Frömmigkeit

Eine evangelische Begriffserklärung
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Begriffserklärung

Frömmigkeit

Glaubenshaltung zwischen Vertrauen und Versuchung zur Absicherung

 

Reiner Makohl | Februar 2026

 

Frömmigkeit bezeichnet im evangelischen Verständnis die existenzielle Antwort des Menschen auf das gehörte Evangelium. Sie ist keine religiöse Leistung und kein Mittel zur Sicherung göttlicher Nähe, sondern Ausdruck des Vertrauens auf Gottes Zusage. [→↗1]

Frömmigkeit entsteht nicht aus religiöser Technik, sondern aus dem Glauben, der aus dem Hören kommt (fides ex auditu). Wo Frömmigkeit zur Methode wird, verliert sie ihren evangelischen Charakter. [→↗2]

Systematische Kurzformel

Frömmigkeit ist gelebtes Vertrauen.

1. Einstieg

Die Frömmigkeit im Leben und warum gelebter Glaube unverzichtbar ist

 

Frömmigkeit gehört zum christlichen Glauben. Sie zeigt sich im Beten, Singen, Danken, im persönlichen Umgang mit biblischen Texten und im gelebten Alltag. Ohne Frömmigkeit bliebe der Glaube abstrakt.

Zugleich ist Frömmigkeit gefährdet. Wo sie nicht mehr Antwort auf Gottes Zusage ist, sondern zur Sicherung religiöser Gewissheit dient, kippt sie in eine andere Logik. Evangelische Theologie reflektiert Frömmigkeit deshalb nicht misstrauisch, aber unterscheidend. [→↗3]

 

2. Frömmigkeit evangelisch

Antwort auf den Zuspruch Gottes

 

Evangelische Frömmigkeit ist passiv im Ursprung und aktiv im Ausdruck.

  • passiv, weil sie aus dem Zuspruch Gottes lebt
  • aktiv, weil sie im Leben Gestalt gewinnt

Sie ist keine Voraussetzung des Glaubens, sondern seine Folge. [→↗4]

Der Mensch macht sich Gott nicht geneigt, sondern antwortet auf das, was ihm bereits zugesagt ist.

 

3. Frömmigkeit und Wortbindung

Antwort, nicht Voraussetzung

 

Der entscheidende Maßstab evangelischer Frömmigkeit ist die Wort­bin­dung.

  • Gott handelt im Wort.
  • Der Mensch antwortet im Glauben.
  • Frömmigkeit folgt dieser Bewegung.

Darum gilt:

Frömmigkeit darf das Wort nicht ersetzen, nicht ergänzen und nicht funk­tio­na­li­sieren. [→↗5]

Wo Frömmigkeit sich vom Wort löst, wird sie au­to­nom, und damit theo­lo­gisch pro­ble­ma­tisch.

 

4. Frömmigkeit und Frömmelei

Wenn Vertrauen zur Technik wird

 

Evangelische Theologie unterscheidet klar zwi­schen Fröm­mig­keit und Fröm­me­lei.

Frömmigkeit

  • ist Haltung des Vertrauens,
  • lebt aus der Verheißung,
  • bleibt frei und unverfügbar.

Frömmelei

  • fixiert sich auf äußere Formen,
  • erwartet Wirkung vom Vollzug,
  • sucht religiöse Sicherheit durch Tun. [→↗6]

Frömmelei ist nicht „zu viel Frömmigkeit“, son­dern ve­rkehr­te Fröm­mi­gkeit.

 

5. Frömmigkeit und Magisierung

Funktionsverschiebung religiöser Praxis

 

Frömmigkeit gerät dort in Gefahr, wo sie sich magisiert.

Magisierung liegt vor, wenn:

  • Zeichen schützen sollen,
  • Rituale Sicherheit erzeugen,
  • Unterlassung Angst auslöst,
  • religiöse Praxis funktional gelesen wird. [→↗7]

Hier wird Frömmigkeit vom Ausdruck zum Ins­trument.
Evangelisch ist das nicht anschlussfähig, weil es Ver­trauen durch Kon­trol­le er­setzt.

 

6. Frömmigkeit im Alltag

Volksfrömmigkeit als Ausdrucksform

 

Volksfrömmigkeit ist Frömmigkeit im Alltag. Sie ist weder min­der­wer­tig noch besonders gefährlich, sondern theo­lo­gisch da­nach zu be­ur­tei­len, wie sie funk­tio­niert.

Als Ausdruck des Vertrauens ist sie evangelisch legitim.

Als Mittel zur Absicherung wird sie problematisch. [→↗8]

Die evangelische Kritik richtet sich nicht gegen Volks­fröm­mig­keit, son­dern ge­gen ihre Funktionalisierung.

 

7. Evangelische Perspektive

Freiheit durch begrenzte Mittel

 

Frömmigkeit ist für den Glauben unverzichtbar, aber nicht unkritisch zu übernehmen. Sie lebt von der Begrenzung religiöser Mittel und von der Freiheit, die aus dem Zuspruch Gottes erwächst.

Darum gilt:

Evangelische Frömmigkeit vertraut, sie sichert nicht ab. [→↗9]

 

 

Verbindung zu anderen Begriffen

 

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SK Version 14.02.2026