
Reiner Makohl
Erstveröffentlichung: 2007
3., überarbeitete Version: Juli 2026
Letztes Update: 11. September 2026
Vergebung durch Menschen und Vergebung durch Gott.
Anhang A
Diese kleine Abhandlung ist entstanden aus einer Randnotiz zu meinem Aufsatz »Vergebung durch Menschen und Vergebung durch Gott.«
Für den Aufsatz ist sie als »Anhang A« Begleitmaterial zum Kapitel 5.
Der Aufsatz wird für das Verständnis nicht vorausgesetzt.
Zu finden ist er hier:
Vergebung ist für viele Christen in der Glaubenspraxis nicht leicht zu verstehen. Wer vergibt Sünden und Vergehen? Was sagt Jesus? Was steht im Vaterunser?
Grafik: Vater, vergib Ihnen! Sie wissen nicht, was sie tun!
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siehe unten.
Das Gebetswort Jesu in Lk 23,34a – »Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun« – gehört zu den umstrittenen Sätzen der Passionsgeschichte. Es fehlt in einigen wichtigen Handschriften und wird deshalb in der neutestamentlichen Textkritik häufig als später Zusatz beurteilt. Andere Textzeugen überliefern es. Zu klären ist, welche Textgestalt den ursprünglichen Wortlaut des Lukasevangeliums bewahrt.
Es stellen sich drei Fragen: Welche Aussagekraft besitzen die Handschriften, die das Gebetswort auslassen? Welches Gewicht hat Irenäus von Lyon, der die Vergebungsbitte bereits im ausgehenden 2. Jahrhundert ausdrücklich als Wort Jesu am Kreuz bezeugt? Und was geschieht theologisch, wenn der Satz aus der Passionsgeschichte verschwindet?
Mit dem Gebetswort erscheint Jesus als Opfer und Fürsprecher seiner Täter. Er bittet den Vater um Vergebung. Die Auslassung verändert die Darstellung des Kreuzes an einer entscheidenden Stelle und berührt das Verhältnis zwischen dem bittenden Jesus und dem vergebenden Christus.
Die Untersuchung verbindet deshalb äußere und innere Textkritik mit der Frage nach der theologischen Wirkung beider Textgestalten.
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Das Lesen der ausführlichen Erklärungen in den Fußnoten verlängert die Lesezeit.
Grundkenntnisse in biblischer Exegese und Textkritik können das Verständnis erleichtern, werden jedoch nicht vorausgesetzt.
Die Abgrenzung der Fragestellung
Gegenstand dieser Untersuchung ist die textkritische Frage, ob Lk 23,34a zum ursprünglichen Text des Lukasevangeliums gehört. Mit „ursprünglichem Text“ ist dabei die früheste textkritisch erschließbare Textgestalt des Lukasevangeliums gemeint.
Die historische Frage nach einem tatsächlichen Jesuswort wird nicht untersucht. Vergleichende exegetische Betrachtungen der Parallelen bei Markus und Matthäus sowie des eigenständigen Passionsberichts des Johannesevangeliums gehören in gesonderte Untersuchungen. Die Evangelien werden in dieser Analyse nur dort herangezogen, wo sie für die Erklärung der lukanischen Textüberlieferung von Bedeutung sind.
Die textkritische Untersuchung wird durch theologische Beurteilungen abgerundet. Beantwortet wird, welche Konsequenzen sich aus dem Befund für die theologische Auslegung der lukanischen Kreuzigungserzählung ergeben.
Zwei Textgestalten – zwei Darstellungen des Kreuzes
Die Kreuzigungsszene des Lukasevangeliums enthält ein Gebet Jesu, das sein Sterben mit der Bitte um Vergebung für seine Täter verbindet:
ὁ δὲ Ἰησοῦς ἔλεγεν· πάτερ, ἄφες αὐτοῖς, οὐ γὰρ οἴδασιν τί ποιοῦσιν
(ho de Iēsous elegen; pater, aphes autois, ou gar oidasin ti poiousin)
„Jesus aber sagte: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“
(Lk 23,34a | Text: eigene Übersetzung)
Der Wortlaut ist in der Textüberlieferung umstritten. → 1: Textkritisches Problem Lk 23,34a
Im Novum Testamentum Graece (griechisches Neues Testament) steht dieser Versteil in doppelten eckigen Klammern. Damit kennzeichnen die Herausgeber Textstücke, die nach ihrem Urteil nicht zum ursprünglichen Textbestand gehören, jedoch aus einem sehr frühen Stadium der Überlieferung stammen. → 2: Die doppelten eckigen Klammern im Nestle-Aland
Die Entscheidung berührt mehr als eine einzelne Textvariante. Mit dem Gebetswort handelt Jesus am Kreuz als Opfer und Fürsprecher seiner Täter. Er bittet den Vater um Vergebung für Menschen, die ihn kreuzigen. Ohne den Satz entfällt diese Handlung. Beide Textgestalten erzählen an dieser Stelle etwas theologisch Verschiedenes.
Die Frage lautet daher nicht nur, welche Handschriften den Satz enthalten oder auslassen. Zu prüfen ist, welche Textgestalt die Entstehung der jeweils anderen überzeugender erklärt.
Frühe Bezeugung entscheidet noch nicht über Ursprünglichkeit
Mehrere bedeutende griechische Handschriften bieten die Kreuzigungsszene ohne das Gebetswort Jesu. Dazu gehören 𝔓75, der Codex Vaticanus, die erste Hand des Codex Bezae, der Codex Washingtonianus und der Codex Koridethi. Andere griechische Handschriften und frühe Übersetzungen enthalten den Satz. Wie umstritten die Stelle schon innerhalb der Überlieferung war, zeigt der Codex Sinaiticus besonders deutlich: Seine ursprüngliche Hand enthält das Gebet; ein erster Korrektor entfernte es, ein zweiter fügte es wieder ein. Beim Codex Bezae geschah das Umgekehrte: Die ursprüngliche Hand lässt den Satz aus, ein Korrektor trägt ihn nach. → 3: Schwankende Überlieferung von Lk 23,34a
Dieser Befund ist ernst zu nehmen. Die kürzere Fassung ist früh bezeugt. Ihre frühe Bezeugung entscheidet jedoch noch nicht über den ursprünglichen Text. Der evangelisch-reformierte Neutestamentler François Bovon urteilt entsprechend, dass Alter, Gewicht und Qualität der Handschriften sich ausgleichen und die äußere Kritik deshalb nicht genügt. Eine Handschrift ohne das Gebetswort belegt zunächst nur, dass die kürzere Textgestalt in diesem Überlieferungszweig vorlag. Ob sie den älteren Text bewahrt oder eine bereits erfolgte Auslassung fortführt, muss an der einzelnen Variante geprüft werden.
𝔓75 und der Codex Vaticanus bleiben bedeutende Textzeugen. Ihr allgemeiner Rang entscheidet jedoch nicht über diese einzelne Variante. Zur äußeren Textkritik muss deshalb die innere treten: die sprachliche Gestalt des Satzes und seine Einbindung in das lukanische Doppelwerk.
Der Neutestamentler und Textkritiker Dirk Jongkind verweist bei der lukanischen Passionsgeschichte auf Unterschiede innerhalb von Handschriften, die häufig gemeinsam bewertet werden. Auch eine starke Zeugengruppe nimmt die Entscheidung über eine einzelne Variante nicht vorweg. → 4: Gewicht von Handschriftengruppen
Die Bezeichnung »wichtige Textzeugen« benennt den Rang der Handschriften. Sie beantwortet nicht die Frage nach der ursprünglichen Fassung von Lk 23,34a.
Die Entscheidung verlangt in beiden Richtungen eine Entstehungserklärung. Wer das Gebetswort für einen Zusatz hält, muss seine sehr frühe Aufnahme in den Text erklären: Der Satz entspricht der Sprache und Theologie des lukanischen Doppelwerks und begegnet bereits im ausgehenden 2. Jahrhundert als Wort Jesu am Kreuz. Wer von einer Auslassung ausgeht, muss zeigen, weshalb das Gebet aus der Passionsgeschichte entfernt werden konnte. Die frühe Auslegungsgeschichte liefert dafür konkrete Anhaltspunkte.
Zuvor ist der älteste greifbare Hauptzeuge für die längere Fassung zu prüfen: der frühchristliche Theologe und Bischof Irenäus von Lyon.
Die Vergebungsbitte ist bereits um 180 bekannt
Für die Fassung mit dem Gebetswort ist der frühchristliche Theologe und Bischof Irenäus von Lyon ein entscheidender früher Zeuge. Irenäus von Lyon bezeugt die Vergebungsbitte um das Jahr 180 an zwei Stellen im dritten Buch seines fünfbändigen Werkes Adversus haereses (Gegen die Häresien). → 5: Irenäus von Lyon als früher Zeuge für Lk 23,34a
In Buch III 16,9 erwähnt Irenäus von Lyon, Christus habe während seines Leidens den Vater gebeten, denen zu vergeben, die ihn gekreuzigt hatten. Er gibt den Inhalt des Gebets wieder, ohne den Wortlaut vollständig zu zitieren.
In III 18,5 führt Irenäus von Lyon den Satz ausdrücklich als Ausspruch Jesu am Kreuz an:
»Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.«
Irenäus versteht das Gebet als Ausdruck der Langmut, Geduld, Barmherzigkeit und Güte Christi. Jesus erfülle am Kreuz selbst das Gebot, die Feinde zu lieben und für die Verfolger zu beten. Seine Bitte gilt den Menschen, die ihn töten.
Die beiden Stellen ergänzen einander. III 16,9 setzt die Vergebungsbitte als Bestandteil der Passion voraus. III 18,5 zitiert sie und legt sie aus. Irenäus von Lyon bezeugt damit nicht lediglich das Motiv einer Fürbitte für die Kreuziger, sondern den Satz selbst als Wort Jesu am Kreuz.
Der Text Adversus haereses wurde griechisch verfasst, ist vollständig jedoch nur in einer alten lateinischen Übersetzung erhalten; vom griechischen Original sind Fragmente überliefert. Das gilt auch für Buch III. Klebbas deutsche Ausgabe wird bibliographisch als »aus dem Griechischen übersetzt« geführt. → 6: Überlieferung von Adversus haereses
Für den hier entscheidenden Befund ändert diese Überlieferungslage nichts: Irenäus von Lyon bezeugt die Vergebungsbitte an zwei Stellen. Einzelheiten des ursprünglichen griechischen Wortlauts lassen sich dagegen nicht überall sicher bestimmen.
Die doppelte Bezeugung bei Irenäus von Lyon ist für die textkritische Bewertung erheblich. Die erhaltenen großen griechischen Handschriften, die den Satz auslassen, können gegenüber diesem Zeugnis keinen gesicherten zeitlichen Vorrang beanspruchen. Bereits im ausgehenden 2. Jahrhundert wird das Gebetswort als Teil der Kreuzigungsszene vorausgesetzt, zitiert und theologisch ausgelegt. Die kürzere Fassung kann deshalb nicht allein unter Berufung auf 𝔓75, den Codex Vaticanus und weitere bedeutende Auslassungszeugen zur ursprünglichen Lesart erklärt werden.
Irenäus von Lyon beweist die Ursprünglichkeit des Satzes nicht für sich allein. Sein Zeugnis verschiebt jedoch die Begründungslast. Wer Lk 23,34a für einen Zusatz hält, muss dessen Entstehung weit vor Irenäus von Lyon ansetzen. Zugleich ist zu erklären, wie dieser Zusatz so früh als bekanntes Kreuzeswort Jesu gelten und bereits in eine ausgearbeitete Deutung der Feindesliebe eingehen konnte.
Hinzu kommt ein theologischer Befund. Irenäus entwickelt eine ausgeprägte Christologie und kennt dennoch den bittenden Jesus. Für ihn mindert die Bitte an den Vater weder die Würde noch die Bedeutung Christi. Sie zeigt vielmehr, dass Christus am Kreuz selbst tut, was er seinen Jüngern geboten hat. Die Annahme, das Gebetswort habe einer hohen Christologie im Weg stehen müssen, findet bei diesem frühen Zeugen keinen Halt.
Sprache, Motive und die Fürbitte des Stephanus
Auch der innere Befund spricht für die Fassung mit dem Gebetswort. François Bovon hält Wortschatz und Stil für lukanisch. Sprache, Gebetsform und Motivik fügen sich in das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte ein. → 7: Lukanische Passung von Lk 23,34a
Jesus spricht Gott als Vater an. Der Vokativ πάτερ (pater, „Vater“) begegnet bei Lukas bereits im Gebet Jesu (Lk 10,21) und eröffnet das Vaterunser in seiner lukanischen Fassung (Lk 11,2). Auch die beiden anderen Gebete der lukanischen Passion beginnen mit der Vateranrede: in Gethsemane (Lk 22,42) und im letzten Wort Jesu am Kreuz (Lk 23,46). Die Vergebungsbitte steht damit in derselben Gebetssprache.
Die Begründung „sie wissen nicht, was sie tun“ ist im lukanischen Doppelwerk verankert. In Apg 3,17 erklärt Petrus den Menschen in Jerusalem, sie und ihre führenden Männer hätten aus Unwissenheit gehandelt. In Apg 13,27 sagt Paulus über die Einwohner Jerusalems und ihre führenden Männer, sie hätten Jesus nicht erkannt und ihn verurteilt. Unwissenheit hebt die Tat nicht auf. Sie lässt jedoch Raum für Umkehr und Vergebung. Lk 23,34a nimmt dieses Motiv im Gebet Jesu vorweg.
Eine enge sachliche Entsprechung findet sich in der Sterbeszene des Stephanus:
»Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!«
Jesus und Stephanus bitten für die Menschen, die sie töten. Jesus bittet den Vater um Vergebung, Stephanus den erhöhten Herrn um Nichtanrechnung der Sünde. François Bovon sieht darin einen weiteren Zug, in dem Lukas das Sterben des Stephanus nach dem Vorbild Jesu gestaltet. Die Verbindung zwischen beiden Szenen liegt im Geschehen, nicht im Wortlaut.
Der Neutestamentler Nathan Eubank hält deshalb eine nachträgliche Angleichung von Lk 23,34a an Apg 7,60 für unwahrscheinlich: Die Gebete entsprechen einander in der Sache, besitzen jedoch eine eigenständige sprachliche Form. Eine Abschreiberharmonisierung würde eher wörtliche Übereinstimmungen erwarten lassen. Diese Verbindung bei zugleich sprachlicher Eigenständigkeit spricht für die längere Fassung. → 8: Lk 23,34a und die Fürbitte des Stephanus
Die Annahme eines späteren Zusatzes verlangt einen Bearbeiter, der den Gedanken der Stephanusbitte aufgenommen, ihn sprachlich eigenständig formuliert und das neue Gebet in die Sprache und Theologie des Lukasevangeliums eingepasst hätte. Das ist möglich. Näher liegt die umgekehrte Erklärung: Lukas gestaltet das Sterben des Stephanus nach dem Sterben Jesu. Die unterschiedliche Formulierung beider Gebete ist für François Bovon kein Gegenargument; Lukas vermeide mechanische Wiederholungen. Stephanus folgt Jesus bis in die Fürbitte für seine Mörder.
Nathan Eubank untersucht darüber hinaus die äußere Bezeugung von Lk 23,34a. Er zeigt, dass die längere Fassung über verschiedene Überlieferungstraditionen hinweg belegt ist und sich nicht einfach einer »westlichen« Überlieferung zuordnen lässt. → 8: Lk 23,34a und die Fürbitte des Stephanus
Der Satz fügt sich sprachlich, erzählerisch und theologisch in das lukanische Doppelwerk ein. François Bovon hält die Vergebungsbitte entsprechend für ein „authentisches lukanisches Gebet Jesu“. Die Annahme einer frühen Auslassung erklärt die kürzere Fassung überzeugender als die Annahme eines späteren Zusatzes die längere. → 7: Lukanische Passung von Lk 23,34a
Jesu Fürbitte im Konflikt mit der Vorstellung göttlicher Vergeltung
Die Annahme eines späteren Zusatzes verlangt eine Erklärung dafür, wie das Gebetswort in die Kreuzigungsszene gelangte. Ebenso verlangt die Annahme einer Auslassung eine Erklärung dafür, weshalb es aus dem Text entfernt wurde. Die frühe Auslegungsgeschichte zeigt, dass Jesu Bitte erhebliche theologische Spannungen auslöste.
Christliche Ausleger bezogen die Worte „Vater, vergib ihnen“ vielfach auf die jüdischen Beteiligten an der Kreuzigung. Zugleich deuteten sie die Zerstörung Jerusalems als Strafe Gottes für den Tod Jesu. Beide Aussagen ließen sich nur schwer miteinander verbinden. François Bovon beschreibt genau diese Spannung: Jerusalems Fall im Jahr 70 erschien Christen als Strafe für Jesu Tod; blieb Jesu Gebet stehen, stellte sich die Frage, ob Gott nicht vergeben hatte. → 9: Vergebungsbitte und die Deutung der Zerstörung Jerusalems
Wenn Jesus für seine Kreuziger um Vergebung gebeten hatte, weshalb sollte Gott Jerusalem wegen der Kreuzigung bestrafen? War die Bitte Jesu ohne Wirkung geblieben?
Die Auslegung reagierte mit Einschränkungen. Die Bitte wurde auf diejenigen bezogen, die später zum Glauben kamen, auf einen begrenzten Kreis unwissender Beteiligter oder auf einen zeitweiligen Aufschub des Gerichts. Jesu Gebet blieb im Text, seine Reichweite wurde jedoch so bestimmt, dass die Vorstellung göttlicher Vergeltung bestehen konnte.
Nathan Eubank zeigt, wie stark diese Spannung die frühe Rezeption des Gebetsworts prägte. Seine Untersuchung macht zugleich verständlich, weshalb die längere Fassung für einen Abschreiber oder Bearbeiter zum Problem werden konnte. Eine Auslassung konnte die Frage beseitigen, weshalb Jesu Gebet offenbar nicht erhört worden war, und eine Deutung der Zerstörung Jerusalems als Strafgericht erleichtern. → 10: Die Vergebungsbitte als Problem der frühen Rezeption
Das Motiv eines bestimmten Schreibers ist nicht bewiesen. Die erhaltenen Handschriften teilen weder mit, wer den Satz ausließ, noch, aus welchem Grund dies geschah. François Bovon nennt als mögliche Gründe für die Auslassung die Folgerichtigkeit der damaligen Vergeltungsdeutung und den Antisemitismus. Erkennbar sind die Bedingungen, unter denen eine Auslassung verständlich wird. Das Gebetswort stand in einem Raum scharfer Auseinandersetzungen über Schuld, Vergebung, Gericht und das Verhältnis der Kirche zum Judentum.
Der unmittelbare Kontext der Kreuzigungsszene ist dafür aufschlussreich. Lukas bezeichnet die beiden mit Jesus zur Hinrichtung Geführten in V. 32 als κακοῦργοι (kakourgoi, „Übeltäter“). Markus und Matthäus verwenden dagegen λῃσταί (lēstai, „Räuber“), einen Begriff, der auch für Aufständische gegen die römische Besatzung gebraucht wurde. François Bovon sieht in der lukanischen Wortwahl die Absicht, eine Verbindung zwischen der christlichen Bewegung und dem jüdischen Aufstand zu vermeiden. Die spätere antijüdische Deutung der Kreuzigungsszene ist deshalb nicht einfach aus der Wortwahl des Lukas abzuleiten. → 11: Lk 23,32: „Übeltäter“ statt „Räuber“
Die Annahme, die Vergebungsbitte als einen späteren Zusatz zu verstehen, ist fragil: Ein Bearbeiter hätte ein sprachlich, erzählerisch und theologisch passendes Gebet geschaffen, es sehr früh in die Passion eingefügt und damit eine Überlieferung begründet, die Irenäus von Lyon bereits um das Jahr 180 als Kreuzeswort Jesu voraussetzt. Für die Annahme einer Auslassung liegt mit der Vergebungsbitte dagegen ein Satz vor, dessen Inhalt nachweislich Erklärungsdruck erzeugte.
Die kürzere Fassung entfernt einen theologisch gewichtigen Satz aus der Kreuzigungsszene: die Fürbitte Jesu für seine Täter. Zugleich verschwindet damit die Spannung zwischen Jesu Bitte um Vergebung und der Deutung der Zerstörung Jerusalems als göttliches Strafgericht für seinen Tod. Diese Konstellation macht die Auslassung historisch erklärbar, auch wenn ihr konkreter Urheber und sein Motiv unbekannt bleiben.
Vom bittenden Jesus zum vergebenden Christus
Textvarianten verändern bisweilen nur den Wortlaut. In Lk 23,34a verändert die kürzere Fassung die Handlung der Kreuzigungsszene. Mit dem Gebetswort stehen Täter, Opfer und Gott in unterscheidbaren Beziehungen zueinander. Jesus bittet als Opfer für konkrete Täter angesichts einer konkreten Tat:
[Jesus betet:]
»Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.«
(Lk 23,34a | Text: Lutherbibel 2017)
Jesus spricht Gottes Vergebung nicht aus. Er bittet um sie. Die Vergebungsbitte setzt voraus, dass Jesus auf seiner Seite bereits vergeben hat. Andernfalls wäre seine Bitte an Gott widersprüchlich. Die Vergebung des Opfers und die Vergebung Gottes sind verschiedene Vorgänge. Jesus tritt bei Gott für seine Täter ein. Über Gottes Anspruch an die Täter und über Gottes Entscheidung verfügt er nicht. → 12: Die Vergebungsbitte setzt eigene Vergebung voraus
Die Verantwortung der Täter bleibt bestehen. Die Bitte nimmt ihnen ihre Tat nicht ab. Der Hinweis auf ihre Unwissenheit erklärt ihr Handeln, ohne die Schuld aufzulösen. Vergebung bleibt auf dieses Geschehen, diese Täter und dieses Opfer bezogen. Für die Täter steht der notwendige Schritt zum Opfer aus: Sie müssten Jesus selbst um Vergebung bitten und die Versöhnung mit ihm suchen. Ihre Unwissenheit verhindert diesen Schritt. Gerade deshalb tritt Jesus für sie ein und bittet an ihrer Stelle Gott um Vergebung. Seine Fürbitte überspringt damit einen notwendigen Schritt in der Vergebungsordnung, ersetzt ihn aber nicht. Erst wenn die Täter ihre Tat erkennen und Verantwortung für sie übernehmen, können sie selbst den Weg zum Opfer und zu Gott gehen. Das Gebet enthält keinen allgemeinen Schuldenerlass und keine Erklärung, nach der der Kreuzestod alle Sünden aller Menschen bereits vergeben habe.
Die Bitte an Gott löst die Täter nicht aus ihrer Beziehung zum Opfer. Gott vergibt nicht am Opfer vorbei. Schon in der Kainsgeschichte hört Gott den Schrei des Opfers: „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde“ (Gen 4,10). Im Bild dieser Geschichte gesprochen schreit auch Jesu Blut zu Gott. Jesus bringt diesen Schrei nicht zum Schweigen; er mildert ihn ab und macht ihn zur Bitte um Vergebung. Das Opfer bleibt vor Gott gegenwärtig. → 13: Der Schrei des Blutes vor Gott
Mit der Auslassung der Vergebungsbitte, die Jesu Vergebung als Opfer von der Vergebung durch Gott unterscheidet, verschwindet auch das Beziehungsgefüge der maßgeblich Beteiligten aus der erzählten Kreuzigungsszene. Das Kreuz kann nun leichter als ein in sich abgeschlossenes Heilsgeschehen gelesen werden, in dem Christus die Vergebung selbst vollzieht.
Die im Lukasevangelium erkennbare und bei Matthäus stark entfaltete Vergebungsordnung tritt hinter eine dogmatische Heilsordnung zurück, in der Vergebung aus dem Kreuzestod Christi abgeleitet und von dort her zugesprochen wird.
Die Vergebungsbitte in der späteren Kreuzestheologie
Die Vergebungsbitte musste nicht aus dem Text verschwinden, um ihre ordnende Wirkung zu verlieren. Leo der Große, Bischof von Rom (Papst) im 5. Jahrhundert, kennt und zitiert in Sermo 55 Lk 23,34a. Im selben Sermon deutet er das Kreuz jedoch als „wahren Altar“, auf dem das Erlösungsopfer dargebracht wird; Christi Blut tilgt den alten Schuldbrief, und die Gnade Christi rechtfertigt den mit ihm gekreuzigten Verbrecher. Der johanneische Ruf „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30) wird in diese Heilsordnung eingefügt. → 14: Leo der Große zur Kreuzesdeutung
Damit stehen zwei Ordnungen nebeneinander: Bei Lukas bittet das Opfer Gott um Vergebung für seine Täter. In der dogmatischen Kreuzestheologie wird der Kreuzestod selbst zum Ort der heilswirksamen Schuldtilgung. Die Vergebungsbitte bleibt erhalten, ihre geregelte Beziehung zwischen Opfer, Täter und Gott verliert jedoch ihre bestimmende Funktion.
Die Auslassung von Lk 23,34a hat diese Entwicklung nicht verursacht. Sie beseitigt jedoch einen deutlichen textlichen Widerstand gegen die Vorstellung einer aus dem Kreuzestod selbst abgeleiteten universellen und vorauseilenden Vergebung.
Das letzte Gebet Jesu – „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ (Lk 23,46) – führt die Beziehung Jesu zum Vater weiter, die schon in Lk 23,34a sichtbar wird. Jesus nimmt Ps 31,6 auf, einen Hilferuf, der großes Vertrauen ausdrückt. Mit seinem Lebensatem, πνεῦμα (pneuma, „Geist“), vertraut Jesus sich selbst ganz Gott an, weil er darauf vertraut, dass Gott stärker ist als seine Feinde und der Tod selbst. Lukas stellt dem Psalmwort die Anrede „Vater“ voran und hebt damit die Beziehung Jesu zu Gott hervor. François Bovon sieht in dieser Vateranrede eine Konstante der Gebete Jesu im Lukasevangelium. In Lk 23,34a erbittet Jesus vom Vater Vergebung für die Täter; in Lk 23,46 vertraut er ihm seinen Lebensatem an. Bis in den Tod bleibt Jesus der Betende, der sich an den Vater wendet. → 15: Jesu letztes Gebet in Lk 23,46
Die Vorstellung einer universellen und vorauseilenden Vergebung löst jede einzelne fallbezogene Vergebung in einer allgemeinen Vergebung auf und vereinheitlicht damit Qualität, Quantität und Konsequenzen. Wird Vergebung als im Kreuzestod grundsätzlich bereits vollzogen verstanden, werden die konkreten Beziehungen zwischen Täter, Opfer und Gott funktional ausgeschaltet. Reue, Bekenntnis und die Bitte um Vergebung können dann die Vergebung nicht erst herbeiführen; sie dienen nur noch der Aneignung dessen, was bereits geschehen sein soll. Werden sie dagegen zur Voraussetzung der Vergebung, war diese konkrete Vergebung am Kreuz noch nicht vollzogen. In beiden Fällen verliert der notwendige Weg des Täters zum Opfer seine bestimmende Stellung.
Lk 23,34a hält dem eine fallbezogene Vergebungsordnung entgegen. Das Opfer vergibt auf seiner Seite und bittet Gott um Vergebung für konkrete Täter einer konkreten Tat. Gottes Vergebung bleibt erbeten; die Täter bleiben verantwortlich. Für sie steht der Weg zum Opfer und damit die Versöhnung weiterhin aus. Jesu Fürbitte kann diesen notwendigen Schritt in der Vergebungsordnung überspringen, aber nicht ersetzen. Der Geschädigte bleibt im Geschehen gegenwärtig; Vergebung wird weder universalisiert noch aus der konkreten Täter-Opfer-Beziehung gelöst. Auch nach Jesu Fürbitte bleibt die Entscheidung über Gottes Vergebung allein Gott vorbehalten.
Die längere Fassung erklärt die Überlieferung überzeugender
Die gewichtigen Auslassungszeugen belegen die frühe Existenz der kürzeren Textgestalt. Über ihre Ursprünglichkeit entscheiden sie nicht. François Bovon kommt für Lk 23,34a zu dem Ergebnis, dass Alter, Gewicht und Qualität der Handschriften sich ausgleichen und die äußere Textkritik deshalb allein keine Entscheidung erlaubt. Der Rang von 𝔓75, dem Codex Vaticanus und den weiteren Auslassungszeugen entscheidet diese einzelne Variante nicht.
Für die längere Fassung besitzt Irenäus von Lyon zentrale Bedeutung. Bereits um das Jahr 180 bezeugt er Jesu Vergebungsbitte an zwei Stellen. Er gibt ihren Inhalt wieder, zitiert sie ausdrücklich als Wort Jesu am Kreuz und deutet sie als Vollzug der Feindesliebe. Angesichts dieses frühen Zeugnisses lässt sich die Auslassung nicht allein mit dem Gewicht der zeitlich späteren erhaltenen Handschriften als ursprüngliche Fassung begründen.
Der innere Befund stützt die längere Fassung. Vateranrede, Gebet für die Feinde und das Motiv der Unwissenheit sind im lukanischen Doppelwerk verankert (Lk 10,21; 11,2; 6,28; Apg 3,17; 13,27). Die Fürbitte des Stephanus in Apg 7,60 entspricht dem Gebetswort Jesu in der Sache, bewahrt jedoch eine eigenständige sprachliche Form. François Bovon hält Wortschatz und Stil von Lk 23,34a für lukanisch und beurteilt die Vergebungsbitte als authentisches lukanisches Gebet Jesu.
Für die Annahme, die Vergebungsbitte sei ein späterer Zusatz, spricht oberflächlich betrachtet eine klassische Textentwicklung vom kürzeren zum erweiterten Text. Für eine spätere Auslassung der Vergebungsbitte lässt sich jedoch konkreter rezeptionsgeschichtlicher Erklärungsdruck nachweisen. Die Hypothese, die Vergebungsbitte als späteren Zusatz zu verstehen, bleibt erklärungsbedürftig. Sie muss die lukanische Passung des Gebets, seine frühe Bezeugung bei Irenäus von Lyon und seine Beschränkung auf das Lukasevangelium darlegen können. Die Annahme, der kürzere Text ohne Vergebungsbitte sei ursprünglich, stößt an Grenzen historischer, redaktioneller und literarischer Art.
Der Gesamtbefund spricht dafür, dass Lk 23,34a zum ursprünglichen Text des Lukasevangeliums gehört. Dieses Urteil beruht nicht auf einem einzelnen Argument, sondern auf dem Zusammenspiel der frühen Bezeugung bei Irenäus von Lyon, der sprachlichen, erzählerischen und theologischen Einbindung in das lukanische Doppelwerk und dem nachweisbaren rezeptionsgeschichtlichen Erklärungsdruck, den die Vergebungsbitte erzeugte.
Das Kreuz bestätigt die Vergebungsordnung
Die Auslassung bleibt theologisch nicht folgenlos. Mit Lk 23,34a bleibt in der Kreuzigungsszene eine konkrete Vergebungsordnung sichtbar: Jesus vergibt als Opfer auf seiner Seite, tritt für seine Täter ein und bittet den Vater um Vergebung für sie, ohne Gottes Entscheidung vorwegzunehmen. Die Täter bleiben verantwortlich; ihr Weg zum Opfer und zur Versöhnung wird durch Jesu Fürbitte nicht ersetzt. Fehlt der Satz, verschwindet aus der Kreuzigungsszene ein deutlicher textlicher Widerstand gegen die Vorstellung, der Kreuzestod habe Vergebung bereits allgemein und vorauseilend vollzogen.
Die Auslassung der Bitte in Lk 23,34a hat in der Rezeptionsgeschichte eine klare Wirkung:
Der um Vergebung bittende Jesus
tritt hinter einen vergebenden Christus zurück.
Die Gegenwart der Bitte zeigt:
Der sterbende Jesus handelt als Opfer nach seiner Vergebungslehre in der Dreiecksbeziehung Täter – Gott – Opfer. Er vergibt den konkreten Tätern als Mensch, er bittet Gott für sie als Sohn Gottes, und er überlässt dem „Vater“, Gott, sowohl die Entscheidung über die Vergebung als auch ihren Vollzug. → 16: „Sohn Gottes“ als Beziehungsbezeichnung
Die Bitte Jesu widerspricht jedem Gedanken einer vorauseilenden Sündenvergebung oder einer Allversöhnung mit Gott durch Christus im Kreuzigungsgeschehen. Eine solche vorauseilende Vergebung oder Allversöhnung kann nur gedacht werden, wenn der historisch leidende Jesus in einen von ihm völlig gelösten kerygmatischen Christus umgeformt wird. Dafür bietet das Kreuzigungsgeschehen keinen Anlass. Soll eine solche Umformung angenommen werden, läge der Kipppunkt der Transformation zwischen Grablegung nach dem Kreuzestod und leerem Grab, nicht im Kreuz.
Am Kreuz starb Jesus – auferstanden ist Christus.
In den Evangelien ändern beide die Vergebungsordnung nicht.
Vergebung ist für viele Christen in der Glaubenspraxis nicht leicht zu verstehen. Wer vergibt Sünden und Vergehen? Was sagt Jesus? Was steht im Vaterunser?
Die Frage nach der Vergebung steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Sie begegnet in Gebeten, Predigten, Gottesdiensten, Beichte, Abendmahl und Seelsorge. Fast immer richtet sich der Blick dabei zuerst auf Gott: Gott vergibt dem Menschen seine Schuld. Doch die Vergebungsbitte im Vaterunser führt in eine andere Richtung. Die menschliche Vergebung besitzt existentielles Gewicht für Christen. Sie ist nicht losgelöst von göttlicher Vergebung. Sie wird von Jesus zur unbedingten Voraussetzung für die Gewährung göttlicher Vergebung erklärt. Der Aufsatz untersucht Überlieferung, Hintergründe und Konkretisierung in der christlichen Glaubenspraxis.
Die Aufsätze entfalten Themen, um Denkräume zu erweitern. Hier finden sich Texte zu unterschiedlichen Themen aus Theologie, Bibel und Glaubenspraxis.
Die Texte laden zum Nachdenken ein, unabhängig davon, wie vertraut Sie mit theologischen Themen und religiösem Glauben sind.
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Abbildung: Vater, vergib Ihnen! Sie wissen nicht, was sie tun!
Grafik: Reiner Makohl
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Reiner Makohl, »Vater, vergib ihnen!«Lk 23,34a: Eine textkritische Untersuchung, in: Stilkunst.de,
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