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Woher kommen wir?

Gedanken zur Schöpfungsgeschichte

Aufsätze
Gedanken zu Glaube, Bibel und Theologie

Woher kommen wir?

Gedanken zur Schöpfungsgeschichte

 

Reiner Makohl | Februar 2026

 

Worum es hier geht

 

Dieser Aufsatz verbindet biblische Schöpfungserzählung und moderne Kosmologie. Er zeigt, dass beide Ansätze – das »Modell Gott« und das »Modell Urknall« – Versuche sind, das Unbegreifbare zu fassen.

Für alle Leserinnen und Leser geeignet, die sich für den Dialog zwischen Glaube und Wissenschaft interessieren.

Lesezeit: ca. 15 Minuten | Keine Vorkenntnisse erforderlich

 
NGC 5972 – Hubble-Aufnahme einer Galaxie mit grün leuchtenden Gasstrukturen um einen Quasar

Abbildung: NGC 5972 – Der Geist über dem Abgrund
Bildnachweis: → siehe unten.
 
Diese Aufnahme des Hubble-Weltraumteleskops zeigt die Galaxie NGC 5972 im Sternbild Serpens Caput, umgeben von geheimnisvollen, grünlich leuchtenden Gasstrukturen. Die NASA nennt sie »ephemere Geister« – flüchtige, gasförmige Gebilde, die einen Quasar umgeben. Ein Quasar ist ein supermassives Schwarzes Loch, umgeben von leuchtender Materie. Das Schwarze Loch selbst ist das ultimative Nichts – oder vielmehr: das ultimative Gegenteil des Nichts. Ein punktförmiges, unsichtbares Objekt, aufgeladen mit unvorstellbaren Mengen hochverdichteter Materie und Energie. In ihm steht die Zeit still.
 
So könnte dieses Bild auch heißen:
Und der Geist schwebte über dem (ultimativen Gegenteil des) Nichts.

Das größte Rätsel der Menschheit

 

Unser Universum und damit die Existenz unserer Welt ist wohl das größte Rätsel der Menschheit. Die Wissenschaft behilft sich mit dem Modell der Urknalltheorie, die das gemeinsame Entstehen von Materie, Raum und Zeit aus einer »Singularität« beschreibt.

Der »Urknall« ist jedoch nicht als Explosion zu verstehen, sondern als ein Prozess, den die Wissenschaft nicht beschreiben kann. Wissenschaftler müssten ehrlich sagen: »Am Anfang war das Nichts, nur Dunkelheit und Leere. Es gab weder Raum, noch Materie, noch Zeit. Und selbst das wissen wir nicht. Dann entstand plötzlich die Zeit, und in ihr der Raum, und in ihm die Materie. Niemand weiß, wie das vor sich ging, worin es entstand, wie lange es dauerte, wodurch es entstand und warum.«

Was wir annehmen, ist, dass der Beginn in einem »Punkt« begann – den wir nicht Punkt nennen dürfen, denn er hatte keine Größe, jedenfalls keine, die wir mit unserer Physik beschreiben könnten. Die Wissenschaftler nennen es deshalb »Singularität« – neutral, ohne es näher bestimmen zu müssen.

Seit diesem Moment bewegt sich alles von diesem zentralen Punkt weg. Der Raum dehnt sich aus, die Materie wandert durch ihn, die Zeit verstreicht, krümmt und verbiegt sich, wie der Raum selbst.

 

Moderne Mythen und alte Weisheit

Die apotropäische Funktion
 

Die Urknalltheorie unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem, was Menschen bereits vor Jahrtausenden taten, um das Rätsel der Weltentstehung zu lösen: Das Heute beobachten, um auf das zugrunde liegende Ereignis in der Vergangenheit zu schließen.

So betrachtet, ist die Urknalltheorie der moderne Mythos der Schöpfungsgeschichte, der als wissenschaftliches Modell Anerkennung fand. Mit Recht. Denn Modelle, die unserer Erkenntnisfähigkeit entgegenkommen, helfen beim Verstehen – selbst wenn sie nicht beweisbar sind.

Alle Kulturen haben zu allen Zeiten Schöpfungsgeschichten entwickelt. Menschen überall auf der Welt erkannten früh, dass die Fragen nach dem Sein, dem Sinn und dem Wohin ein Fundament benötigen: Die Antwort auf die Frage: Woher kommen wir?

 

Die Bibel und die Wissenschaft

 

Der biblische Schöpfungsbericht ist überraschend nah an den Erkenntnissen, die unsere moderne Wissenschaft beschreibt: Am Anfang war Leere, es formte sich die Atmosphäre, es entstanden Ozeane und Landmassen, Pflanzen und Tiere entwickelten sich, und schließlich erschien der Mensch.

Die biblischen Autoren schreiben vereinfacht mit einfachen Worten für ihre Leser und ihre Zeit. Es ging ihnen nicht darum, einen wissenschaftlich unwiderlegbaren Text zu schreiben. Es ging um eine verständliche Antwort auf die Frage: Woher kommen wir? Und um eine Botschaft, die auf unser Dasein zielt.

Dennoch zeugen die Texte von einer tiefgehenden Beschäftigung mit den Ereignissen, die bei der Entstehung unserer Welt passiert sein müssen. Sie zeugen von Nachdenken, Ergründen, Wissen und Wissenschaft, publizistisch aufbereitet für ihre Zeit.

 

Das Modell Gott

 

Die Fragen nach dem Ursprung der Singularität, nach dem auslösenden Ereignis, nach dem Schöpfungsprozess beantwortet die Bibel mit »Gott«. Die heutige Wissenschaft kann das weder belegen noch bestreiten. Sie ist sich im Klaren darüber, dass es eine auslösende »Macht« gegeben haben muss. Doch diese Macht verschwindet hinter dem Urknall, hinter dem Vorhang, in der nicht definierbaren Zone, die unser Denken noch nicht erfassen kann.

Für die biblischen Autoren war es wichtig, genau diesen Grund zu erfassen und ihm einen Namen zu geben: Gott.

»Gott« erscheint personifiziert, weil dies der realen Erlebenswelt der Menschen entspringt: Denkende, planerisch vorgehende und handelnde Wesen sind Personen. Wie also könnte man sich eine Macht, die etwas so Gewaltiges schuf, anders vorstellen?

Die biblischen Autoren nutzen diese Darstellung Gottes als personifiziertes Wesen, als schöpferische Macht, wie ein Modell. Genau so, wie wir den »Urknall« als Standardmodell verwenden, weil wir nicht wissen, was er ist, aber etwas brauchen, um überhaupt darüber nachdenken zu können.

 

Was war davor?

 

Wie sah das »Universum« – das es ja noch gar nicht gab – unmittelbar vor dieser Explosion aus? Was war so mächtig, dass es ein unvorstellbar großes Universum schaffen konnte durch einen einzigen »Knall« aus dem Nichts?

Hinter dem Modell »Gott« tun sich dieselben Fragen auf: Wie sah seine Welt aus, bevor er die unsrige erschuf? Wo kommt er her? Wer hat ihn erschaffen? Woher kommt diese unvorstellbare Kraft?

Diese Antworten kennt auch die Bibel nicht. Es genügt zu wissen, dass wir da sind und dass es einen Grund dafür gibt.

An diesen Fragen scheitert das Nachdenken über das Modell der Urknalltheorie genauso, wie unser Nachdenken über Gott scheitern muss. Die Begrenztheit unserer Erkenntnisse zwingt uns dazu, Modelle zu erfinden, die hinreichende Fundamente liefern für alles, was auf ihnen aufbaut – unabhängig davon, wie vollständig und korrekt sie sind.

Heute münden alle ernstzunehmenden Überlegungen über den Anfang darin, dass wir ein zweites Universum annehmen müssen, um ein verständliches Modell zu generieren. Doch diese Annahmen liefern keine Antworten. Sie verschieben die Fragen nur weiter zurück in eine völlig unbekannte Vergangenheit.

Diese modernen Annahmen sind in der alten biblischen Vorstellung bereits angelegt: Ein zweites Universum, nämlich das, in dem Gott mit seinen Heerscharen bereits existierte, muss es gegeben haben, wenn das Modell »Gott« funktionieren soll. Auch der Gedanke eines parallelen Universums war schon gedacht, nämlich in der Idee der himmlischen Welt, in der Gott noch immer existiert.

Jede Antwort auf die Frage nach dem Anfang bleibt ein Mythos – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ob wissenschaftlich oder theologisch.

 

Eta Carinae – Hubble-Aufnahme eines massiven Doppelsterns mit bipolar ausgeworfenen Gas- und Staubwolken

Abbildung: Eta Carinae – Schöpfung in progress
Bildnachweis: → siehe unten.
 
Um 1840 erlebte der Doppelstern Eta Carinae eine gewaltige Eruption und schuf dabei den sogenannten Homunculus-Nebel – zwei massive Gas- und Staubwolken, die sich mit etwa 2,4 Millionen Kilometern pro Stunde im All ausdehnen. Dieser kosmische Sturm formte aus Teilen der Masse beider Sterne ein einzigartiges Gebilde.
 
Die Astronomen können die Vorgänge bis heute nicht vollständig erklären, viele Fragen bleiben offen. Doch Entdeckungen weiterer Doppelsterne wie Eta Carinae in anderen Galaxien helfen ihnen, die frühen Phasen im Leben massiver Sterne besser zu verstehen.
 
Sehen wir hier einen Prozess der Entstehung? Auch wenn uns unser Sonnensystem stabil und unveränderlich erscheint – die Schöpfung ist noch immer im vollen Gange. Möglicherweise bilden sich hier Planeten, von denen in vielen Millionen Jahren einer Leben tragen wird.

Die Verantwortung für das Geschenk

 

Unser individuelles Sein geht für jeden von uns zurück auf eine ununterbrochene Kette von Vorfahren, die irgendwo einen Anfang hat. Diese Vorstellung allein grenzt an ein Wunder, wenn man bedenkt, wie leicht die Kette hätte unterbrochen werden können.

Wir verdanken unser Leben nicht uns selbst, auch nicht unseren direkten Eltern allein, sondern einem ewigen Prozess, der irgendwann begann – lange vor dem, was wir den Beginn der Zeit nennen. Diesen Beginn beschreibt die Bibel so: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde«, und die Wissenschaftler sagen: »Am Anfang war der Urknall«.

Das ist ihre Antwort auf die Frage: Woher kommen wir? Die Antwort auf die zweite Frage – Wer sind wir? – lautet dann: Wir sind Teil dieses Prozesses und tragen die Verantwortung dafür, dass er weitergeht. Wohin wir gehen, das weiß niemand. Doch unser Handeln wird die Zukunft verändern.

Das Wunder der Schöpfung steckt in jedem von uns. Wir tragen die Verantwortung dafür, dass sich dieses Wunder entwickeln kann überall dort, wo wir ein Teil des Ganzen sind.

 

Der eigentliche Kern

 

Genau das ist der eigentliche Kern der Schöpfungsgeschichte. Es geht in diesem Kern nicht um die zugrundeliegenden Fragen: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Es geht um die Erkenntnis, dass wir mit der Schöpfung (oder dem Urknall) ein Geschenk bekommen haben, zu dem wir selbst rein gar nichts beitrugen.

Die erwartete Gegenleistung für dieses Geschenk ist die Bereitschaft, dafür die Verantwortung zu übernehmen.

Übernehmen Sie Verantwortung! Man kann sich ihr eh nicht entziehen. Im Großen, aber auch im Kleinen – überall dort, wo uns die Schöpfung täglich begegnet und uns ihre Wunder offenbart und immer wieder neu schenkt: in uns und in unseren Mitmenschen.

 

»Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.
Die Erde aber war wüst und leer.
Finsternis lag über dem Abgrund,
und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.«

— Erstes Buch Mose, Kapitel 1,1-2

 

 

Bildnachweise:

 

NGC 5972 – Der Geist über dem Abgrund

Quelle: NASA Science, https://science.nasa.gov/asset/hubble/ngc-5972/
Science Release: Hubble Finds Phantom Objects Near Dead Quasars
Release Date: 2. April 2015
Credits: NASA, ESA, and W. Keel (University of Alabama, Tuscaloosa)
Lizenz: Public Domain / Not copyrighted (NASA-Bilder sind gemeinfrei)
NASA-Bilder dürfen frei verwendet werden. Eine Credit-Line wird empfohlen.

Eta Carinae – Schöpfung in progress

Quelle: NASA Science, https://science.nasa.gov/asset/hubble/the-doomed-star-eta-carinae/
Science Release: The Doomed Star Eta Carinae
Release Date: 10. Juni 1996
Credits:Jon Morse (University of Colorado), and NASA
Lizenz: Public Domain / Not copyrighted (NASA-Bilder sind gemeinfrei)
NASA-Bilder dürfen frei verwendet werden. Eine Credit-Line wird empfohlen.

Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Beispiel:
Reiner Makohl, Theologische Aufsätze: Woher kommen wir? Gedanken zur Schöpfungsgeschichte., in: Stilkunst.de,
abgerufen unter:
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SK Version 16.02.2026