: Das sitt­li­che Han­deln wird vom Wer­den des ver­ant­wort­li­chen Sub­jekts her ver­stan­den, nicht von der iso­lier­ten Er­fül­lung ein­zel­ner For­de­run­gen. 33: Sittliches Subjekt und innere Bestimmung des Handelns

Adolf von Har­nack hat die­se Li­nie in sei­ner Dar­stel­lung des Evan­ge­li­ums ein­fluss­reich ge­prägt. Das Va­ter­un­ser er­scheint bei ihm als Ge­bet der Got­tes­kind­schaft, der Samm­lung und der De­mut; auch die Ver­ge­bungs­bit­te ver­bin­det er mit Lie­be und Nächs­ten­ver­hält­nis. Doch die kon­kre­te For­de­rung wird von der in­ne­ren Ge­sin­nung her ver­stan­den. Die mat­thäi­sche Kon­di­tio­na­li­tät der Ver­ge­bung tritt da­durch hin­ter die re­li­giös-sitt­li­che Qua­li­tät von De­mut und Lie­be zu­rück. 34: Harnack: Vaterunser, Gesinnung und dienende Liebe

In bei­den Fäl­len tritt die Ho­ri­zon­tal­di­men­si­on, der an­de­re Mensch, die kon­kre­te Be­zie­hung, der not­wen­di­ge Schritt, ge­gen­über der in­ne­ren Deu­tung des Han­delns zu­rück.

Auch die­ses Mo­dell be­nennt et­was Rich­ti­ges. Ei­ne Ver­ge­bung, die nur äu­ßer­lich voll­zo­gen wird, oh­ne in­ne­re Ent­spre­chung, ver­fehlt ih­ren Ge­gen­stand. Doch die Ge­sin­nungs­ethik löst die kon­kre­te For­de­rung in ei­ne in­ne­re Qua­li­tät auf, die sich der Über­prü­fung ent­zieht. Was als Ge­sin­nung be­steht, muss sich nicht im Han­deln be­wäh­ren. Da­mit ent­steht ein Aus­weich­raum, den Je­sus ge­ra­de nicht er­öff­net.

 
Was bei­de Mo­del­le of­fen­las­sen

Bei­de Mo­del­le las­sen die Fra­gen un­be­ant­wor­tet, die die Ab­schnit­te 4.1 bis 4.4 auf­ge­wor­fen ha­ben. Das Pflicht­mo­dell er­klärt nicht, was dem Men­schen auf­ge­tra­gen bleibt, wenn der an­de­re un­er­reich­bar ge­wor­den ist. Das Ge­sin­nungs­mo­dell ent­lässt ihn aus der Hand­lungs­pflicht, be­vor die Gren­zen über­haupt er­reicht sind.

Kei­nes von bei­den be­schreibt das, was zwi­schen dem Ge­for­der­ten und dem Un­mög­li­chen liegt: die Ver­ant­wor­tung des Men­schen für das ihm Mög­li­che, bis an die äu­ßers­ten Gren­zen sei­ner Hand­lungs­fä­hig­keit.

 

 

4.5.4 Ver­trau­ens­ethik als the­o­lo­gi­scher Be­griff

Be­griff und Ab­gren­zung
 

Das hier ent­wi­ckel­te Mo­dell wird als Ver­trau­ens­ethik be­zeich­net. 35: Vertrauensethik als eigener Begriff

Die Wahl die­ses Be­griffs ist nicht zu­fäl­lig. Er be­nennt die Grund­struk­tur, aus der die ethi­schen For­de­run­gen ent­ste­hen, nicht nur de­ren In­halt oder Mo­dus.

 
Die Grund­struk­tur: Got­tes Ver­trau­en

Die Grund­struk­tur ist das Ver­trau­en Got­tes an den Men­schen. Wenn Gott kon­kre­te Ver­ant­wor­tung de­le­giert, den Hun­gri­gen zu spei­sen, dem Frem­den zu be­geg­nen, dem Bru­der zu ver­ge­ben, den Feind zu lie­ben, dann setzt die­se De­le­ga­ti­on vor­aus, dass Gott dem Men­schen zu­traut, sie aus­zu­fül­len. Er traut ihm zu, dass er kann und dass er wird, wo im­mer es ihm mög­lich ist. Die de­le­gier­te Ver­ant­wor­tung ist nicht Auf­la­ge, son­dern Zu­trau­en. 36: Delegation und Rückdelegation

Die­se Ver­ant­wor­tung ist pri­mär ho­ri­zon­tal. Der Bru­der, dem ver­ge­ben wer­den soll, ist ein kon­kre­ter Mensch. Das Brot, das ge­braucht wird, liegt in mensch­li­cher Hand. Ver­söh­nung voll­zieht sich im Be­geg­nungs­raum zwi­schen Men­schen. Wo die­ser Raum be­steht, ist das Han­deln auf­ge­tra­gen. Die ho­ri­zon­ta­le Di­men­si­on ist nicht sub­si­diär. Sie ist der ers­te und ei­gent­li­che Ort, an dem das de­le­gier­te Ver­trau­en ein­ge­löst wird.

Der Mensch ant­wor­tet auf das Ver­trau­en Got­tes nicht durch An­spruch, son­dern im Glau­ben, im Ver­trau­en auf die Zu­sa­ge des Evan­ge­li­ums. Glau­be ist in der re­for­ma­to­ri­schen Tra­di­ti­on nicht pri­mär Zu­stim­mung zu Lehr­sät­zen, son­dern Ver­trau­en: das Herz, das sich auf Gott ver­lässt und von ihm al­les Gu­ten ge­wär­tig ist. 37: Glaube als Vertrauen

Die­se Ent­spre­chung zwi­schen dem Ver­trau­en, das Gott dem Men­schen ent­ge­gen­bringt, und dem Ver­trau­en, mit dem der Mensch auf Got­tes Zu­sa­ge ant­wor­tet, bil­det den Rah­men, in dem die Ver­ge­bungs­bit­te ih­ren le­gi­ti­men Ort hat.

 
Die le­gi­ti­me Bit­te

Wo der Weg zur Ver­söh­nung struk­tu­rell ver­sperrt ist, weil der an­de­re ge­stor­ben ist, weil Be­geg­nung dau­er­haft ver­wei­gert wird, weil Schuld erst er­kannt wur­de, als Klä­rung nicht mehr mög­lich war, tritt die Ver­ge­bungs­bit­te an Gott in ihr Recht. Sie ist dann kein Aus­wei­chen aus der Ver­ant­wor­tung, son­dern ihr letz­ter Aus­druck un­ter den Be­din­gun­gen mensch­li­cher Be­grenzt­heit. Der Mensch ver­bleibt in der Ver­trau­ens­struk­tur, auch wo er an ih­re Gren­ze stößt. Er be­nennt, was er nicht mehr ein­lö­sen kann, und über­lässt es dem, der de­le­giert hat.

Wo hin­ge­gen An­spruch an Gott den Ort der Ver­ant­wor­tung be­setzt, wo Ver­ge­bung von Gott ge­for­dert wird, oh­ne dass der Ver­such un­ter­nom­men wur­de, sie dem Mit­men­schen zu ge­wäh­ren, wo Brot er­be­ten wird, oh­ne zu ge­ben, da wehrt Gott den An­spruch ab. Nicht will­kür­lich, son­dern weil der An­spruch die Ver­trau­ens­struk­tur selbst zer­stört, auf der die De­le­ga­ti­on be­ruht. Was als Rück­de­le­ga­ti­on zu be­zeich­nen ist, die Ab­ga­be von Ver­ant­wor­tung an Gott, die der Mensch selbst tra­gen müss­te und tra­gen könn­te, fin­det hier sei­ne schärf­ste Form. 38: Vergebungsbitte und Rückdelegation

 
Mt 25 als Prüf­stein

Matthäus 25 führt die­se Li­nie in der Ge­richts­sze­ne vom Men­schen­sohn wei­ter. Der Text be­ginnt aus­drück­lich im Ho­ri­zont „al­ler Völ­ker" und steht da­mit im Zu­sam­men­hang der uni­ver­sa­len Sen­dung nach Mt 28,19–20: Die Leh­re Je­su wird den Völ­kern be­kannt ge­macht, ih­re Pra­xis wird im Um­gang mit Be­dürf­ti­gen sicht­bar, und im Ge­richt wird die­ses Han­deln be­ur­teilt.

Chris­tus prüft nicht, ob die Be­dürf­ti­gen zur rich­ti­gen Grup­pe ge­hö­ren. Er fragt nach dem kon­kre­ten Ver­hal­ten ge­gen­über hun­gern­den, durs­ti­gen, frem­den, nack­ten, kran­ken und ge­fan­ge­nen Men­schen. Nicht de­ren Be­kennt­nis, nicht ih­re re­li­giö­se Zu­ge­hö­rig­keit und nicht ih­re Her­kunft ent­schei­den, son­dern ih­re Be­dürf­tig­keit. In die­sem Sinn ver­stärkt „Brü­der" nicht die Gren­ze der Ge­mein­de, son­dern die Iden­ti­fi­ka­ti­on Chris­ti mit dem be­dürf­ti­gen Men­schen und so­mit mit dem Men­schen an sich. Wer nicht han­delt, ver­wei­gert nicht nur Hil­fe, son­dern ent­zieht sich der Ver­ant­wor­tung, die ihm im Be­geg­nungs­raum an­ver­traut war. 39: Mt 25: Identifikation, Verantwortung und verweigerter Vollzug

An die­ser Stel­le ist ei­ner mög­li­chen Fehl­deu­tung des Mo­dells aus­drück­lich zu be­geg­nen. Die Struk­tur, nach der die Ver­ge­bungs­bit­te an Gott erst dort in ihr Recht tritt, wo die ho­ri­zon­ta­le Ver­ant­wor­tung aus­ge­schöpft ist oder an ei­ne un­über­wind­li­che Gren­ze ge­sto­ßen ist, könn­te den An­schein er­we­cken, die Bit­te sei an ei­ne mensch­li­che Vor­leis­tung ge­knüpft: Wer ge­nug ge­tan hat, darf bit­ten. Das wä­re ei­ne Leis­tungs­lo­gik, die dem Mo­dell der Ver­trau­ens­ethik grund­le­gend wi­der­spricht. 40: Vertrauensethik und der Einwand der Leistungslogik

Der Un­ter­schied liegt nicht in der Men­ge des Ge­leis­te­ten, son­dern in der Hal­tung, aus der her­aus ge­be­ten wird. Wer die ho­ri­zon­ta­le Ver­ant­wor­tung ernst nimmt, tritt nicht mit dem Nach­weis er­brach­ter Leis­tung vor Gott, son­dern im Ver­trau­en, das die De­le­ga­ti­on von An­fang an trägt. Das gilt auch dort, wo er da­bei an ei­ne Gren­ze ge­sto­ßen ist und die­se Gren­ze be­nennt, oh­ne zu­rück­zu­ge­ben, was ihm auf­ge­tra­gen war. Got­tes Ant­wort auf die Ver­ge­bungs­bit­te ist in bei­den Fäl­len kein Lohn, son­dern die Fort­set­zung der Ver­trau­ens­be­zie­hung un­ter den Be­din­gun­gen mensch­li­cher Hand­lungs­fä­hig­keit und Be­grenzt­heit. Die Bit­te bleibt Bit­te — sie wird nicht zum An­spruch.

Rück­de­le­ga­ti­on und le­gi­ti­me Bit­te un­ter­schei­den sich da­her nicht da­rin, wie viel der Mensch zu­vor ge­tan hat, son­dern da­rin, ob er die Bit­te an die Stel­le des Han­delns setzt, das ihm noch mög­lich wä­re, oder ob er sie dort er­hebt, wo er im Ver­trau­en steht und han­delt, so­weit es ihm mög­lich ist. Das ei­ne ist Flucht aus der Ver­ant­wor­tung, das an­de­re ist Ver­trau­en, das sei­ne ei­ge­ne Gren­ze kennt.

Da­mit stellt sich die Fra­ge, die nun auf­zu­neh­men ist: Wie ist die Ver­ge­bung zu den­ken, die Gott dort ge­währt, wo der Mensch im Ver­trau­en steht, sei­ne Gren­ze be­nennt und sie nicht zur Aus­re­de macht?

 

 

5. Die frühchristliche Weiterführung der Vergebungsfrage

Sündenvergebung in Gottes Hand
 

 

5.1 Vergebungsvollmacht nach Joh 20,23

Die Gemeinde an der Grenze menschlicher Vergebung
 

 

5.2 Sündenvergebung nach 1.Joh 1,9

Das Bekenntnis vor Gott
 

 

6. Der existentielle Nutzen

Betrachtung aus evangelischer Perspektive
 
 

 

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Reiner Makohl, Theologische Aufsätze: Vergebung durch Menschen und Vergebung durch Gott., in: Stilkunst.de,
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