Die Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä

Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr

Aufsätze
Gedanken zu Glaube, Bibel und Theologie

Die Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä

Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr

 

Über die Bedeutung ihrer Namen und gegenwärtige Fehlinterpretationen

 

Reiner Makohl | Februar 2026

(Erstveröffentlichung: Januar 2018)

 

 

Worum es hier geht

 

In den Kir­chen­ka­len­dern tau­chen in der Zeit nach Epi­pha­ni­as bis zu vier la­tei­ni­sche Sonn­tags­na­men [→↗1] auf, die heu­te kaum noch je­mand er­klä­ren kann – und die selbst dort, wo Er­klä­run­gen ge­ge­ben wer­den, meist falsch er­klärt wer­den. Das ist der Aus­gangs­punkt die­ser Stu­die.

Die Na­men klin­gen ge­lehrt. Sie sind es auch. Aber ihre Ge­lehrt­heit ist ka­len­da­ri­scher, nicht sym­bo­li­scher Na­tur: Hin­ter Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä ste­cken kei­ne va­gen Zah­len­sym­bo­le, kei­ne from­men Run­dun­gen, kei­ne mys­ti­schen Sieb­zi­gen oder Vier­zi­gen. Es sind prä­zi­se Zeit­span­nen – mit je ei­nem be­stimm­ten An­fang und ei­nem be­stimm­ten En­de.

Wer das weiß, kann die Na­men selbst nach­voll­zie­hen. Wer es nicht weiß, wird frü­her oder spä­ter auf Er­klä­run­gen sto­ßen, die – trotz ehr­wür­di­ger Quel­len und from­mer Ab­sicht – nicht stim­men.

Die­se Stu­die rich­tet sich an al­le, die wis­sen wol­len, was die­se Sonn­ta­ge wirk­lich be­deu­ten. Die An­mer­kun­gen sind so an­ge­legt, dass kein Bib­lio­theks­be­such nö­tig ist, der Text er­schließt sich aus sich selbst. Wer aber tie­fer ge­hen möch­te, fin­det in den An­mer­kun­gen die Quel­len.

 

Grafik: Die Namen der Sonntage Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä.

Bis heute sind in der Vor­pas­si­ons­zeit und in der Pas­si­ons­zeit die al­ten la­tei­ni­schen Na­men der Sonn­ta­ge ge­bräuch­lich. Doch was be­deu­ten Sie?
 
Bildnachweis: → siehe unten.

Was die­se Stu­die be­ant­wor­tet

Vier Fra­gen - vier Ant­wor­ten

 
1. War­um stimmt die ver­brei­tet­ste Er­klä­rung nicht?

Es heißt oft, Sep­tua­ge­si­mä lie­ge »et­wa 70 Ta­ge vor Os­tern« – da­her der Na­me. Das ist falsch. Sep­tua­ge­si­mä liegt 63 Ta­ge vor Os­tern. Müss­te er al­so nicht »der Drei­und­sech­zigs­te« hei­ßen? Der Na­me er­klärt sich nicht aus dem Ab­stand zu Os­ter­sonn­tag.

2. Wor­auf zei­gen die Na­men dann?

Je­de der vier Zeit­span­nen – 70, 60, 50 und 40 Ta­ge – en­det an ei­nem an­de­ren li­tur­gisch be­deu­tsa­men Punkt im Kir­chen­jahr. Nur ei­ner der vier Sonn­ta­ge zeigt tat­säch­lich auf Os­ter­sonn­tag. Wel­cher, und war­um, ist Teil die­ser Stu­die.

3. Was ha­ben die Na­men mit Fas­ten zu tun?

Viel – und we­nig. Die Fas­ten­zeit heißt auf La­tei­nisch eben­falls Qua­dra­ge­si­ma. Das hat zu ei­ner Ver­wechs­lung ge­führt, die sich durch Jahr­hun­der­te zieht und bis ins Pe­ri­ko­pen­buch 2018 wirkt.

4. Was be­deu­ten die Na­men für den ge­leb­ten Glau­ben?

Die vier Sonn­ta­ge sind kei­ne li­tur­gi­schen Fuß­no­ten. Sie bil­den ein Sys­tem: vier in­ei­n­an­der­ge­schach­tel­te Klam­mern, die den Blick Wo­che für Wo­che auf das Zen­trum des Kir­chen­jah­res rich­ten – auf Kar­frei­tag und Os­tern. Wer das ver­steht, ver­steht auch, war­um die Vor­pas­si­ons­zeit kein An­häng­sel ist, son­dern ein li­tur­gi­scher Raum mit ei­ge­nem Ge­wicht.

 
 

 

Ein­lei­tung

Wer in der Zeit nach Epi­pha­ni­as im evan­ge­li­schen Kir­chen­ka­len­der oder in der Le­se­ord­nung die Na­men Sep­tu­a­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä fin­det, wird sich fra­gen: Was be­deu­ten die­se Na­men?

Seit dem Mit­tel­al­ter gibt es da­zu recht un­ter­schied­li­che Er­klä­run­gen, von de­nen man­che doch sehr weit vom Ur­sprung der Na­mens­ge­bung ent­fernt schei­nen. Auch in den mo­der­nen In­ter­pre­ta­ti­o­nen tau­chen Er­klä­run­gen auf, die durch­aus selbst ih­re Un­stim­mig­kei­ten er­ken­nen, aber be­müht sind, sie mit re­li­gi­ö­sen Be­grün­dun­gen zu glät­ten. So wer­den bei­spiels­wei­se rech­ne­ri­sche Ab­wei­chun­gen ger­ne mit ab­sicht­li­chen Run­dun­gen er­klärt, was si­cher kaum halt­bar ist.

Vie­le In­ter­pre­ta­ti­o­nen der Na­men be­frie­di­gen nicht. Es wird oft über­se­hen, dass es letzt­end­lich um Na­men in ei­nem Ka­len­der geht, al­so dort, wo Zah­len ins Spiel kom­men, um Ka­len­der­arith­me­tik im Zu­sam­men­hang mit der chro­no­lo­gi­schen Ab­bil­dung der bib­li­schen Er­eig­nis­se vom Fas­ten, Lei­den, Ster­ben und Auf­er­ste­hen Je­su im Ka­len­der­jahr.

Für uns ist es heu­te schwie­rig, la­tei­ni­sche Na­men nach­zu­voll­zie­hen, wo wir doch im kirch­li­chen Um­feld fast kei­ne la­tei­ni­schen Aus­drü­cke, For­meln, Be­kennt­nis­se oder Glau­bens­sät­ze mehr nut­zen. Ein Sonn­tags­na­me wie Sep­tu­a­ge­si­mä dürf­te heu­te auch prak­ti­zie­ren­den Chris­ten kaum et­was sa­gen. Die Na­men schei­nen auf for­mel­le Be­zeich­nun­gen re­du­ziert, ähn­lich den Zah­len, die da­zu die­nen, Ta­ge im Mo­nat zu kenn­zeich­nen. Es sind oft nur noch »La­bels«, Auf­kle­ber oh­ne in­halt­li­che Be­deu­tung.

Heu­te hei­ßen die­se Sonn­ta­ge da­her recht schlicht »3. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit«, »2. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit«, »Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit« und »1. Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit«, wenn auch die al­ten Be­zeich­nun­gen nach wie vor gel­ten, hier und da in Ge­brauch sind und in Le­se­ord­nun­gen und kirch­li­chen Ka­len­dern ab­ge­druckt wer­den.

 

A. Der Ur­sprung der Na­mens­ge­bung

Die Na­mens­ge­bung wur­zelt in ei­ner ge­wis­sen the­o­lo­gisch-re­li­gi­ö­sen Nu­me­ro­lo­gie: Zah­len be­kom­men Be­deu­tung, ins­be­son­de­re im ri­tu­el­len und heils­ge­schicht­li­chen Sinn. Doch wel­chen Sinn ha­ben die Zah­len 70, 60, 50 und 40, die sich in den la­tei­ni­schen Na­men die­ser Sonn­ta­ge ver­ber­gen?

Die­se Zah­len be­schrei­ben ganz schlicht Zeit­span­nen, al­so 70 Ta­ge, 60 Ta­ge, 50 Ta­ge und 40 Ta­ge, die je­weils ab dem be­stimm­ten Sonn­tag zäh­len.

Die Sonn­ta­ge stel­len für die je­wei­li­ge li­tur­gi­sche Zeit­span­ne den Be­ginn, ei­ne öff­nen­de Klam­mer dar, die End­punk­te schlie­ßen die Klam­mer und so die Zeit­span­ne ab.

Um den je­weils letz­ten Tag zu er­mit­teln, der die Zeit­span­ne im Ka­len­der ab­schließt, ge­nügt es, ab dem je­wei­li­gen Sonn­tag die ge­nann­te Zahl an Ta­gen ab­zu­zäh­len. [→↗2] Das Er­geb­nis ist je­weils ein wich­ti­ger li­tur­gi­scher und zu­gleich heils­ge­schicht­lich be­deu­t­sa­mer Tag im Ka­len­der.

 

B. Die Zeit von Grün­don­ners­tag bis zum En­de der Os­ter­wo­che

Die Zeit zwi­schen den Sonn­ta­gen Sep­tu­a­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä spie­gelt mit ih­ren Sonn­tags­na­men die ge­sam­te Zeit­span­ne zwi­schen → Grün­don­ners­tag und → Qua­si­mo­do­ge­ni­ti und rich­tet so den Blick auf das → Tri­du­um Sac­rum, das Tri­du­um Pas­cha­le und die Os­ter­ok­tav.

 

C. Die Sonntage und ihre Namen

 

1. Sep­tu­a­ge­si­mä

Der Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­mä (lat.: sep­tua­ge­si­ma: Sieb­zigs­ter) ist – so­fern im Ka­len­der vor­han­den! [→↗3] – der drit­te Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit.

Der Na­me be­deu­tet: der sieb­zigs­te [Tag]. Der Sonn­tag liegt 63 Ta­ge vor Os­tern. Er zeigt nicht auf Os­ter­sonn­tag, son­dern auf das En­de der Os­ter­wo­che, auf den Tag vor dem Sonn­tag → Qua­si­mo­do­ge­ni­ti, den sieb­zig­sten Tag ab Sep­tu­a­ge­si­mä.

Die mit­tel­al­ter­li­che Be­zeich­nung »Do­mi­ni­ca sep­tu­a­ge­si­me« ist ein fes­ter Na­me für die­sen Sonn­tag. Über­setzt wür­de er et­wa lau­ten: »Sonn­tag, wel­cher der 70. [Tag vor Qua­si­mo­do­ge­ni­ti] ist«.

Der Na­me be­zeich­net so­mit die sieb­zig­tä­gi­ge Zeit zwi­schen dem Sams­tag vor Sep­tu­a­ge­si­mä, an dem letzt­mals vor Os­tern das drei­fa­che Hal­le­lu­ja im Got­tes­dienst ge­sun­gen wer­den durf­te, und dem Sonn­tag Qua­si­mo­do­ge­ni­ti, an dem es erst­mals nach Os­tern wie­der sei­nen Platz im Got­tes­dienst hat­te.

 

1.1. Die Be­deu­tung als Fas­ten­zeit

Heu­te ken­nen wir als vor­ös­ter­li­che Fas­ten­zeit die Zeit von Ascher­mitt­woch bis Kar­sams­tag. Das war in der Kir­chen­ge­schich­te kei­nes­wegs im­mer so.

In der al­ten Kir­che gab es ei­ne Zeit [→↗4], in der die Fas­ten­zeit mit dem Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­mä be­gann. Dies be­grün­de­te sich so:

We­gen der Ver­eh­rung des Him­mel­fahrts­ta­ges, im­mer ein Don­ners­tag, wur­de der fünf­te Wo­chen­tag, al­so der Don­ners­tag, fei­er­lich be­gan­gen. An die­sem Tag wur­de wie an Sonn­ta­gen (Ver­eh­rung des Auf­er­ste­hungs­ta­ges) in Fas­ten­zei­ten nicht ge­fas­tet. [→↗5]

In die­ser Fas­ten­zeit wa­ren al­so Sonn­ta­ge und Don­ners­ta­ge nicht zu zäh­len. Ei­ne Fas­ten­wo­che um­fass­te fünf Fas­ten­ta­ge.

An­ders als in spä­te­ren Zei­ten en­de­te die Fas­ten­zeit am Sams­tag vor Palm­sonn­tag, nicht am Kar­sams­tag. Mit dem Palm­sonn­tag be­gann die hei­li­ge Wo­che, die dann als ge­son­der­ter Ab­schnitt mit wei­te­ren Fas­ten­ta­gen als Trau­er­fas­ten und Os­ter­fas­ten ge­rech­net wur­de.

Wer­den nun rück­wärts nach die­ser Re­gel ab dem Sams­tag vor Palm­sonn­tag, dem letz­ten Fas­ten­tag, 40 Ta­ge ge­zählt, oh­ne Sonn­ta­ge und oh­ne Don­ners­ta­ge zu zäh­len (das sind ge­nau acht Wo­chen), be­ginnt das Fas­ten am Mon­tag nach Sep­tu­a­ge­si­mä. Die 40-tä­gi­ge Fas­ten­zeit wird ein­ge­schlos­sen durch die Sonn­ta­ge Sep­tu­a­ge­si­mä und Pal­ma­rum.

Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne schreibt in sei­ner Le­gen­da Au­rea nach der Er­klä­rung, dass an Don­ners­ta­gen nicht ge­fas­tet wur­de: »Zum Aus­gleich füg­ten die hei­li­gen Vä­ter ei­ne Wo­che zur Fas­ten­zeit hin­zu und nann­ten sie Sep­tua­ge­si­ma.« [→↗5].

Doch die­se Er­klä­rung ist nicht hin­rei­chend. Der Na­me Sep­tua­ge­si­mä ist si­cher nicht aus der 40-tä­gi­gen Fas­ten­zeit ab­zu­lei­ten.

 

An­mer­kun­gen:

 

 
Dass es in der Wo­che nach Sep­tu­a­ge­si­mä ir­gend­wann im Lau­fe der Ge­schich­te Fas­ten­ta­ge gab, ist si­cher rich­tig. So wa­ren der Mitt­woch und der Frei­tag so­wie­so ver­pflich­ten­de Fas­ten­ta­ge in fast al­len Wo­chen des Jah­res, auch in je­ner Wo­che.

Und → Er­win Mühl­haupt (Bd. 2, S. 155) weist dar­auf hin, dass sich Lu­thers Be­zeich­nun­gen »Gold­fas­ten oder Not­fas­ten« bzw. »Gold­fas­ten oder Fron­fas­ten« (Lu­thers Wo­chen­pre­dig­ten 1530/1532, zu Mt 6,16–18, → WA 32,428–436) auf die Qua­tem­ber­ta­ge des Jah­res be­zie­hen, wo­bei er das ers­te Qua­tem­ber­fas­ten am Mitt­woch, Frei­tag und Sams­tag nach Sep­tu­a­ge­si­mä im Ka­len­der ver­or­tet. Dies scheint nicht halt­bar zu sein.

Das Fron­fas­ten meint das »Qua­tem­ber­fas­ten« (ver­kürzt aus lat.: Quat­tu­or tem­po­rum, vier [Jah­res-] Zei­ten). Es wur­de mitt­wochs, frei­tags und sams­tags zum Be­ginn der vier Jah­res­zei­ten be­gan­gen.

Sie­he → Le­gen­da Au­rea Sei­te 503 ff., Ar­ti­kel Qua­tem­ber­fas­ten. »Das ers­te der­ar­ti­ge Fas­ten fin­det im März statt, d. h. in der ers­ten Fas­ten­wo­che, …«. (S. 503)

In den An­mer­kun­gen da­zu ist zu le­sen (S. 502), dass die Sy­no­de von 1078 un­ter Papst Gre­gor VII. (1073–1085) die Ter­mi­ne für das Qua­tem­ber­fas­ten fest­ge­legt hat­te. Dann kann seit je­ner Zeit das Qua­tem­ber­fas­ten im Früh­ling nicht in der Wo­che nach Sep­tu­a­ge­si­mä ge­le­gen ha­ben. Sep­tu­a­ge­si­mä liegt zwi­schen dem 18. Ja­nu­ar und dem 21. Fe­bru­ar ei­nes Jah­res, je­doch nie im März.

Das macht ei­ne Er­klä­rung der Sep­tu­a­ge­si­mä-Wo­che als Fas­ten­wo­che noch schwie­ri­ger. Lu­thers Gold- oder Fron­fas­ten (Qua­tem­ber­fas­ten) wä­re da­mals Teil des Qua­dra­ge­si­ma ma­jor, der gro­ßen, vier­zig­tä­gi­gen Fas­ten­zeit vor Os­tern, ge­we­sen.

 

 

1.2. Die Be­deu­tung in der mit­tel­al­ter­li­chen Tauf­pra­xis

Die Zeit­span­ne Sep­tua­ge­si­ma, vom Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­mä bis zum Sams­tag vor dem »Wei­ßen Sonn­tag« (lat.: Do­mi­ni­ca Al­ba, das ist der Sonn­tag Qua­si­mo­do­ge­ni­ti, der Sonn­tag nach Os­tern), war ei­ne Zeit der Vor­be­rei­tung für die christ­li­che Tau­fe und die Ein­füh­rung der Täuf­lin­ge (Ka­te­chu­me­nen) in die Ge­mein­de.

In der frü­hen Kir­che wur­den Tau­fen fast aus­schließ­lich in der Os­ter­nacht voll­zo­gen. Da­bei ging es um die Tau­fe er­wach­se­ner Men­schen. Die neu­ge­tauf­ten Chris­ten tru­gen wäh­rend der ge­sam­ten Os­ter­wo­che (das ist die Wo­che nach Os­tern) wei­ße Ge­wän­der, um ih­re neue Rein­heit und Zu­ge­hö­rig­keit zu Chris­tus zu sym­bo­li­sie­ren.

Der Sams­tag vor dem »Wei­ßen Sonn­tag« war der letz­te Tag die­ser Vor­be­rei­tungs­zeit und der Ein­füh­rung der Neu­ge­tauf­ten in die christ­li­che Ge­mein­de.

Am »Wei­ßen Sonn­tag« leg­ten die Neu­ge­tauf­ten ih­re wei­ßen Ge­wän­der ab und wa­ren von die­sem Tag an Teil der christ­li­chen Ge­mein­schaft.

Heu­te lässt sich die Ge­gen­wart des alt­kirch­li­chen Na­mens Sep­tu­a­ge­si­mä für die­sen Sonn­tag im Ka­len­der nicht mehr mit der Tauf­pra­xis be­grün­den. Die kirch­li­che Pra­xis der Tau­fe und der Vor­be­rei­tung für die Ein­füh­rung in die Chris­ten­ge­mein­de hat sich mit der nun üb­li­chen Kinds­tau­fe kom­plett ge­än­dert.

 

1.3. Die Be­deu­tung als Ver­sinn­bild­li­chung

Be­reits im Mit­tel­al­ter kam die nu­me­ro­lo­gisch be­grün­de­te Er­klä­rung auf, die Zeit­span­ne Sep­tua­ge­si­ma stel­le die 70 Jah­re dar, in de­nen die Kin­der Is­ra­els in der Ba­by­lo­ni­schen Ge­fan­gen­schaft wa­ren. [→↗6]

In die­ser Zeit wur­de auf Lob­ge­sän­ge ver­zich­tet (ge­mäß → Psalm 137,4: »Wie sol­len wir den Lob­ge­sang des Herrn sin­gen im frem­den Land?«).

Bis Kar­sams­tag wur­de da­her in den Mes­sen kein »Hal­le­lu­ja« mehr ge­sun­gen. [→↗7]

Am Kar­sams­tag durf­te ein ein­fa­ches Hal­le­lu­ja ge­sun­gen wer­den, was die Freu­de über die im 60. Jahr vom ba­by­lo­ni­schen Kö­nig er­teil­te Er­laub­nis zur Rück­kehr der De­por­tier­ten nach Je­ru­sa­lem ver­sinn­bild­li­chen soll­te. [→↗8]

Am Sams­tag vor Qua­si­mo­do­ge­ni­ti durf­te ein dop­pel­tes Hal­le­lu­ja ge­sun­gen wer­den, was die Freu­de der Rück­keh­ren­den auf ih­rem Weg nach Je­ru­sa­lem ver­sinn­bild­li­chen soll­te. [→↗9]

Doch erst am Sonn­tag Qua­si­mo­do­ge­ni­ti er­klang wie­der das drei­fa­che »Hal­le­lu­ja, Hal­le­lu­ja, Hal­le­lu­ja« in den Kir­chen. [→↗10] Die 70-tä­gi­ge Zeit­span­ne, wel­che die 70-jäh­ri­ge Ver­ir­rung in der Ver­ban­nung sym­bo­li­siert, war vor­über.

Bis heu­te wird der Zeit­span­ne Sep­tua­ge­si­ma die­se Be­deu­tung zu­ge­mes­sen, um den Sonn­tags­na­men zu er­klä­ren. Ob­wohl die kirch­li­che Pra­xis das kaum stützt: Das drei­fa­che Hal­le­lu­ja wird längst in der Os­ter­wo­che vor Qua­si­mo­do­ge­ni­ti ge­sun­gen. [→↗11]

Die Os­ter­wo­che the­ma­ti­siert die Rück­kehr der Ju­den aus der Ba­by­lo­ni­schen Ge­fan­gen­schaft nicht.

 

 

 

2. Se­xa­ge­si­mä

Der Sonn­tag Se­xa­ge­si­mä (lat. se­xa­ge­si­ma: sech­zig) ist der zwei­te Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit.

Der Na­me be­deu­tet: [die Zeit] der sech­zig [Ta­ge]. Er liegt 56 Ta­ge vor Os­tern. Er zeigt nicht auf Os­ter­sonn­tag, son­dern auf die Mit­te der Os­ter­wo­che, auf den Mitt­woch nach Os­ter­sonn­tag, den sech­zig­sten Tag ab Se­xa­ge­si­mä.

Der Na­me nennt die Zahl der Ta­ge ab die­sem Sonn­tag bis zum En­de des (mit­tel­al­ter­li­chen) → Tri­du­um Pas­cha­le  bzw. bis zum letz­ten der vier hei­li­gen Ta­ge, Os­ter­sonn­tag bis Mitt­woch der Os­ter­wo­che, die im Mit­tel­al­ter ei­ne be­son­de­re Ver­eh­rung er­fuh­ren. [→↗12]

Die mit­tel­al­ter­li­che Be­zeich­nung »Do­mi­ni­ca se­xa­ge­si­me« ist ein fes­ter Na­me für die­sen Sonn­tag. Über­setzt wür­de er et­wa lau­ten: »Sonn­tag, wel­cher der 60. [Tag vor dem En­de der hei­li­gen vier Ta­ge] ist«.

Schon im Mit­tel­al­ter tat man sich schwer, den Na­men des Sonn­tags Se­xa­ge­si­mä zu er­klä­ren. Er­klä­run­gen ver­wei­sen auf Fas­ten­zei­ten, auf bib­li­sche Zah­len­sym­bo­lik und auf es­cha­to­lo­gi­sches Heils­ge­sche­hen.

 

2.1. Die Be­deu­tung als Fas­ten­wo­che

Einst sol­len Papst Mil­i­ta­des (Mel­chi­a­des; Papst von 311 bis 314) und der hei­li­ge Sil­ves­ter (Papst von 314 bis 335) ver­fügt ha­ben, dass an Sams­ta­gen zwei­mal zu es­sen sei, um die Ge­fahr von Man­gel­er­näh­rung durch das Frei­tags­fas­ten zu ver­mei­den. [→↗13]

Da die­se Re­gel auch in der gro­ßen, vor­ös­ter­li­chen Fas­ten­zeit (der Qua­dra­ge­si­ma ma­jor) galt, wur­de an Sonn­ta­gen und folg­lich auch an Sams­ta­gen nicht ge­fas­tet.

Nun ent­fie­len da­durch sechs Fas­ten­ta­ge in den Fas­ten­wo­chen. Die Päps­te sol­len da­her zu­gleich ver­fügt ha­ben, dass die Fas­ten­zeit eine Wo­che frü­her be­gin­ne. Ge­fas­tet wur­de nun vom Sonn­tag Se­xa­ge­si­mä bis zum Kar­sams­tag, fak­tisch vom Mon­tag nach Se­xa­ge­si­ma bis Kar­frei­tag, weil an Sonn­ta­gen und Sams­ta­gen nach päpst­li­cher Ver­fü­gung nicht ge­fas­tet wur­de. So er­ge­ben sich ge­nau 40 Fas­ten­ta­ge im Ka­len­der.

Doch die­se Dar­stel­lung ge­nügt nicht, um den Na­men Se­xa­ge­si­mä für die­sen Sonn­tag zu er­klä­ren. Es wür­de nur er­klä­ren, dass der 40-tä­gi­gen Fas­ten­zeit (die Qua­dra­ge­si­ma) nun am Tag nach Se­xa­ge­si­mä be­gann.

 

2.2. Die Be­deu­tung aus Zah­len­sym­bo­lik her­aus

Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne schreibt in sei­ner Le­gen­da Au­rea: Se­xa­ge­si­ma heißt sechs mal zehn: »Un­ter 6 sol­len wir die sechs Wer­ke der Barm­her­zig­keit, un­ter 10 die zehn Ge­bo­te ver­ste­hen.« [→↗14]

Die sechs Wer­ke der Barm­her­zig­keit sind in Mt 25,31-46 ge­nannt: 1. Hun­ger stil­len, 2. Durst stil­len, 3. Frem­de be­her­ber­gen, 4. Nack­te be­klei­den, 5. Kran­ke be­su­chen und 6. Ge­fan­ge­ne be­su­chen.

Je­des die­ser sechs Wer­ke be­grün­det sich in den zehn Ge­bo­ten und wird aus ih­nen her­aus voll­bracht. 6 x 10 = 60.

Theo­lo­gisch wur­de je­ne Zeit als eine Zeit der Ver­wit­wung der Kir­che ge­se­hen, denn der Bräu­ti­gam war ent­rückt (Him­mel­fahrt). Zu­rück blie­ben zum Trost zwei Flü­gel, die kirch­li­ches Han­deln tra­gen kön­nen: die sechs Wer­ke der Barm­her­zig­keit und die zehn Ge­bo­te.

Auch die­se Er­läu­te­run­gen er­klä­ren den Na­men Se­xa­ge­si­mä nicht hin­rei­chend. We­der am Sonn­tag Se­xa­ge­si­mä noch in fol­gen­den Wo­chen geht es um die Ver­wit­wung der Kir­che durch die Ent­rü­ckung des Bräu­ti­gams.

Den ein­zi­gen schwa­chen Hin­weis bie­tet der In­troi­tus zu die­sem Tag: »Exsurge, quare obdormis, Domine« (»Wach auf! War­um schläfst du, Herr?«, → Psalm 44,24).

Doch die­ser In­troi­tus steht in Fol­ge des In­troi­tus zum vor­her­ge­hen­den Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­mä: »Circumdederunt me« (»Es um­ring­ten mich«, → Psalm 18,5). Die dort be­dräng­te Kir­che ruft nun den Herrn, auf­zu­ste­hen und nicht zu schla­fen, da­mit er sie er­ret­te. Dies hat nichts mit Ent­rü­ckung, Him­mel­fahrt und Ver­wit­wung der Kir­che zu tun.

 

2.3. Die Be­deu­tung aus dem Ge­heim­nis der Er­lö­sung

Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne schreibt in sei­ner Le­gen­da Au­rea: »Un­ter 10 ist der Mensch zu ver­ste­hen. [...] Un­ter der Zahl 6 ver­steht man die sechs Ge­heim­nis­se, durch die der Mensch, das zehn­te We­sen, er­löst wur­de: Fleisch­wer­dung, Ge­burt, Pas­si­on, Höl­len­fahrt, Auf­er­ste­hung, Him­mel­fahrt.« [→↗15]

Wei­ter schreibt er: »So dehnt sich Se­xa­ge­si­ma bis zum 4. Wo­chen­tag (Mitt­woch) nach Os­tern aus, an dem man Ve­ni­te be­ne­dicti pat­ris mei („Kommt, ihr Ge­seg­ne­ten mei­nes Va­ters," → Mt 25,34) singt, denn die sich in den Wer­ken der Barm­her­zig­keit üben, wer­den hö­ren „Kommt, ihr Ge­seg­ne­ten", wie Chris­tus selbst be­zeugt, denn dann wird man der Braut die Tür öff­nen, und sie wird die Um­ar­mung des Bräu­ti­gams ge­nie­ßen.«

Aber auch die­se Er­läu­te­run­gen er­klä­ren den Na­men Se­xa­ge­si­mä in­halt­lich nicht hin­rei­chend.

Üb­rig bleibt ein­deu­tig nur die Be­deu­tung von Se­xa­ge­si­ma als 60-tä­gi­ge Zeit­span­ne, wie es auch von Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne mehr­fach an­ge­führt wur­de. Der Sinn da­hin­ter bleibt eben­so viel­deu­tig wie rät­sel­haft.

 

 

 

3. Quin­qua­ge­si­mä

Der Sonn­tag Quin­qua­ge­si­mä (lat. quin­qua­ge­si­ma: fünf­zig) ist der letz­te Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit. Heu­te wird er fast nur noch un­ter den Na­men »Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit« oder »Es­to­mi­hi« ge­führt. Doch seit dem Mit­tel­al­ter ist auch die la­tei­ni­sche Be­zeich­nung Quin­qua­ge­si­mä ge­bräuch­lich.

Der Na­me be­deu­tet: [die Zeit] der fünf­zig [Ta­ge]. Er liegt 49 Ta­ge vor Os­tern und zeigt tat­säch­lich auf Os­ter­sonn­tag, dem fünf­zig­sten Tag ab Quin­qua­ge­si­mä.

Der Na­me nennt die Zahl der Ta­ge ab die­sem Sonn­tag bis zum En­de des → Tri­du­um Sac­rum und dem Be­ginn des (mit­tel­al­ter­li­chen) Tri­du­um Pas­cha­le. 

Die mit­tel­al­ter­li­che Be­zeich­nung »Do­mi­ni­ca quin­qua­ge­si­me« ist ein fes­ter Na­me für die­sen Sonn­tag. Über­setzt wür­de er et­wa lau­ten: »Sonn­tag, wel­cher der 50. [Tag vor Os­ter­sonn­tag] ist«.

 

3.1. Die Be­deu­tung als Fas­ten­wo­che

Auch Quin­qua­ge­si­ma wur­de mit ei­ner zu­sätz­li­chen Fas­ten­wo­che im Ka­len­der be­grün­det.

So war klar, dass die Fas­ten­zeit (Qua­dra­ge­si­ma) ab dem Sonn­tag Qua­dra­ge­si­mä nur 36 Ta­ge um­fas­sen konn­te, wes­halb vier Ta­ge vor dem Sonn­tag Qua­dra­ge­si­mä zur Fas­ten­zeit ge­rech­net wur­den. Die Fas­ten­zeit be­gann am Ascher­mitt­woch. [→↗16]

An­ders als das Volk fas­te­ten die Kle­ri­ker auch an den bei­den Ta­gen vor Ascher­mitt­woch. So wur­de schließ­lich ei­ne gan­ze Wo­che dar­aus, die man Quin­qua­ge­si­ma nann­te. Das sei so be­reits von »Papst« Te­les­pho­rus (Bi­schof von Rom um 125 bis um 136) an­ge­ord­net wor­den.

Der Na­me Quin­qua­ge­si­ma lässt sich aus die­sen 6 Fas­ten­ta­gen vor dem Sonn­tag Qua­dra­ge­si­mä nicht er­klä­ren. Zwar sind es ab dem Sonn­tag Quin­qua­ge­si­mä 50 Ka­len­der­ta­ge bis Os­tern, doch sind es in­klu­si­ve der zu­sätz­li­chen zwei Fas­ten­ta­ge für die Kle­ri­ker nur 42 Fas­ten­ta­ge. Auch oh­ne die Ver­län­ge­rung der Fas­ten­zeit wä­ren es 50, al­so Quin­qua­ge­si­ma, Ka­len­der­ta­ge.

Es ist kei­ne Ver­bin­dung zwi­schen dem Na­men des Sonn­tags und der Fas­ten­zeit er­kenn­bar.

 

3.2. Die Be­deu­tung des 50. Jahrs, des Er­lass­jahrs

Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne schreibt in sei­ner Le­gen­da Au­rea: »Quin­qua­ge­si­ma be­deu­tet Zeit der Ver­ge­bung, d. h. Zeit der Bu­ße, nach der al­les ver­ge­ben wird, denn das 50. Jahr war das Ju­bel­jahr, das Jahr der Ver­ge­bung, weil da Schul­den er­las­sen, die Skla­ven be­freit wur­den und al­le in ih­re Be­sit­zun­gen zu­rück­kehr­ten.« [→↗17]

Dies ist ein sehr wich­ti­ges The­ma, dem auch heu­te the­o­lo­gisch Be­deu­tung zu­fal­len soll­te. Doch es ist sehr si­cher nicht die Ur­sa­che für den Na­men des Sonn­tags Quin­qua­ge­si­mä.

 

3.3. Die Ver­sinn­bild­li­chung mit­tels Zah­len­sym­bo­lik

Nach Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne ist die Zahl 50 mehr­fach von Be­deu­tung: »Denn im 50. Jahr wur­den die Skla­ven frei, am 50. Tag nach dem Tag des Op­fer­lamms wur­de das Ge­setz er­las­sen, am 50. Tag nach Os­tern wur­de der hei­li­ge Geist ver­lie­hen, da­rum ver­sinn­bild­licht die Zahl 50 die Se­lig­keit, in der sich Er­lan­gung der Frei­heit, Er­kennt­nis der Wahr­heit und Voll­en­dung der Lie­be ein­stel­len wer­den.« [→↗18]

Nach dem sor­gen­vol­len Schrei »Cir­cum­de­de­runt me« (»Es um­ring­ten mich«, → Psalm 18,5) vom Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­mä, und dem Hil­fe­ruf »Ex­sur­ge, qua­re ob­dor­mis, Do­mi­ne« (»Wach auf! War­um schläfst du, Herr?«, → Psalm 44,24) vom Sonn­tag Se­xa­ge­si­mä folgt nun als In­troi­tus zu die­sem Sonn­tag kon­se­quen­ter­wei­se die Bit­te »Es­to mi­hi in de­um pro­tec­to­rem« (»Sei mir ein schüt­zen­der Gott«, → Psalm 31,3).

Die wohl be­deu­tsams­te Er­klä­rung lie­fert Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne am En­de sei­nes Ka­pi­tels über Quin­qua­ge­si­ma: »Quin­qua­ge­si­ma en­det [...] an Os­tern, weil die Bu­ße uns zu ei­nem neu­en Le­ben auf­er­ste­hen lässt.« [→↗19]

 

 

 

4. Qua­dra­ge­si­mä

Der Sonn­tag Qua­dra­ge­si­mä (lat. qua­dra­ge­si­ma: vier­zig) ge­hört be­reits zur Pas­si­ons­zeit und wird heu­te fast nur noch un­ter den Na­men »Ers­ter Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit« oder »In­vo­ka­vit« ge­führt. Doch seit dem Mit­tel­al­ter ist auch die Be­zeich­nung Qua­dra­ge­si­mä ge­bräuch­lich.

Der Na­me be­deu­tet: [die Zeit] der vier­zig [Ta­ge]. Er nennt da­mit die Zahl der Ta­ge ab die­sem Sonn­tag bis Grün­don­ners­tag, bis zum Be­ginn des (mit­tel­al­ter­li­chen) Tri­du­um Sac­rum und der Pas­si­on Chris­ti.

Die mit­tel­al­ter­li­che Be­zeich­nung »Do­mi­ni­ca qua­dra­ge­si­me« ist ein fes­ter Na­me für die­sen Sonn­tag. Über­setzt wür­de er et­wa lau­ten: »Sonn­tag, wel­cher der 40. [Tag vor dem Be­ginn der Pas­si­on Chris­ti] ist«.

Der dop­pel­deu­ti­ge Na­me

Ob­wohl der Sonn­tag Qua­dra­ge­si­mä (In­vo­ka­vit) der ers­te Sonn­tag in der Fas­ten­zeit ist, hat der Na­me pri­mär nichts mit der vier­zig­tä­gi­gen Fas­ten­zeit zu tun. [→↗20]

Vom Na­men des Sonn­tags zu un­ter­schei­den ist die na­mens­glei­che »Qua­dra­ge­si­ma«, die 40 Ta­ge um­fas­sen­de Fas­ten­zeit.

Heu­te wird je­doch der Na­me fast aus­schließ­lich mit der Fas­ten­zeit be­grün­det, ob­wohl al­le Er­klä­run­gen im­mer er­läu­tern müs­sen, wa­rum die 40-tä­gi­ge Fas­ten­zeit gar nicht an die­sem Sonn­tag be­ginnt.

Teil­wei­se führt das zu pa­ra­do­xen Er­klä­run­gen. So schreibt Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne in der Le­gen­da Au­rea zu­nächst: »Qua­dra­ge­si­ma, die Fas­ten­zeit, be­ginnt am Sonn­tag, an dem man In­vo­ca­vit me (Er rief mich an [...]) singt«, [→↗21] was ein­deu­tig falsch ist.

Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne kor­ri­giert das auch kurz da­rauf, in­dem er aus­führt, dass Qua­dra­ge­si­ma 42 Ta­ge um­fas­se, und oh­ne Sonn­ta­ge nur 36 Fas­ten­ta­ge blie­ben, wes­halb die vier Ta­ge vor dem Sonn­tag, an dem man In­vo­ca­vit me singt, zur Fas­ten­zeit hin­zu­zu­rech­nen sei­en. Man be­ach­te, wie er be­müht ist zu ver­mei­den, das Wort Qua­dra­ge­si­ma in der Be­deu­tung 40-tä­gi­ge Fas­ten­zeit als Sonn­tags­na­men zu ver­wen­den.

Tat­säch­lich wur­de der Sonn­tag auch als »Do­mi­ni­ca pri­ma Qua­dra­ge­si­me« be­zeich­net (»ers­ter Sonn­tag in der Fas­ten­zeit«), was ihn zwar als Sonn­tag der Fas­ten­zeit aus­zeich­ne­te, aber kaum sein ei­gent­li­cher Na­me war. Die fol­gen­den Sonn­ta­ge (Re­mi­nis­ze­re, Oku­li, etc.) wur­den ent­spre­chend »Do­mi­ni­ca se­cun­da Qua­dra­ge­si­me« (zwei­ter Sonn­tag der Fas­ten­zeit), »Do­mi­ni­ca ter­tia Qua­dra­ge­si­me« usw. ge­nannt.

Was folgt nun dar­aus?

Ein­mal ha­ben wir mit Qua­dra­ge­si­mä (Do­mi­ni­ca Qua­dra­ge­si­mä) den Na­men ei­nes Sonn­tags, der ei­ne 40-tä­gi­ge Zeit­span­ne ein­lei­tet, die de­fi­ni­tiv an die­sem Sonn­tag be­ginnt, ent­spre­chend den Zeit­span­nen Quin­qua­ge­si­ma, Se­xa­ge­si­ma und Sep­tu­a­ge­si­ma. Die Zeit­span­ne en­det am Grün­don­ners­tag.

Dann ha­ben wir mit Qua­dra­ge­si­mä ei­nen ver­kürz­ten Na­men, der in der vol­len Schreib­wei­se Do­mi­ni­ca pri­ma Qua­dra­ge­si­mä hei­ßen müss­te, ers­ter Sonn­tag in der 40-tä­gi­gen Fas­ten­zeit. Die Fas­ten­zeit be­ginnt am Ascher­mitt­woch (»Qua­dra­ge­si­ma in­trans«, »Start der Fas­ten­zeit«) und en­det am Kar­sams­tag (»Sab­ba­tum pas­cha­le«, Sams­tag vor Os­tern), wo­bei bei der Zäh­lung der Ta­ge die Sonn­ta­ge nicht mit­ge­zählt wer­den.

 

 

D. Zu­sam­men­fas­sung der Er­geb­nis­se

1. Die Ge­gen­wart feh­ler­haf­ter Er­klä­run­gen

Die Sonn­tags­na­men Sep­tu­a­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä sind nur schwer­lich er­klär­bar.

Vie­le al­te Er­klä­run­gen, wie sie sich in der Le­gen­da Au­rea fin­den, wir­ken auf­ge­setzt und nach­träg­lich kon­stru­iert, weil die Fra­gen nach dem Sinn der Zah­len­wer­te sich im­mer stell­ten und nach li­tur­gi­schen Ant­wor­ten dräng­ten. Sie ver­de­cken al­ler­dings nicht zu­letzt durch die Au­to­ri­tät ih­rer Au­to­ren letzt­end­lich den wah­ren Sinn, der sich hin­ter den Na­men ver­birgt.

Al­le Er­klä­run­gen, die von »Run­dun­gen« oder »sym­bo­li­schen Zah­len­wer­ten« aus­ge­hen, sind halt­los, weil simp­les Ab­zäh­len von Ta­gen im Ka­len­der sehr schnell nach­weist, dass es für be­stimm­te Er­klä­rungs­an­sät­ze mit den run­den Zah­len 70, 60, 50 oder 40 gar nicht klappt. [→↗22]

Es gibt au­ßer Mut­ma­ßun­gen we­der lo­gi­sche noch ver­nünf­ti­ge Grün­de, sol­che Ab­wei­chun­gen in kon­zep­ti­o­nel­len Be­rech­nun­gen als Run­dun­gen oder nu­me­ro­lo­gi­sche Sym­bo­lik zu deu­ten. Dies un­ter­stellt zu­dem den al­ten Vä­tern der Kir­chen­ord­nun­gen, dass sie es mit Ka­len­der­arith­me­tik nicht so ge­nau nah­men. Doch die Ge­stalt der kirch­li­chen Ka­len­der be­legt et­was an­de­res.

 

Die Er­klä­rung im evan­ge­li­schen Pe­ri­ko­pen­buch

Für uns evan­ge­li­sche Chris­ten ist das Pe­ri­ko­pen­buch ei­ne wich­ti­ge Quel­le, die das evan­ge­li­sche Kir­chen­jahr er­klärt und füllt. Doch auch die Aus­füh­run­gen im ak­tu­el­len Pe­ri­ko­pen­buch 2018 sind si­cher nicht halt­bar. Dort heißt es:

»Im 6. Jahr­hun­dert wur­de der vier­zig­tä­gi­gen Fas­ten­zeit (lat. qua­dra­ge­si­ma) ei­ne ›Vor­fas­ten­zeit‹ vor­an­ge­stellt. Sie be­gann mit dem heu­ti­gen Sonn­tag, der et­wa 70 Ta­ge vor Os­tern liegt, da­her stammt der la­tei­ni­sche Na­me ›Sep­tua­ge­si­mä‹ (der Sieb­zigs­te). Der nach­fol­gen­de Sonn­tag heißt dem­ent­spre­chend ›Se­xa­ge­si­mä‹ (der Sech­zigs­te).«

(→Pe­ri­ko­pen­buch 2018, Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­mä, Er­läu­te­rungs­blatt zwi­schen den Sei­ten 134 und 135 im Ab­schnitt der Er­klä­run­gen zum »Kon­text«).

Die For­mu­lie­rung »der et­wa 70 Ta­ge vor Os­tern liegt« ge­nügt kei­nes­wegs, um den Na­men zu er­klä­ren und be­zeugt eher Un­klar­heit statt Klar­heit. Die wei­te­re For­mu­lie­rung, »Der nach­fol­gen­de Sonn­tag heißt dem­ent­spre­chend ...«, kann eben­falls we­der zur Er­klä­rung des Na­mens Sep­tu­a­ge­si­mä noch des Na­mens Se­xa­ge­si­mä bei­tra­gen.

 

2. Die Zeit­räu­me und das Os­ter­fest

Et­li­che mo­der­ne Er­klä­run­gen ge­hen fälsch­li­cher­wei­se da­von aus, dass al­le ge­nann­ten Zeit­räu­me an Os­ter­sonn­tag en­den. Doch dies trifft nur für den Zeit­raum Quin­qua­ge­si­ma zu, der am Sonn­tag Quin­qua­ge­si­mä be­ginnt.

Der kla­re Wi­der­spruch der tat­säch­li­chen Ab­stän­de der Sonn­ta­ge Sep­tu­a­ge­si­mä und Se­xa­ge­si­mä zu der mit dem Na­men ge­nann­ten Zahl 70 bzw. 60 wird dann mit ab­sicht­li­cher Run­dung oder über­ge­ord­ne­ter Zah­len­sym­bo­lik be­grün­det.

Schon die im Mit­tel­al­ter ent­stan­de­ne Le­gen­da Au­rea er­klärt un­miss­ver­ständ­lich, dass …

  • … Sep­tu­a­ge­si­ma den Zeit­raum vom Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­mä bis zum Sams­tag vor Qua­si­mo­do­ge­ni­ti be­zeich­net,
  • … Se­xa­ge­si­ma den Zeit­raum vom Sonn­tag Se­xa­ge­si­mä bis zum Mitt­woch nach Os­tern um­fasst,
  • … Quin­qua­ge­si­ma den Zeit­raum vom Sonn­tag Quin­qua­ge­si­mä bis zum Os­ter­sonn­tag meint.

Qua­dra­ge­si­mä nimmt durch den dop­pel­deu­ti­gen Na­men ei­ne Son­der­rol­le ein. Qua­dra­ge­si­mä als Sonn­tags­na­me ge­hört wie folgt in die­se Rei­he der Na­mens­ge­bun­gen:

  • Qua­dra­ge­si­ma meint den Zeit­raum vom Sonn­tag Qua­dra­ge­si­mä bis Grün­don­ners­tag.

Mit dem Sonn­tags­na­men Qua­dra­ge­si­mä ist nicht die 40-tä­gi­ge Fas­ten­zeit ge­meint.

 

3. Die 40-tä­gi­ge Fas­ten­zeit

Vom Na­men des Sonn­tags Qua­dra­ge­si­mä zu un­ter­schei­den ist die na­mens­glei­che »Qua­dra­ge­si­ma ma­jor«, die »gro­ße vier­zig­tä­gi­ge« (Fas­ten­zeit). Das la­tei­ni­sche Wort »Qua­dra­ge­si­ma« meint »der Vier­zigs­te (Tag)«, aber auch, »die Vier­zig« und ist in die­ser Be­deu­tung im re­li­gi­ö­sen Ge­brauch die üb­li­che Ver­kür­zung aus dem län­ge­ren Aus­druck »die vier­zig Ta­ge des Fas­tens (vor Os­tern)«.

Ist die Fas­ten­zeit ge­meint, müs­sen Ta­ges­be­zeich­nun­gen ge­son­dert aus­ge­zeich­net wer­den. So wird der Sonn­tag in Ur­kun­den auch do­mi­ni­ca pri­ma qua­dra­ge­si­me oder do­mi­ni­ca ini­ti­i qua­dra­ge­si­me oder »do­mi­ni­ca I. qua­dra­ge­si­me« ge­nannt, was je­weils ers­ter Sonn­tag der Fas­ten­zeit be­deu­tet.

Die­se Fas­ten­zeit be­gann nie am Sonn­tag Qua­dra­ge­si­mä, son­dern un­ter der Re­gel, dass an Sonn­ta­gen nicht ge­fas­tet wer­den darf und Kar­sams­tag der letz­te Fas­ten­tag ist, am Ascher­mitt­woch.

Nach alt­kirch­li­chen Re­geln, wo zu­sätz­lich an Don­ners­ta­gen nicht ge­fas­tet wer­den durf­te und der Sams­tag vor Pal­ma­rum der letz­te Fas­ten­tag war, be­gann die Fas­ten­zeit so­gar an Sep­tu­a­ge­si­mä. Sie war den­noch die Qua­dra­ge­si­ma ma­jor, weil sie im­mer 40 Fas­ten­ta­ge um­fass­te, egal, wann sie be­gann.

Auch die Fas­ten­zeit der al­ten Kir­che vor Weih­nach­ten (40 Ka­len­der­ta­ge ab dem 14. No­vem­ber inkl. fas­ten­frei­er Ta­ge) hieß Qua­dra­ge­si­ma (Qua­dra­ge­si­ma Mar­ti­ni [→↗23]).

In die­ser Zeit­span­ne steht Qua­dra­ge­si­ma nicht für die An­zahl der Fas­ten­ta­ge, son­dern für die Sum­me der Ka­len­der­ta­ge. Der Be­griff Qua­dra­ge­si­ma nimmt un­ter­schied­li­che Be­deu­tun­gen an.

 

4. Mög­li­che Be­deu­tun­gen im Kir­chen­jahr

Fak­tisch se­hen wir vier in­ein­an­der­ge­schach­tel­te Klam­mern im Kir­chen­jahr. Nach der Epi­pha­ni­as­zeit folgt die für die Chris­ten be­deu­tsams­te Zeit, die von Bu­ße (Vor­pas­si­ons­zeit, Pas­si­ons­zeit), es­cha­to­lo­gi­scher Er­war­tung (Palm­sonn­tag), buß­fer­ti­ger Trau­er (Kar­wo­che), Lei­den (Pas­si­on; Kar­frei­tag), stil­ler Trau­er (Gra­bes­ru­he; Kar­sams­tag), Freu­de (Os­tern) und christ­li­chem Auf­bruch (nach­ös­ter­li­che Freu­den­zeit) ge­prägt ist.

Die vier Sonn­ta­ge rich­ten un­se­ren Blick in die Zu­kunft:

  • Sep­tu­a­ge­si­mä führt uns zu­nächst in die stil­le, über­wie­gend freud­lo­se Zeit der Bu­ße, ver­weist uns aber zu­gleich auf das glück­li­che En­de. Al­le Bu­ße, Trau­er und al­les Leid mün­det in der Freu­de über die Auf­er­ste­hung und fei­ert in der nach­ös­ter­li­chen Freu­den­zeit.
    Die­se 70 Ta­ge sind die gro­ße Klam­mer, der voll­stän­di­ge Plot über die Rüst­zeit, die Zei­ten der Bu­ße, der Pas­si­on Chris­ti, der Trau­er, der Auf­er­ste­hung, der Be­geg­nun­gen mit dem Auf­er­stan­de­nen und der Freu­de dar­über.
  • Se­xa­ge­si­mä ist als Weg­mar­ke ein Hin­weis, wie schnell wir uns dem Lei­den, dem Ster­ben und der Auf­er­ste­hung nä­hern. Doch am En­de steht die Freu­de über al­les. Die 60 Ta­ge schlie­ßen die Fei­ern der hei­li­gen Zeit mit ein und en­den nach dem Tri­du­um pas­cha­le bzw. der vier hei­li­gen Os­ter­ta­ge.
  • Quin­qua­ge­si­mä trös­tet mit dem Blick auf den Os­ter­sonn­tag­mor­gen und die Auf­er­ste­hung des Herrn, der in 50 Ta­gen ge­dacht wird.
  • Qua­dra­ge­si­mä führt uns tief in die Zeit der Bu­ße und der Trau­er, in der al­le Hoff­nun­gen auf das Kom­men des Mes­si­as noch ein­mal auf­flam­men (Ein­zug in Je­ru­sa­lem, letz­tes Abend­mahl und Ein­set­zungs­wor­te). Die Zeit en­det am Grün­don­ners­tag, un­mit­tel­bar mit oder vor dem Tri­du­um Sac­rum, den hei­li­gen drei Ta­gen.
    Dann, in 40 Ta­gen, ge­den­ken wir der Pas­si­on Chris­ti.

So, wie wir zu­nächst mit den vier Sonn­ta­gen schritt­wei­se in die Zei­ten hin­ein­ge­führt wur­den, so wer­den wir mit den je­wei­li­gen En­den der Zeit­span­nen wie­der Schritt für Schritt nach au­ßen hin hin­aus­ge­führt.

 

E. Die Be­deu­tung der Sonn­ta­ge für die christ­li­che Le­bens­pra­xis

Ähn­lich den vier Sonn­ta­gen im Ad­vent, in de­nen wir uns schritt­wei­se, al­so wo­chen­wei­se dem Tag der Ge­burt des Herrn im Ka­len­der nä­hern, so ha­ben auch die vier Sonn­ta­ge Sep­tu­a­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä die pri­mä­re Funk­ti­on un­ser Be­wusst­sein suk­zes­si­ve, schritt­wei­se, Wo­che für Wo­che auf die wich­tigs­ten Er­eig­nis­se des Chris­ten­tums zu len­ken, auf Op­fer­tod und Auf­er­ste­hung Je­su.

Kar­frei­tag und Os­ter­sonn­tag sind die bei­den höchs­ten Fei­er­ta­ge der Chris­ten­heit. Sich ih­nen spi­ri­tu­ell und men­tal an­zu­nä­hern, um sich ih­rer gro­ßen Be­deu­tung für das ei­ge­ne Sein be­wusst zu wer­den, ist mehr noch als in der Ad­vents­zeit mit Blick auf die Ge­burt des Herrn si­cher wohl zu emp­feh­len­de Pra­xis.

Die­se An­nä­he­rung wird fort­ge­setzt in den auf Qua­dra­ge­si­mä (In­vo­ka­vit) fol­gen­den fünf Sonn­ta­gen, doch be­steht der Un­ter­schied da­rin, dass wir uns in die­sen Wo­chen der Pas­si­ons­zeit in­ner­halb der vier Klam­mern be­fin­den.

In der Le­bens­pra­xis geht es dann we­ni­ger um den nach vor­ne ge­rich­te­ten, trös­ten­den Blick als viel­mehr da­rum, den Mo­ment zu nut­zen. Es geht da­rum, Bu­ße und Vor­be­rei­tung (ka­tho­lisch: Fas­ten) kon­kret zu ge­stal­ten. Es geht da­rum, den Glau­ben zu ver­tie­fen, das Ver­trau­en in die Macht Got­tes zu stär­ken, die Er­kennt­nis des ei­ge­nen Seins im An­ge­sicht der Schöp­fung zu fas­sen.

Den­noch sind wir uns des­sen be­wusst, wo­von die vier Sonn­ta­ge kün­de­ten: Für evan­ge­li­sche Chris­ten ste­hen nicht das dra­ma­ti­sche Lei­den im Vor­der­grund, nicht die Selbst­kas­tei­ung, nicht de­vo­te Un­ter­wer­fung, son­dern das Hap­py End für je­ne, die dar­an glau­ben.

Und da­rum geht es: ICH glau­be!

 

 

 

An­mer­kun­gen:

 

 
[1] Sonntage in der Vorpassionszeit

Ur­sprüng­lich gab es in den Kir­chen­ka­len­dern ge­nau drei Sonn­ta­ge in der Vor­pas­si­ons­zeit: Sep­tu­a­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä und Quin­qua­ge­si­mä (Es­to­mi­hi).

Mit der »Neu­ord­nung der Got­tes­dienst­li­chen Tex­te und Lie­der«, die seit dem Kir­chen­jahr 2018/2019 gilt, er­höh­te sich durch die ver­kürz­te Epi­pha­ni­as­zeit die Zahl der Sonn­ta­ge in der Vor­pas­si­ons­zeit. Hin­zu­ge­kom­men sind der 5. und der 4. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit.

Die ge­sam­te Vor­pas­si­ons­zeit dient nun als vor­ös­ter­li­cher Puf­fer für den Zeit­raum zwi­schen dem letz­ten Sonn­tag nach Epi­pha­ni­as und dem Sonn­tag In­vo­ka­vit (Qua­dra­ge­si­mä), der im­mer 42 Ta­ge vor Os­tern liegt. Da­mit ist die Län­ge der Vor­pas­si­ons­zeit ab­hän­gig vom Os­ter­da­tum im Ka­len­der.

Die Vor­pas­si­ons­zeit um­fasst bis zu fünf Sonn­ta­ge, kann aber auch voll­stän­dig ent­fal­len:

  • 5. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit – ent­fällt, wenn Os­tern vor dem 21. (im Schalt­jahr: 20.) April liegt
  • 4. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit – ent­fällt, wenn Os­tern vor dem 14. (13.) April liegt
  • 3. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit – Sep­tu­a­ge­si­mä – ent­fällt, wenn Os­tern vor dem 7. (6.) April liegt
  • 2. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit – Se­xa­ge­si­mä – ent­fällt, wenn Os­tern vor dem 31. (30.) März liegt
  • Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit – Es­to­mi­hi – ent­fällt, wenn Os­tern am 22. März ist

Tat­säch­lich wer­den erst im Jahr 2285 al­le fünf Sonn­ta­ge ent­fal­len, und es wird kei­ne Vor­pas­si­ons­zeit ge­ben. Bis da­hin wird nach wie vor min­des­tens der Sonn­tag Es­to­mi­hi vor Ascher­mitt­woch (Be­ginn der Fas­ten­zeit) lie­gen.

 
[2] So ist es in der → Le­gen­da Au­rea er­klärt für die Zeit­span­nen Sep­tu­a­ge­si­ma (Sei­te 481), Se­xa­ge­si­ma (Sei­te 487) und Quin­qua­ge­si­ma (Sei­te 497).

 
[3] Ei­ne ge­naue­re zeit­li­che und ört­li­che An­ga­be ist der­zeit nicht mög­lich. Die vor­lie­gen­den Quel­len be­rich­ten oh­ne zeit­li­che und re­gi­o­na­le Ver­or­tung nur vom kirch­li­chen Ge­brauch. So → Gro­te­fend im Glos­sar: »Sep­tu­a­ge­si­ma, Sonn­tag Cir­cum­de­de­runt, 9. Sonn­tag vor Os­tern, und die mit ihm be­gon­ne­ne Fas­ten­zeit der äl­te­ren Kir­che.«

 
[4] Sie­he → Le­gen­da Au­rea, Sei­te 481: »Weil die hei­li­gen Vä­ter ver­fügt ha­ben, daß we­gen der Ver­eh­rung des Him­mel­fahrts­ta­ges, an dem un­se­re Na­tur in den Him­mel auf­stieg und über die Chö­re der En­gel er­ho­ben wur­de, je­weils der fünf­te Wo­chen­tag (Don­ners­tag) fei­er­lich be­gan­gen und dann kein Fas­ten ein­ge­hal­ten wer­den sol­le, denn in der al­ten Kir­che war der Don­ners­tag gleich fest­lich wie der ers­te Wo­chen­tag (Sonn­tag). [...] Zum Aus­gleich füg­ten die hei­li­gen Vä­ter ei­ne Wo­che zur Fas­ten­zeit hin­zu und nann­ten sie Sep­tu­a­ge­si­ma.«
Aus die­ser No­tiz lässt sich ab­lei­ten, dass oh­ne je­ne fas­ten­frei­en Don­ners­ta­ge die Fas­ten­zeit der Zeit­raum von Se­xa­ge­si­mä bis Pal­ma­rum war oder ge­we­sen wä­re.

 
[5] Sie­he → Le­gen­da Au­rea Sei­te 483: »Sep­tu­a­ge­si­ma stellt näm­lich die 70 Jah­re dar, in de­nen die Kin­der Is­ra­els in der Ba­by­lo­ni­schen Ge­fan­gen­schaft wa­ren.«

 
[6] Sie­he → Gro­te­fend, Glos­sar »Al­le­lu­jah clau­de­re«: »Al­le­lu­jah clau­de­re, di­mit­te­re, se­pe­li­re, al­le­lu­ja ni­der­le­gung be­zeich­net den Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­me oder den Son­na­bend vor­her, denn von die­sem Ta­ge, an wel­chem es zu­letzt er­tön­te, wur­de bis zum Os­ter­fes­te nach ei­ner Be­stim­mung des Papst­es Alex­an­der II. von 1073 das Al­le­lu­jah beim Got­tes­diens­te nicht mehr an­ge­stimmt. [...] Zu glei­cher Zeit wa­ren auch al­le öf­fent­li­chen Fest­lich­kei­ten (mey­de, hoch­ge­zi­te) und auch die Hoch­zei­ten ver­bo­ten.«

 
[7] Sie­he → Le­gen­da Au­rea Sei­te 483: »Als ih­nen Ky­ros dann spä­ter im 60. Jahr die Rück­kehr er­laub­te, be­gan­nen sie sich wie­der zu freu­en, und so sin­gen auch wir am Kar­sams­tag Al­le­lu­ja, gleich­sam im 60. Jahr, um ih­re Freu­de nach­zu­ah­men.«

 
[8] Sie­he → Le­gen­da Au­rea Sei­te 483: »Aber am Sams­tag, mit dem Sep­tu­a­ge­si­ma en­det, sin­gen wir zwei Al­le­lu­ja, um die vol­le Freu­de dar­zu­stel­len, mit der sie in ih­re Hei­mat ka­men.«

 
[9] Der Sonn­tag Qua­si­mo­do­ge­ni­ti wur­de da­her in Ur­kun­den auch als Sonn­tag »al­le­lu­ja, al­le­lu­ja, al­le­lu­ja« be­zeich­net. Sie­he → Gro­te­fend, Glos­sar: »Do­mi­ni­ca mis­se do­mi­ni al­le­lu­jah, al­le­lu­jah, al­le­lu­jah, 1. Sonn­tag nach Os­tern, wo das Cir­cum­de­de­runt ge­leg­te al­le­lu­jah bei der Mes­se wie­der auf­ge­nom­men wur­de [...].«

 
[10] Mess­bü­cher wei­sen nach, dass be­reits in der Wo­che nach Os­ter­sonn­tag das drei­fa­che Hal­le­lu­ja in Mes­se­in­gän­gen ge­nutzt wur­de und wird. Bei­spiel­haft sei hier er­wähnt aus dem Zis­ter­zi­en­ser Mis­sa­le (Or­do 1963), der follow link  In­troi­tus zum Frei­tag in der Os­ter­wo­che: »E­du­xit e­os Do­mi­nus in spe, al­le­lu­ja: et in­i­mi­cos e­o­rum o­pe­ru­it ma­re, al­le­lu­ja, al­le­lu­ja, al­le­lu­ja. (Ganz si­cher führ­te sie her­aus der Herr, al­le­lu­ja; doch ih­re Fein­de hat das Meer ver­schlun­gen, al­le­lu­ja, al­le­lu­ja, al­le­lu­ja.)«.

 
[11] Sie­he → Gro­te­fend, Glos­sar »Os­tern«: »Ei­ne be­son­de­re Ver­eh­rung ge­nos­sen die vier ers­ten Ta­ge der Os­ter­wo­che, vom Sonn­tag bis Mitt­woch, die os­ter­fei­er­ta­ge oder vier hil­li­ge da­ge to pas­chen.«

 
[12] Sie­he → Le­gen­da Au­rea Sei­te 487: »Weil Papst Mel­chi­a­des und der hei­li­ge Sil­ves­ter ver­füg­ten, man sol­le am Sams­tag zwei­mal es­sen, da­mit die Na­tur nicht we­gen der Ent­halt­sam­keit ge­schwächt wird, die die Men­schen am sechs­ten Wo­chen­tag (Frei­tag), wo man je­der­zeit fas­ten muß, auf sich ge­nom­men hat­ten. Zum Er­satz für die Sams­ta­ge die­ser Zeit füg­ten sie ei­ne Wo­che zu Qua­dra­ge­si­ma hin­zu und nann­ten sie Se­xa­ge­si­ma.«

 
[13] Sie­he → Le­gen­da Au­rea Sei­te 487.

 
[14] Sie­he → Le­gen­da Au­rea Sei­te 487, 489, 491.

 
[15] Sie­he → Le­gen­da Au­rea Sei­te 493.

 
[16] Sie­he → Le­gen­da Au­rea Sei­te 493. Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne be­zieht sich auf das jü­di­sche Er­lass­jahr, das Ju­bel­jahr, das Hall­jahr. Sie­he → 3Mos 25,8-31.

 
[17] Sie­he → Le­gen­da Au­rea Sei­ten 493–495.

 
[18] Sie­he → Le­gen­da Au­rea Sei­te 495.

 
[19] → Gro­te­fend, Glos­sar »Do­mi­ni­ca qua­dra­ge­si­me«: »Do­mi­ni­ca qua­dra­ge­si­me. Al­lein­ste­hend der ers­te Fas­ten­sonn­tag In­vo­ca­vit. In­dess wird un­ter qua­dra­ge­si­ma auch die gan­ze 40-tä­gi­ge Fas­ten­zeit ver­stan­den und dem­nach die Sonn­ta­ge ge­zählt dom. pri­ma, se­cun­da etc. qua­drag.«

 
[20] Sie­he → Le­gen­da Au­rea Sei­te 497.

 
[21] So fin­det sich bei­spiels­wei­se auf follow link ka­tho­lisch.de im Ar­ti­kel »70 statt 40 Ta­ge: War­um man­che Chris­ten ›vor-fas­ten‹« der Text über Sep­tu­a­ge­si­ma und die Vor­fas­ten­zeit der ka­tho­li­schen Kir­che bis zur Li­tur­gie­re­form von 1969: »Ex­akt 70 Ta­ge sind es nicht. Wer nach­rech­net, wird fest­stel­len, dass da­für ei­ne gan­ze Wo­che fehlt. Ver­mut­lich wur­de ur­sprüng­lich die Os­ter­ok­tav mit­ge­rech­net: al­so die Zeit ab Os­ter­sonn­tag, in der das Fest ge­wis­ser­ma­ßen auf acht Ta­ge ›ge­streckt‹ wird. Nach an­de­rer Auf­fas­sung han­delt es sich bei der 70 le­dig­lich um ei­ne auf­ge­run­de­te Zahl, die sym­bo­li­schen Cha­rak­ter hat. Von ei­ner Auf­run­dung zeugt auch der Na­me des zwei­ten Sonn­tags der Vor­fas­ten­zeit: ›Se­xa­ge­si­ma‹ (›der sech­zigs­te‹), der ei­gent­lich 56 Ta­ge vor Os­tern liegt.«

 
[22] Sie­he → Gro­te­fend, Glos­sar »Qua­dra­ge­si­ma Mar­ti­ni«: »Qua­dra­ge­si­ma Mar­ti­ni oder par­va, die Ad­vents­zeit vom 14. Nov. ab bis Weih­nach­ten [...] Die qua­dr. Mart. war nur der äl­te­ren Kir­che ei­gen.«

 

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Abbildung: Die Namen der Sonntage Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä.
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Reiner Makohl, Theologische Aufsätze: Die Bedeutung der Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä, Quadragesimä., in: Stilkunst.de,
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