Gottes Schutz und das Leiden der Menschen

Warum Leid gegenwärtig ist

Aufsätze
Gedanken zu Glaube, Bibel und Theologie

Gottes Schutz und das Leiden der Menschen

Warum Leid gegenwärtig ist

 

Auf der Suche nach Antworten von der Paradiesgeschichte bis zum Kreuzestod

 

Reiner Makohl

Erstveröffentlichung: 2007
3., überarbeitete Version: Juli 2026
Letztes Update: 9. September 2026

 

In eigener Sache

Diesen Aufsatz hatte ich vor vielen Jahren geschrieben. Er ist ein Zeitzeugnis meiner Theologie. Das Update betrifft die technische Einsortierung in die aktuelle Seitenstruktur meiner Website. Dem Ruf etlicher Leser nach Quellenbelegen bin ich in der Fassung von 2026 nachgekommen.

Orientierung im Aufsatz
Grafik: Gottes Schutz und das Leiden der Menschen | Grafik: © Geschütztes Bildmaterial

Grafik: Gottes Schutz und das Leiden der Menschen
Bildnachweis: → siehe unten.

 

Worum es hier geht

 

Die Geschichte von Kain und Abel wirft eine der schwierigsten Fragen des Glaubens auf: Warum schützt Gott die Unschuldigen nicht? Dieser Aufsatz sucht Antworten nicht nur im ersten Mordfall der biblischen Überlieferung. Er durchleuchtet auch den Schöpfungsbericht, die Erzählung vom Sündenfall und das Geschehen im Kreuzestod Jesu.

Die biblischen Antworten überraschen. Sie korrigieren ein verbreitetes Verständnis von Gottes »Allmacht«, das Gott als ständig intervenierende Macht missversteht. Sie verändern den Blick auf Glauben, Verantwortung und menschliches Handeln.

Diese Korrektur bleibt nicht ohne Folgen. Sie fordert dazu heraus, aus Glauben heraus Verantwortung zu übernehmen und innerhalb der eigenen Möglichkeiten zu handeln.

Der Aufsatz berührt damit, und zwar weit über unmittelbare Nähe hinaus, existentielle Fragen: Was bedeutet das heute für dich und für jene Menschen, denen du begegnest und deren Leben du mitprägst als Teil einer selbstbestimmten Gesellschaft.

📖 Lesezeit für den Text: ca. -- Minuten.
Das Lesen der ausführlichen Erklärungen in den Fußnoten verlängert die Lesezeit.

 

 

Holzschnitt, Bild zum 1. Buch Mose, Kapitel 4, Kain und Abel

Abbildung: Bild zur Geschichte von Kain und Abel in Luthers Biblia 1545.
Der Holzschnitt zeigt mehrere Szenen gleichzeitig:
Im Vordergrund bringen die beiden Brüder ihr Opfer dar. Der aufsteigende Rauch von Abels Opfertisch, auf dem ein Lamm liegt, symbolisiert, dass dieses Opfer von Gott angenommen wurde. Von Kains Getreideopfer fließt der Rauch über den Altar zum Boden hinab.
Links im Bild erschlägt Kain seinen Bruder auf dem Feld.
Im Hintergrund rechts sehen wir Gott, der über Kain das Urteil spricht.

 

Vorbemerkung

 

Dieser Text versteht sich als biblisch gebundene theologische Betrachtung. Er geht nicht von systematischen Gottesattributen aus, sondern von den biblischen Erzählungen selbst und ihrer inneren Logik. Maßgeblich ist dabei nicht, was Gott prinzipiell sein könnte, sondern wie die Texte Gottes Gegenwart, sein Handeln und sein Nicht-Handeln in konkreten Situationen darstellen.

Die hier entwickelten Gedanken stehen bewusst im Gespräch mit gewachsenen Auslegungstraditionen, ordnen sich ihnen jedoch nicht unbesehen unter. Wo biblische Texte Spannungen, Brüche oder Wandlungen im Gottesbild zeigen, werden sie nicht harmonisiert, sondern ernst genommen.

Der Text zielt nicht auf eine Erklärung des Leids, sondern auf die Klärung menschlicher Verantwortung im Horizont des Glaubens. Glaube wird dabei nicht als Rückzug in ein religiöses Paralleluniversum verstanden, sondern als Teilhabe am Reich Gottes im Hier und Jetzt – dort, wo Menschen einander begegnen und handeln.

 

 

1. Die schwierige Frage

Warum Gott den Unschuldigen nicht schützt
 

Abel ist der erste Mensch, von dem die Bibel erzählt, dass er Gott ein Tier opfert: von den Erstgeborenen seiner Herde und von ihrem Fett (Gen 4,4). Dieses Opfer gefiel Gott. Und doch zahlte er dafür mit dem Leben, erschlagen von seinem eigenen Bruder Kain.

Diese Geschichte aus dem ersten Buch Mose konfrontiert uns mit einer Frage, die bis heute Menschen umtreibt: Warum lässt Gott das zu? Wo war sein Schutz? Warum half er dem Unschuldigen nicht?

In der Trauerarbeit hören wir diese Fragen immer wieder. Aus Trauer und Unmut heraus zweifeln viele Menschen und sprechen eine innere Kündigung gegen Gott aus.

 

 

2. Die falsche Erwartung

Allmacht als Missverständnis
 

Wer so fragt, erwartet von Gott, dass er eingreift: dass er die Unschuldigen beschützt, das Böse aufhält und das Unheil verhindert. Gott erscheint dabei als allmächtiger Wächter, der im entscheidenden Moment den Lauf der Dinge ändert.

Doch genau diese Erwartung führt in die Irre. Sie setzt ein Verständnis von »Allmacht« voraus, das die Bibel selbst nicht teilt.

Diese Erwartung ist kein individuelles Missverständnis, sondern das Ergebnis eines Gottesbildes, das Allmacht mit ständiger Eingriffsfähigkeit verwechselt. Genau dieses Verständnis bildet die Voraussetzung der klassischen Theodizee-Frage und macht sie von Anfang an unlösbar.

 

 

3. Verantwortung seit dem Paradies

Warum Gottes Begrenztheit Vertrauen, Freiheit und Verantwortung eröffnet
 

Schon im Paradies zeigt sich: Gottes »Allmacht« bedeutet nicht permanente Gegenwart und Kontrolle und nicht Allwissenheit. Die biblischen Texte erzählen Gottes Handeln nicht als lückenlose Überwachung, sondern als konkrete, situative Gegenwart.

Der Text berichtet, nachdem sich der Sündenfall ereignet hatte:

»Da hörten sie die Stimme von Jahwe, Gott, der sich beim Tagwind im Garten erging, und es versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem Angesicht Jahwes, Gottes, inmitten des Baumgartens. Da rief Jahwe, Gott, zu dem Menschen, indem er zu ihm sagte: Wo bist du?

(1. Mose 3,8f. | Text: eigene Arbeitsübersetzung)

Betrachtet man diese Szene ohne Gott vorschnell systematische Attribute zuzuschreiben, zeigt sich: Gott geht im milden Wind des Tages im Garten spazieren. Er ist nicht Teil der Szene zwischen Mensch und Schlange. Er hört das Gespräch nicht. Er greift nicht ein, um den Menschen vom Essen der Frucht abzuhalten und ihn so vor dem Sterben zu bewahren. Die Erzählung ist eindeutig: Jahwe, Gott, unternimmt nichts. Er geht spazieren. Erst danach sucht er den Menschen und fragt, wo er ist.

Das ist kein Versagen.

Das ist, bezogen auf den Glauben, programmatisch.

Gottes Eigenschaften wirken hier vertraut, beinahe menschlich. Und genau darin liegt ihre Stärke. Gott vertraut dem Menschen. Dieses Vertrauen ist eine der grundlegenden Stärken Gottes in seiner Beziehung zu uns Menschen.

Gott delegiert Verantwortung. Diese Verantwortung, die dem Menschen zuteilwird, ist keine Begrenzung und keine Regulierung. Sie eröffnet Entscheidungsfreiheit und ermöglicht eine Antwort des Menschen auf das ihm von Gott entgegengebrachte Vertrauen.

Vor dem Sündenfall gab Gott dem Menschen ein klares Gebot. Eva bekennt es gegenüber der Schlange:

[Eva zitiert das Gebot Gottes:]

»Von der Frucht des Baumes in der Mitte des Gartens sprach Gott: Nicht sollt ihr essen von ihm, ja nicht rühret ihn an, damit ihr nicht sterbet!«

(1. Mose 3,3 | Text: eigene Arbeitsübersetzung)

Dieses Gebot ist die konkrete Form der Delegation. Die Einhaltung des Gebots setzt Vertrauen voraus. Gottes Wirksamkeit wird real, wo der Mensch dieses Vertrauen annimmt und lebt. Gottes Sein wird gegenwärtig im Gebot. Seine Macht zeigt sich nicht im Eingreifen, sondern in der Verantwortung, die er überträgt. Seine Liebe zeigt sich im Vertrauen, seine Beziehung in der Freiheit, die er gewährt.

Der ferne Gott wird uns nicht durch Kontrolle nah, sondern in gelebter Beziehung.

Mit der Verantwortung ist Freiheit gegeben. Der Mensch hätte sich der Verführung der Schlange widersetzen können – das ist Freiheit. Er hätte es aber auch tun müssen – das ist gelebte Verantwortung in der Beziehung zu Gott.

Freiheit bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern Partnerschaft. Sie erlaubt es, Gebote zu übertreten und das eigene Handeln sogar religiös zu rechtfertigen. Gerade deshalb bleibt Verantwortung nicht abwälzbar.

Jesus bringt diese Logik im Gleichnis vom Weltgericht auf die Spitze (Matthäus 25,31–46): Die zur Linken rechtfertigen ihr Unterlassen damit, Christus nicht erkannt zu haben. Doch Unwissenheit hebt Verantwortung nicht auf. Das Vertrauen, das Gott in uns setzt, könnten wir weit besser beantworten, als wir es tun.

 

 

Exkurs:
Gegenwart, Szene und Handeln

 

Wenn im Folgenden von Gottes Gegenwart oder Abwesenheit die Rede ist, geschieht dies nicht im Sinn metaphysischer Eigenschaften, sondern im Sinn erzählter, relationaler Gegenwart. Maßstab ist allein, wie der biblische Text Gottes Handeln oder Nicht-Handeln in der jeweiligen Szene entfaltet.

 

Im Kapitel 3 des 1. Buch Mose zeigt sich Gott nicht allwissend, nicht allsehend, nicht allgegenwärtig und nicht allmächtig in dem Sinn, wie diese Begriffe heute meist verstanden werden. Die Erzählung setzt Gottes Begrenztheit voraus. Andernfalls würde sie nicht funktionieren.

Gottes Allmacht ist unbegrenzt dort, wo er seine Macht unmittelbar einsetzt, wie die Schöpfungsgeschichte zeigt. Sie ist jedoch dort begrenzt, wo Wahrnehmung, Wissen und Gegenwart Voraussetzung für Handeln sind. Gott kompensiert diese Begrenztheit nicht durch Kontrolle, sondern durch Delegation.

Er überträgt dem Menschen Verantwortung. Von diesem Moment an ist Verantwortung nicht mehr abwälzbar. Wir sind nach seinem Bild geschaffen. Unsere eigene Begrenztheit erklärt sich daraus. Auch wir sehen nicht alles, hören nicht alles und können nicht überall handeln. Und dennoch bleiben wir verantwortlich für das, was wir tun, und für das, was wir unterlassen.

 

 

4. Was die Bibel bei Kain und Abel erzählt

Verantwortung vor der Tat
 

Diese Linie setzt sich bei Kain und Abel fort. Bevor Kain seinen Bruder erschlägt, spricht Gott ihn an. Kain war zornig geworden, weil sein Opfer nicht beachtet wurde, während Abels Opfer Gott gefiel.

Gott sagt zu Kain :

[Gott spricht:]

»Wenn du recht handelst, bist dann nicht freundlich? Wenn du aber nicht recht handelst, ist dann nicht die Verführung an der Tür, wie ein lauerndes Tier, das nach dir verlangt? Dann sollst du ihr nicht ihren Willen lassen, sondern herrsche über sie!«

(1. Mose 4,7 | Text: eigene Arbeitsübersetzung)

Das Gebot darin lautet:

Beherrsche dich! Lass der Verführung nicht ihren Willen.

Der Text erzählt Gott nicht als Zeugen der Tat. Er greift nicht ein und kann Abel in dieser Szene nicht beistehen. Zuvor hatte er dem Menschen mit dem Gebot die Verantwortung übertragen, zugleich aber auch die Entscheidungsfreiheit belassen. Und Kain entscheidet sich falsch.

 

 

5. Gottes Schutz bewahrt uns davor, Täter zu werden

Warum Nähe zu Gott keinen Schutz vor Leiden verspricht
 

Hier liegt die Erkenntnis, die so schwer zu verstehen ist: Gottes Schutz richtet sich vordringlich nicht an das potenzielle Opfer, sondern an den potenziellen Täter.

Abel starb nicht, weil ihm Gottes Schutz fehlte. Er starb, weil Kain diesen Schutz für sich selbst nicht annahm. Kain missachtete das Gebot, sich zu beherrschen.

Gott steht dabei unmissverständlich auf der Seite des Opfers. Das zeigt die Erzählung im Zorn Gottes selbst: »Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde« (1. Mose 4,10). Gerade um Menschen davor zu bewahren, zu Opfern zu werden, richtet sich Gottes Schutz präventiv an die potenziellen Täter, und zwar durch Gebote, die Verantwortung für den Mitmenschen binden.

Die Nähe zu Gott schützt uns also nicht davor, Opfer zu werden. Sie verspricht keinen Schutz vor Leiden. Aber sie kann uns davor bewahren, andere zu Opfern zu machen.

Genau darin zeigt sich die Verantwortung, die Gott uns übertragen hat: Menschen nicht zu Opfern unseres Denkens, Redens und Handelns zu machen.

Es geht nicht darum, ob man Opfer wird, sondern darum, ob man andere zu Opfern macht. Das eine können wir oft kaum beeinflussen. Das andere liegt in unserer Hand. Das ist der Unterschied.

 

 

6. Die Eskalation: Der Kreuzestod Jesu

Warum das Kreuz kein göttliches Opfer, sondern menschliche Gewalt ist
 

Diese Linie eskaliert in der Kreuzigung Jesu. Der Tod Jesu ist kein göttlich vollzogenes Opfer, sondern die gewaltsame Tötung eines Menschen durch römische Staatsgewalt. Gekreuzigt wurden insbesondere Sklaven, Aufständische und Hochverräter, keine religiösen Opfer. → 1: Kreuzigung als römische Strafe

Seine theologische Bedeutung liegt deshalb nicht im Akt des Sterbens selbst, sondern in der Deutung dieses Todes. → 2: Zur Abgrenzung der hier vertretenen Kreuzesdeutung

Mit dem Kreuzestod wird im christlichen Verständnis der Opferkult theologisch beendet, und mit ihm jede priesterliche Vermittlung zwischen Gott und Mensch. Wo Opfer theologisch überflüssig werden, braucht es keine Priester mehr als Mittler.

Der Mensch steht von nun an unmittelbar vor Gott verantwortlich für sein Handeln. Kein Priester vermittelt mehr, kein rituelles Opfer nützt mehr. Die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden, zwingt den Menschen in eine Freiheit, die unausweichlich von Eigenverantwortung geprägt ist.

Auch hier greift Gott nicht ein. Selbst sein eigener Sohn wird von Menschen getötet. Der Kreuzruf Jesu – »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« – ist keine rhetorische Formel, sondern die radikale Aussage göttlicher Abwesenheit in dieser Szene. Gott handelt nicht, weil er in dieser Situation nicht gegenwärtig ist. Er bleibt der Wartende – und er bleibt der Mit-Leidende.

 

 

7. Gottes Mit-leiden

Warum Gott nicht eingreift, sondern Verantwortung teilt
 

[Gott spricht:]

Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde!

(1. Mose 4,10 | Text: eigene Arbeitsübersetzung)

Das ist Mit-leiden. Nicht Hilflosigkeit, nicht Ohnmacht, sondern das Erschüttertsein dessen, der nicht eingreifen kann und der deshalb dem Menschen die Verantwortung übertragen hat. Gott erkennt: Es ist nicht gut geworden.

Von »sehr gut« zur Reue

Gen 1,31 urteilt über die Schöpfung: „… siehe, es war sehr gut.“ Gen 6,5–7 erzählt angesichts menschlicher Gewalt und Bosheit etwas anderes: Gott sieht, was aus seiner Schöpfung geworden ist, bereut, den Menschen gemacht zu haben, und beklagt seinen eigenen Entschluss. Die Erzählung hält diese Spannung aus. Sie beschreibt Gott nicht als jemanden, dessen Urteil von Anfang an unveränderlich feststeht, sondern als handelnde Person, die wahrnimmt, erfährt, reagiert und ihr eigenes früheres Urteil angesichts der Wirklichkeit revidiert.

Diese Spannung sollte nicht durch die nachträgliche Voraussetzung einer allwissenden Vorausplanung aufgelöst werden. Der Text erzählt: Was »sehr gut« begonnen hatte, ist nicht gut geblieben. Gott erkennt das und reagiert darauf.

Dieses Mit-leiden ist immer konkret, immer personal. Es gilt nicht »der Menschheit« oder »den Christen«. Es gilt diesem Menschen, diesem Schrei, diesem Blut. Glaube ist immer personal. Er betrifft eine Frau, einen Mann, ein Kind. Nie ein Kollektiv.

Die evangelische Theologin Dorothee Sölle hat diesen Gedanken aufgegriffen: Gott ist nicht allmächtig im klassischen Sinn, deshalb leidet er mit. → 3: Der mitleidende Gott

Dieser Ansatz trägt weit. Aber er geht noch weiter: Gottes Begrenztheit ist nicht nur der Grund seines Mit-Leidens, sondern der Grund der Delegation. Er gibt dem Menschen Verantwortung, weil er sie braucht. Und er leidet mit, wenn Menschen sie nicht wahrnehmen.

 

 

8. Was »Allmacht« wirklich bedeutet

Warum Gottes Macht Beziehung braucht
 

Schon die Freiheit des Menschen setzt Gottes Macht eine Grenze. Wer wirklich frei entscheiden kann, kann auch gegen Gottes Willen entscheiden. Sonst wäre Freiheit nur Schein. → 4: Menschliche Freiheit begrenzt göttliche Macht

Eine treffende Formulierung lautet: „Gott kann nicht alles, was er will. Er wird begrenzt – oder begrenzt sich – in seiner Handlungsfreiheit durch seine Schöpfung.“ → 5: Gottes Allmacht als Beziehungsaussage

Gottes »Allmacht« ist keine Interventionsmacht. Sie ist Beziehungsmacht.

Gottes Macht im Miteinander der Menschen wird durch uns real – oder gar nicht. → 6: Gottes Hände im Handeln des Menschen

Wenn wir uns beherrschen, wenn wir andere nicht zu Opfern machen, wenn wir in Nächstenliebe handeln, die sich im Denken, Reden und Handeln ausdrückt, dann wird Gottes Wille Wirklichkeit. Durch uns. Wenn wir das nicht tun, bleibt sein Wille ohne Wirkung. Er erzwingt nichts. Er überlässt uns die Entscheidung. → 7: Der delegierende Gott

Genau an diesem Punkt setzt die klassische Theodizee-Frage an – und verfehlt ihn zugleich. Sie fragt, warum ein allmächtiger und guter Gott das Böse zulässt. Der jüdische Philosoph Hans Jonas legt den Widerspruch offen: Nach Auschwitz ist ein allmächtiger Gott entweder nicht allgütig oder nicht verstehbar. → 8: Allmacht, Güte und Verstehbarkeit Gottes

 

 

9. Die Theodizee als Verantwortungsabwälzung

Warum die Frage nach dem Eingreifen Gottes am Kern vorbeigeht
 

Die klassische Theodizee-Frage lautet: Wenn Gott allmächtig und gut ist, warum lässt er dann Leid zu?

Diese Frage setzt ein Gottesbild voraus, das Gott als jederzeit anwesende und eingriffsbereite Interventionsinstanz versteht. Die biblischen Texte selbst legen ein solches Verständnis jedoch nicht zugrunde.

Seit dem Paradies ist Verantwortung nicht mehr abwälzbar. Gott hat sie dem Menschen übertragen, und zwar nicht als Strafe und nicht als Zumutung, sondern als Ausdruck von Vertrauen. Mit dem Gebot delegiert Gott Verantwortung und traut dem Menschen zu, sie zu tragen. Freiheit ist dabei nicht das Gegenteil von Gebot, sondern seine Voraussetzung.

Die Frage „Warum greift Gott nicht ein?“ verfehlt deshalb den Kern. Sie übersieht, dass Gott den Menschen nicht aus der Verantwortung entlassen hat, sondern ihm zutraut, sie wahrzunehmen. Verantwortlich ist nicht ein fernes göttliches Gegenüber, sondern wir selbst als Menschen, denen nach Gen 3,5.22 die Fähigkeit zur Unterscheidung von Gut und Böse zugewachsen ist. Die biblische Erzählung kennt keine Rücknahme dieser Delegation.

Besonders problematisch wird die Theodizee-Frage im Rückblick. Menschen handeln, unterlassen, gehorchen, widersprechen, schützen oder sehen weg. Wird anschließend Gott dafür verantwortlich gemacht, dass er die Folgen menschlichen Versagens nicht verhindert hat, wird Verantwortung nachträglich an ihn zurückgegeben. Der Mensch versagt in seinem Verantwortungsraum, und Gott soll dafür einstehen, dass er dieses Versagen nicht korrigiert hat.

Wer sich auf die klassische Theodizee-Diskussion einlässt, akzeptiert damit bereits eine falsche Prämisse. → 9: Die klassische Theodizeefrage

Etwas anderes ist die Klage des Leidenden. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ fragt nicht nach einer Theorie über Gottes Verantwortung. Es ist der Ruf eines Menschen, der Gott in seinem Leiden als Gegenüber sucht. Er kann nach Halt und Kraft rufen, anklagen, zweifeln oder verstummen. Dieser Schrei delegiert keine Verantwortung zurück. Er hält Beziehung offen, selbst dort, wo keine Antwort mehr erkennbar ist.

 

 

10. Gott und Mensch in der Geschichte

Warum Eingreifen Geschichte verändert
 

Hier finden sich Antworten auf die Fragen, wie Gottes Handeln in der Geschichte wirkt und warum Leid gegenwärtig ist.

Gott handelt nicht anstelle des Menschen. Er hat ihm Verantwortung übertragen und nimmt sie nicht zurück, sobald ihre Folgen schmerzhaft werden. Gottes Wille wird in der Geschichte nicht am Menschen vorbei Wirklichkeit. Er braucht Menschen, die handeln. Wo sie diese Verantwortung verweigern, bleibt auch Gottes Wille ohne Wirkung.

Die Frage, warum Gott einen bestimmten Menschen nicht gerettet oder ein bestimmtes Leid nicht verhindert habe, unterstellt, ein einzelnes Ereignis ließe sich verändern und danach dieselbe Geschichte fortsetzen. Das ist kausal unmöglich. Jeder Eingriff wird selbst Teil der Geschichte und verändert damit auch das, was danach geschieht.

Schon ein verhinderter Tod verändert Begegnungen, Entscheidungen und Lebenswege. Menschen treffen sich oder treffen sich nicht. Vermögen wird vererbt oder bleibt bei seinem Besitzer. Reisen werden angetreten oder fallen aus. Beziehungen entstehen, andere entstehen nicht. Die Folgen setzen sich fort bis hin zu der Frage, welche Menschen später überhaupt leben.

Gott könnte Geschichte deshalb nicht punktuell korrigieren, ohne Geschichte zu verändern. Jeder Eingriff würde selbst Vergangenheit und damit Voraussetzung einer anderen Zukunft.

Das gilt auch für Geschehen, das keinem einzelnen Menschen zugerechnet werden kann. Naturkatastrophen, Krankheiten und andere komplexe Prozesse entstehen aus vielen Bedingungen, die miteinander wirken. Ein Sturm, eine Flut oder eine Dürreperiode besitzen keinen einzelnen Schalter, der im entscheidenden Augenblick nur umgelegt werden müsste. Wer das Ergebnis verändert, verändert Bedingungen – und damit auch den weiteren Verlauf des Geschehens.

Je komplexer ein Prozess ist, desto weniger lassen sich seine Folgen voneinander trennen und vorhersehen. Eine Veränderung beseitigt nicht einfach nur das unerwünschte Ergebnis. Sie wird selbst Teil eines neuen Verlaufs.

Das macht kein Leid gut und kein Verbrechen notwendig. Es gibt dem Geschehen keinen verborgenen Sinn. Es behauptet auch nicht, dass ein bestimmtes Schicksal so eintreten musste. Es zeigt allein: Die Vorstellung, Gott könne ein einzelnes Leid verhindern und anschließend dieselbe Welt weiterlaufen lassen, geht von einer Möglichkeit aus, die es nicht gibt.

Wenn Gott Geschichte nicht fortwährend von außen korrigiert, verliert Gebet deshalb nicht seinen Sinn.

Auch die Gebetsverheißungen des Johannesevangeliums widersprechen dem nicht. „Im Namen Jesu bitten“ ist keine Zusage göttlicher Intervention, sondern die Bindung menschlichen Handelns an Jesu Sendung. Gebet ersetzt Verantwortung nicht, es ruft sie auf und bindet sie an Vertrauen. Es ist Ausdruck von Beziehung, nicht Garantie für Rettung. → 10: Die Gebetsverheißungen im Johannesevangelium

Gebet versetzt Berge – im sozialen Raum

Markus stellt die weitreichende Verheißung der Erfüllungsbitte nicht für sich allein. Das Bild vom Glauben, der einen Berg ins Meer werfen kann, ist eine Hyperbel für das scheinbar Unmögliche. Unmittelbar darauf folgt die Aufforderung: »Wenn ihr steht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemanden habt« (Mk 11,25). Der Berg ist keine Allegorie der Vergebung. Doch Markus stellt die denkbar weiteste Gebetsverheißung in einen Zusammenhang, in dem Gebet und zwischenmenschliche Beziehung nicht voneinander getrennt werden können. Der römisch-katholische Neutestamentler Joachim Gnilka versteht Mk 11,23 entsprechend als hyperbolisches Bildwort und betont zu V. 25, dass die Beziehung zu Gott die Beziehung zum Menschen einschließt. → 10: Die Gebetsverheißungen im Johannesevangelium

Matthäus führt diesen Zusammenhang weiter. Wer um »unser tägliches Brot« bittet, kann am Hunger des anderen nicht vorbeigehen. Wer um Vergebung bittet, wird selbst auf seine Vergebung gegenüber anderen verpflichtet (Mt 6,12.14–15). Wer vor Gott treten will, soll zuvor die gestörte Beziehung zum Mitmenschen bearbeiten (Mt 5,23–24). Gebet eröffnet deshalb keinen Weg an menschlicher Verantwortung vorbei. → 11: Die Macht des Betens

Seine Wirkung liegt insbesondere darin, Menschen in Bewegung zu setzen. Wo Vergebung Vergeltung unterbricht, wo Brot geteilt, Fremde aufgenommen, Kranke versorgt und Bedrohte geschützt werden, kann sich verändern, was zuvor gesellschaftlich unverrückbar schien. Vergebung ist das Versetzen von Bergen im sozialen Raum.

Die vertikale Dimension des Gebets wird dadurch nicht aufgehoben. Hier wirkt Gott nicht als äußerer Eingreifer, sondern unmittelbar im Menschen selbst. Gottes Kraft kann Vertrauen wecken, Mut geben, dem scheinbar Unmöglichen entgegenzutreten, und zu verantwortlichem Handeln befähigen. Wo die eigenen Möglichkeiten tatsächlich enden, kann sie helfen, das Unabänderliche auszuhalten und die Beziehung zu Gott selbst im Sterben nicht preiszugeben. Sie eröffnet Freiheit, keine neue Pflicht: Freiheit zu hoffen, zu klagen, zu zweifeln oder auch zu verstummen.

Der Mensch braucht Gott deshalb nicht als Ersatz für seine Verantwortung, sondern als Gegenüber, das ihr Richtung und Kraft gibt. Gott handelt nicht an seiner Stelle. Wo Menschen schützen, helfen, versorgen, trösten oder widersprechen, wird Gottes Macht im Miteinander geschichtlich wirksam.

Der Wunsch danach, dass Gott Leid verhindern möge, ist tief im Menschen verankert. Doch Leid ist gegenwärtig, weil Freiheit, Geschichte, gesellschaftliches Zusammenleben und Natur wirkliche Folgen haben. Gottes Schutz zeigt sich dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, Leid verhindern, soweit sie es können, und einander beistehen, wo ihre Möglichkeiten enden.

Gottes Schutz ist in den Geboten proaktiv angelegt; für seine Umsetzung braucht Gott die Willensstärke und die Hände der Menschen.

 

 

11. Zwei häufige Missverständnisse

Warum das Kreuz weder Automatismus noch Entlastung ist
 

Der Kreuzestod wird häufig missverstanden als »Universalopfer«, das automatisch alles verzeiht. Daraus folgt eine gefährliche Logik: werktags Übles tun, sonntags Vergebung empfangen. Doch das verkehrt die Botschaft ins Gegenteil.

Der Kreuzestod beendet das Opfersystem, er ersetzt es nicht durch automatische Vergebung. Vergebung wird damit nicht aufgehoben, sondern aus der Logik ritueller Absicherung herausgelöst und in die konkrete Beziehung zwischen Menschen gestellt.

Eine Möglichkeit zur Vergebung bietet die Bibel dennoch. Sie führt jedoch nicht über Gott allein, sondern über uns:

[Jesus spricht:]

»Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.«

(Matthäus 6,14–15 | Text: eigene Arbeitsübersetzung)

Auch hier gilt: Verantwortung statt Abwälzung.

 

 

12. Was das für uns heute bedeutet

Warum Glauben Handeln fordert
 

Wir kennen solche Situationen zur Genüge. Eine Emotion wird wach, und an den Türen unseres Herzens klopft die Bereitschaft zur Gewalt. Sie findet Ausdruck in unserer Gestik, in unserer Sprache, in unseren Taten.

Auch wenn das Ganze scheinbar harmlos ausgeht und nicht im Totschlag mündet, machen wir andere zu Opfern unserer Haltung. Für die Betroffenen sind solche Taten nie harmlos.

Die Lösung heißt nicht: Vermeide die Tat und lass Wut und Zorn in dir gären. Die Lösung heißt: Beherrsche deine Emotionen. Beherrsche die Verführung, die nach dir verlangt.

Gebete und Gottesnähe sind keine Schutzschilde für uns selbst. Sie bewahren uns nicht vor Leid. Sie stärken uns aber darin, anderen kein Leid zuzufügen. Sie helfen uns, als Nächster, als Mitmensch zu leben.

Sie schützen uns davor, Mitmenschen zu Opfern zu machen.

 

 

13. Das Ideal und die Wirklichkeit: Teilhabe am Reich Gottes

Warum Gottes Reich hier beginnt und nicht später
 

Teilhabe am Reich Gottes meint hier keine jenseitige Hoffnung, sondern eine gegenwärtige, konkrete Verantwortung im Denken, Reden und Handeln – dort, wo Menschen einander begegnen.

Die Bergpredigt formuliert diese Forderung in äußerster Schärfe: »Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist« (Mt 5,48).

Würden alle Menschen die Gebote befolgen, wäre niemand mehr Opfer der Gesinnung eines anderen. Das ist stimmig gedacht. Und es ist weltfremd. Aber es ist das Ideal, an dem wir uns orientieren können – und müssen.

Das Reich Gottes wartet nicht auf das Jenseits. Es entsteht, oder entsteht nicht, durch das, was wir heute tun. Nicht durch gesellschaftliche Programme oder kollektive Heilsversprechen, sondern durch die Begegnung mit dem konkreten Menschen vor uns. Jetzt. Hier.

Nächstenliebe meint immer das Individuum, nicht die Lösung gesellschaftlicher Probleme. Sie meint diese Frau, diesen Mann, dieses Kind. Den Menschen, dem ich heute begegne.

„Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“

Das ist kein Satz aus der Urgeschichte. Das ist ein Satz für heute. Gottes Mit-Leiden gilt dem konkreten Menschen, und seine Erwartung gilt dir: dass du hörst, was er nicht mehr überhören kann. Und dass du handelst.

 

 

Exkurs:
Die Todesstrafe in der Bibel

 

Ein bemerkenswerter Nebenaspekt der Kain-und-Abel-Erzählung betrifft den Umgang mit Schuld und Strafe. Kain wird nicht mit dem Tod bestraft, obwohl er einen Mord begangen hat. Gott verhängt Verbannung und ein unstetes Leben, aber keine Todesstrafe.

Mehr noch: Gott stellt Kain unter seinen besonderen Schutz. Er macht ein »Zeichen« an ihm, damit niemand ihn tötet, und droht an: Wer Kain tötet, soll siebenfach gerächt werden (1. Mose 4,15).

Das ist, aus der biblischen Menschheitsgeschichte heraus betrachtet, das älteste Zeugnis gegen die Todesstrafe. Die angedrohte Strafe für jene, die den Mörder töten und ihn damit selbst zum Opfer machen würden, fällt härter aus als die Strafe für den Täter selbst.

Auch hier wird deutlich: Es geht nicht um Vergeltung, sondern darum, niemanden zum Opfer zu machen, auch nicht den Täter.

 

»Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde!«

— Erstes Buch Mose, Kapitel 4,10 —

 

 

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Die Texte laden zum Nachdenken ein, unabhängig davon, wie vertraut Sie mit theologischen Themen und religiösem Glauben sind.

 

 

Bildnachweis:

Grafik: Gottes Schutz und das Leiden der Menschen
Autor: Reiner Makohl
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Grafik :adaptiert für stilkunst.de

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