N a also! Jetzt kommen konkrete Zahlen auf den Tisch! Die Mär vom billigen Atomstrom verliert nach und nach an Wirkung. Oder sind Sie immer noch der Meinung, Atomkraft ist die günstigste Art der Stromgewinnung? Und glauben Sie, dass die Folgen eines Atomunfalls gar nicht so schlimm und gar nicht so teuer sind im Vergleich zu – bespielsweise! – Verkehrsunfällen?
Gleich mehrere Nachrichten passen zu diesen Glaubensfragen:
D er Streit über die Kosten der Energie entbrennt. Wir werden mehr für Strom zahlen müssen. Das jedenfalls erzählt jeder, und das glaubt inzwischen fast jeder, oder? Doch vorsicht! Ist das überhaupt nötig? Nicken Sie bitte nicht zu schnell! Zahlen, die wirklich vergleichbar sind, müssen erst noch präsentiert werden!
Greenpeace hat nun berechnet, dass Atomstrom schon heute teurer ist als alle anderen Arten der Stromgewinnung. Beispielsweise ist Atomstrom etwa doppelt so teuer wie Strom aus Wasserkraft. Woran liegt das? Nun, Atomstrom wird subventioniert. Die staatliche Förderung belief sich laut Greenpeace bei Atomstrom auf 186 Milliarden Euro seit 1970. Im gleichen Zeitraum wurden erneuerbare Energien mit 28 Milliarden Euro subventioniert.
Sie, ich und wir, haben demnach schon immer sehr viel Geld für Atomstrom bezahlt, selbst dann, wenn wir ihn gar nicht nutzen: über unsere Steuerabgaben. Eine vernünftige Entscheidung wäre es wohl, die Subventionen umzulenken, zumal die Betreiber mit Kernkraftwerken täglich Millionen Euro Gewinn einfahren.
Aber wir fürchten, die Verantwortlichen werden es schaffen, uns klar zu machen, dass wir mehr zahlen müssen, mehr für erneuerbare Energien und mehr für den Ausbau der Sicherheit in Atomkraftwerken. Im Zweifelsfall per Verordnung oder Gesetz. Gleichzeitig werden sie alles daran setzen, mehr rauszuholen. Mehr an Subventionen. Sie werden darum kämpfen, dass die Abgaben gekürzt werden, die sie zu entrichten haben. Und dann werden sie uns einmal mehr beweisen, dass Strom nur dank Atomkraft so billig produziert werden kann.
Wir meinen: Atomstrom ist nur deshalb so billig, weil wir auf vielen anderen Wegen monetär und nicht-monetär dafür bezahlen und dafür geradestehen. Aber mal sehen, wie die Diskussion weitergeht: Die Fakten gewinnen jedenfalls an Form, die Zahlen werden langsam konkreter.
G leichzeitig vergammeln im Atommülllager Asse rund 126.000 marode Fässer Atommüll. Eine Bergung und Neueinlagerung in einem geeigneten Endlager kann nicht mehr lange hinausgezögert werden. Das Bundesamt für Strahlenschutz schätzt allein die Kosten für die Bergung auf über 2 Milliarden Euro. Kosten für eine Endlagerung sind darin wohl noch nicht erfasst, oder? Die Gefahren für die Menschen, die diesen Job machen müssen, sind nicht abschätzbar, aber die Situation ist äußerst kritisch. Mehr als 10% der Fässer geben bereits Strahlungen ab, die Lebensgefahr bedeuten können, wenn man ihnen zulange ausgesetzt ist.
Wer bezahlt das alles? Und fließen diese Kosten in die Kosten pro Kilowattstunde Atomstrom mit ein?
V or 25 Jahren haben Menschen an der Versiegelung des Kernkraftwerkes Tschernobyl gearbeitet. Jetzt machten sie mit einer Demo in Kiew auf ihr Leid aufmerksam und forderten, endlich die nötige soziale und medizinische Versorgung zu erhalten, die ihnen bisher versagt blieb.
2000 Menschen sollen teilgenommen haben an dieser Demo, etliche waren nicht dabei. Sehr viele sind inzwischen an den Folgen der Verstrahlung gestorben, andere schwerstkrank. Die Folge: Den Diskussionen liegen nur geschönte Statistiken und geschönte Bilanzen zugrunde, die Flucht aus der Verantwortung überschattet das Ereignis. Ein schlimmes Kapitel – für jeden einzelnen Betroffenen! Der traurige Fukushima-Unfall macht Mut.
Dass das Kernkraftwerk Tschernobyl wahrscheinlich den bisher teuersten Strom der Welt produziert hat, das hatten wir schon beispielhaft erläutert und muss nicht wiederholt werden. Die Frage ist, ob Fukushima toppen wird. Aber das, so glauben wir, wird nie zu beweisen sein. Weil es niemand nachrechnen wird. Denn jeder Yen und jeder Euro auf der Kostenseite kommen dem Eingeständnis gleich, in der Verantwortung zu stehen.
S o ganz kann man sich nicht ihr nicht entziehen, der Verantwortung. Auch wenn man es gerne täte, wie die verhaltene Informationspolitik während des Unfallablaufs in Fukushima vermuten lässt. Der japanische Kraftwerksbetreiber Tepco bietet jetzt jedem, der aus der Todeszone evakuiert werden musste, eine Million Yen (ca. 8.300 Euro) Entschädigung an. Das ist weniger, als der Totalschaden eines Kleinwagens bei einem Verkehrsunfall verursachen würde. Das ist sehr, sehr wenig, für ein verlorenes Zuhause, für verlorenes Eigentum, für verlorene Lebensqualität, für direkt entstehende Kosten, für Leid und Schmerz und womöglich Krankheit.
Hoffentlich ist das nur als Erstmaßnahme zu verstehen, um direkte Kosten abzufangen, die die Evakuierung mit sich bringt und die für das Leben im Nichts entstehen. Es wäre schlimm, wenn sich damit die Verantwortlichen von realistischen Entschädigungen freikaufen können. Und es wäre schlimm, wenn nur diese kleinen Zahlen in den Kostenrechnungen des Atomunfalls Eingang fänden. Denn in einer rückwärtigen Betrachtung aus Buchhaltersicht suggerieren sie: war ja gar nicht so schlimm! Es gibt Schlimmeres. – Uns fällt kaum etwas Schlimmeres ein.