
Reiner Makohl | Februar 2026
Frömmigkeit ist die gelebte Antwort auf Gottes Zusage der Rechtfertigung allein aus Gnade in Wort und Sakrament.
Frömmigkeit gehört zum christlichen Glauben. Sie zeigt sich im Beten, Singen, Danken, im persönlichen Umgang mit biblischen Texten und im gelebten Alltag. Wo sie fehlt, bleibt der Glaube ohne Gestalt.
Frömmigkeit bezeichnet die subjektive Seite der Religion. Sie ist meist tief verborgen unter äußeren Handlungen, Riten, Bräuchen und Traditionen. Im religiösen Leben geht der Mensch ganz darin ein, fühlt sich darin geborgen.
Doch diese subjektive Seite ist anfällig für Ansprachen, die Religion als Vehikel benutzen, um Menschen zu vereinnahmen. Aber auch für Riten und Bräuche, die beispielsweise visuell und haptisch faszinieren und damit beeindrucken wollen, die spirituell berühren und Teilhabe suggerieren. Dann ist Frömmigkeit eine Gefährdung für Glauben und selbst dieser Gefährdung ausgesetzt.
Wo Frömmigkeit nicht mehr Antwort auf Gottes Zusage ist, sondern zur Sicherung religiöser Gewissheit dient oder als Instrumentalisierung von Glauben erscheint, kippt sie in eine andere Logik.
Evangelische Theologie reflektiert Frömmigkeit deshalb unterscheidend im Bewusstsein, Frömmigkeit zu respektieren und wertzuschätzen als Ausdruck gelebten Glaubens ohne ihre Gefahren zu ignorieren.
Das deutsche Wort „fromm" hat mit Religion ursprünglich wenig zu tun. Es entstammt einer alten Wortfamilie, die Tüchtigkeit, Nützlichkeit und Rechtschaffenheit bezeichnet. Es ist verwandt mit dem althochdeutschen Wort fruma (Nutzen, Vorteil), altnordisch framr (vorzüglich) und angelsächsisch fram (förderlich, tapfer). Auf Personen bezogen meinte „fromm" so viel wie: integer, verlässlich, zu gebrauchen. Noch Schiller lässt Wilhelm Tell sagen: „Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt", und zwar ganz im profanen Sinn. → 1: Begriffsgeschichte
Erst durch Luthers Bibelübersetzung verschiebt sich der Begriff in den religiösen Bereich, und auch dort behält er zunächst die Bedeutung von Rechtschaffenheit, die sich nach dem Gesetz Gottes bemisst. Die Wendung ins Innerliche, zur Beschreibung einer Gefühlslage gegenüber Gott, ist eine ausgesprochen moderne Entwicklung.
Es war Schleiermacher, der Frömmigkeit zum theologischen Schlüsselbegriff erhob: „Die Frömmigkeit, welche die Basis aller kirchlichen Gemeinschaften ausmacht, ist, rein für sich betrachtet, weder ein Wissen noch ein Tun, sondern eine Bestimmtheit des Gefühls oder des unmittelbaren Selbstbewußtseins." → 2: Schleiermacher: Frömmigkeit als Gefühl
Mit diesem Ansatz wurde Frömmigkeit zur Quelle und zum kritischen Prinzip der Glaubenslehre und zur Grundlage einer ganzen Epoche protestantischer Theologie.
Die Gegenreaktion ließ nicht auf sich warten. Je stärker Offenbarung, Wort Gottes und Bekenntnis als Grundlage der Theologie ernstgenommen wurden, desto mehr trat der Frömmigkeitsbegriff zurück. Karl Barths Theologie stellt, wie das theologische Standardwerk RGG³ festhält, „die radikalste Form der Abkehr von jeder Theologie der Frömmigkeit dar". → 3: Barths Abkehr von der Frömmigkeitstheologie
Biblisch entsprechen dem deutschen Begriff im Alten Testament vor allem Gottesfurcht, Bundestreue und Gerechtigkeit, im Neuen Testament das griechische eusebeia (εὐσέβεια, Ehrfurcht vor Gott) und das lateinische „pietas" (treue Pflichterfüllung, später auch Mitleid und Barmherzigkeit).
Die Propheten und Jesus selbst warnen vor einer rein innerlichen oder rein kultlich orientierten Frömmigkeit, die die Nächstenliebe zurückstellt. → 4: Biblische Entsprechungen
Evangelisch ist Frömmigkeit keine religiöse Leistung und kein Mittel zur Sicherung göttlicher Nähe. Sie ist Ausdruck des Vertrauens, eine Antwort, keine Voraussetzung.
Der entscheidende reformatorische Gedanke ist der Vorrang des Wortes: Gott handelt im Wort, der Mensch antwortet im Glauben. Frömmigkeit folgt dieser Bewegung, sie geht ihr nicht voraus. Der Glaube selbst entsteht aus dem Hören der Verheißung – auf Lateinisch: fides ex auditu, Glaube aus dem Hören –, nicht aus religiösem Vollzug, nicht aus Übung, nicht aus Stimmung. → 5: Glaube aus dem Hören
Das hat praktische Konsequenzen: Frömmigkeit darf das Wort nicht ersetzen, nicht ergänzen und nicht funktionalisieren. Wo sie sich vom Wort löst, wird sie autonom und damit theologisch problematisch.
Evangelische Theologie reflektiert Frömmigkeit deshalb unterscheidend: Sie fragt, ob Frömmigkeit Antwort auf Gottes Zusage ist oder ob sie der Absicherung religiöser Gewissheit dient. Beides kann äußerlich gleich aussehen; der Unterschied liegt in der inneren Logik. → 6: Evangelische Unterscheidung
Diese Unterscheidung hat Luther zugrundegelegt, wenn er Frömmigkeit – auf Mittelhochdeutsch: fromkeyt (fromkeit) – als deutschen Ausdruck für die dem Menschen zugesprochene Gerechtigkeit Gottes verwendet: nicht als Eigenschaft des Menschen, die er sich erarbeitet, sondern als Zustand, der ihm geschenkt ist. → 7: Ausdruck für Gerechtigkeit
Frömmigkeit gehört zum christlichen Leben. Beten, Singen, Danken, der persönliche Umgang mit der Schrift, das Einhalten von Zeiten und Formen – all das ist legitimer und notwendiger Ausdruck des Glaubens. Ohne Frömmigkeit bliebe der Glaube abstrakt.
Zugleich ist Frömmigkeit gefährdet. Die Gefährdung liegt darin, dass sie ihre Richtung verliert. Wo religiöse Praxis nicht mehr aus dem Zuspruch des Evangeliums antwortet, sondern Sicherheit erzeugen, Heil sichern oder Gott beeinflussen soll, hat sie den evangelischen Boden verlassen. Das ist keine moderne Erscheinung; es ist die Versuchung, die jeder Frömmigkeit innewohnt.
Volksfrömmigkeit, die Frömmigkeit im Alltag, in Brauch und Gewohnheit, ist dabei weder minderwertig noch per se problematisch. Theologisch zu beurteilen ist sie danach, wie sie funktioniert: ob sie Vertrauen ausdrückt oder Absicherung betreibt.
Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wird der Begriff im deutschen Sprachraum zunehmend durch „Spiritualität" verdrängt. Ein Vorgang, der theologisch nicht folgenlos ist, denn das ist mehr als ein Sprachwandel. → 8: Sprachwandel
Spiritualität ist ein weiter, konfessionell ungebundener Begriff, der innere Erfahrung in den Mittelpunkt stellt, ob als wiederholte Praxis in Gestalt von Ritualen oder als singuläres Erlebnis. Die Frage der Wortbindung erscheint dabei oft sekundär oder es werden die Inhalte alter Rituale, die im evangelischen Umfeld wiederentdeckt werden, mit neuen Deutungen überformt.
Spiritualität dient in erster Linie einer gewissen, reflexiven Selbstoptimierung. Sie fragt im religiösen Umfeld beispielsweise: „Was hilft mir, ganz zu werden, Frieden zu finden und mich für Gott zu öffnen?"
Dagegen bewegt sich Frömmigkeit entlang einer ethischen, transitiven Ausrichtung auf Gott und den Mitmenschen. Sie fragt: „Was verlangt Gott von mir im Umgang mit ihm und meinen Mitmenschen?"
Für eine evangelische Theologie, die an der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium festhält, ist die Frage nach der Wortbindung ernst zu nehmen.
Frömmigkeit ist für den Glauben unverzichtbar, aber nicht unkritisch zu übernehmen. Sie lebt von der Begrenzung religiöser Mittel und von der Freiheit, die aus dem Zuspruch Gottes erwächst.
Darum gilt:
Frömmigkeit ist die gelebte Antwort auf Gottes Zusage der Rechtfertigung allein aus Gnade in Wort und Sakrament.
↦ Volksfrömmigkeit: Ausdruck des Glaubens
↦ Magie | Magisierung: Funktionsverschiebung religiöser Praxis von Vertrauen zu Absicherung
↦ Segen: Zuspruch der Verheißung, keine Schutztechnik
↦ Symbol: Zeichen, die verweisen und erinnern ohne eigenständige Wirksamkeit
↦ Wortbindung: Maßstab reformatorischer Theologie
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Reiner Makohl, Evangelische Begriffserklärung: Frömmigkeit - Die Antwort auf Gottes Zusage der Rechtfertigung allein aus Gnade., in: Stilkunst.de,
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